Atalanti Evripidou: Menschen sind komplex und unvollkommen – und das ist großartig

Interview mit Georgia Harda und eine Erzählung

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Die Autorin spricht über ihren ersten Erzählband „Die, die nicht gegangen sind“. Anhand persönlicher Erlebnisse sowie historischer und mythologischer Elemente verbindet sie Fantasie mit Volksüberlieferungen.

Die Sammlung erzählt von Menschen am Rande der Geschichte – im Zeitraum von der osmanischen Besatzung bis heute. Von Frauen, queeren Menschen, ethnischen und religiösen Minderheiten, von Bastarden und Sexarbeiterinnen – sie waren schon immer da, wenn auch selten sichtbar. Sieben Geschichten vor dem Hintergrund eines immer weniger mythisch anmutenden Griechenland, wo Legenden verblassen, Freiheit an den Pranger gestellt wird und Solidarität das Einzige ist, was Bestand hat.
Was in dieser Sammlung besonders hervorsticht, ist die Ehrlichkeit und das Bekenntnis zur Unvollkommenheit, in dem Sinn, dass ihre Figuren nicht ideal, sondern menschlich und vielschichtig sind. Das Buch thematisiert den Konflikt zwischen Wahrheit und Lüge sowie die Widersprüche der menschlichen Seele. Die intensive Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz – verbunden mit der Suche nach der Wahrheit in einer Welt voller Illusionen –, zeigt, dass Evripidous Sammlung darauf abzielt, die dunklen und verborgenen Aspekte der menschlichen Natur zu beleuchten, und hinterlässt bei den Lesenden zahlreiche Fragen zur Geschichte und zum kollektiven Gedächtnis.

Das Interview: Georgia Harda befragt Atalanti Evripidou

Was hat Sie dazu angeregt, diesen Erzählband zu schreiben?

Ich schrieb „Trisévgeni“, die erste Erzählung der Sammlung, im Rahmen eines Workshops für kreatives Schreiben, der von Tales of the Wyrd hier (auf EN) organisiert wurde, und anschließend zwei weitere, „Jenseits der gläsernen Berge“ und „Die, die nicht gegangen sind“, um sie in den Literaturworkshops der Athener Science-Fiction-Gesellschaft (ALEF) vorzustellen. Mir wurde bewusst, dass es in diesen Erzählungen einige thematische und stilistische Gemeinsamkeiten gab, und ich beschloss, noch einige weitere Erzählungen zu schreiben, um eine Sammlung zu schaffen, die genau von diesen thematischen und stilistischen Leitgedanken durchzogen sind.

Beim Lesen des Titels Ihres Buches fragte ich mich, ob das Verharren im Leben eine Art von Widerstand oder von Untätigkeit ist, und auch, was es über die menschliche Natur verrät, dass sich manche Wesen entscheiden zu bleiben, andere jedoch, zu gehen.

Ich denke, das Bleiben kann beides sein, je nach der Situation, in der wir verharren. Die Charaktere der Sammlung tun das Eine oder das Andere – bleiben oder gehen – und beides kann Widerstand sein oder auch Untätigkeit. Der Junge, Vasiliki oder Evgenios entscheiden sich zu gehen, doch das hat unterschiedliche Gründe und ebenso eine andere Aussage; und möglicherweise wird die Leserschaft nicht für alle ihre Entscheidungen gleichermaßen Verständnis aufbringen. Der Kapitän, Evdokia und Stratis sind Figuren, die bleiben, doch – auch hier – sind ihre Motive und die Folgen ihres Bleibens nicht gleichermaßen annehmbar. Mir scheint, dass wir alle im Leben beide Entscheidungen treffen, sowohl um Widerstand zu leisten, aber auch – vielleicht – aus einer Art Starrheit heraus. In manchen Fällen sogar auch zur Selbsterhaltung. Vielleicht ist es letztendlich wichtiger, wo wir stehen, nachdem wir geblieben oder gegangen sind.

Sie haben das Buch Ihrem Großvater gewidmet. Inwiefern ist diese Widmung der Abschied, den Sie nicht mehr nehmen konnten?

Das wurde mir bewusst, als ich meine Abschlussarbeit in Gesellschaftspsychologie zum Thema Trauer abgab: dass ich praktisch ein ganzes Buch geschrieben habe, um den Verlust meines Großvaters zu verarbeiten. Er ist während des Lockdowns von uns gegangen und leider gelang es mir aufgrund der Einschränkungen nicht, ihn noch einmal zu sehen oder an seiner Beerdigung teilzunehmen. Die meisten Erzählungen der Sammlung sind in gewisser Weise von meinen Erlebnissen in meinem Dorf bei Karditsa geprägt, sowohl sprachlich als auch bildlich. Und als ich sechs der sieben Erzählungen geschrieben hatte, wurde mir bewusst, dass ich viele Aspekte des „Griechischseins“ einbezogen hatte, aber nicht die Lebensfreude und das Feiern. Und so wurde mir auch klar, dass ich den Tod meines Großvaters innerlich bereits akzeptiert hatte. Es war ein großer Heilprozess, obwohl er gar nicht als solcher gedacht war.

Wie haben Sie die Thematik der Erzählungen ausgewählt? Haben Sie sich auf persönliche Erfahrungen oder auf mythologische und volkstümliche Elemente der Tradition bezogen?

