Isla Boa

Romanauszug von Christos Asteriou

diablog.eu präsentiert einen Auszug aus Christos Asterious Roman „Isla Boa“ in der Übersetzung von Doris Wille und Sigrid Willer. Es ist ein Buch an Grenzen und Schwellen: zwischen kulturkritischem Essay und Kriminalliteratur, zwischen Unterhaltung und Reflexion, geschrieben an der Grenze Europas über andere und fremde Kulturkreise. Und in einem Land, das von den westlichen Zivilisationsprozessen der letzten zwei Jahrhunderte nicht unbedingt profitiert hat und sich dennoch dem Westen zugehörig fühlt.

Asterious Roman „Isla Boa„ ist im Jahr 2009 auf einer Insel gleichen Namens angesiedelt – dort, wo sich die karibische Platte am Grund des Atlantiks vorbeischiebt. Anfangs wird der Leser Zeuge eines Interviews, das eine junge Journalistin in Florida mit dem Leiter des Fernsehsenders führt, der ein Jahr zuvor das „Isla Boa-Spiel„ organisiert hatte: Zehn Menschen, jeder mit einer obskuren Vergangenheit, sind die von der Zivilisation isolierten Protagonisten im Wettstreit um Koexistenz und Überleben, bei dem es gilt, gegensätzliche Bedürfnisse, religiöse Überzeugungen und Gewohnheiten unter einen Hut zu bringen.

Die Gruppe, die auf Isla Boa ausgesetzt wird, besteht aus einem afrokanadischen Küchenchef, einer chinesischen Unternehmensberaterin, einem pakistanischen Fabrikanten, einer italienischen Volontärin, einem deutscher Umweltschützer, einer libanesischen Lehrerin, einer griechischen Architektin, einer argentinischen Sängerin, einem kenianischen Sprinter und einem französischen Philosophen. Wer wird sich am Ende behaupten? Zwar beginnt die Game-Show unter günstigen und angenehmen Voraussetzungen, doch das Blatt wendet sich bald. Die Akteure der Show, denen es noch eben darum ging, reich und berühmt zu werden, sind nun auf Gedeih und Verderb der ungastlichen Wildnis und sich selbst ausgeliefert.

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Christos Asteriou, ©Eleni Iliopoulou

Auszug aus dem Roman „Isla Boa“ von Christos Asteriou

Mania: Nach einem Monat ging mir das Meer allmählich auf den Geist. Dabei muss man sich vorstellen, dass ich damals in Athen alles gegeben hätte für einen Ausflug nach Kap Sounion, mit Schwimmen, Taverne am Meer und allem Drum und Dran. Mit Wanderungen und Bergen hatte ich es nicht so, das Wasser war es, das mich anzog wie ein Magnet. Du weißt schon, nasse Haare, Handtuch um die Taille und Salzwasser, das einem in die Schuhe tropft. Gib mir einen Strand, sagte ich immer, und ich gebe dir meine Seele. Mich mit dem Buch in den Sand legen, eincremen, voll die Sonne tanken, krebsrot ist gar kein Ausdruck. Eine Indianerin, eine waschechte Rothaut. Jetzt hatte ich dieses Scheißsalz im Blut, und es zerfraß mir fies und gemein die Eingeweide, unerträglich bis zum Anschlag. Ich wollte kein türkisblaues Wasser mehr sehen und keine Hängematten, ich betete nur noch, dass von irgendwoher ein Flaschengeist auftauchte, den ich darum bitten konnte, mich zurückzubringen, die beiden übrigen Wünsche könnte er gern behalten, geschenkt.

