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Im Berliner Parrhesia-Verlag ist der Roman „Chinesische Tusche“ von Tilemachos Kotsias in der Übersetzung von Michaela Prinzinger erschienen. diablog.eu hat mit dem Autor über seine Jugend an der griechisch-albanischen Grenze und die Jahre nach dem Fall des Enver Hoxha-Regimes gesprochen.
Albanien, 1974.
Drei Schüler der griechischen Minderheit träumen von Freiheit. Mit handgeschriebenen Flugblättern wagen sie den kleinsten Schritt des Widerstands und werden unbarmherzig verfolgt. Die Geheimpolizei Sigurimi bringt sie ins Straflager Spaç, wo Hunger und Gewalt den Alltag bestimmen.
Tilemachos Kotsias erzählt die Geschichte dieser Jugendlichen mit einer Wucht, die weit über das historische Albanien hinausweist. Sein Roman zeigt, wie dünn die Grenze zwischen Mut und Verrat, Hoffnung und Verzweiflung sein kann – und wie selbst in den dunkelsten Momenten Menschlichkeit aufscheint.
„Chinesische Tusche“ ist ein Zeugnis politischer Unterdrückung und eine literarische Erkundung von Erinnerung, Widerstand und dem unzerstörbaren Willen zur Freiheit.
Das Interview
Sie stammen selbst aus der griechischsprachigen Minderheit im albanisch-griechischen Grenzgebiet. Wie war es für Sie, dort aufzuwachsen?
Ich bin am Rand eines Dorfes, nur einen Kilometer von der griechisch-albanischen Grenze entfernt aufgewachsen, zusammen mit Mutter, Schwester und den Großeltern, da mein Vater als Regimegegner eine siebenjährige Gefängnisstrafe verbüßte. Seine Gefangenschaft war für mich ein schweres seelisches Trauma, da ich von klein auf als „Kind eines Volksfeindes“ diffamiert wurde. Die ersten vier Schuljahre war der Unterricht auf Griechisch, Albanisch lernten wir als Fremdsprache. Ab der fünften Klasse war Albanisch die Unterrichtssprache, auch wenn die Schüler sie anfangs noch nicht ausreichend beherrschten. Als ich die siebenklassige Schule beendete, nahm kein Internat mich auf, damit ich die Mittelschule besuchen konnte. Aber meine Eltern beharrten darauf und trotz ihres geringen Einkommens mieteten sie mir ein Zimmer in Argyrokastro/Gjirokastra, damit ich dort weiter zur Schule gehen konnte.
Von da an wohnte ich in der Stadt und kehrte nur am Wochenende ins Dorf zurück. In Argyrokastro kam ich mit dem bürgerlich-urbanen Leben in Kontakt, mit Film, Bibliotheken, Theater. Das dortige Gymnasium zählte zu den besten in ganz Albanien. Es lag in der Altstadt, gleich neben dem Geburtshaus von Enver Hoxha, den wir damals „Führer“ nannten, heute jedoch gilt er als Diktator. Eine Zeitlang saß ich sogar in genau derselben Schulbank, die auch der „Führer“ gedrückt hatte.
Auf einem abschüssigen Weg, den man „Gasse der Verrückten“ nannte, weil die Fußgänger dort in rasender Geschwindigkeit nach unten liefen, lag das Geburtshaus des Schriftstellers Ismail Kadare. In Argyrokastro erlernte ich die albanische Sprache und lernte sie lieben, sie wurde meine Bildungssprache. Ich war ein ausgezeichneter Schüler und fühlte mich zu Fächern wie Mathematik, Physik und Chemie hingezogen. Ich vertrat den Distrikt Gjirokastra bei der Wissenschaftsolympiade, die vom Rundfunk in Tirana übertragen wurde, und unsere Mannschaft erreichte das Finale.
Und wie entstand Ihre Liebe zur Literatur?