Eine Mischung von all dem, aber auch auf zahlreiche Zeitzeugnisse, begleitet von einer gehörigen Portion Fantasie. Zwei der Erzählungen sind, wie am Ende des Buches vermerkt ist, von Volksmärchen inspiriert, die im zweibändigen Werk von Georgios Megas Griechische Märchen enthalten sind. Dies sind „Fünf Monde sind dahin“, basierend auf dem Märchen „Herr Weizengrieß“, und „Trisévgeni“, basierend auf dem Märchen „Trisévgeni oder die drei Zedrate“. Aber auch wahre Geschichten, wie die von Thanassis Vagias oder von Zafiris, der an der Seite des Generals des Griechischen Unabhängigkeitskrieges Georgios Karaiskakis kämpfte (hier) sowie Berichte von Menschen, die die deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg erlebt haben, Berichte über die Existenzialisten der fliegenden Hütte (hier, auf EL). Natürlich auch meine eigenen persönlichen Erfahrungen, zusammen mit geliebten Gedichten und Liedern – und, wie bereits erwähnt, einer gehörigen Portion Fantasie. Abgesehen von diesen beiden Erzählungen, die sich an Märchen orientierten, entstanden die übrigen aus dem Gedanken heraus „Wie würde magischer Realismus in Griechenland aussehen?“ (so entstand die namensgebende Erzählung der Sammlung „Die, die nicht gegangen sind, kommen nicht zurück“) oder aus der Notwendigkeit „Ich muss eine Erzählung für den Workshop einreichen und habe es eilig, also suche ich im Internet nach einem Schreibprompt“ (was schließlich zum Prompt „Ein Henker, den sein letztes Opfer verfluchte“ führte).

Es sind sieben Erzählungen. Hat diese Zahl eine besondere Bedeutung?

Die Wahrheit ist, dass es nicht sieben waren. Es waren ursprünglich acht Erzählungen, aber eine habe ich rausgenommen, bevor ich das Manuskript einreichte, weil sie nicht ausreichend zu den übrigen passte. Außerdem gab es noch einen neunten Text, der aber erst später geschrieben wurde, als die Sammlung bereits in den Händen des Lektors war – für diese Erzählung war es also zu spät. Aber ich denke, dass sieben schließlich aus vielen Gründen die ideale Anzahl war. Auf einer eher symbolischen Ebene, weil es eine bedeutungsvolle Zahl ist und das Buch von einer Magie handelt, die ständig schwindet und verloren geht. Auf einer praktischen Ebene, weil man eine Woche zum Lesen braucht, wenn man sich das Ziel setzt, eine Erzählung pro Tag zu lesen.

In Ihrer Erzählung „Der Nagel im Kopf“ hat mir der Satz Jede Lüge ist anderswo die Wahrheit gefallen. Können Sie uns mehr dazu sagen?

Das war eine Erzählung, die in meinem Kopf mit diesem einen Satz begann. Damit begann ich zu schreiben, ohne eine Ahnung zu haben, wohin es führen würde. Ich vermute, der Satz ergab sich aus dem, was wir oft sagen, wenn wir uns verspäten: „Ach, irgendwo auf der Welt wird es schon die richtige Zeit sein“. Aber er verdichtet in gewisser Weise auch diesen Verlust an Erinnerung und Geschichte, diese Details an Wahrheit, die systemisch (und systematisch) geopfert werden, um unser nationales oder persönliches Narrativ zu konstruieren.

In derselben Erzählung erwähnt die Protagonistin den Rat ihrer Großmutter: Erfinde keine perfekten Märchen. Wenn du eine Geschichte erfindest, sorge dafür, dass man sie glaubt, weil sie wahrhaftig klingt, und nicht, weil man dir glauben will; denn irgendwann wirst du die Menschen enttäuschen, und sie werden aufhören, dir glauben zu wollen, und dich mit Rechen und Schaufeln in den Händen verjagen. Glauben Sie, dass dieser Ansatz authentischer und realistischer ist als andere? Und wie steht dieser zum Bedürfnis der Leserschaft nach „Wahrheit“ in einer Zeit, die von Illusionen überschwemmt wird?

Ich möchte mich zunächst auch als Leserin äußern: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich mit makellosen Charakteren identifizieren oder mit ihnen mitfühlen kann.
Ich mag auch keine Leute, die hohl sind, damit sie der oder die Lesende in der Geschichte als Projektionsfläche seiner selbst nutzen kann. Ich möchte über Figuren lesen, die echt sind, dreidimensionale Menschen, bei denen ich nachvollziehen kann, wie ihr Verstand und ihre Seele tickt, auch wenn ich nicht mit ihnen übereinstimme oder ihre Erfahrungen teile. Als Autorin halte ich es heute noch für einen guten Rat, mit den Protagonisten wie mit normalen Menschen umzugehen. Menschen sind komplex und unvollkommen, und das ist im wirklichen Leben genauso angebracht wie in der Literatur.

In der Erzählung „Der Sommer, in dem die Freude verloren ging“ schreibt ein Protagonist: Das Leben hat keinen Höhepunkt, denn es ist keine Erzählung. Glauben Sie, dass es im Leben, wie auch in der Literatur, eine gewisse „Logik“ gibt, einen bestimmten Verlauf? Oder ist das Leben dazu verdammt, unvollendet zu bleiben?

Ich denke, dass Leben und Erzählung zweierlei sind: Das Leben an sich hat keine Konsequenzen, ergibt keinen Sinn und unterliegt keiner Logik, aber wenn man es erzählt, die Art und Weise, wie wir uns daran erinnern, beinhaltet doch all das. Oft passieren zwei zusammenhangslose Ereignisse gleichzeitig; später erinnern wir uns aber daran, als wären sie nacheinander passiert, weil das der Erzählung dienlich ist. Beispiel: „Ich bin auf eine Bananenschale getreten – im selben Moment kam mein Bus vorbei und ich habe ihn verpasst“. Das wird zu „Ich habe den Bus verpasst, weil ich auf eine Bananenschale getreten und hingefallen bin“. In der Literatur muss die Erzählung überzeugend, wenn nicht sogar realistisch sein, sodass sie eine gewisse Logik hat – allerdings eher eine innere Logik, denn natürlich gibt es Gattungen wie das Absurde oder das Skurrile, die auf den ersten Blick dieser Logik gar nicht zu folgen scheinen, aber dennoch eine innere Kontinuität aufweisen.

Das Buch deckt historisch ein breites Spektrum ab, von der osmanischen Herrschaft bis in die Gegenwart, mit besonderem Schwerpunkt auf Personen, die am Rande der Geschichte leben. Wie sind Sie auf diese Figuren gekommen und wie ist ihre eigene Beziehung zur griechischen Gesellschaft?