Auch die anderen liefen herum wie Zombies aus einem Albtraum, ich konnte von keinem mehr die Fresse sehen, sie stanken allesamt nach Mensch, rülpsten, spuckten, pissten, wo es ihnen gerade passte. Wir hatten uns mehr als zur Genüge kennengelernt, um es mal so zu sagen, der Hunger war schrecklich, wer redete jetzt noch von Hoffnungen, die Verrohung hatte längst begonnen, Alter, alle liefen halb nackt herum, das war ihnen  scheißegal. Letztendlich, dachten sie wahrscheinlich, muss jeder früher oder später dran glauben, wer kümmert sich da noch um Peinlichkeiten und Schutzmaßnahmen, wer nimmt sich da noch wovor in Acht, wir hatten alles aufgegeben und es ging nur noch darum zu überleben und wie wir irgendwie unsere Bäuche füllen konnten, einfach um durchzuhalten. Unabhängig davon, dass sie immer noch vor sich hinbrabbelten, irgendwas würde passieren und wir kämen schon noch davon, ich sage dir, wir hatten alle insgeheim höllische Angst, ich auch, na klar, bei so was bin ich vorne weg.

Am Anfang dachte ich, dass diese ganze Panik auch recht lustig sein würde, aber später änderte ich meine Meinung, ich hatte keinen Bock mehr, es widerte mich an. Die Körper veränderten sich wie Fleisch, das man draußen liegen und vergammeln lässt, zum Weggucken, sage ich dir, nur Wunden und Narben, soweit das Auge reichte, scheußlich schuppige Haut, die in Fetzen abfiel. Ab und zu kriegte ich Anwandlungen und spiegelte mein Gesicht im Meer, um zu sehen, wie weit ich schon heruntergekommen war, und wenn ich es schaffte, sah ich meine eingefallene Fresse. Mann ey, das bin ich nicht, sagte ich, mir springen ja bald die Augen aus dem Kopf. Genau weiß ich´s jetzt auch nicht, aber fünf Kilo weniger hatte ich bestimmt, grob geschätzt. Wenn ich sah, wie Raymond beinahe rank und schlank geworden war, was sollte ich da sagen, wo ich im Vergleich zu ihm sowieso nur eine halbe Portion war. Sein Bauch war weg, und im Gesicht zeigten sich zwei wulstige Falten, die als leere Hautsäcke neben seiner Nase hingen.

Isla_Boa_2Teresa: Wir beschlossen, eine richtige Trauerfeier zu veranstalten, denn wir fanden, dass es für die beiden Verschollenen eine Gedenkstätte geben müsse. Nichts Großes, ein einfaches, normales Grab, das wir mit Mohammed und Carla verbinden konnten, auch wenn wir ihre Leichen nicht gefunden und unter die Erde gebracht hatten, wie es sich gehörte. Wir waren angewiesen darauf, uns inmitten der Verelendung an unsere menschliche Herkunft zu erinnern, an die Formen, die wir in unserem normalen Leben zurückgelassen hatten.

Ein paar Tage waren wir mit Leib und Seele bei den Vorbereitungen. Und so fanden wir wieder etwas wie Sinn in dem, was wir machten, etwas anderes, als ewig zu fischen und wie blöd aufs Wasser zu starren. Wir suchten einen Platz am Meer aus, auf der Ostseite, denn wir dachten uns, dass sich Mohammed sicher ein Grab mit ungehindertem Blick nach Mekka gewünscht hätte, und das hier kam der Sache am nächsten. Nachdem wir uns für die Stelle entschieden hatten, ritzten wir mit zwei spitzen Stöcken die Umrisse in den Sand, wobei wir zwischen den beiden Gräbern einen Meter Platz ließen, und schmückten sie rundherum mit Steinen und Muscheln. Auf der einen Seite stellten wir ein von Abebe geschnitztes Kreuz auf und lehnten ein viereckiges Stück Holz mit Carlas Namen daran, das der Mann ihres Lebens mit viel Mühe angefertigt hatte.

Daneben, wo wir uns Mohammeds Grab dachten, legten wir einen großen flachen Stein, in den seine Initialen M.A. geritzt waren. Der Sonnenuntergang am späten Nachmittag verlieh dieser Simulation einer Trauerfeier vor den Gräbern ohne Leichen eine eigentümliche Intensität. Um uns herum sirrten Mücken und der Wind trug Vogelkrächzen und Gerüche in unsere Ohren und Nasen. Die ganze Szene half, dass wir uns besser fühlten, einmal, weil wir den beiden Ertrunkenen die letzte Ehre erwiesen, aber auch, weil wir uns die Insel allmählich zu eigen machten, indem wir Teile von ihr mit unseren persönlichen Geschichten besetzten. Der Ort, an den es uns für diese schwere Zeit verschlagen hatte, wurde uns allmählich weniger fremd, und unsere kleinen Eingriffe hinterließen Tag für Tag Spuren.

