Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf:
Wie schon in ihren Theaterinszenierungen gelingt es der griechischen Regisseurin Elena Karakouli auch in ihrem ersten Erzählband, tief in die Gedanken- und Gefühlswelt ihrer Figuren einzutauchen. Mit präziser Sprache, feinsinnigem Realismus und schonungsloser Ehrlichkeit erzählt sie von Frauen, die suchen, stolpern und sich immer wieder neu erfinden. Ihre Geschichten kreisen um jene verborgenen Momente im Leben, die zwischen Alltag und innerer Wahrheit oszillieren – oft voller Überraschungen, manchmal bittersüß.
Karakouli beschönigt nichts, sie benennt die Dinge direkt, aber mit Zärtlichkeit. Die Kurzgeschichte Die Sekretärin, in der deutschen Erstübersetzung von Carolin Mader und Elena Pallantza, ist ein eindrucksvolles Beispiel für Karakoulis Erzählkunst. Eine Frau, zugleich Ehefrau und Sekretärin, eine Frage, die nicht gestellt werden darf – und doch gestellt wird. Inmitten eines Dinners unter Kollegen, zwischen beruflichem Kalkül, verschleierter Macht und verinnerlichtem Patriarchat, durchbricht sie das wohlgeübte Spiel der Loyalitäten und stellt die festgefügte Ordnung infrage. Was folgt, ist ein Moment des Innehaltens, ein kleines Verhör und schließlich eine Entscheidung. In dieser Erzählung verdichtet sich das zentrale Thema des Buches: der Augenblick des Fallens, der Moment der Wahrheit – erschütternd, befreiend, unausweichlich.
Die Erzählung
Die Sekretärin
Eigentlich ist mein Mann Arzt von Beruf, aber in Wirklichkeit ist er ein Künstler. Genauer gesagt schreibt er Theaterstücke, die er selbst – gegen eine geringe Gebühr in einer kleinen Druckerei – herausgibt und zu Weihnachten an Freunde und Kollegen verschenkt, die Literatur zu schätzen wissen. Er selbst weist den Titel des Künstlers von sich, wenn man ihn danach fragt. Er sagt dann immer: „Für unsereins ist das doch nur ein kleiner Spaß, wir sind schließlich keine Menschen der Künste, sondern des Überlebens.“ Ich weiß nicht, ob er das aus Bescheidenheit tut oder weil er nicht für überheblich gehalten werden möchte (und dadurch womöglich seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen könnte). Neuerdings bezeichnet er sich allerdings häufig als „Amateur-Künstler“ und erläutert dazu bei jeder Gelegenheit die Etymologie des Wortes Amateur: Er sei ja eben kein Berufskünstler, erklärt er demütig, sondern er sei mehr als das, nämlich jemand, der die Kunst so sehr liebe, dass er es nicht ertragen könne, sie professionell auszuüben. Die Kunst sei seine Geliebte und er sei nichts anderes als ein „Liebhaber der Künste“, fügt er hinzu, ohne seinen Stolz verbergen zu können.

Im wirklichen Leben ist mein Mann Chirurg und leitet die Koloskopieabteilung eines großen Krankenhauses. Ich nehme an, das erklärt sich von selbst, besonders poetisch klingt das Wort „Koloskopie“ zugegebenermaßen nicht, aber so ist es nun einmal.
Die Patienten warten in der Regel im „Endoskopie“-Raum, was, wie Sie mir sicher zustimmen werden, wesentlich besser klingt. Dort ziehen sie sich aus, schlüpfen in blaue Papierkittel und Nylonschuhe und warten auf die Narkose.
Die Untersuchung an sich dauert gar nicht so lange, es ist nur die Vorbereitung, die etwas unangenehm ist – um nicht zu sagen recht abstoßend, all die Fläschchen mit der dicken, süßlichen Flüssigkeit, die die Patienten am Vortag in regelmäßigen Abständen trinken müssen. Immerhin erhalten sie von der Arzthelferin klare Anweisungen: „Vor der Untersuchung muss der Darm mit Abführmitteln gereinigt werden. Die Reinigung ist entscheidend für die Qualität und Aussagekraft der Darmspiegelung.“ Mit anderen Worten, die Patienten müssen am Vorabend bestimmte Nahrungsmittel zu sich nehmen und ihren Darm entleeren. Das dürfte eigentlich keine weiteren Erklärungen erfordern, Sie verstehen schon. Eine kleine notwendige Selbstüberwindung. Wie dem auch sei, nach der „Endoskopie“ erwachen die Patienten aus der Narkose und haben, wenn es sich um Frauen handelt, fünf Jahre lang Ruhe, bei Männern sind es zwei.
Nicht von der Hand zu weisen ist, dass mein Mann bei Patientinnen besonders gut ankommt, er erweckt in ihnen gewissermaßen ein Urvertrauen; es ist der Klang seiner Stimme, eine einzigartige Kombination aus poetischen Anklängen und einer vagen Autorität in der Art, wie er sie anspricht, etwas, das nicht in Zweifel gezogen werden kann. Auf diese Weise gewinnt er sie für sich. Das ist ohne Frage Teil seines Charmes. Bevor wir heirateten, war er geradezu ein Frauenheld – wie die meisten Ärzte, das ist ja ein allseits bekanntes Geheimnis, es mag am Prestige liegen, an dem weißen Kittel, wer weiß… Jedenfalls üben sie eine magische Anziehungskraft auf Frauen aus. Und so viel ist sicher, an Gelegenheiten zu neuen Bekanntschaften mangelt es ihnen keineswegs.