Ich bin der Ansicht, dass es in der langen, überbordenden Geschichte Griechenlands viele unausgesprochene Geschichten gibt – etliche Dinge, über die wir nicht offen sprechen oder die wir sogar komplett unter den Teppich kehren. Gab es im griechischen Befreiungskampf überhaupt keine queeren Menschen? Waren alle Freiheitskämpfer ständig und ausnahmslos kreuzfromm? Was bedeutete es, als unverheiratete Mutter im Dorf zu leben? Wie entstehen unsere Familiensagen? Wie wird das kollektive Gedächtnis geformt und welche Menschen bleiben dabei außen vor? Diese Fragen stelle ich mir auch jenseits der Literatur. Und aus der Position einer Person heraus, die das Privileg hat, diese Fragen stellen zu können, versuche ich – so gut es mir mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln möglich ist – Licht auf diese nicht wahrgenommenen Geschichten inmitten der geschichtlichen Ereignisse zu werfen. Ich glaube aber auch, dass die heutige Gesellschaft auf einem Weg der Besserung ist: Im Vergleich zu der Zeit vor zehn oder sogar fünfzig Jahren gibt es erhebliche Fortschritte, was Akzeptanz, Toleranz und Vielfalt angeht. Aufgrund meines Berufs komme ich ständig mit jungen Menschen von 18–19 Jahren in Kontakt; es berührt mich zu sehen, dass jede neue Generation etwas aufgeschlossener und sensibler als die vorherige ist.

Die griechische Tradition und insbesondere die Volksdichtung und die Volksmärchen scheinen in ihrem Schreiben wichtige Komponenten zu sein. Erzählen Sie uns davon.

Daran sind wohl die Märchen von Georgios Megas schuld. [*] Ich habe sie als Kind innig geliebt, sie auch als Erwachsene oft gelesen und immer eine Verbundenheit mit ihnen gespürt, die bei den westeuropäischen Erzählungen so nicht aufkam. In den Volksmärchen gibt es kluge Frauen, die Prinzen retten, es gibt Protagonisten, die die Lamia und die Drachen mit Klugheit und nicht mit körperlicher Stärke besiegen; sie haben oft Humor und strahlen eine universelle Authentizität aus. Sie sind bodenständig, riechen nach Scholle. Gleichzeitig leben wir in einem Land, das vor lauter Touristen fast untergeht; außerhalb der Landesgrenzen weiß man jedoch wenig mehr über Griechenland als von seiner fernen, antiken Vergangenheit und der Wirtschaftskrise. Insbesondere das antike Schriftgut und die Mythologie gehören der ganzen Welt – wir beobachten einen zunehmenden Trend, dass ausländische Autoren Nacherzählungen der griechischen Mythologie verfassen. Aber die Volkstradition, unsere Volkslieder, unsere Märchen, die Geschichten unserer Dörfer gehören uns und wurden bislang noch von niemandem vereinnahmt. Daher erscheint es mir logisch, dass sich jüngere Autoren wie ich und andere, die mir vorausgegangen sind, sich dahin wenden, wenn sie Inspiration, persönlichen Stil oder gar Identität suchen. Es ist vielleicht eine Neuverhandlung dessen, was als „Griechischsein“ gilt – und das zu unseren eigenen Bedingungen.

Inwiefern steht das Konzept des persönlichen Opfers, das sich durch mehrere Erzählungen Ihrer Sammlung zieht, mit der heutigen Realität in Verbindung? Sind Sie der Meinung, dass die Menschen heute zu ähnlichen Opfern aufgerufen werden? Und wenn ja, was sind sie bereit zu opfern?

Ich bin froh, dass wir nicht dazu aufgerufen werden, ähnliche Opfer zu bringen, denn wir befinden uns weder im Krieg noch unter einer wie immer gearteten Besatzung. Und auch, dass sich in vielerlei Hinsicht Lebensqualität und Gesellschaft verbessert haben. Gleichzeitig möchte ich behaupten, dass wir jeden Tag Opfer bringen, auch wenn es nicht die allergrößten sind. Sicherlich ist es heroisch, sein Leben zu opfern, um sich gegen Besatzer zu wehren, aber drei Jobs zu haben, um die eigenen Kinder zum privaten Englischunterricht schicken zu können, ist ebenfalls ein bedeutendes Opfer, wenn auch ein eher triviales.

Ihre Erzählungen spiegeln die griechische Geschichte und ihre Widersprüche sehr eindrücklich wider. Was hat Sie dabei am meisten beschäftigt und dazu bewegt, sich auf solche Themen zu konzentrieren?

Ich habe mich immer wieder gefragt, wo solche Geschichten zu finden sind und warum wir sie nicht erzählen. Geschichten wie die von Zafiris in „Trisévgeni“, die ich bereits erwähnt habe, oder die der Existentialisten von Simos, die so viel Geld für die Erdbebenopfer auf den Ionischen Inseln gesammelt haben. Und das Bedürfnis, mir ein Bild von ihnen zu machen und sie durch die Fantasie mir selbst und den Lesenden wieder ins Gedächtnis zu rufen. Es war diese besondere Ungerechtigkeit des kollektiven gesellschaftlichen Vergessens.

Ihre Sammlung thematisiert die Widersprüche und dunklen Seiten der menschlichen Existenz und wagt es, historische und gesellschaftliche Stereotypen zu hinterfragen. Welche Botschaft wollten Sie Ihrer Leserschaft durch diese Herangehensweise vermitteln?

Was die Botschaft angeht, habe ich keine Vorstellung; aber ich wäre sehr zufrieden, wenn diese Sammlung auch nur einen einzigen Lesenden dazu anregen würde nachzudenken, über welche Art von Menschen geschrieben wird und über welche nicht.