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©Kamilo Nollas

Nach einer ergreifenden Rede von Jürgen, einer Rückblende des netten Deutschen auf seine Beziehung mit Carla, sang ich ein argentinisches Klagelied, das ich von meiner Mutter kannte. Ich hatte es zum ersten Mal in Santiago bei der Beerdigung meiner Großmutter gehört, als ich zwölf war. Alle standen stumm im Kreis um die Gräber, hörten meinen spanischen Worten zu, und der Klang meiner Stimme verbreitete sich melodisch über dem Ort. Noch bevor ich zu Ende war, fiel Zeina mit einer Totenklage aus ihrer Heimat ein, und danach war die Reihe an Fu und Abebe mit ihren Liedern. Wir hatten uns vorher nicht abgesprochen, und so war es einer der schönsten Augenblicke auf der Insel, der mir als Momentaufnahme in Erinnerung geblieben ist. Nach einem kleinen Intermezzo des Schweigens und der Rührung holte François ein Blatt Papier hervor, das er mühsam gerettet hatte, mit einem Gedicht von Dylan Thomas. Es war auf Englisch, und bestimmte Stellen waren für uns ziemlich schwer verständlich. Seine eindringliche Stimme leitete unsere Aufmerksamkeit auf die Melodie der Wörter, die unsere Ohren streichelte wie unverständliche Ausrufe voller Magie. Rhythmisch und gefühlvoll sprach er fast das ganze Gedicht auswendig, ohne einen Blick auf das Papier zu werfen:

Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.
Die nackten Toten die sollen eins
Mit dem Mann im Wind und im Westmond sein;
Blankbeinig und bar des blanken Gebeins
Ruht ihr Arm und ihr Fuß auf Sternenlicht.
Wenn sie irr werden solln sie die Wahrheit sehn,
Wenn sie sinken ins Meer solln sie auferstehn.
Wenn die Liebenden fallen – die Liebe fällt nicht;
Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.

Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.
Die da liegen in Wassergewinden im Meer
Sollen nicht sterben windig und leer;
Nicht brechen die die ans Rad man flicht,
Die sich winden in Foltern, deren Sehnen man zerrt:
Ob der Glaube auch splittert in ihrer Hand
Und ob sie das Einhorn des Bösen durchrennt,
Aller Enden zerspellt, sie zerreißen nicht;
Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben.

Zu Anfang fand ich es merkwürdig, dieses Liebesgedicht zu hören, und vielleicht war auch Jürgen befremdet; aber dann dachte ich noch mal darüber nach und fand François’ Wahl sehr passend. Carla und Mohammed hatten im Leben nichts gemein gehabt und sicher lagen ganze Welten zwischen ihnen. Als ich mir jedoch vorstellte, wie sie ertranken, begriff ich, dass ihr Tod letztlich etwas tief Erotisches hatte. Sie waren gemeinsam gestorben, und, wie man es auch nimmt, dieser Moment hatte sie für immer vereint. Irgendetwas sagte mir, dass an dem Ort, wo dem Tod „kein Reich mehr bleiben soll“, beide nunmehr glücklich darauf warteten, für die Ungerechtigkeit ihres Todes entschädigt zu werden.