Vor einem Arzt hat man keine andere Wahl, als sich völlig ehrlich und vor allem verletzlich zu zeigen, abhängig von dem Problem, das einen zu ihm führt. Dem Arzt vertraut man seine Hoffnungen an, gesteht man seine Ängste, schildert man bis ins schlimmste Detail, was man empfindet, denn nur er kann die Symptome einschätzen, um eine sichere Diagnose zu stellen. Zunächst einmal erzeugt es diese fast hypnotische Stimmung in dir, dich hinzulegen, loszulassen und die Kontrolle jemand anderem zu überlassen, jemandem, der besser als jeder andere und sogar besser als du selbst weiß, was einerseits dein Körper braucht, um seine Vitalität zu erhalten, und was andererseits deine Seele, um Frieden zu finden. Das allein ist schon erregend.
Manche Ärzte sind darin sehr geschickt, während einige es sogar ausnutzen. Nehmen wir zum Beispiel Thanos, den Gynäkologen, mit dem wir zum Glück nichts mehr zu tun haben. Er war jahrelang verheiratet und hat sogar drei Kinder, fing aber regelmäßig Affären mit seinen jüngeren Patientinnen an. Absolut indiskutabel. Wahrscheinlich eine Midlife-Crisis, sagt mein Mann, der solche Praktiken eindeutig missbilligt. Er hat mir nie den geringsten Anlass gegeben, eifersüchtig zu sein, und natürlich habe ich auch keinen Grund, seine Treue infrage zu stellen, obwohl ich sicher bin, dass es in seinem Berufsleben nicht an Versuchungen mangelt, er geht in mehreren Häusern ein und aus und seine Augen haben viel gesehen. Er kennt die Frauen in- und auswendig, einige haben ihn sogar offen angebaggert, als er jünger war, bevor er seine Facharztausbildung abgeschlossen hatte. Eine von ihnen scheute sich nicht, ihn völlig nackt in ihrem Wohnzimmer zu empfangen – er kam gar nicht erst dazu, sie zu bitten, sich frei zu machen –, und das alles, während ihr Mann im Nebenzimmer saß. Aber mein Mann blieb unangefochten. Er weiß sich stets zu behaupten, seiner Berufung gerecht zu werden, sich achtsam zu bewegen und sparsam zu sprechen, damit seine Absichten niemals missverstanden werden können.
Außerhalb der Arbeit, wenn der Arzt andere Ärzte trifft, wird er ganz gesprächig. Sie tauschen freundliche Bemerkungen aus, schließen sich im Wohnzimmer ein und machen Insiderwitze über verschiedene „Fälle“; zwischen ihnen besteht eine geheime Solidarität. Alle diese „Fälle“ werden in einer Rauchwolke erzählt, denn es ist kein Geheimnis, dass die meisten Ärzte ununterbrochen rauchen, Nichtrauchen ist die Ausnahme. Sie würden sogar rauchen, während sie dir ein Rezept verschreiben oder dich untersuchen, wenn das erlaubt wäre. Einmal wagte ich zu fragen, warum denn eigentlich alle Ärzte rauchen. Er lachte und sagte mir vor allen Anwesenden, das Rauchen sei „ein Akt des Widerstands gegen das Rätsel des Todes“. Seine Kollegen sahen ihn erstaunt an, doch hielten sie es für ein weiteres Zitat aus einem seiner Bücher und kommentierten es nicht weiter, auch ich bestand nicht auf einer Antwort.
Ihnen wird vielleicht nicht bewusst sein, dass die allermeisten Ärzte Freunde der Künste sind. Das Problem ist lediglich, dass sie nie genug Zeit dafür haben, weil sie so viel arbeiten. Würden sie weniger arbeiten, wären sie durchaus in der Lage, eine Ausstellung, eine Oper oder ein gutes Buch zu genießen. Sie schätzen die Poesie ebenso wie die klassische Musik und die Werke der antiken Schriftsteller. Kein Arzt hat je eine andere Wahl, als zunächst ein hervorragender Schüler zu sein – und als solcher kann er nicht umhin, eine klassische Ausbildung zu absolvieren. Mein Mann zum Beispiel besitzt eine beneidenswerte Bibliothek, die ihm sein Vater, ebenfalls Arzt, vermacht hat – eine Sammlung edler Ausgaben antiker Klassiker, großer Werke der Weltliteratur und selbstverständlich unzähliger wissenschaftlicher Bücher. Natürlich ist er auch Abonnent medizinischer Fachzeitschriften – denn ein Arzt muss immer auf dem neuesten Stand bleiben. Doch die Bücher über die Darmspiegelung stehen nicht an vorderster Stelle, sondern in den oberen Regalen: Wuchtig, mit goldgeprägten Titeln, fügen sie sich dekorativ zwischen zwei Amphoren, die als Buchstützen dienen. Denn, wie bereits erwähnt, ist mein Mann im Herzen ein Künstler. Sein Wissen reicht weit über die Wissenschaft hinaus – wie sein jüngstes Stück mit dem Titel Der Apfel von Eva eindrucksvoll beweist. Sollten Sie es einmal lesen, werden Sie feststellen, dass er sich darin als ein ebenso präziser wie einfühlsamer Anatom der weiblichen Natur erweist.