[*] Georgios Megas war ein griechischer Volkskundler. Er wurde am 13.08.1893 in Mesimvria/Ostthrakien (dem heutigen Nessebar an der bulgarischen Schwarzmeerküste) als Sohn eines Lehrers geboren. Er besuchte die Schule in Siatista, dem Herkunftsort seines Vaters, und schloss 1913 sein Philologie-Studium in Athen ab. Megas arbeitete erst als Grundschullehrer. 1926-1930 studierte er in Leipzig und Berlin Klassische Philologie und Volkskunde. Danach war er als Gymnasiallehrer und im Volkskundearchiv der Akademie von Athen tätig, das er von 1936 bis 1955 leitete. Ab 1947 lehrte er Volkskunde an der Universität Athen.
1960 übernahm er den Vorsitz der Griechischen Volkskundlichen Gesellschaft (Ελληνική Λαογραφική Εταιρεία). Er sammelte und veröffentlichte zahlreiche Volksmärchen, fantastische Erzählungen der Volksliteratur sowie Werke der Volksdichtung, die das ländliche Leben, die Sitten und Bräuche, die Vorurteile, die Aberglauben und die Lebenswerte widerspiegeln. Er war der erste Grieche, der Volkserzählungen nicht nach lokalen oder geografischen, chronologischen oder spektakulären Gesichtspunkten klassifizierte, sondern nach dem internationalen Aarne-Thompson-Uther-Index (ATU). Um dem zukünftigen Forscher die Arbeit zu erleichtern, gibt er am Ende des Buches stets den Typus an, zu dem jedes Märchen gehört (Tierfabel, Volksmärchen oder heitere Erzählung), sowie dessen Herkunft und Varianten.
Am 22.10.1976 starb er bei einem Autounfall.


Die Erzählung
Der Nagel im Kopf

Jede Lüge ist anderswo die Wahrheit. Das habe ich von deiner Großmutter gelernt. Die, die von wo sie auch immer wegging, anders in Erinnerung blieb. Hier war sie die Hebamme, dort eine Hausiererin, anderswo eine Hexe oder auch eine Heilige.
Wir zogen von Dorf zu Dorf, mit unserem Maultier und einem Planwagen, beladen mit unserem Hab und Gut; abends machten wir Suppe auf dem Gaskocher warm und schliefen auf einer Matratze. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt, und er hat mir auch nicht besonders gefehlt. Vielleicht habe ich ein-, zweimal nach ihm gefragt, und vielleicht hat meine Mutter etwas darauf geantwortet, aber ich erinnere mich nicht mehr daran. Es gefiel mir jedoch nicht, dass man mich überall Bankert nannte und an den Brunnen und in den Kaffeehäusern über mich tuschelte.
Also, als ich mit dir schwanger war, erfand ich ein Märchen und erzählte es mir so oft vor dem Spiegel, bis ich es schließlich selbst glaubte. Jede Lüge ist anderswo die Wahrheit. Ich kam nach Kalyvia, den Bauch bis zur Brust, öffnete das Haus meiner Tante Marigo, lüftete es aus und erzählte, mein Mann sei Seemann und auf Reisen. In ein paar Monaten würde ich in die Stadt fahren und mir selbst einen Brief zuschicken, der mir seinen Tod mitteilen würde. Lieber Witwe und Waise als Hure und Bankert. Ich hatte mir alles im Kopf zurechtgelegt, bis dein Vater auftauchte und meine Pläne durchkreuzte.
Ich sage „dein Vater“, aber wer weiß, ob er das ist – oder was er wirklich ist. Der Mann, der mich geschwängert hat, ist er jedenfalls nicht. Manchmal, wenn ich dich anschaue und sehe, wie sehr du ihm ähnlich siehst, fällt es mir schwer, mich daran zu erinnern, wie ich ihn kennengelernt habe, nachdem du geboren wurdest. Dann fällt es mir natürlich wieder ein, und mir versagen die Beine, obwohl ich Stratis sehr geliebt habe. Warum eigentlich? Das ist nicht leicht zu erklären, aber ich muss es versuchen. Das Vergessen hat schon eingesetzt, und ich befürchte, wenn ich es dir nicht erzähle, wirst du bald beide Elternteile verlieren, meine kleine Julia.
Als ich ins Dorf kam, war ich eine Fremde. Ich hatte zwar das Haus meiner Tante geerbt, aber niemand hatte mich je gesehen oder von mir gehört. Und über meine Mutter, die mit fünfzehn hochschwanger von zu Hause weggegangen war, hatten sie nichts Gutes zu sagen. Nicht alle glaubten meiner Geschichte und betrachteten mich so mit Argwohn. Doch im Laufe der Monate ließ schwächte jeder Brief, den ich an meinen angeblichen Mann schickte, das Gerede ab. Und als ich gebar und die Hebamme mich fragte, wie ich das Kind denn nennen wollte, sagte ich: Julia, wie meine Schwiegermutter. Schau jetzt nicht so, ich weiß, dass es keine Schwiegermutter gab. Was denn, hätte ich dich Agoritsa nennen sollen, wie deine Großmutter? Julia ist doch ein schöner Name.
Vierzig Tage lang habe ich das Haus nicht verlassen. Ich wollte, wollte so sehr, mich – noch mehr dich – mit den Nachbarn gut stellen. Also blieb ich vierzig Tage drin, und mit jedem Tag, der verging, kamen immer mehr Frauen, um mir Pasteten und frische Milch, Löffeldesserts und Marmeladen zu bringen. Und um dich zu sehen, natürlich.
Eines Abends kam auch Fanouris, der den Gemischtwarenladen auf dem Dorfplatz hatte – erinnerst du dich an ihn? Ich weiß selbst nicht mehr, wie oft ich dir gesagt habe, du sollst dich von ihm fernhalten, als du noch klein warst, ich habe den Überblick verloren. Und du hast dich immer bei mir beklagt, dass die anderen Kinder gefüllte Hörnchen und Zuckerwerk bei ihm kauften und ich es dir nicht erlaubte. Wie auch immer. Ich hatte dich gerade gestillt und meine Bluse war von der Milch durchnässt. Ich erwartete keinen Besuch, aber ich dachte mir, dass vielleicht eine Nachbarin vorbeigekommen sei; ich öffnete die Tür, ohne groß nachzudenken.
„Wie geht’s dir, Paraskevi?“, fragte er mich mit honigsüßer Stimme.
Er hatte einiges intus, seine Nase war rot, seine Augen glänzten, und sein Atem roch nach Tsipouro.
„Mir geht’s gut, Fanouris, aber ich muss das Kind ins Bett bringen, es ist schon spät“, sagte ich höflich, denn es ging einfach nicht, unhöflich zu dem einzigen Mann im Dorf zu sein, der Brot und Milch verkaufte.
„Darf ich kurz reinkommen? Ich möchte dir was sagen“, fuhr er fort, als hätte ich kein Wort gesagt.
Wenn man seine Jahre auf der Straße von Ort zu Ort verbracht hat, lernt man schnell zu erkennen, wann jemand einem nichts Gutes will. Meine Mutter sagte zu mir, dass jeder Mensch auf dieser Erde mit einem Nagel in der Brust oder im Kopf oder im Unterleib wandelt, und dass man, wenn man überleben will, besser so tun sollte, als würde man den Nagel des anderen nicht sehen und auch nicht ahnen, wie er dessen Leben bestimmt. Deine Großmutter war eine weise Frau. Weiser als ich.
„Ich muss das Baby schlafen legen“, sagte ich erneut.
Diesmal gelang es mir nicht, meinen Unmut zu verbergen. Fanouris’ aufgesprungene Lippen verzogen sich zu einem vulgären Grinsen.
„Willst du wirklich, dass ich das, was ich zu sagen habe, hier draußen sage, meine kleine Paraskevi?“ Mein Name in seinem Mund verursachte mir Übelkeit. Ich sagte nichts. „Es könnte jemand mithören …“, legte er nach. Da beschloss ich, dass er, egal welche weiteren Drohungen oder Wahrheiten er auch immer von sich geben wollte, meine Türschwelle nicht kampflos übersteigen würde. Zu meinem Glück fingst du in diesem Moment an, laut zu weinen.
„Gute Nacht, Fanouris“, sagte ich und wollte die Tür schließen.
In dem Moment, als er seine verschwitzte Hand dagegenstemmte und seine Visage in den Spalt drückte, hätte ich beinah mein Herz auf dem Boden erbrochen. Ich erinnerte mich daran, dass mir eine Nachbarin erzählt hatte, Fanouris sei im Krieg gewesen. Das kroch zu meiner Kehle hoch und schnürte sie zu; ich räusperte mich mehrmals, aber es wollte mir nicht gelingen, sie frei zu bekommen. Dein Weinen wurde lauter. Als ob du verstanden hättest.
„Ich habe einen Cousin bei der Post, unten in der Stadt“, sagte er leise. „Weißt du, was er sagt, kleine Paraskevi? Dass die Briefe, die du schickst, immer an eine bestimmte Adresse in Athen gehen. Was für eine Sorte Seemann ist dein Mann, der gar nicht auf See ist, aber weit entfernt von Frau und Kind lebt?“
Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, eine Lüge vorzutragen, die anderswo vielleicht wahr wäre, kam aber nicht dazu.
„Paraskevi…?“
Die Stimme, die hinter Fanouris erklang, kannte ich nicht, aber sie gab mir wieder Mut und ich schob Fanouris beiseite. Der drehte sich verwirrt um, um zu sehen, wer hinter ihm stand.
Den Mann am Tor kannte ich nicht, obwohl ich ihn bis dahin schon tausendmal beschrieben hatte, mit seinem dichten Haar, dem Bart und den zwei Fingern, die an seiner linken Hand fehlten. Auch das hatte mir deine Großmutter geraten: Erfinde keine perfekten Märchen. Wenn du eine Geschichte erfindest, sorge dafür, dass man sie glaubt, weil sie wahrhaftig klingt, und nicht, weil man dir glauben will; denn irgendwann wirst du die Menschen enttäuschen, und sie werden aufhören, dir glauben zu wollen, und dich mit Rechen und Schaufeln in den Händen verjagen.“ Wahr können nur Menschen sein, die Macken haben, Zaubertränke, die nicht immer wirken, Heilmittel, die vielleicht auch mal daneben gehen. Das sagte meine Mutter, und deshalb hatte Stratis nicht alle seine Finger.
Er trug ein verblichenes Bündel über der Schulter und blickte mit dicken, zusammengezogenen Augenbrauen mal Fanouris und mal mich an. Du hast inzwischen laut gebrüllt. Der Mann warf einen besorgten Blick auf unser Haus und wandte sich dann wieder mir zu.
„Paraskevi…?“ wiederholte er, diesmal langsamer, bedächtiger. Sein Tonfall war ruhig, höflich, doch sein Körper wirkte wie eine gespannte Stahlfeder. „Was ist los? Geht es euch gut? Dir? Dem Kind?“
Ich weiß nicht genau, wie ich dir erklären soll, was in diesem Moment in mir vorging. Einerseits war ich erleichtert, dass jemand aufgetaucht war, mich zu retten. Andererseits war ich wütend, dass ich mich nicht selbst retten konnte. Und ein Teil von mir schrie, dass mir dieser Mann doch völlig fremd sei – vielleicht war er noch dreimal schlimmer als Fanouris – und wer würde mich dann retten?
„Und wer bist du?“, fragte Fanouris schroff.
„Ich bin Stratis“, sagte der Unbekannte, „Paraskevis Mann.“
Für einen Moment hörte ich auf zu atmen, ich schwör´s. Mir schoss durch den Kopf, dass auch das ein Teil von Fanouris’ Plan war, der mich dazu bringen sollte, den Schwindel zuzugeben. Wo der Gemischtwarenhändler den Mann her hatte, der genau dem entsprach, den ich beschrieben hatte, war mir schleierhaft – und dazu kam noch, dass er besoffen war. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Unmöglich war es sicher nicht. Viele hatten im Krieg Finger verloren, viele hatten braunes Kopf- und Barthaar und blaue Augen und Wimpern lang wie Grashalme. Aber warum sollte sich der Fremde in Fanouris’ Tricksereien hineinreißen lassen? Mir wurde schwindelig, und ich merkte nicht mal, dass plötzlich jemand neben mir stand und mich stützte, damit ich nicht umkippte. Und zu all dem kam noch dein ausdauerndes Plärren.
Ich warf einen verstohlenen Blick auf den Pseudo-Stratis. Sogar die Größe hatte Fanouris, dieser Wichser, richtig hingekriegt, genau meine Größe, nicht einen Zentimeter drüber oder drunter.
„Soll ich ihn wegschicken?“, flüsterte er mir ins Ohr, mit einer Stimme wie ein Sonnenstrahl, nach dem du dich schon so lange gesehnt hast. Seine Arme, die mich hielten, waren warm und bestimmt. Ich habe in meinem Leben viele Menschen mit unentschlossenen Händen kennengelernt, aber dein Vater war nicht von dieser Sorte.
Ich brachte kein Wort heraus.
„Besser, du gehst“, hörte ich den Mann zu Fanouris sagen. „Es ist spät, und das Kind … du verstehst …“
Er schloss die Haustür, nahm mich sanft bei der Hand und bat mich, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Reichte mir auch ein Glas Wasser und verschwand. Heute denke ich, es war nicht klug, einen Fremden ins Haus und mit dir allein zu lassen, wo du doch noch ein Säugling warst, aber so war es nun mal. Teils, weil ich völlig desorientiert war, teils, weil damals andere Zeiten waren, ist es passiert. Als ich merkte, dass du aufgehört hattest zu weinen, sprang ich auf und lief ins Obergeschoss. Du schliefst in den Armen dieses Mannes und hieltst mit deiner kleinen Hand den Zeigefinger seiner verstümmelten Hand fest umklammert. Und er … Er hatte ein ehrfürchtiges Lächeln, so als hätte er noch nie in seinem Leben ein Baby gesehen. Als er mein Kommen bemerkte, hob er den Blick. So unschuldig und warmherzig, wie er mich ansah, konnte ich weder glauben, dass er Theater spielte, noch mir vorstellen, dass er einen Vorteil daraus ziehen könnte.
„Gib mir das Kind“, sagte ich, lauter als beabsichtigt.
„Darf ich es noch ein bisschen halten?“, fragte er leise, und die Sehnsucht in seiner Stimme konnte nicht vorgetäuscht sein. Wer könnte ein so guter Schauspieler sein?
Ich riss dich aus seinen Armen und du fingst wieder an zu weinen. Der Mann sagte nichts, ging aber auch nicht aus dem Zimmer; er ließ mich dich beruhigen, wie ich es für richtig hielt, und für einen Moment war nur dein Winseln zu hören. Als du wieder eingeschlafen warst, warf ich mir einen Schal über die Schultern und bedeutete ihm, mir in die Küche zu folgen. Er stellte sein Bündel neben das Kinderbett und kam mit.
„Und jetzt raus mit der Sprache: Wer bist du eigentlich? Was willst du von mir?“ Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber ich hörte ihm gar nicht zu. Ich war nicht in der Stimmung für Ausreden. Wollte den Fremden nur aus dem Haus haben und mich schlafen legen. Niemand hatte mich darauf vorbereitet, dass Mutterschaft so anstrengend sein würde – deine Großmutter wirkte immer fröhlich und unbeschwert. Natürlich, weil sie eine viel bessere Lügnerin war als ich. „Wage es ja nicht, Hand an mein Kind zu legen – bei der Heiligen Jungfrau, ich bringe dich um.“
„Paraskevi, was sagst du da?“, fragte der Mann, und seine Frage nahm mir den Wind aus den Segeln. „Ich verstehe dich nicht.“ Er setzte sich auf einen Hocker und rieb sich geistesabwesend den knurrenden Magen. Seine ganze Aufmerksamkeit galt mir; aber nicht auf Fanouris‘ Art und Weise. Er sah mich besorgt an und seine Augen suchten in meinem Gesicht nach einem Anzeichen, das erklären könnte, was in mir vorging. „Geht es dir gut?“
Diese vier kleinen Worte verstärkten noch meine Unruhe. Ich griff nach einem Messer von denen, die neben dem Waschbecken abtropften, und schwang es drohend in seine Richtung. Ich spürte, wie mein Körper hölzern und steif wurde, als hätte er sich, bis auf die bewaffnete Hand, komplett verkrampft. Und auch sie fühlte sich nicht wie meine eigene an. Ich hatte bislang noch nie jemanden bedroht und war mir nicht sicher, ob ich es richtig machte; aber zumindest tat ich mehr, als nur dazustehen und darauf zu warten, von einem Fremden gerettet zu werden. Seine Augen weiteten sich, als er die Klinge sah.
„Sag mir, wer du bist und was du willst. Willst du Geld? Ich habe keins.“ Er holte tief Luft und schloss für ein paar Sekunden die Augen. Er schwieg eine Weile, als würde er in seinem Inneren nach etwas suchen. Ausreden? Lügen? Geduld? Ich hatte keine Ahnung.
„Warum tust du das, Paraskevi?“, sagte er so leise, dass ich nähertreten musste, um ihn besser zu verstehen. Er öffnete die Augenlider; die Augen schwammen in Tränen, und das ließ mich auf den Fersen wanken, denn es war etwas, worüber ich oft nachgedacht hatte, es aber niemandem erzählt hatte, wenn ich mein Märchen aufsagte. Mein Stratis weinte ohne zu zögern, wenn ihm danach war. „Ich weiß, dass ich lange weg war, aber es war zu unserem Besten, das schwöre ich, sei mir nicht böse. Ich habe ordentlich was zur Seite gelegt und muss nun nicht mehr in See stechen. Verzeih mir, Paraskevi, ich wollte nicht so viel verpassen, ich wollte hier sein, gemeinsam mit dir das Haus einrichten, wollte dir bei der Geburt zur Seite stehen, du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich das wollte. Aber jetzt bin ich da und habe nicht vor, wieder zu gehen. Ich dachte, das sei so in Ordnung.“
Er senkte den Kopf, und ich sah gerade noch, wie eine Träne auf seine Hand tropfte. Ich stieß einen Seufzer aus, plötzlich erschöpft, und zog einen Stuhl heran, um mich zu setzen. Wie ein leerer Sack fiel ich in mich zusammen.
„Ich frage dich zum letzten Mal: Wer bist du?“ Ich betonte jedes Wort einzeln, in der Hoffnung, er würde endlich begreifen, dass sein schauspielern mich nicht so leicht überzeugen würde.
Der Mann stöhnte verzweifelt.
„Ach, liebe Paraskevi, was soll ich noch sagen?“, fragte er. „Ich bin es, dein Stratis. Hast du mich vergessen?“ Für ein paar Sekunden sagte er nichts weiter, meine Augen fielen vor Erschöpfung fast zu. „Hast du vergessen, dass ich in Chalkida aufgewachsen bin? Dass ich mit vierzehn zum ersten Mal an Bord ging und mit zwanzig in den Großen Krieg zog? Wie ich die zwei Finger verloren habe? Dass du als freiwillige Krankenschwester jeden Abend zu mir kamst und mir vorgelesen hast, damit ich einschlafen konnte? Das Lesen hat mir immer zu schaffen gemacht, aber die Geschichten gefielen mir, auch wenn ich sie von allein nicht verstehen konnte. Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war der Krieg vorbei, und ich fing an, dich förmlich zu umwerben. Ich habe um deine Hand angehalten, du hast eingewilligt, und wir haben geheiratet.“ Er zuckte mit den Schultern und lächelte schüchtern. „Dann hast du von deiner Tante das Haus geerbt, und wir haben beschlossen, dass ich für ein paar Monate anheuere, du ins Dorf gehst und wir uns, wenn ich nachkomme, ans Kinderkriegen machen. Aber nach nur anderthalb Monaten auf See hast du mir geschrieben, dass seist schwanger. Ich habe mein Bestes getan, um schnell zu Geld zu kommen, und dann bei euch zu sein. Ich habe …“ Er hielt kurz inne und biss sich auf die Lippen. „Ich habe dort in der Ferne Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin, aber nichts, was dich oder unsere Ehe in den Schmutz gezogen hätte, Paraskevi. Habe Sachen getan, die ich bereue, sie waren aber nötig. Nun, der bin ich.“
All das hatte ich den Nachbarn immer und immer wieder erzählt, wenn sie nach meinem Mann, dem Seefahrer, fragten. Nur eine Sache hatte ich nicht preisgegeben, obwohl ich sie mir im Kopf zurechtgelegt hatte: dass mein Stratis Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hatte. Als ich zwölf oder dreizehn war, lernte meine Mutter einen Mann kennen, in den sie sich für kurze Zeit verliebte. Für kurze Zeit. Er war ein guter Mensch, aber deine Großmutter pflegte nicht, sich mit guten Menschen abzugeben. Er mochte es, wenn ich ihm vorlas, und lobte mich immer dafür, dass ich das konnte. Er war zur Schule gegangen, hatte versucht zu lernen, aber die Buchstaben und Wörter tanzten vor seinen Augen, und er verstand nicht viel davon. Von all den Liebhabern meiner Mutter hat er sich uns gegenüber am anständigsten verhalten. Deshalb formte ich den Stratis aus dem Märchen so, dass er ein guter Mensch ist, sich anständig verhält und mit Wörtern schwertut. Das und seine tränenfeuchten Augen überzeugten mich davon, dass sein Erscheinen vielleicht doch keine List von Fanouris war, sondern ein Geschenk der Heiligen Jungfrau.