Mania: Die Schürfwunde an meinem Fuß entwickelte sich nach und nach zu einer ausgewachsenen Fistel. Wenn sie mir sagten, dass sie aufgestochen werden müsste, mit dieser groben Nadel aus dem abgewrackten Arzneikasten, machte ich mir jedes Mal ins Hemd vor lauter Angst. Die Schwarzen hielten die Nadel ins Feuer zum Desinfizieren, denn man musste, hieß es, die Flüssigkeit herausholen und das ging nur, wenn man sie aufstach. He, was soll das, seid ihr denn alle verrückt geworden? schrie ich jedes Mal, wenn sie diese angesengte Spitze auch nur in meine Nähe brachten. Aber was sollte ich machen? Ich brüllte vor Schmerzen und musste die Heilkünste von jedem Einzelnen ertragen, der sein Ding durchziehen wollte. Ehrlich gesagt sah ich auch keine Alternative. Wenn ich die Chance hatte, noch mal davonzukommen, würde ich sie ergreifen, ich bin ja nicht blöd. Das Feuer verbrennt alles, das Feuer desinfiziert alles, das ist uns auch klar, du Besserwisser, sagte ich zu einem der Schwarzen, die um mich herumwuselten, aber ich möchte dich mal sehen, wenn sie dir in den Fuß stechen, wie du dann herumhüpfst. Mutproben auf dem Rücken der anderen, das kann ich auch.
Als einfach nichts mehr ging, gab ich mir einen Ruck.

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©Kamilo Nollas

Ich biss in ein Handtuch und sagte, sie sollten tun, was zu tun war, um es hinter mich zu bringen. Packst du ’s?, fragten sie. Ja klar, nickte ich, und bevor ich noch die Augen schließen konnte, hauten sie mir die Nadel mit voller Wucht in die Blase. Ich fiel vor Schmerzen fast in Ohnmacht, aber, echt jetzt, das spielt sich mehr im Kopf ab als im Körper, nur wenn du darüber nachdenkst, hast du ein Problem, ansonsten ist da nichts. Der Eiter spritzte wie eine dickflüssige Soße aus meinem Fuß und die riesige Blase sackte in sich zusammen wie ein Luftballon. Ich sprang mit einem Satz ins Meer, um das Brennen im kühlen Wasser loszuwerden. Alter, das roch für einen Moment wie verbranntes Fleisch. Wirklich, kein Witz! Wenn die Wunde noch größer geworden wäre, hätte ich ein richtiges Problem gehabt, kein Scheiß. Damit ist nicht zu spaßen, stell dir mal vor, das wäre schlimmer geworden und ich hätte nicht mehr laufen können! Oder wenn es zum Wundbrand gekommen wäre und sie mir das Bein abgenommen hätten? Im Dschungel werden die verwundeten Tiere zuerst gefressen, und wenn ich mich nicht beeilt hätte, wäre ich wohl wie die Katze im Sack gelandet, als Fraß für die Haie.

Teresa: Jetzt sind es schon drei Monate ohne jede Nachricht von außen. Im Laufe der Zeit schafften wir es, die Dinge auf der Insel so zu regeln, dass alles besser funktionierte. Tag für Tag schufen wir uns eine eigene Routine mit Programm und Aufgaben, die wir alle ohne Nörgeln und Spannungen untereinander aufteilten. Offensichtlich hatten wir uns nach dem anfänglichen Schock mit dem Leben in der Wildnis abgefunden, wenn auch der Funke der Rückkehr bei jedem von uns immer noch im Hinterkopf glühte.

Wir rissen die Reste von der Hütte des Produktionsteams ab, und nachdem wir Hölzer von den sonstigen Materialien getrennt hatten, verwendeten wir alles, um von Grund auf eine neue, besser geschützte Unterkunft weiter weg vom Strand zu bauen. Sie war hoch genug gelegen, um als Warte zu dienen, da wir ständig nach vorbeiziehenden Schiffen Ausschau halten mussten – oder zumindest nach diesem berühmten Fischerboot, das vielleicht endlich mit einer guten Entschuldigung auftauchen würde. Ein paar Tage arbeiteten wir hart mit Werkzeugen aus Marcels Beständen, der uns auch mit seiner Erfahrung und Ausdauer half und uns zeigte, was jeder seinen Kräften entsprechend tun sollte. Um uns vor Schlangen zu schützen, bauten wir die Unterkunft wie eine Art Plattform mit erhöhten Bohlen, Rückwand und schrägem Dach, und dichteten alles rundherum mit Hölzern und Palmenblättern ab. Sie war recht eng – wie ein dreieckiger Kasten – ohne die Annehmlichkeiten der ersten Hütte, aber niemand beschwerte sich. In den Nächten ließen wir immer ein großes Feuer brennen, und eine Wache musste es in regelmäßigen Abständen schüren.