Wie ein moderner Tschechow beschreibt er in seinen Texten echte Menschen. Seine Werke gehören nicht zu jenen rätselhaften, elitären postmodernen Schöpfungen, bei denen man – selbst wenn man die Geduld aufbringt, sie bis zum Ende zu lesen – ratlos zurückbleibt. Nein, die Stücke meines Mannes haben einen klaren Anfang, eine Mitte und ein Ende. Sie handeln von Menschen aus Fleisch und Blut, wie jenen, die er täglich in seiner Klinik trifft. Mein Mann ist ein Forscher der menschlichen Natur. Kein Zufall, dass seine Patienten ihn verehren. Sie reisen von überall her an, um sich von ihm behandeln zu lassen – zweifellos seinem Charakter geschuldet. Niemand übertrifft ihn in der Kunst der Diagnose, er besitzt ein außergewöhnliches Talent, die Ursache eines Problems zu erkennen. Dabei ist er sanft und zugleich wortkarg. Und noch etwas, selten für einen Arzt, macht ihn einzigartig: Er hat Humor, jenes tiefe Verständnis für die menschliche Unvollkommenheit.
Im Endoskopiesaal hat er an zentralen Stellen Zitate angebracht, die den feinen Unterschied machen. Seine Vorliebe gilt den antiken Klassikern, insbesondere den Stoikern und Mark Aurel. Sie müssen sich vorstellen: In seinem Wartebereich findet sich kein einziges dieser bunten Klatschmagazine, wie sie sich in anderen Arztpraxen auf den Tischchen stapeln – sondern die Selbstbetrachtungen. Wir sprechen hier also von einer ganz anderen Ebene. Was die Zitate angeht, so sind sie mit Bedacht gewählt – dazu habe übrigens auch ich beigetragen: Vorbeugen ist besser als heilen – Hippokrates. Oder: Erst kommt die Gesundheit, dann die Schönheit, als Drittes der Reichtum. Und: Die Gesundheit ist wertvoll, aber unbeständig sowie Ich habe beschlossen, glücklich zu sein, weil es gut für die Gesundheit ist – letzteres von Voltaire.

Wenn mich im Laufe der Jahre an der Seite meines Mannes etwas ermüdet hat, dann sind es die Ärzte-Dinner, zu denen wir eingeladen werden – und die wir natürlich hin und wieder erwidern müssen. Alles muss perfekt sein: der gedeckte Tisch, die Vorspeisen, der Wein, die Erfrischungsgetränke für die Kinder der Ärzte, die irgendwo im Haus kreativ beschäftigt werden müssen, damit die Erwachsenen ihre Ruhe haben. Was ich jedoch nicht kontrollieren kann, sind die Gespräche am Tisch – während womöglich noch Kinder darunter herumwuseln.
Eine Frau ist ins Koma gefallen. So etwas kommt vor. Die Operation verlief erfolgreich, doch sie scheint nicht mehr zurückzukommen.
Ein anderer Arzt wird als Schlachter bezeichnet: Er operiert ganz ohne Umsicht, zu aggressiv.
Am schlimmsten sind natürlich die Zahnärzte, denen das Arzt-Sein an sich geradezu abzusprechen ist. Auch ihnen passieren dramatische Dinge. Kostas zum Beispiel, der bei einer Routineextraktion an eine überaus schwierige Patientin geriet, die ihn einen ganzen Monat lang mit der Behauptung quälte, sie habe von dieser Extraktion (trotz Entzündungshemmern und Schmerzmitteln!) ganz unerträgliche Schmerzen. Schon der Eingriff selbst war für ihn unangenehm, denn es gibt kaum etwas Schlimmeres als einen unkooperativen Patienten. Doch noch mehr ärgerten ihn die ungerechtfertigten Beschuldigungen, die er über sich ergehen lassen musste. Und das, obwohl er für die Behandlung keinen Cent genommen hatte, weil sie die Tochter eines Kollegen war. Da tut man etwas Selbstloses und muss sich dafür auch noch Vorwürfe anhören. Das ist wirklich das Allerletzte. Von solchen Patienten sollte man unbedingt die Finger lassen.
Und dann die Geschichte des Pathologen mit der Frau, die einfach einschlief und nicht mehr aufwachte. Sie hatte an jenem Nachmittag über Schulterbeschwerden geklagt, hielt diese jedoch für ein Muskelproblem, nahm ein Schmerzmittel und legte sich hin. Sie war gestresst und ignorierte die Anzeichen. Manchmal liegt so etwas vielleicht an einer schlechten Ernährung, aber der Stress ist mit Sicherheit das Schlimmste.
Und lauter weitere Geschichten von missglückten Operationen und sich beschwerenden Patienten, die ohne das geringste Bewusstsein über ihre Position unangemessene Ansprüche stellen, kein bisschen kooperieren und immer alles besser wissen.
Und dann sind da noch die Ehefrauen der Kollegen meines Mannes. Ich bin den Umgang mit ihnen gewohnt, mit einigen von ihnen habe ich sogar so etwas wie freundschaftliche Beziehungen geknüpft, wir haben ein paar Worte mehr gewechselt, sind zusammen in den Urlaub gefahren oder haben unsere Männer zu medizinischen Konferenzen begleitet. Immerhin haben wir so manches gemeinsam. Mein Mann und ich haben keine Kinder, daher sind unsere sozialen Kontakte begrenzt und ausschließlich mit sozialen Verpflichtungen verbunden. Dadurch habe ich einige Gelegenheit, Menschen zu treffen und näher kennenzulernen. Das bedeutet nicht, dass wir in allem einer Meinung sind, aber zumindest sind wir uns alle unserer Stellung bewusst, es gibt eine Art Solidarität zwischen uns.
