Das 2. Rembetiko-Festival auf der Athener Heiligen Straße (2025)

10.10.-12.10.2025, vorgestellt von Simon Steiner

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

Mitte Oktober war es endlich wieder soweit, das 2. Rembetiko-Festival fand in Athen-Egaleo statt. Drei Tage voll mit Musik, Tänzen, Seminaren, Kursen, Schattentheater, Ausstellungen und Buchpräsentationen, die die urbane Volksmusik Griechenlands für annähernd 3000 gut gelaunte Gäste feierten.

Was geschah
Sensationell war die lange Samstagsveranstaltung, denn diese Nacht wurde zur Trance: Das Publikum war schon randvoll mit melancholischen Klängen aus Kleinasien und schläfrig. Da tauchte um Mitternacht der ältere Herr Thimios Stouraitis mit seiner jungen Frau Maria Kapetanidou auf und verblüffte alle durch seine Bouzouki, die er eigenwillig im Stil amerikanischer Bluesmusiker spielte. Alles andere als übliche Akkorde, rasende Triolenpassagen und abrupte Brüche; dazu wurde zweistimmig gesungen – er rau, sie hell, hier. Das machte den Unterschied zu den vielen Traditionalisten aus. Am Schluss stimmten sie Markos Vamvakaris‘ Karantouzeni aus dem Jahr 1933 an, in dem Markos die rembetische Lebenswelt schildert.

Und dann trat auch noch Giorgos Tzortzis auf, der das Publikum bis 2 Uhr morgen mitriss. Gut, dass er seine Begleitmusiker kaum kannte, denn dadurch kamen Improvisationen, Lücken und Dehnungen zustande, die ins Freie und Schwebende führten. Tzortzis konnte sie immer wieder antreiben und zusammenbringen. Seine Baglamas spielte er zart und sang mal hoch, mal tief, immer aber in seinem unverwechselbaren Stil – war ganz bei sich, eine starke Persönlichkeit mit überragender Haltung, Charme und einem breiten Grinsen. Der Saal tobte, vom Publikum kamen Zurufe und Aufmunterungen, es fühlte sich ganz und gar mitgenommen. Höhepunkt war dann, als das halbe Organisationsteam die Bühne stürmte und zu Tzortzis´ Klängen tanzte.

Noch einmal zurück zu den orientalisch klingenden Amanedes, dem gesanglichen Ausdruck unerfüllter Sehnsucht oder unüberwindbarer Leidenschaft, die ihren Ursprung in Smyrna haben. Auf der Bühne spielte die musikalische Formation in klassischer Café-Aman-Besetzung: Santouri (Hackbrett), Kanoun (Kastenzither), Oud (Kurzhalslaute) und statt der Klarinette ein gebogenes Sopraninosaxophon. Gleitende Mikrotöne, unisono mit Gesang und Geige – man fühlte sich auf einer Zeitreise in Kleinasien.

Innenbühne

Aller politischen Bemühungen, dem gesellschaftlichen Wandel, der Modernisierung Griechenlands und der let´s-go-West-Orientierung seit gut 100 Jahren zum Trotz, liegen die musikalischen Wurzeln des Rembetiko im Orient. Das gilt für die Amanades genauso wie für den Athener Piräus-Stil. Die arabisch-persischen Tonleitern und ihre Melancholie machen die Faszination dieser urbanen Volkslieder aus.

Außenbühne

An den drei Festivaltagen gab es dazu einen Tsitsanis-Abend, ein Stelios-Kazantzidis-Konzert und Rembetiko-graphic-novels, um nur einige Veranstaltungen hervorzuheben.
Große Überraschungen waren ein Konzert, das sich ausschließlich mit der „Zigeuner“-Thematik im Rembetiko befasste, und die Band Antifa, die sich politischen Themen wie Krieg, Krisen, NS, Hunger und autoritären Regimen widmet. Ihr Auftritt wurde begleitet von schockierenden Bildern per Beamer.

Ich selbst war eingeladen, um mein Lieblingsthema „Wie der Rembetiko nach Deutschland kam“ vorzutragen. In 12 Thesen gelang es mir – in griechischer Sprache (!) – die Verbindungen und Verflechtungen zwischen dem Rembetiko und Deutschland zu definieren. Befragt wurde ich anschließend zu den Auswanderungswellen von

von links: Simon Steiner, Gérard Jacques Istres, Kris Kaerts und Poli Roumeliotis

Griechen nach Deutschland, die den Rembetiko in ihrem Gepäck hatten. Auf der Grundlage von vier Musikbands habe ich die heutige Stuttgarter Rembetiko-Szene veranschaulicht und selbstverständlich nicht versäumt, auch mein „World“-Rembetikoprojekt www.lefta.eu vorzustellen. Lefta hat sich weiterentwickelt: Internationale Gäste und noch mehr musikalisch-visuelle Experimente kamen hinzu; es ist, mit einem Wort gesagt, Post Re – betiko!
Im Rahmen des Panels „Rembetiko in Europa“ repräsentierte das Künstlerpaar Kris Kaerts und Poli Roumeliotis die belgische Rembetiko-Szene und zeigte ihren Dokumentarfilm „In Skipperstreet“, hier
Die französische Szene stellte Gerard Durand vor, dessen Hauptthese „Rembetiko ist Schicksal“ sehr überzeugte.
Interessant waren die Rückmeldungen: Viele Leute zeigten sich erstaunt über unser Thema „Rembetiko in Europa“, was wir alles in Deutschland, Frankreich und Belgien bewegen und wie intensiv wir mit Griechenland verbunden sind.