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©Kamilo Nollas

Dafür brauchten wir große Mengen Holz, das wir an verschiedenen Stellen schlugen, selbst am anderen Ende der Insel, und dann mit einer provisorischen Karre transportierten; Marcel hatte sie aus den Resten eines Tisches auf Rollen aus seiner Hütte zusammengebaut. So sehr uns die tägliche Schlepperei auch anstrengte, wir wussten, dass es nicht anders ging. Nachts könnten wir viel eher von Weitem gesehen und vielleicht durch einen Funkenregen gerettet werden, der sogar meilenweit von Isla Boa entfernt bemerkt würde. Der Schein der Flammen jagt mit Lichtgeschwindigkeit durch die Dunkelheit, er würde nachts leichter am Deck eines vorbeifahrenden Schiffs ankommen und folglich die Augen des wachhabenden Offiziers erreichen, der vielleicht an der Reling lehnte und übers Meer schaute. Wenn wir irgendwann aufhörten, das abendliche Feuer in Gang zu halten, wäre dies ein erstes Zeichen von Resignation, was ich zum Glück bisher bei keinem von uns festgestellt hatte. Trotz der Erschöpfung, des Hungers und unserer ganzen Wut darüber, was uns ohne Vorwarnung passiert war, bemühten wir uns, das Beste draus zu machen. Sogar ich, die mit körperlicher Arbeit nie auf gutem Fuß gestanden hatte und nie richtig zupacken konnte, half nach Kräften und überraschte damit mich selbst und die anderen.

Das Feuer ging uns bei den nachmittäglichen Gewittern oft aus, ein weiteres Problem, das uns das Leben unglaublich schwer machte, denn wir waren gezwungen, es neu zu entfachen. Sturmstreichhölzer, Feueranzünder und Feuerzeug standen leider nicht auf der Liste der geretteten Gegenstände, und so versuchten wir auf jede mögliche Art, mit geringstem Aufwand das beste Ergebnis zu erzielen. Unter Raymonds Utensilien befand sich eine große Lupe, die uns in den späten Morgenstunden gute Dienste leistete, wenn die Sonne hoch am Himmel stand und alles versengte, die am Nachmittag aber unbrauchbar war, wenn das Wasser regelmäßig alles überschwemmte. Ich hätte nicht geglaubt, dass die Lupe zu irgendetwas nütze sein könnte, denn ich war vollkommen unbedarft, wenn es ums nackte Überleben ging, und hielt sie für den überflüssigsten Gegenstand, den man uns in jenen Tagen schenken konnte.

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©Kamilo Nollas

Doch ich staunte nicht schlecht, als Marcel unendlich geduldig und meisterlich der Linse eine Neigung gab und die Sonnenstrahlen über ein dürres Stück Anbrennholz so lenkte, dass es erst grau wurde, einige Minuten schwelte und sich dann eine kleine orangefarbene Flamme entzündete. Wir hatten auch andere Methoden versucht, die aber viel schwieriger waren, als wir anfangs geglaubt hatten. Die Rille, die wir zum Beispiel in ein Stück weiches Holz ritzten und die angeblich Funken sprühen sollte, wenn wir ständig einen harten Stock darin hin und her reiben würden. Doch das einzige, was wir damit erreichten, waren Hände voller Blasen. Die Wirklichkeit auf der Insel unterschied sich gewaltig von dem, was wir uns vorgestellt oder in Büchern gelesen hatten, besonders in dieser Übergangszeit, als die Moral auf dem Tiefpunkt war und die Kräfte schwanden.

Übersetzung: Doris Wille, Sigrid Willer. Lektorat: Andrea Schellinger. Fotos: Kamilo Nollas. Die Übersetzung des Gedichts „And Death shall have no Dominion„ von Dylan Thomas stammt von Erich Fried. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus: Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben. Aus: Dylan Thomas, Windabgeworfenes Licht, Übersetzt von Erich Fried, ©Carl Hanser Verlag München 1992.

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