Meistens verläuft solch ein Dinner unter Ärzten wie erwartet: Während die Männer noch am Tisch weiterplaudern, nachdem das Essen serviert wurde, und sich bei einem erstklassigen Rotwein entspannen, versammeln sich die Kinder in einem der Schlafzimmer und schauen eine Fernsehserie oder spielen „Verstecken im Dunkeln“, während wir Frauen uns in die Küche zurückziehen, um über unsere eigenen Angelegenheiten zu sprechen: den Kindergarten, das hervorragende neue Asia-Restaurant, die Planung eines Wohltätigkeitsbasars.
Auf die Beine gestellt wird dieser von Beatrice, der Frau des HNO, auch der Teekessel genannt; den Namen habe ich ihr gegeben, weil sie ständig unter Dampf steht. Noch bevor sie einen Satz beendet, beginnt sie schon den nächsten – die Hälfte davon auf Englisch. Sie kommt nicht mehr hinterher mit allem: den Aktivitäten der Kinder, den Geschäftsreisen des Ehemanns… Und dann ist da noch die Renovierung des Hauses – fünf Monate leben sie schon zwischen Umzugskartons! In zwei Monaten jedoch, meint sie, sollte es zu schaffen sein, alles zu organisieren – im Moment ist sie einfach overbooked.
Anastasia, die Frau des Anästhesisten, ist ebenfalls in Dauerpanik, hat aber inzwischen angefangen, Antidepressiva zu nehmen, weshalb sie die ganze Zeit irgendwelche Säfte trinkt. Martha wiederum, die Frau des Orthopäden, schämt sich für ihre Waden, achtet immer penibel darauf, sie bedeckt zu halten, und trägt daher ausschließlich Hosen. Zu einem besonderen Anlass wie heute Abend erlaubt sie sich eine Ausnahme mit einem weiten bedruckten Kleid, das sie sich im Sommer irgendwo auf den Kykladen gekauft hat.
Vor dem heutigen Ärzte-Dinner, das bei uns stattfindet, strahlt mein Mann eine fieberhafte Unruhe aus. Es ist nämlich das zwanzigjährige Jubiläum der Koloskopieabteilung, die er leitet. Scchon in den letzten Tagen ist mir aufgefallen, dass er etwas im Schilde zu führen schien, aber dass er sich derart exponieren würde, konnte ich nicht ahnen. Und in der Tat, gerade als sich alles stimmig zusammenfügt, die Vorspeisen, die Hauptgerichte, der Rotwein, die leise Hintergrundmusik, die schmeichelnden Bemerkungen, gibt sich mein Mann einen Ruck und traut sich. Er hebt sein Glas, trinkt jedoch nicht auf die Langlebigkeit der Klinik, wie es zu erwarten wäre. „Seid ihr bereit, eine Geschichte zu hören?“, kündigt er an, die Zustimmung aller selbstverständlich vorwegnehmend.
Bleich vor Schreck sehe ich, wie er aufsteht und, als sei er schon lange darauf vorbereitet, aus seiner Tasche ein paar Seiten seines neuesten Werks hervorzieht: Aus seinen Eingeweiden. Es ist der Monolog eines – was sonst? – Arztes, der es in seinem Beruf plötzlich nicht mehr aushält. Er befindet sich in der Klinik, in der er ununterbrochen arbeitet, und eines Tages beschließt er, seinen weißen Kittel auszuziehen und auf den Hof hinunterzugehen.
Die Kollegen am Tisch scheinen sich darüber zu amüsieren oder finden es putzig, fragen sich zumindest, wohin das wohl führt. Auf dem Gesicht des Anästhesisten entdecke ich jedoch ein leicht spöttisches Lächeln. Stopp, denke ich; ich verspüre den Drang, einzugreifen und zu verhindern, dass mein Mann sich bloßstellt, doch meine Pflicht ist es, hier und jetzt zu ihm zu stehen.
Er liest unbeirrt weiter vor:
Also geht er hinaus in den Hof und zündet sich eine Zigarette an. Er saugt gierig am Rauch und merkt auf einmal, wie viele Jahre er das schon tun wollte, eine Zigarette auf dem Hof zu rauchen, in der Sonne, auf einer Bank, die Asche auf den Kies zu werfen, statt in seinem Büro im dritten Stock der Klinik Rezepte zu verschreiben und Diagnosen zu stellen. In diesem Moment erscheint die Oberschwester und …
Hier beginnt der Dialogteil, der seine Stärke ist, denn, wie bereits gesagt, mein Mann schreibt eigentlich Theaterstücke:
… die Oberschwester kommt also, um ihn zurück ins Büro zu holen, sie traut ihren Augen nicht, als sie ihn im Dienst rauchen sieht. „Was machst du da? Wie kannst du nur so …“ Er packt sie und gibt ihr einen leidenschaftlichen Kuss, den er ihr schon lange geben wollte. „… so hemmungslos sein?“, fügt sie hinzu. Und dann …
Am Tisch bricht Gelächter aus. Unbestreitbar ist mein Mann dieses Mal wohl ein wenig außer Kontrolle geraten. Ich kann es nicht ertragen, den Rest zu hören, und gehe in die Küche, um das Dessert zu holen.