Die Organisation
Die Tageskarte lag in diesem Jahr bei 12 Euro an der Abendkasse. Parkplätze sind vor Ort auf der Iera Odos 154 in Athen-Egaleo vorhanden. Die Menschen sind rücksichtsvoll, die Sanitäranlagen werden nonstop gereinigt. Fürs leibliche Wohl ist immer gesorgt: Im Hof des Festivals werden Souflaki, belegte Brote und Getränke verkauft. Am Büchertisch gibt es eine breite Palette von käuflichen Artikeln wie Tonträger, Bilder, T-Shirts u.v.a.m. Dem Festivalgelände gegenüber befindet sich ein Kiosk mit breitem Angebot und im idyllischen Stadtteil Kato Egaleo in 4 km Entfernung gibt es sehr gute Tavernen, Einkaufsmöglichkeiten und einen Park zum Runterkommen und Ausruhen.
Ein perfektes Festival, das Mitte Oktober 2026 wieder stattfinden soll.


Anmerkungen
1_Karantouzeni, Komposition von Markos Vamvakaris, 1933:

Du hättest in unseren Teke kommen sollen, Mangas,
um der Baglamas und unsrem Doppelschlag der Saiten zu lauschen.
Du hättest dich hinsetzen, amüsieren und eine Weile zuhören sollen,
hättest nicht widerstehen können aufzustehen, dich im Zeibekiko zu drehen.
Würdest die Arabién- und Karantouzeni-gestimmten Instrumente hören
und schon bald sagen können, die Wasserpfeife wird’s schon richten.
Deine Sorgen würden verschwinden, all der Drang und das Verlangen,
allein schon vom Zuhören der Bouzouki-Klänge.

Die alternativen Stimmungen (= Einstellung der Saiten) Arabién- und Karantouzeni sind Ausdruck der engen Verbindung des Rembetiko mit der osmanisch-arabischen Musiktradition.
2_Simon Steiner, 12 Thesen zur Frage, woher das Interesse am Rembetiko in Deutschland rührt. Die Kurzfassung hier // Der Artikel Wie der Rembetiko nach Stuttgart kam in diablog.eu hier // Dank an meine Frau Rebekka, Thanassis Tsingas und Tasos Kaklamanis für die Betreuung des Vortrages.
3_Schreibweise: Rembetiko (eher im deutschsprachigen Raum) – Rebetiko (eher im englischsprachigen Raum)
4_Das Festivalprogramm auf EL hier
5_Ein Teil des Erlöses des Festivals wurde an die S.O.S.-Kinderdörfer und den Solidaritätsfonds der Panhellenischen Musikvereinigung gespendet.

Text: Simon Steiner. Redaktion. A. Tsingas. Fotos: 2. Rembetiko-Festival Athen.

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

5 Kommentare zu „Das 2. Rembetiko-Festival auf der Athener Heiligen Straße (2025)“

  1. …der Autor hat eine bemerktentswerte Ausdrucksform in seinen journalistischen Texten und in seiner Spielart des Rembetiko und Punk. Er ist sehend und hörend inspiriert von Historie und Gegenwart… offen immer auch für das Neue/Unbekannte. – Somit ihm Dank für das, was ich erlesen konnte in seiner Begeisterung für das Erlebte!

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  2. Lieber Simon,
    der Artikel hat mir sehr gut gefallen. Man bekommt einen tieferen Einblick in diese Welt. Du bist ein würdiger Repräsentant eines offeneren Deutschlands!
    Χαιρετισμούς, Ντανιέλα

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  3. Cet article représente l’idée du festival tel qu’il est élaboré mais aussi la façon dont il est mené par les organisateurs. C’est une réussite totale, à tous les niveaux. Précisons aussi que tous les musiciens et chanteurs sont venus gratuitement. Merci Simon!
    (sinngemäß auf DE: Dieser Artikel vermittelt einen Eindruck von der Idee des Festivals, wie es konzipiert wurde, aber auch davon, wie es von den Organisatoren durchgeführt wird. Es ist in jeder Hinsicht ein voller Erfolg. Es sei auch darauf hingewiesen, dass alle Musiker und Sänger kostenlos aufgetreten sind. Danke, Simon!)

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  4. Dear Simon and friends
    Merry Christmas!
    Many thanks for the nice articles! We are very glad you enjoyed the festival as much as we did!
    On behalf of the festival team, I wish you health, love, creativity and success for the new year and we are looking forward to meet again in Athens for the 3rd Rebetiko festival.
    All the best, Tassos

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  5. Lieber Simon,
    vielen Dank für die spannenden Links und die damit verbundene tolle Musik. Das Festival habe ich gerade verpasst, da ich erst ab dem 29. Oktober in Athen war. Manche der Musiker kannte ich von live-Auftritten in Athen.
    Ich freue mich, dass wir dich in der DGG Böblingen sehen und hören werden.
    Herzlich, Klaus Schwarz

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