Ich nahm am Lesezirkel der Schule teil, damit verbunden wurde im Literaturteil der Tiraner Zeitung „Stimme der Jugend“ mein erstes Gedicht und meine erste Erzählung veröffentlicht. Trotzdem wurde mir das Weiterstudium versagt, und natürlich konnte auch keine Rede von literarischer Tätigkeit sein, da mein Vater, der zunächst Kommunist gewesen war, sich aber später von der Schaffung landwirtschaftlicher Genossenschaften distanziert hatte, ins Gefängnis musste. Daher absolvierte ich den Militärdienst, eigentlich Zwangsarbeit, in einem Bataillon für unerwünschte Personen, und bei meiner Entlassung war auch ich ein eingeschworener Volksfeind. Die einzige Wahl, die mir blieb, war die Rückkehr ins Dorf und ein Dasein als Landwirt. Mein Haus lag nur einen Kilometer von der Grenze. Unzählige Male habe ich mit dem Gedanken an Flucht gespielt, aber ich hatte Angst, beim Grenzübertritt den Tod zu finden, und auch, dass sich das Regime an meinen Eltern rächen würde: Man würde sie aus ihrem Geburtsort, mit dem sie eng verbunden waren, verbannen. So fügten die elektrischen Drähte des Grenzzauns meinem Herzen, das sich die ganze Zeit gefangen fühlte, auch noch ständig Stromstöße zu.
Wie haben Sie für den Roman „Chinesische Tusche“ recherchiert? Haben Sie Zeitzeugen interviewt oder Archive besucht und historische Studien zu Rate gezogen?
Es gab in meiner Familie, unter meinen Verwandten und Freunden viele Menschen, die zu langjähriger Schwerstarbeit verurteilt waren. Darüber hinaus ähnelten die Lebensbedingungen während meines Militärdienstes denen in den Straflagern. Ich las die Erinnerungen ehemaliger Gefangener und unterhielt mich mit Bekannten. Die von mir im Roman „Chinesische Tusche“ verwendete Geschichte von Gymnasiasten, die heimlich Flugblätter verteilten, ist wiederholt tatsächlich vorgekommen.
Viele Menschen wurden unter Druck gesetzt, mit der albanischen Geheimpolizei Sigurimi zusammenzuarbeiten. Sehen Sie hier eine Parallele zur Staatssicherheit in der DDR?
Wie die Stasi funktionierte, weiß ich nur aus dem großartigen deutschen Film „Das Leben der anderen“. Die Geheimpolizei der DDR hatte ihre Methoden technisch perfektioniert, in Albanien ging man viel amateurhafter vor. Dort harrten die Spitzel stundenlang im Verborgenen in der Kälte aus, um ihre Opfer zu beschatten. Aber das Resultat war dasselbe: Alle wussten, dass sie unter ständiger Beobachtung standen und man tat gut daran, sich vorzusehen. Die Sigurimi erinnert mich mehr an die Verfolgung und Beseitigung von Kritikern zur Stalinzeit, die noch brutaler war. In meinen Augen war die ganze albanische Gesellschaft zweigeteilt in Verfolger und Verfolgte. Und wenn man nicht der ersten Gruppe der Verräter und Mitarbeiter angehörte, dann hatte man zwar keine Perspektive, aber zumindest ein reines Gewissen.
Sie beschreiben tragische Schicksale in den albanischen Straflagern der 70er-Jahre, in denen zahllose widerspenstige Kritiker verschwanden, manchmal für immer. Ich erinnere mich aber auch an eine wunderbare erotische Szene mit dem Lagerschneider, der anhand einer Damenhose, die er für einen höhergestellten Offizier umarbeiten soll, das Leben und die Liebe feiert. Sie thematisieren auch die Homosexualität im Lager, ein lang verdrängtes Thema. Wie interpretieren Sie das Wechselspiel von Leben und Tod im Dasein der Gefangenen?