Ich denke daran zurück, wie ich meinen Mann vor zwanzig Jahren kennenlernte. Er war damals noch Assistenzarzt und ich kam zu ihm wegen eines einfachen Rezepts. Er behauptet, ich sei ihm sofort aufgefallen, als ich die Praxis betrat, aber er ließ sich zunächst nichts anmerken. Erst nachdem er mich pflichtgemäß untersucht hatte – während der Untersuchung war er ganz förmlich, vermied Augenkontakt –, kritzelte er auf das Rezept etwas, das ich bis heute kaum entziffern kann. Es war seine Telefonnummer. Es dauerte einen Monat, bis ich ihn anrief. Ich war noch Studentin, studierte Linguistik, fühlte mich unerfahren und provinziell, ein Mädchen vom Lande, er dagegen war Arzt – und ich wusste das Ansehen eines Arztes schon damals zu schätzen.
Ich fühlte mich wie eine Auserwählte, als wir uns schließlich in einer abgelegenen Konditorei trafen. Ich erinnere mich noch, dass ich bei dieser ersten Verabredung gar nicht wusste, was ich bestellen sollte. Ich fragte nach der Karte, aber das verstärkte meine Unentschiedenheit nur noch, plötzlich kam mir alles fremd vor, als wüsste ich nicht mehr, was ein Schokoladenkuchen, ein Tiramisu oder eine Apfeltorte ist. Ich fühlte mich wie ein kleines Mädchen direkt aus dem Dorf. Alles erschien mir ungewohnt und gefährlich, selbst die Apfeltorte kam einer gigantischen Bedrohung gleich.
Er griff ein und sagte zum Kellner: „Zwei Mal.“ Und eh ich mich’s versah, trank ich schwarzen Kaffee und aß Zitronenkuchen. Ich, die ich Zitronen immer als viel zu sauer empfand und mied, wagte es nicht, das bei diesem ersten Date offen zu sagen. Brav aß ich meinen ganzen Zitronenkuchen auf und trank den Kaffee – ich erinnere mich weder an den Geschmack noch, ob ich ihn überhaupt mochte. Ich weiß nur noch, dass ich log, dass ich ihn ganz besonders mochte, und in den folgenden Jahren gewöhnte ich mir an, ihn tatsächlich zu mögen, und war sogar stolz darauf. Und so wurde dieser Ort, an dem wir unser erstes Rendezvous hatten, unsere Lieblingspatisserie. Jedes Jahr an unserem Hochzeitstag gingen wir dorthin und gaben die gleiche, unveränderliche Bestellung auf, zu Ehren der Tradition.
Er war begeistert, dass ich Linguistik studierte, er fand es aufregend. In den ersten Jahren, immer vor dem Sex, las er mir aus seinen Texten vor. Ich hörte ihm zu, verzaubert. Es berührte mich zutiefst, dass dieser Mann mit all seinen Sorgen und seinen geschickten Händen nachts das Stethoskop beiseitelegte und das Destillat seiner Erfahrungen aufschrieb. Ich fand es aufregend, dass er mich auserwählt hatte, um seine wahre Identität zu offenbaren, nicht jene, die seine Patienten kannten, sondern die andere, die echte, die er unterdrückte. Ich liebte es, dass er zerrissen war und in meinen Armen ganz wurde. Und zum ersten Mal spürte ich, dass ich endlich etwas mit meinem Studium anfangen konnte, dass ich einen Sinn in meinem Leben gefunden hatte. Meine Aufgabe würde es sein, einen Dichter zu unterstützen.
Die Dinge zwischen uns nahmen ihren natürlichen Lauf. Schon bald war ich nicht mehr die Patientin, sondern die Freundin des Arztes und dann seine Frau. Später erfuhr ich von einigen Gratulanten, dass es schon andere Freundinnen des Arztes gegeben hatte, vor mir, meine ich, als er noch jung und ledig war. Mit einer oder zweien von ihnen war er sogar verlobt gewesen, aber dann wurde doch nicht mehr daraus. Er beließ es dabei, er war der Arzt und hatte logischerweise so manche Eroberung vorzuweisen. Aber mit mir war es anders, und das zeigte sich schon bei der ersten Verabredung in der Konditorei. Er hatte nichts dagegen, dass ich mein Linguistikstudium beendete, im Gegenteil, er unterstützte das, danach begann ich, ein wenig Nachhilfestunden zu geben, aber ich musste nie wirklich arbeiten, vor allem nicht, nachdem ich schwanger wurde.
Jenes Kind kam schlussendlich nie zur Welt, aber wenn ich ehrlich sein will, hatte ich bereits begonnen, mich von der Aussicht auf ein Berufsleben zu entfernen. Es war eine schwierige Zeit nach der Fehlgeburt. Spontanabort – das kommt häufig vor, wie man mir sagte. Es ist seltsam, dass niemand offen darüber spricht, schon gar nicht die Frauen meines Kreises, obwohl nach meiner Fehlgeburt auf einmal mehrere weitere „Unfälle“ ans Licht kamen, die die Frauen selbst, inzwischen mit Kindern im Arm, schon vergessen hatten.
Mein Gynäkologe, ein ehemaliger Klassenkamerad meines Mannes und Leiter einer großen Frauenklinik, schien unbesorgt. „Das passiert“, sagte er, nachdem er mich untersucht hatte. Sollte es mindestens dreimal nacheinander vorkommen, müsste ich mich einer Reihe von Tests unterziehen, um auszuschließen, dass es sich um ein erbliches oder genetisches Problem handelte – er selbst hielt dies für unwahrscheinlich. „So etwas kommt vor“, sagte er, um mich zu beruhigen. Wenn ich wolle, könnte ich eine künstliche Befruchtung in Betracht ziehen. „Nichts Schlimmes, machen alle“, betonte er. „Du bist ja nicht mehr die Jüngste“, zwinkerte er mir zu, „du kannst ein wenig Hilfe gebrauchen.“ Glücklicherweise sei die Wissenschaft da inzwischen fortgeschritten, sodass ich seine Hilfe ruhig annehmen könne.