Ich bin nicht so recht dahintergekommen, ob Gott und seine Engel aus irgendeinem Grund Mitleid mit mir hatten, oder ob das, was geschah, auf meinem Mist gewachsen war. Ich kann dir nur sagen, dass noch andere Dinge an unserer Tür geschahen, weil ich fest an sie glaubte und von ihnen erzählte. Weißt du noch, wie du als Kind Scharlach hattest? Wir hatten damals große Angst, dich zu verlieren. Aber ich träumte, du seist gesund, und am nächsten Tag warst du tatsächlich wieder auf den Beinen. Ich weiß nicht mal, ob das eine Gabe von mir ist oder ob sie meiner Familie im Blut liegt – ob deine Großmutter sie hatte und auch du sie hast. Ich hoffe, dass du sie hast, denn ich fange an zu vergessen, mein Kind.
Es war nicht immer einfach mit Stratis. Am Anfang ließ ich ihn auf dem Sofa schlafen; ich traute ihm nicht. Jedes Mal, wenn er ansetzte, mir zu helfen, war ich alarmiert. Und immer, wenn ich mitbekam, wie er mit dir spielte oder dich in den Schlaf wiegte, zitterte ich vor Angst. Er war kein Heiliger, aber sehr geduldig. Ich habe lange gebraucht zu begreifen, dass ich einen ganz normalen Menschen erschaffen hatte; besser als die meisten, aber doch ganz normal. Als ich das begriffen hatte, wurde das Leben für uns beide leichter.
Mit meinem Verhalten habe ich ihn oft gekränkt und wir haben uns nicht wenige Male gestritten. Aber ich habe ihn geliebt und liebe ihn immer noch. Er hat mir das Beet für die Rosen angelegt und den kleinen Pfirsichbaum gepflanzt, hat mir Bücher aus der Stadt mitgebracht, um sie gemeinsam mit mir zu lesen. Und ich half ihm bei den Briefen, den Rechnungen und Quittungen, als wir das Farbengeschäft eröffneten. Sechzig Jahre, und wir haben uns immer noch nicht satt. Und sieh nur, was er jetzt macht: Er schleppt mich zu allen Ärzten, auch wenn es keinerlei Rettung für mich gibt.
Einen treueren Ehemann und Vater habe ich in meinem ganzen Leben nicht getroffen. Es wäre schade, wenn auch du ihn verlieren würdest, nur weil mein Kopf Löcher bekommt. Ich möchte, dass du mit allem, was du hast, an ihn glaubst, jetzt und in der Zukunft, bis zum Ende der Zeit, wenn wir dem Allmächtigen gegenüberstehen. Ich werde es auch tun, solange ich noch kann, doch ich fürchte, es wird nicht von Dauer sein. Schon jetzt erinnere ich mich nur noch an den wenigsten Tagen an ihn.
Versprich es mir, Julia. Versprich mir, dass du an meinen Stratis denkst, dass du dich für uns beide an ihn erinnerst, wenn ich ihn vergessen habe. Und wenn du ihn über das Menschenmögliche hinaus am Leben erhalten kannst, wenn sich deine Kinder und die Kinder deiner Kinder an ihn erinnern können, werde ich in dem Wissen gehen, dass ich trotz all meiner Fehler auf dieser Erde auch zwei Dinge gut hinbekommen habe: dich und ihn.