Die Menschen dort lebten und schliefen jahrelang Arm in Arm mit dem Tod und hatten sich an ihn gewöhnt. Andererseits waren die menschlichen Gefühle, so hart ihr Leben auch war, unter welchen Bedingungen auch immer, wie Blumen, die selbst im Schnee erblühen. Homosexualität ist ein Gefühl, das meiner Meinung nach unbewusst entsteht, unmerklich wächst, parallel zur allgemeinen zwischenmenschlichen Zuneigung, die keine andere Ausdrucksform finden kann. Sie äußert sich als eine Art von Solidarität der Schwachen, als Schutz gegen Unterdrückung, aber gleichzeitig bildet sie auch das Machtgefälle zwischen den Gefangenen ab. Denn in den Gefängnissen herrschten die geeigneten Bedingungen, damit solche Gefühle entstehen konnten.
Wie haben Sie persönlich den politischen Umbruch 1990 erlebt?
Bei Öffnung der Grenzen war ich vierzig Jahre alt, verheiratet und hatte vier Kinder, die ich ernähren musste, aber ich hatte keinen Ausbildungsberuf. Ich verstand nur etwas von der Landarbeit, mit der ich zwar mich notgedrungen beschäftigte, die ich aber schätzen gelernt hatte. Zunächst ging ich allein nach Griechenland, ganz wie ein Gefangener, wenn sich die Gefängnistore öffnen. Ich arbeitete ein paar Monate und kehrte dann zurück, um meine Familie zu holen. Ich spürte, dass ich einen Schluss-Strich zog und es kein Zurück mehr für mich gab. Ich wollte nichts mehr von der albanischen Sprache wissen noch vom albanischen Volk – das sage ich jetzt zurückblickend. Das war meine allererste Reaktion. All die Jahre über hatte ich ein paar Erzählungen geschrieben und immer wieder überarbeitet, ohne jede Hoffnung auf Publikation. Die nahm ich mit und zeigte sie einem Verleger. Die Vorsehung führte mich zum Verlag Kedros, dem besten der damaligen Zeit, wo ich meinen ersten Erzählband veröffentlichte. Sprachlich war ich mit dem Griechisch meiner Region und ihren wunderbaren Volksliedern ausgerüstet. Später folgten weitere Bücher, Novellen und Romane. Das Schreiben brachte mir finanziell nichts ein, doch half es mir, einen Posten als Übersetzer im Außenministerium zu finden, wo ich fast fünfundzwanzig Jahre arbeitete.
Nach 1990 sind viele Albaner als Wirtschaftsflüchtlinge nach Griechenland gegangen. Sie beschreiben in Ihrem Buch die ideologischen Konflikte unter den Auswanderern. Wie sieht es heute, 35 Jahre später, aus?
Es handelte sich um keine ideologischen, sondern um nationalistische Auseinandersetzungen. Keiner von uns unterstützte noch linke Inhalte, die uns in ihrer schlimmsten Form eingetrichtert worden waren. Die Griechen in Albanien wollten Anerkennung für das erlittene Leid, die ihnen jedoch nicht in der erhofften Form geschenkt wurde. Nationalistische Kreise begannen, die verbitterten Menschen wirtschaftlich auszubeuten. Sie wollten – zusammen mit konservativen Kreisen, die sich damals paradoxerweise in fast allen Parteien breit machten – die Griechen aus Albanien nicht als gleichwertige Bürger anerkennen. Das begründeten sie so: Würde ihnen der Staat die griechische Staatsbürgschaft verleihen, dann würden sie ihre heimatlichen Wurzeln hinter sich lassen und die Grenzregion wäre entvölkert. In Wirklichkeit wollten sie nur rechtlose, quasi geduldete illegale Arbeitskräfte. Die rein albanischen Wirtschaftsflüchtlinge akzeptierten diese Situation eher als Normalität. Manche von ihnen, die sich die schwierige Differenzierung zwischen einem christlichen Albaner und einem Griechen aus der Minderheit in Albanien zunutze machten, gaben sich für solche Griechen aus, weil sie sich davon eine bessere Behandlung durch den Staat erhofften. Andererseits hatten die Albaner in der griechischen öffentlichen Meinung keinen guten Ruf. Die Griechen aus der Minderheit wurden mit ihnen in einen Topf geworfen und wollten sich von den Albanern distanzieren. Man drängte sie in eine Rolle, die eigentlich der griechische Staat übernehmen sollte – nämlich, die beiden Gruppen klar auseinanderzuhalten.