Mir schien es seltsam, über IVF zu sprechen, wo ich gerade ein Baby verloren hatte, just an dem Tag, an dem ich sein Herz zum ersten Mal hören wollte, was dann natürlich nicht geschah. Aber der ehemalige Klassenkamerad meines Mannes hielt es für angebracht, mir eine Perspektive zu geben und mich nicht einfach enttäuscht ziehen zu lassen. Nur zwei Tage später wurde ich auf der vollen Terminliste noch irgendwo dazwischen gezwängt – eine kleine Not-OP, wir würden eine Ausschabung machen, das geht ruckzuck, sagte er, ich würde gar nichts merken. Die ganze Prozedur würde höchstens eine halbe Stunde dauern. Und es war in der Tat nicht wirklich schmerzhaft, jedenfalls nicht so sehr wie das Warten im Kreißsaal zwischen all den Frauen, die gerade entbunden hatten oder kurz vor der Entbindung standen. Ich fühlte mich unwohl dabei, unter all diesen Frauen zu sitzen, just als ich im Begriff war, dieses Zellhäufchen herausreißen zu lassen, das sich zu meinem Kind hätte entwickeln können. Es machte mich traurig, aber ich versuchte mich zu beherrschen, denn sie taten uns einen Gefallen, und natürlich wollten sie kein Geld dafür, abgesehen von einem „kleinen Taschengeld“ für den Anästhesisten. Es war mir peinlich, als ich schließlich doch zu weinen begann und mich ein aufmerksamer Krankenpfleger im Vorübergehen dabei bemerkte und fragte, ob es mir gut ginge.
Einige Tage später, als ich mich etwas erholt hatte und versuchte, ins normale Leben zurückzukehren, erhielt ich den Bericht. Darin stand, dass es kein genetisches Problem gegeben hatte, dass alles normal gewesen war – und dass das Geschlecht des Fötus weiblich gewesen wäre. „Wir werden es in zwei Monaten noch einmal versuchen“, sagte mein Mann.
Drei Wochen waren vergangen, als ich einen Seufzer hinunterschluckte um die Tochter, die ich niemals in meinen Armen halten würde – und beschloss, dass ich das alles nicht noch einmal durchmachen wollte. Natürlich lehnte ich den weisen Vorschlag meines Mannes nicht offen ab. Doch tief in meinem Inneren hatte ich meine Entscheidung getroffen. Ich musste meine Seele stärken, also begann ich, ehrenamtlich in der Gemeinde zu arbeiten. Von nun an sollte die Priorität unsere Gesundheit sein und unser gemeinsames Leben. An der Seite meines Mannes zu stehen und ihn mit all meiner Kraft zu unterstützen.
Es verstand sich von selbst, dass ich, mit dem Hintergrund meines Linguistikstudiums, meinem Mann mit seinen Manuskripten behilflich war – ich korrigierte sie Tag und Nacht, eine mühsame Aufgabe, die ich jedoch als meine Pflicht betrachtete. Am Anfang waren es seine Doktorarbeit und einige Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften. Ich habe ihn immer dafür gelobt und war stolz darauf, dass er seine wahre Berufung zugunsten der Wissenschaft unterdrückte. Ich wurde zur idealen Zuhörerin seiner Werke, zur ersten Leserin und Lektorin. Sein Vertrauen schmeichelte mir, und ich bewunderte ihn für seine Zerrissenheit: Mich faszinierte der Arzt, sein innerer Kampf, seiner Aufgabe treu zu bleiben, ohne auf die Sirenen seiner Kunst zu hören. Und das nicht etwa aus Mangel an Talent, sondern aus Gewissenhaftigkeit. So sind echte Männer der Pflicht, dachte ich, sie müssen Opfer bringen. Arzt und zugleich Schriftsteller zu sein, das konnte nur Tschechow. Ein anerkannter Arzt heutzutage hat kaum für etwas anderes Raum, als einfach nur Arzt zu sein. Die Kunst muss warten.
Neben meiner Rolle als Lektorin seiner Werke war ich eine Zeit lang auch seine Sprechstundenhilfe.
„Der Doktor ist nicht da.“ „Der Herr Doktor ist beschäftigt, rufen Sie später wieder an.“ „Der Doktor ruht sich aus.“
Ich kannte die Regeln. Ein Arzt kennt keinen Feierabend, aber sein Schlaf ist heilig. Ist er erschöpft und schläft, hat niemand das Recht, seinen Schlaf zu stören. Die Türen bleiben geschlossen, und wenn wir Besuch haben, während er ruht, sprechen wir nur gedämpft. Wenn er zu Hause einen Patienten empfängt und sich die Schiebetür hinter ihm schließt, müssen alle Anwesenden sich unsichtbar machen. Ein Arzt ist stets entweder konkret beschäftigt oder er studiert, um auf dem neuesten Stand seiner Wissenschaft zu bleiben.
Die Patienten dürfen zu jeder Tageszeit anrufen, sogar zur Mittagszeit, wenn es um ihre Medikamente oder einen Notfall geht. Der Arzt nimmt den Hörer ab, senkt seine Stimme und gibt ruhig seine Anweisungen.

Was ihm allerdings zutiefst auf die Nerven geht, ist die Widerrede – weniger, muss man sagen – widerspenstiger Patienten. Wer zum Arzt geht, muss Vertrauen haben und ihm nicht vorschreiben, wie er seine Arbeit zu tun hat. Andernfalls ist das pure Undankbarkeit.