Das Buch
Atalanti Evripidou, Die, die nicht gegangen sind (bislang nur auf EL)
Verlag Polis, Athen 2024, 175 Seiten, ca. 14 Euro
ISBN: 978-960-435-872-4

 

Die Autorin
Atalanti Evripidou wurde 1987 geboren. Sie ist Sozialpsychologin und schreibt gelegentlich auch Gedichte. Erzählungen von ihr erschienen auf Griechisch in den Anthologien „Verwunschene Stadt“ (Ars Nocturna, 2013), „Töchter der Nacht“ (Ars Nocturna, 2016), „Das Licht in den Spalten“ (Archetypo, 2021), „Vielleicht #1“ (Oxy, 2021), „Countdown“ (AllBooks, 2024) und „Opfergaben“ (Agnostiki Kantath, 2025). Gedichte von ihr sind auf den Online-Portalen „Frear“ und „Vlavi“ zu finden. Auf Englisch wurden Kurzgeschichten von ihr in Zeitschriften wie „Luna Station Quarterly“, „Skull & Laurel“, „34 Orchard“, „Gallery of Curiosities“ und „Speculative North“ veröffentlicht. Auf Deutsch befindet sich ihre, aus dem Englischen übersetzte, Erzählung „Trisévgeni“ unter dem Titel „Kinderly“ im Sammelband „Schatten aus der Welt der Sonne: Fantastische Literatur aus Griechenland“ erschienen, hier. Sie hat mit dem Rollenspielverlag Onyx Path Publishing an den Publikationen „Gods and Monsters“ und „Forgotten and Forbidden Orders“ zusammengearbeitet. Die besprochene Sammlung „Die, die nicht gegangen sind“ ist ihr erstes Buch. Es war für den „Menis Koumandareas“-Preis des griechischen Schriftstellerverbandes sowie für den Staatlichen Preis für Erzählungen/Novellen nominiert. 2026 wurde das Buch mit dem Debütantenpreis für Prosa der Literaturzeitschrift o anagnostis ausgezeichnet.

Die Interviewerin
Georgia Harda wurde in Kavasila der Präfektur Ilia/Peloponnes geboren. Sie ist Journalistin und arbeitet als freie Berichterstatterin bei einem privaten Fernsehsender. Ihre tiefe Liebe gehört Büchern und der Literatur im Allgemeinen; im Rahmen ihrer journalistischen Laufbahn hat sie Interviews mit renommierten griechischen und ausländischen Schriftstellern geführt. Gleichzeitig verfolgt sie aktiv die zeitgenössische Musikszene, tauscht sich mit Künstlern und Kreativen aus und bietet sowohl aufstrebenden Talenten als auch bereits bekannten Namen der Szene eine Plattform. Ihre Artikel über Literatur und Musik erscheinen in der Online-Presse. Sie ist ordentliches Mitglied des Athener Verbandes der Tageszeitungsredakteure. In ihrer Freizeit liest sie viel, läuft, schwimmt und genießt die sonnigen Tage.

Interview: Giorgia Harda (Übers. A.Tsingas). Das Interview erschien zuerst im Onlinemagazin fractal hier (auf EL). Mit freundlicher Genehmigung der Interviewerin und des Portals. Erzählung: Atalanti Evripidou (Übers. A.Tsingas). Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Fotos: fractal. Redaktion: A.Tsingas. 

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2 Kommentare zu „Atalanti Evripidou: Menschen sind komplex und unvollkommen – und das ist großartig“

  1. Die Interviewerin „liest viel, läuft, schwimmt und genießt die sonnigen Tage“ lese ich in dem Text ganz unten.
    Deswegen ist Griechenland bei den Deutschen so beliebt.
    Das ergibt für mich einen spannenden Gegensatz zum Buchtitel „Die, die nicht gegangen sind“.
    Meine Mutter harrte auf dem Gut der Schwiegereltern in Westpreussen (jetzt Polen) aus bis „der Russe“ kam und mein Vater wurde kurz vor Stalingrad noch vom Russlandfeldzug nach Frankreich abgezogen.
    Aus heutiger Sicht hätte ich gesagt „warum seid Ihr nicht nach Südamerika gegangen“, wo mein Vater als gelernter Landwirt und meine Mutter als Geschäftsfrau gute Chancen gehabt hätten.
    So werde ich den Text zum Buch mit interesse lesen und ggf. das Buch selbst auch, wenn ich den Eindruck bekomme, daß sich das dann noch lohnt.
    Bin sehr gespannt…!

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  2. „Menschen sind komplex und unvollkommen – und das ist großartig“ lautet die Überschrift.
    Zur Zeit hat man in Deutschland leider den Eindruck, daß die „Dummheit siegt“, wie Lisa Fitz dies bei YT unter diesem Titel zum Ausdruck bringt.
    In meinen Augen ist es zum „Davonlaufen“, aber es gibt dann auch „die, die nicht gegangen sind“.

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