Eine Zeitlang gab es starke Vorurteile der eingesessenen Bevölkerung gegen die zugewanderten albanischen Familien. Haben sich die Ressentiments gelegt oder sind die Stereotypen übermächtig?
Heute, nach fünfunddreißigjährigem Aufenthalt in Griechenland, sind nicht nur die griechischen Migranten, sondern auch die Nachkommen der damals eingewanderten Albaner vollständig in die griechische Gesellschaft integriert. Aber die aufeinanderfolgenden griechischen Regierungen haben ihnen keine Personalausweise ausgestellt, weil sie fürchteten, dass diese arbeitsamen und zielstrebigen Leute in wirtschaftlich besser gestellte europäische Länder auswandern und Griechenland ihre Arbeitskraft entziehen würden.
Es gibt Autoren wie Beckett und Nabokov, die in zwei Sprachen zu Hause waren. Würden Sie Ihre eigenen Werke aus dem Griechischen ins Albanische übersetzen wollen?
Ich habe einige meiner Bücher selbst übersetzt und in Albanien publiziert, aber dort ist man den einen Tag in den Schlagzeilen und am nächsten Tag weg vom Fenster, als hätte man nie existiert. Ich habe auch ein Theaterstück auf Albanisch publiziert, „My dear spies“, das den europäischen Theaterpreis Eurodram gewonnen hat. Wenn ich mich an das albanische Lesepublikum wenden wollte, würde ich direkt auf Albanisch schreiben. Schriftsteller schreiben in der Sprache, die sie nicht nur selbst am besten können, sondern die auch das Publikum, an das sie sich richten, am besten versteht. Sie ist das wichtigste Kommunikationsmittel zwischen Autor und Leser, aber das haben andere vor mir schon festgestellt. Was das deutschsprachige Publikum betrifft, so möchte ich mich bei dieser Gelegenheit bei meiner Übersetzerin bedanken sowie bei meiner deutschen Verlegerin Katherina Wicht, ohne deren Unterstützung „Chinesische Tusche“ nicht herausgekommen wäre.
Das Buch
in der Übersetzung von Michaela Prinzinger
Parrhesia Verlag 2025, 576 Seiten, 19,90 €
ISBN-13 : 978-3987310041
::: Chinesische Tusche in diablog.eu hier mit Vorstellung der griechischen Ausgabe und des Autors, Zusammenfassung des Romans und einem Auszug.
Interview und Übersetzung: Michaela Prinzinger. Fotos: Tilemachos Kotsias. Redaktion: A. Tsingas.
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Hallo zusammen,
als jemand, der 1973 zum ersten Mal mit dem Auto nach Griechenland fuhr und sich für Albanien interessiert hat, weil er von Montenegro kommend dann bis zum Kosovo „drumrum“ fahren mußte… während er jetzt gerne auch mal „durch“ fährt und sich das Land 2018 auch mal genauer angeguckt hat… und das sehr spannend fand… und nicht zuletzt sehr gerne Bücher von Ismail Kadare gelesen hat, habe ich diesen Text von Frau Prinzinger mit großem Genuß gelesen und sofort zwei Exemplare dieses Romans in meiner Buchhandlung bestellt… und bin gespannt.
Dank und Gruß…!
Eine interessante und feinfühlige Besprechung 🙂 Besonders die Hinweise auf Stil und Symbolik machen neugierig auf den Roman selbst. Sehr ansprechend geschrieben!👍