Nun sage ich die ganze Zeit „der Arzt“ statt „mein Mann“, aber das klingt tatsächlich irgendwie präziser. Auch wenn die Sekretärin, das bin ich, keine andere ist als die Ehefrau. Auch wenn diese Sekretärin irgendwann von ihren Pflichten Abstand nehmen muss und in ihre Küche zurückkehrt, um das Abendessen vorzubereiten.
Und nun zurück zum Abendessen, bei uns im Wohnzimmer, wo mein Mann aus seinem neuesten Werk vorliest, das ich immer noch nicht korrigiert habe, Aus seinen Eingeweiden. Ich ahne, dass Theo, der Gynäkologe, ihm mit kollegialer Solidarität zuhört, während Jannis, der Psychiater, sich zutiefst langweilt.
Ich höre, wie anschaulich mein Mann die Melancholie des Arztes beschreibt, der sich der menschlichen Nichtigkeit gegenübersieht und, von Rauchschwaden umhüllt, die Sinnlosigkeit des Daseins zu begreifen versucht, als ihm aus heiterem Himmel die Oberschwester wie ein Engel entgegenschreitet, und da überkommt es mich plötzlich.
Ich stehe in der Küche, wo ich gerade das Dessert holen und servieren wollte. Der Zitronenkuchen liegt tonnenschwer in meinen Händen. Doch mit einem Ruck hebe ich ihn hoch, kehre ins Wohnzimmer zurück, stelle mich mitten vor sie hin, unterbreche die Rezitation und höre mich sagen:
„Es heißt übrigens nicht Endoskopie, sondern Koloskopie. Kolos, versteht ihr? Arsch! Und was für eine Katharsis überhaupt? Es geht um Abführmittel. KOLOS, darum geht es. Dasein und Eingeweide – von wegen. Ein Arsch, weiter nichts. Κ-Ο-L-O-S.“
Ich stelle den Zitronenkuchen auf den Tisch, mache auf dem Absatz kehrt und gehe zurück in meine Küche. Alle drehen sich um und schauen mich an. Mein Mann, entgeistert, hat aufgehört zu lesen. Immerhin der Psychiater der Runde bringt einen interessierten Blick in meine Richtung zustande, zum ersten Mal in den zehn Jahren, die er mich kennt, während die Kinder vor Aufregung kreischen und ihr Spiel unterbrechen.
Dann läuft der Abend ganz normal weiter, endet nur etwas früher als gewöhnlich. Als der letzte Gast gegangen ist, räumen mein Mann und ich den Tisch ab und stellen das Geschirr in die Spülmaschine. Schweigend säubern wir die eleganten Weingläser – ein Hochzeitsgeschenk –, die wir nur zu besonderen Anlässen benutzen, wir spülen sie von Hand, damit sie nicht zerbrechen. Mein Mann steht mürrisch am Spülbecken und versucht, sich nichts anmerken zu lassen, beherrscht sich aber nur mit Mühe.
„Willst du mir vielleicht sagen, was dich so gepackt hat?“
Ich tue so, als ob ich nicht verstünde.
„Stell dich doch nicht dumm, was sollte das Theater mit den Hintern vorhin?“
„Wie ging denn die Geschichte aus?“, spiele ich mein Spielchen weiter.
„Warum hast du nicht zugehört? Offenbar ging es in der Küche spannender zu.“
„Wie kamst du darauf, ihnen Aus seinen Eingeweiden vorzulesen? Ich wusste nicht mal, dass du es beendet hast.“
„Ich habe es gestern zu Ende geschrieben, entschuldige, dass ich dich nicht um Erlaubnis gebeten habe.“
„Es wundert mich einfach, dass du es mir nicht mal zum Abtippen gegeben hast.“
„Es war nicht nötig.“
„Und? Hat es ihnen gefallen?“
Stille.
„Die Eingeweide, meine ich, haben sie ihnen gefallen?“
Eine noch längere Stille, beinahe ohrenbetäubend.
„Was sollen sie schon sagen? Das sind bloß Ärzte, sie verstehen nichts von Literatur.“
„Gab es auch Sexszenen in deinem Werk?“
Er lacht.
„Ist das dein Problem? Bist du vielleicht ein bisschen eifersüchtig? Hast du denn noch nie etwas von ‚künstlerischer Freiheit‘ gehört? Das habt ihr doch bestimmt in eurem Studium behandelt. Es geht um Kunst, da macht man, was man will. Aber das ist hier nicht der Punkt, oder?“
„Und was ist dann der Punkt?“
„Der Punkt ist, wenn du es unbedingt hören willst, was zur Hölle dich da plötzlich vor allen anderen geritten hat. Und hör auf, dich dumm zu stellen.“
„Nichts Besonderes, ich habe nur eine kleine Anmerkung gemacht. Mich hat schon immer die Bedeutung dieser Wörter beschäftigt …“
„Und dazu musstest du mich dermaßen vor meinen Kollegen bloßstellen? Gerade heute fiel dir ein, dass dich diese Wörter interessieren? Besser spät als nie, was?“, fügt er hinzu.
Ich antworte nicht.
