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Doris Wille hat sich durch herausragende Übertragungen griechischer Literatur ins Deutsche einen Namen gemacht. Anfang Oktober 2025 wurde sie zur Gewinnerin des Preises des Johann-Heinrich-Voß-Literaturhauses der Stadt Penzlin 2025/26 gekürt.
Hier die Pressemitteilung zum „Preis des Johann-Heinrich-Voß-Literaturhauses der Stadt Penzlin“ 2025/26, der Doris Wille zugesprochen wurde:


Die Übersetzerin
Doris Wille wurde in Warburg geboren und lebt auf der griechischen Insel Kefalonia. Sie studierte zunächst Germanistik und Kunstgeschichte in Münster, Wien und Berlin (Freie Universität) und absolvierte ein Aufbaustudium in Journalistik und Öffentlichem Recht an der Uni Mainz.
Wie ist sie zur griechischen Sprache gekommen? Dazu erzählt sie diablog.eu:
»Nach Griechenland ging ich 1985, um an einer privaten Sprachenschule Deutsch zu unterrichten. Griechenland war ein Zufallstreffer, das erste Land, in dem sich mir eine solche Stelle im Ausland bot. Als ich von Berlin nach Ioannina zog, war es ein Kulturschock für mich. Kein Schock war hingegen die Sprache, es sei denn, man denkt an den Ausdruck „schockverliebt“. Als ich ankam, konnte ich gerade mal „Kalimera“ sagen, doch dann nutzte ich jede Gelegenheit, die Sprache zu lernen. Ich las, was ich in die Finger bekam, sprach mit jedem, der mir über den Weg lief, setzte mich gleich im ersten Monat unverdrossen an der dortigen Uni in eine Vorlesung über den Dichter Kavafis, in der Hoffnung, irgendetwas aufzuschnappen. Das war nicht die schlechteste Methode.
In Ioannina war es auch, als ich vor mittlerweile 40 Jahren in einem Fahrstuhl stand und auf einem Hinweisschild „4 ATOMA“ entzifferte. Aha, hier durften vier Personen mitfahren. Das Atom, das ich im Chemieunterricht als die kleinste unteilbare Einheit kennengelernt hatte, war hierzulande also auch die „Person“. Ich war fasziniert. Ebenso faszinierte mich, dass „metaforika“ nicht nur „metaphorisch“ meint, also im übertragenen Sinne, sondern wortwörtlich alles bezeichnet, was etwas transportiert, also auch eine Spedition, was nun einmal ein Transportunternehmen ist. Seitdem bin ich dieser Sprache verfallen. Sie war anfangs mein wichtigster Grund, in diesem Land zu bleiben.
Schnell entdeckte ich, dass Übersetzen eine wunderbare Möglichkeit bietet, tief in einen literarischen Text einzudringen. Nichts zu überspringen, sich ihm zu stellen. Schwingungen zu erfassen. Sich am Ausdruck zu erfreuen. Welten aufzutun. Zu begreifen. Ich begann zu übersetzen, zunächst einmal für mich, um wirklich gut zu verstehen. Das ist wiederum wohl die wichtigste Voraussetzung dafür, keine Wörter zu übersetzen, sondern etwas in einer anderen Sprache neu zu sagen. Und das ist oftmals Quasi dasselbe mit anderen Worten, um den deutschen Titel von Umberto Ecos Buch über das Übersetzen zu zitieren.
Dem gehe ich nun schon seit vielen Jahren nach: Manchmal sind es Romane, Kinderbücher oder Gedichte, manchmal sind es Ausstellungstexte oder Interviews, manchmal Drehbücher oder Libretti, von Geburtsurkunden und Scheidungsurteilen ganz zu schweigen.
Im Grunde habe ich Griechisch im Selbststudium gelernt, abgesehen von wenigen Stunden in einem Sprachkurs. Sicher kam mir dabei zugute, dass ich mich mein Leben lang mit Sprache beschäftigt habe, sei es im Germanistikstudium, sei es als Sprachlehrerin, sei es als Journalistin. Um meine Griechischkenntnisse auf eine solide Basis zu stellen, habe ich mich als Übersetzerin staatlich prüfen und auch vereidigen lassen.
Das Übersetzen von Literatur habe ich als Quereinsteigerin begonnen. Irgendwann war ich auf der Frankfurter Buchmesse und bekam von einem Verlag den ersten Auftrag für einen kurzen Text in einer Anthologie. Nach dem Motto: „Mal schauen, ob es klappt“. Am Ende hatte ich fast die gesamte Anthologie übersetzt. So kam eins zum anderen, über die Jahre immer mehr.
Wenn die Sprache Heimat bedeutet, wie Nikos Kazantzakis meinte, dann ist, wenn man in einem fremden Land lebt, das Übersetzen zwischen der neuen Sprache und der Muttersprache eine wunderbare Möglichkeit, nicht heimatlos zu werden.«
Doris Wille ist seit 1998 selbständige Übersetzerin. Mehrere Jahre war sie beim Internationalen Literaturfestival Berlin (Programmsparte Kinder- und Jugendliteratur) als Beraterin für Griechenland tätig. Sie arbeitete als Expertin für Literarische Übersetzungsprojekte für die EU Kommission, Brüssel. Am Athener EKEMEL (Europäisches Übersetzerzentrum – Literatur und Humanwissenschaften) hatte sie einen Lehrauftrag.
Sie steht für ein engagiertes Verständnis von Literatur und für gesellschaftliche Verantwortung. Ihr breites Spektrum lädt die Leserschaft dazu ein, sich mit komplexen historischen und persönlichen Geschichten auseinanderzusetzen und fördert damit Empathie und Dialog, denn ihre Übersetzungen zeichnen sich durch literarische Sensibilität aus. Besonders ihre Feinsinnigkeit im Umgang mit Sprach- und Kulturräumen, das Bewahren von Stimmungen und Kontexten und die Vermittlung schwieriger Themen, etwa zu Krieg und Erinnerungskultur, zeichnen ihr Werk aus. Ihre Übersetzungen gelten als Brückenschlag zwischen Kulturen und sind ein wichtiges Bindeglied im deutsch-griechischen Kulturaustausch.

Die Division Acqui
Doris Wille widmet sich als Übersetzerin und Journalistin außerdem der deutschen Okkupation Griechenlands im Zweiten Weltkrieg und vor allem der Oral-History. Ihren Fokus richtet sie dabei auf Kefalonia, wo sie lebt. Dort wurden im September 1943 mehrere Tausend Soldaten der italienischen Division Acqui von der deutschen Wehrmacht in Massenexekutionen ermordet. Dieses Blutbad gilt als eines der größten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs. Seit über zwanzig Jahren engagiert sie sich in vielfältiger Form für dessen Aufarbeitung, vom italienischen Verein Associazone Nazionale Divisione Acqui[1] wurde sie 2018 für ihre Verdienste mit einer Medaille ausgezeichnet.
[1] Der Verein wurde 1945 von Überlebenden und Familienangehörigen der Gefallenen der Division Acqui gegründet mit dem Ziel, die Opfer dieser tragischen Ereignisse zu ehren und ihrer zu gedenken.
Das Ende einer Ära?
Persönlich kennenglernt habe ich Doris im Juni 2024 in Chania/Kreta bei der 3. ViceVersa Deutsch-Griechischen Übersetzerwerkstatt und erlebte sie als äußerst freundliche und angenehme Kollegin, mitdenkend und hilfsbereit. Großzügig teilte sie ihre enorme Erfahrung mit den anderen Teilnehmer:innen.
Der Johann-Heinrich-Voß-Preis wird am 29. März 2026 verliehen. Er bedeutet für sie Anerkennung und Respekt, etwas, woran es ihrer Meinung nach in der Branche mangelt. Vielleicht bildet der Preis den krönenden Abschluss ihrer Laufbahn als literarische Übersetzerin.
Links
Doris Wille auf diablog.eu hier // Anthi Wiedenmayer, Interview mit Doris Wille, Reihe Übersetzerporträts, Freie Universität Berlin/CeMoG, Berlin, 2016, hier (mit Auswahl ihrer Übersetzungen und Links zu Rezensionen); Transkript des Interviews hier // Doris Wille beim Verlag Romiosini hier

Übersetzte Prosa, eine Auswahl
Ersi Sotiropoulos, Was bleibt von der Nacht (2025 und 2021) und Bittere Orangen (2001) – beide Romane sind bedeutende Werke der modernen griechischen Literatur // Christos Asteriou, Die Therapie der Erinnerungen; behandelt werden Fragen von Erinnerung und Identität (2023, übersetzt zusammen mit Sigrid Willer. Sie können den Roman hier online lesen, dazu müssen Sie sich bei Edition Romiosini registrieren, kostenlos und äußerst benutzerfreundlich. Die Edition Romiosini gibt griechische bzw. griechenlandbezogene Literatur in deutscher Sprache heraus und bietet alle Werke zur kostenlosen Online-Lektüre an). Der Roman Isla Boa des Autors wartet noch auf seinen Verlag; zu Isla Boa auf diablog.eu hier // Maria Topali, Die Wurzeln lang ziehen (2023; übersetzt zusammen mit Birgit Hildebrand) – eine Mischung aus Lyrik und Essay, thematisch verknüpft mit Migration und Erinnerungsarbeit; auf diablog.eu hier // Katerina Schiná, Die Nadeln des Aufstands. Eine Kulturgeschichte des Strickens (2021) – dieses Sachbuch vereint sehr unterhaltsam historische Recherche und literarische Reflexion; auf diablog.eu hier // Giorgos Koukoulas, Atlantis wird nie untergehen – die Geschichte von Santorin (2015; übersetzt zusammen mit Sigrid Willer) // Kostas Kondodimos, Sorbas-Remake (2001) // Nikos Thanos (Hrsg.), Wohin ich auch reise… Literarische Beschreibung Griechenlands (1998)
Besondere Projekte
Einen hohen Stellenwert hat für Doris Wille die Ausstellung Gespaltene Erinnerungen 1940-1950, Zwischen Geschichte und Erfahrung, die sich weiterhin digital besuchen lässt, hier
Ebenso das Projekt Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland, bei dem sie die Untertitel für umfangreiche Zeitzeugenberichte übersetzte und auch selbst Interviews führte, hier
Auswahl anderer Texte
Ermis Peristeris, Vielleicht ist es Elektra (2022; Bühnenstück) // Affinities. Greek and German Art Songs (2019; Musik-CD) – vertonte Gedichte von Kostis Palamas und Angelos Sikelianos // Jannis Lamprou und Konstantinos Blathras, Rhythmen der Ägäis. Die Lyra (2016) – Filmuntertitelung zusammen mit Sigrid Willer // Brigitte Weninger/Eve Tharlet, Gute Besserung Pauli / Καλή ανάρρωση Παυλή (2015) – zweisprachige Ausgabe übersetzt ins EL zusammen mit Nikolas Haliotis // Frantzeska Alexopoulou-Petraki, Rot ist grün … für Freunde (2013) // Titos Patrikios, Dir begegnet die Poesie (2013) // Luciano Comida/Vagelis Iliopoulos, Dreizehneinhalb (2009) // Eugene Trivizas, Despina und die Taube (2004) und Eine Schwalbe für Europa (2003) // Eleni Torossi, Kleine Worte – Große Worte (2001) // Dimosthenis Kurtovik, Griechische Schriftsteller der Gegenwart. Ein kritischer Leitfaden (2000)
Fotos: Johann-Heinrich-Voß-Literaturhaus der Stadt Penzlin, Edition Converso und Teilnehmer:innen der 3. ViceVersa Deutsch-Griechischen Übersetzerwerkstatt. Redaktion: A. Tsingas.
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Sehr lesenswerte und umfangreiche Information zu Doris Wille, die mehr als zurecht für ihre Vermittlung der griechischen Kultur durch ihre Übersetzungsarbeiten ausgezeichnet wird.