„Weißt du, manchmal verstehe ich dich nicht“, fährt er fort. „Du sitzt da und quatschst mit all diesen Hühnern, und urplötzlich musst du so eine Bemerkung in den Raum werfen, nur um die Show an dich zu reißen.“
„Die Hühner sind die Ehefrauen deiner Kollegen. Und von welcher Show redest du?“
„Es sind deine Freundinnen, wolltest du wohl sagen, ob es dir gefällt oder nicht. Und hör auf, dich dumm zu stellen. Wie oft muss ich es noch sagen?“
„Es sind die Frauen deiner Kollegen.“
„Dann such dir andere Freundinnen. Tu endlich mal was. Hör auf, durch das Wohnzimmer zu schlendern und fiese Bemerkungen zu machen. Geh raus in die Welt und sieh dir an, wie das Leben da draußen läuft, verdiene ein paar Groschen, und dann reden wir weiter.“
„Ich bin deine Sekretärin, das ist mein Job.“
„Darüber bin ich mir mittlerweile überhaupt nicht mehr sicher. Ich meine, ob ich noch eine Sekretärin brauche.“
„Willst du mir damit sagen, dass ich nicht mehr deine Sekretärin bin?“
„Du bist nicht meine Sekretärin, du bist meine Frau, nur manchmal scheinst du das zu vergessen. Du bist auch Linguistin, angeblich. Was hat das Kolon des Darms mit dem … ich will es nicht mal wiederholen. Außerdem bist du hysterisch, ja, das ist das richtige Wort. Jannis sieht das übrigens auch so. In den nächsten Tagen solltest du mal zu ihm gehen, wir haben das bereits besprochen.“
„Willst du mir dann sagen, warum du mich geheiratet hast?“
„Weil du so gute Zitronentorten machst. Komm, lass uns jetzt zu Bett gehen, ich muss morgen früh aufstehen.“
Mein Mann geht ins Schlafzimmer. Er zieht seine Kleidung aus, den blauen Schlafanzug und die gestreiften Pantoffeln an, schaltet den Alarm ein und dann den Wecker, putzt sich die Zähne, nimmt ein Glas Wasser, stellt es auf den Nachttisch und legt sich ins Bett. In dieser Reihenfolge, wie immer. Ich bleibe noch ein wenig an der Spüle stehen. Die sauberen eleganten Weingläser von unserer Hochzeit glänzen auf der Arbeitsplatte, ordentlich aneinandergereiht auf ihrem Tablett. Als wären sie gestern erst gekauft worden, denke ich. Morgen wandern sie wieder zurück in ihre Box und in den Schrank, um keinen Platz zu verschwenden und beim nächsten Dinner sauber zurückzukehren.
Ich esse das letzte Stück Zitronentorte, das noch übrig ist. Es ist sauer, trotz des Zuckers und der Glasur, erst jetzt merke ich, wie sauer es wirklich ist. Ich habe diesen Kuchen nie gemocht, der mit der Zeit zu meiner Spezialität wurde und den ich zu mögen gelernt habe. Ich hasse diesen Zitronenkuchen, die Zitronen, die Creme, alles daran, denke ich, während ich den letzten Bissen hinunterschlucke, in vollständiger Gewissheit, dass ich dieses Dessert nie wieder machen werde.
Draußen weht der Wind, die Bäume biegen sich. Ich schalte den Alarm aus, öffne das Fenster und lasse mich vom kühlen Nachtwind umhüllen.

Das Buch
Elena Karakouli, Δέκα τρόποι να εκτεθείς (Zehn Wege, sich bloßzustellen)
Erzählungen, als Sammlung nur auf EL
Verlag Kastaniotis, Athen 2024, 14 €
ISBN 9789600372809
Die Autorin
Elena Karakouli wurde in Athen geboren und arbeitet als Regisseurin. Sie studierte griechische Literatur und Theaterwissenschaften in Athen und Dramaturgie in Deutschland, wo sie am Deutschen Theater in Berlin, am Schauspielhaus Bochum und am Thalia Theater in Hamburg mitwirkte. 2008-2013 war sie Dramaturgin am Nationaltheater in Athen. Seit 1998 unterrichtet sie Literatur und Philosophie an der Deutschen Schule Athen.
Sie inszenierte Stücke von R. Schimmelpfennig, A. Saidel, J. Mayorga, G. Ogawa und I. Bergman auf renommierten Athener Bühnen sowie beim Festival von Athen und Epidaurus.
Der Erzählband „Zehn Wege, sich bloßzustellen“ ist ihr literarisches Debüt.
Elena Karakouli auf diablog.eu hier
Die Übersetzerinnen
Unser Redaktionsmitglied Elena Pallantza ist Gräzistin und Autorin und arbeitet als freie Übersetzerin vom Griechischen ins Deutsche und umgekehrt. 2013 gründete sie an der Universität Bonn den Übersetzungskreis LEXIS.
Für die Übertragung der Novelle Die schwierige Kunst von Dimitris Eleftherakis (Reinecke & Voß Verlag 2017) erhielt sie zusammen mit LEXIS den griechischen Staatspreis für Literarische Übersetzung.
Elena Pallantza auf diablog.eu hier

Die Regisseurin und Korrektorin Carolin Mader arbeitet in Berlin auch als Übersetzerin. Im Tandem mit Elena Pallantza hat sie bereits für verschiedene Autoren, Filmproduktionen, Festivals und Institutionen Texte aus dem Griechischen übersetzt.
Carolin Mader auf diablog.eu hier
Erzählung: Elena Karakouli, mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Übersetzung: Carolin Mader & Elena Pallantza. Buchvorstellung: Elena Pallantza. Redaktion: A. Tsingas. Fotos: Verlag Kastaniotis und privat.
Alle Illustrationen: Elena Pallantza.
Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: