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In Elena Maroutsous Roman nimmt eine Athener Familie einen unbegleiteten Flüchtling auf. Die Ankunft des fünfzehnjährigen Somaliers Musa setzt eine ganze Reihe von Veränderungen in Gang, definiert Beziehungen neu und fördert vergessene Begegnungen wieder ans Tageslicht.
Die Familie besteht aus Mutter Rahel, Literaturübersetzerin, Vater Nikos, Architekt, und zwei pubertierenden Töchtern. Die Ankunft von Musa, dessen Name „Wundertäter“ bedeutet, bewirkt, dass die 50-jährige Rahel aus ihrer gewohnten Routine ausbricht und sich neu definiert. Dafür bezahlt er jedoch einen hohen Preis: Man legt ihm am Ende des Romans eine schwere Grenzüberschreitung zur Last. Musa wird erneut zum Opfer, nachdem er zunächst von einer somalischen Familie fälschlicherweise als Sohn angegeben wurde, die damit leichter in Deutschland Aufnahme fand. Musa bleibt ein Durchreisender und Heimatloser, der in die Gastfamilie kam, weil er auf die Weiterreise zu seinen „Eltern“ wartete. Er bleibt ein Fremdkörper im Leben der Anderen.
Eine interessante Rolle spielt im Roman die Insel Leros, mit der die Familie eng verbunden ist. Dorthin brachte man in der Bürgerkriegszeit Kinder kommunistischer Eltern zur Ausbildung und Umerziehung. Leros ist architektonisch geprägt durch die italienische Herrschaft auf dem Dodekanes bis 1947 und insbesondere durch den Baustil des italienischen Rationalismus der 30er-Jahre. Der Hafenort Lakki (damals Porto Lago) ist bekannt und berüchtigt als Verbannungsinsel der Linken und als Standort der größten psychiatrischen Anstalt Griechenlands, wo alle Kranken stranden, um die sich sonst niemand mehr kümmert. Zur Erzählzeit der Geschichte, kurz nach 2015, war Leros Flüchtlingshotspot. Das Gefühl von Verbannung und das Ausgestoßen-Sein aus der Gesellschaft treffen auf die Entwurzelung des jungen Flüchtlings.
Das Besondere an der Schreibweise von Elena Maroutsou ist ihr Erfindungsreichtum, sie weiß ihre LeserInnen stets zu überraschen. Ihre Erfahrung als Dozentin für kreatives Schreiben äußert sich in einer gut abgewogenen Vielfalt an Erzählweisen und in ihrem klugen, fruchtbaren Dialog mit anderen Autoren und Autorinnen aus der griechischen und internationalen Literatur sowie mit bildenden Künstlern.
Der Auszug:
Teil eins
Das Gepäck
Es gibt keine Endstation, nur Kleiderkoffer,
aus denen dasselbe Selbst sich wie ein Anzug entfaltet,
abgeschabt, glänzend, mit Taschen von Wünschen,
Einfällen, Fahrscheinen, Kurzschlüssen und Taschenspiegeln.
Sylvia Plath: Totem
1. Einführung in die Kunst des Verschwindens:
Koffer und Hutschachtel
„Verschwinden“, das Wort hallte in Rahels Ohr am Ende des Telefonats noch lange nach. Krampfhaft versuchte sie, das entscheidende Wort von all den anderen zu isolieren, die sich in ihre Gedanken drängten wie Störgeräusche im Radio, die den Sprecher, den man eigentlich hören will, übertönen. Die Wörter „Angriff“, „Versuch“, „Missbrauch“ drohten „Verschwinden“ zu verdrängen, zum Schweigen zu bringen und zu überschatten wie Raubvögel, die über einer Taube kreisen. Ja, wie über einem Taubenjungen. Der fünfzehnjährige Musa war auf genauso mysteriöse Weise verschwunden wie das graue Taubenjunge damals, das auf der Gartenveranda im Blumentopf geschlüpft war. Seine Mutter, die geduldig gebrütet hatte und ihm Nahrung brachte, sobald es aus dem Ei geschlüpft war, blieb fort. Die sechsjährige Rahel adoptierte das Junge und probierte, ihm das Fliegen beizubringen. Sie setzte es auf den Verandatisch und bewegte die Arme auf und nieder wie flatternde Flügel. Die Flugstunden nahmen einige Tage in Anspruch. Als das Mädchen beschloss, dass der Vogel soweit war, das Gelernte anzuwenden, gab es ihm einen sanften Schubs. Der Vogel fiel zu Boden. Als sie ihn aufhob, fühlte sie, wie sein kleines Herz unter dem Gefieder flatterte. Rahel gab nicht auf. Sie erteilte ihm neue Flugstunden. Als der Herzschlag des Vogels erstarb, geriet das Mädchen in Panik. Sie umfing das tote Taubenjunge mit beiden Händen und verbarg es in einer Hutschachtel, die im Kleiderschrank der Mutter stand, so schwarz wie der Koffer, wo der Zirkuszauberer einige Monate später seine feingliedrige Assistentin einschloss. Die junge Frau krümmte sich so geschickt zusammen, als würde sie täglich so transportiert. Aus dem Koffer ertönte ein rhythmisches Pochen, wie eine Trommel oder wie der Herzschlag eines Vogels, den man in der Hand hält. Rahels Herz flatterte in ihrer Brust. Sie erinnerte sich an das Taubenjunge, das sie in die Hutschachtel gesperrt und dann ganz hinten im Schrank vergessen hatte. Sie hatte es nie im Garten begraben. Der Zauberer trat von der Bühne und kam auf sie zu, als wüsste er von ihrem dunklen Geheimnis, und lud sie ein, sich neben ihn zu stellen. Der Scheinwerfer fiel auf das kleine Mädchen, deren Füße ein See aus Licht umspielte. Als sie langsam und vorsichtig den Reißverschluss öffnete, sprang sie plötzlich erschrocken zurück: Aus dem Inneren des Koffers flatterte eine Taube. Aber dieses Wunder verlor seinen Glanz und verblasste vor dem unvergleichlichen Wunder, das sich vor Rahels Augen zutrug, als sie, wieder zu Hause, ebenso vorsichtig die schwarze Hutschachtel aufklappte: Das Taubenjunge war verschwunden. An seiner Stelle pulsierten und vibrierten die Leiber tausender weißer, blinder Larven.
2. Der Koffer, der dich in den Himmel bringt
Sein Name bedeute „Wundertäter“. Das erklärte die Sozialarbeiterin, als man ihnen im Büro der Organisation „Aktion Rückkoppelung“ mitteilte, dass sie ein Kind zur sofortigen Aufnahme hätten. Die Lippen der jungen Frau sahen aus wie die großen Kirschen aus dem Supermarkt. Rahels Lippen wirkten, als hätte eine ungeschickte Kinderhand versucht, einen Mund zu malen. Sie ließen an ein Kind denken, das ihn so lange ausradiert, bis ein einziger Strich übrigbleibt. Ein Strich, der mit zunehmendem Alter immer dünner und blasser wird. Jetzt, mit beinah fünfzig, fühlte sich ihr Mund unter den Händen dieses ungeschickten Kindes bei jedem Lächeln an wie ein rissiges Stück Papier. Richard sagte immer, sie habe empfindsame Lippen. In sie hätte er sich verliebt. „Mein kleiner Modigliani“, so nannte er sie. Aber besser, sie konzentrierte sich auf die Sozialarbeiterin, die sie erwartungsvoll ansah. „Schöner Name!“, sagte sie ratlos. Sie wusste, dass sie sich begeistert zeigen sollte. Es war ja ihre Idee gewesen, einen unbegleiteten Flüchtling aufzunehmen. Sie hatte den Antrag ausgefüllt. Sie hatte sich mit ihrem Mann angelegt, der sich gegen jede Veränderung in ihrem Leben wehrte. Die ältere Tochter hatte nichts dagegen, sie schien den Fremdling neugierig, ja sogar ungeduldig zu erwarten. Mit der jüngeren Tochter lag sie noch im Clinch.
„Ja, man nannte ihn anscheinend so, weil er schon bei seiner Geburt lächelte. Anfangs dachte man, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung war, weil er auch nicht weinte, als er aus dem Bauch herauskam. Aber er war kerngesund. Jedes Mal, wenn die Rede darauf kam, erklärte die Mutter, sie hätte während der Schwangerschaft selbst alle Tränen aufgebraucht. Deshalb hätte das Baby nicht geweint.“
„Aber wie kann es sein, dass ein Baby nach der Geburt nicht schreit? Das höre ich zum ersten Mal“, sagt Rahel.
„Wissen Sie…“, lächelten die Kirschlippen. „Jede Familie hat ihre eigene Erzählung, nicht nur über die Geburt der Kinder, sondern über jede Facette der Familiengeschichte.“
Aha, dachte Rahel. Die Erzählung. Schon wieder dieses unleidliche Wort, das sich so gern hervortut. Anscheinend können die Menschen mit der Wahrheit nicht umgehen. Und irgendwann entdecken sie, dass sie tausend Facetten hat. Und wenn man sie auseinanderfaltet, tauchen noch mehr auf. Die Händler können es nicht ertragen, dass die Kunden sich wegen eines Stoffstückchens zerstreiten, dass sie daran zerren und es zerknittern, dass sie es in Stücke reißen, damit jeder einen Teil bekommt. Und da sie sich nicht gegen die Kundschaft durchsetzen können, verbreiten sie, der Stoff sei nicht echt. Jede Falte, jede Facette enthalte eine kleine Lüge. Eine Erzählung. Jede einzelne sei gleichwertig mit jeder anderen. Sie habe denselben Preis. Sie sei genauso luftig gewebt wie ein Märchen. Und wenn das Märchen einen nicht mehr tröstet, wirft man es weg, ersetzt es durch etwas Reizvolleres, durch etwas, das besser zur Gegenwart passt. Hatte Richard das nicht auch so gemacht? Sie verscheuchte den unliebsamen Gedanken und kehrte zu den Kirschlippen zurück, die mit der Geschichte des Jungen begonnen hatten.
Dabei erfuhr sie folgendes: Musas Eltern stammten nicht aus Somalia. Der Vater arbeitete als Kofferträger im Hotel. Er brachte das Gepäck der Gäste aufs Zimmer und bekam dafür ein Trinkgeld. Immer wenn er todmüde nach Hause kam, schmiedete er Pläne mit seiner Frau, weit wegzugehen. „Weit weg“ nahm viele Gesichter an, manchmal vertraut, manchmal exotisch, aber immer abgewandt von Somalia, das durch den langjährigen Bürgerkrieg nicht zur Ruhe kam. Freunde waren ums Leben gekommen. Man hörte von Leuten, die verschwanden, während sie sorglos über die Straße liefen. Friedenstruppen und die offizielle Regierung konnten die islamistische Terrormiliz Al-Shabaab nicht unter Kontrolle bringen. „Alle Konfliktparteien haben bislang ungestraft Verbrechen gegen internationales Recht und Verletzungen der Menschenrechte begangen. Nach wie vor werden Zivilisten von bewaffneten Einheiten entführt, gefoltert und getötet“, googelte Rahel schnell zu „Somalischer Bürgerkrieg“, als sich die Sozialarbeiterin entschuldigte und kurz das Zimmer verließ. War die gleichmäßige Verteilung der Schuld ein Zeichen für den objektiven Willen, Gerechtigkeit zu schaffen, oder ein Zeichen für die Unmöglichkeit, die Ursachen und Folgen des Bürgerkriegs zu entwirren? So, wie es zum Beispiel geschieht, wenn Schüler im Schulhof aneinandergeraten und der viel beschäftigte Direktor kurzen Prozess mit ihnen macht und alle von der Schule verweist? Musas Vater wurde endgültig aus dem Leben verwiesen, ohne dass er in einen Streit verwickelt war. Als die Sozialarbeiterin von der Toilette zurückkehrte, erzählte sie Rahel, dass ihm Stammgäste einen Job als Safari-Guide in Kenia verschafft hatten. Das Ehepaar packte seine spärlichen Habseligkeiten, und nachdem der Mann den Hoteljob zum Monatsende gekündigt hatte, wollten die Eltern des damals noch ungeborenen Musa Somalia verlassen. An seinem letzten Arbeitstag schwebte der Kofferträger förmlich über den Dingen, kaum spürte er das Gewicht des Gästegepäcks, das ihm, abgesehen vom stundenlangen Stehen, Krampfadern und Kreuzschmerzen gekostet hatte. Kurz vor Schichtende kündigte ein Hotelgast der Direktion das Eintreffen eines Taxis an, das einen am Flughafen vermissten Koffer bringen sollte. Musas Vater hievte ihn trotz seines ungewöhnlichen Gewichts hoch, als sei er federleicht. Der Fahrstuhl muss zwischen der dritten und vierten Etage gewesen sein, als die Bombe explodierte und die Kabine wie eine Rakete zum Himmel schoss. Seine Frau, die unter Schock stand, verbrachte den ganzen Tag im Krankenhaus in Mogadischu, und da wurde ihr mitgeteilt, dass sie schwanger war. Der kleine Musa lernte laufen, indem er sich vom einen Umzugskarton zum anderen hangelte. Alles, was sie brauchte, fischte die Mutter aus den offenen, auf dem Boden herumstehenden Schubladen. Als Musa vierzehn war, kramte die Mutter den Traum von der großen Flucht wieder hervor, steckte ihn in einen neuen, feuerroten Rucksack in der Lieblingsfarbe des Jungen und schenkte ihn dem Sohn, der mittlerweile in der Pubertät war.
3. Baby mit Rucksack
Am Tag, als Kallia ihre erste Geburtstagskerze ausblasen sollte, beschloss Rahel, die Torte selbst zu backen. Es war ihre allererste Torte, und sie stand vor dem Mixer wie vor einer Flugabwehrrakete. Nikos, der sonst immer mit der Kleinen spazieren ging, wenn sie zu tun hatte, war im Büro und nicht zu Hause. Er musste Baupläne abgeben und hatte den Wecker auf fünf Uhr morgens gestellt. Sonst hätte er sich Kallia jetzt mit dem Tragetuch auf den Rücken geschnallt, wie die Afrikanerinnen, die im Stadtteil Patissia herumliefen, wo Frau Kalliopi, seine Mutter, wohnte. Sie hatte ihnen zur Hochzeit den Standmixer geschenkt, der gleichzeitig eine Küchenwaage war, denn beim Backen, so hatte sie der Schwiegertochter erklärt, waren die richtigen Mengen ausschlaggebend. Sie konnte nicht einfach improvisieren. Kuchen und Torten erforderten Disziplin. Umsicht. Aufmerksamkeit. Aber Rahel hatte vergessen, die Butter am Vorabend aus dem Kühlschrank zu holen, damit sie zimmerwarm war, und jetzt knallte der Fettziegel an die Wände der Rührschüssel und veranstaltete einen Heidenlärm. Die Kleine, die sie auf den Küchenboden gesetzt hatte, um sie im Auge zu behalten, plärrte los. Sie zog die Schublade mit den Holzkochlöffeln auf und reichte ihr einen zum Spielen. Es war noch früh, Kallia wachte immer bei Tagesanbruch auf. Rahel schaute aus dem Fenster auf den tiefblauen Morgenhimmel. Am Horizont formierte sich ein Vogelschwarm zu einer jener eindrucksvollen, wabernden Riesenseifenblase, die entstehen, wenn man Lauge durch eine große Schlinge bläst. Es war Oktober, dachte sie, und die Schwalben zogen nach Süden. Vielleicht flogen sie nach Afrika. Sie selbst war nie in Afrika gewesen. Aber sie hatte fast ganz Europa bereist, und einmal war sie mit einer Freundin in Lateinamerika gewesen, die Tickets hatte ihnen ihr Vater zur bestandenen Unizulassung geschenkt. Sie blickte auf Kallia, die gerade entdeckt hatte, dass sie Schubladen aufziehen konnte. Auf dem Boden häuften sich Flyer von Zustelldiensten und Betriebskostenabrechnungen. Wann würde sie wohl wieder reisen können? Sie war bestimmt noch jahrelang an die Bedürfnisse und den Tagesablauf ihrer Tochter gebunden. Und Nikos wollte noch ein Kind. Die Reisen, die sie kannte, sorglos, frei, ohne viel Gepäck und ohne Plan, waren vorbei. Sie war erst dreiunddreißig und würde Europa nicht mehr mit dem Zug durchqueren, nicht mehr auf unbequemen Flughafensitzen schlafen, während sie auf den Anschlussflug wartete, sie würde nicht mehr blind mit dem Finger auf die Landkarte tippen, wie sie es mit Richard, ihrer alten Liebe, getan hatte, wenn sie das nächste Reiseziel auswählte. Während die Butter in der Rührschüssel langsam weichgeklopft wurde, änderten die Vögel ständig ihre Formation und Richtung, als wäre ihre bevorstehende Reise keine Überlebensfrage, sondern eine Laune, die täuschende Nachahmung von Freiheit unter dem Joch der Notwendigkeit. Kallia klatschte ungeduldig in die Hände. Sie hatte Pralinen entdeckt, aber es gelang ihr nicht, sie aus dem Papier zu wickeln. Rahel ging zu ihrem Kind. Wie kamen die Pralinen in die unterste Schublade zwischen all die Quittungen? Als sie die Schokolade zur Hand nahm, brach ihr der kalte Schweiß aus. In der bläulichen Verpackung steckte nichts Süßes, sondern Rattengift. Im Höllenlärm des Mixers konnte Nikos nicht verstehen, was seine Frau unter Schluchzen ins Telefon schrie. Einige Stunden später war das Schauspiel vorbei. Im Kinderkrankenhaus wurde der Kleinen vorsorglich der Magen ausgepumpt, obwohl sie vermutlich keine der tödlichen Pralinen in den Mund gesteckt hatte, da es ihr gut ging. Trotzdem mussten sie die Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus verbringen. Vor lauter Aufregung tat Rahel kein Auge zu, noch konnte die völlig überdrehte, rastlose Kallia einschlafen. Sie summte sie in den Schlaf, legte sie an die Brust, wiegte sie im Stehen, erschöpft und bleich, hin und her. Erst als Nikos die Kleine ins Tragetuch packte und im Krankenhauspark spazieren führte, schlummerte Kallia friedlich ein, und Papa ging die ganze Nacht mit ihr spazieren. Während sie auf die Psychologin warteten – nach der Sozialarbeiterin war für die Aufnahme eines unbegleiteten Flüchtlings ein Hausbesuch vorgeschrieben – dachte Rahel, dass man so etwas besser nicht erzählte. Damit die Behörden Vertrauen fassten, musst man über solche Episoden aus dem Familienleben Schweigen bewahren.
4. Ein Koffer zwischen Vater und Sohn
Nikos wünschte sich einen Sohn als zweites Kind. Er liebte Kallia und fühlte sich nie überfordert. Wenn sie krank war, kümmerte er sich liebevoll um sie, spülte ihr die Nase und gab ihr fiebersenkende Mittel mit der Kindermedizinspritze, damit kein Tropfen verlorenging. Da Rahel einen leichten Schlaf hatte und beim geringsten Laut oder der kleinsten Berührung mit weit aufgerissenen Augen aufrecht im Bett saß, als würde sie von einer Horde von Eindringlingen bedroht, ließ er sie an manchen Samstagabenden im Doppelbett in Ruhe allein ausschlafen, während er – kaum zu glauben, wenn man es nicht mit eigenen Augen sah – zusammengekrümmt und dicht an Kallia geschmiegt im Kinderbett lag. Womit er nicht gut umgehen konnte, waren Kinderspiele. Er schämte sich, es zuzugeben, aber sie langweilten ihn. Puppen jagten ihm von klein auf Angst ein. Auf der Kommode im Schlafzimmer von Frau Kalliopi, seiner Mutter, thronte seit seiner Kinderzeit eine große, fein herausgeputzte Porzellanpuppe. Als er sie einmal kräftig schüttelte, verschwanden ihre Augen mit einem Klack in den Augenhöhlen. Auch Kuscheltiere mied er. Jedes Imitat eines lebendigen Wesens erschien ihm abstoßend und verlogen. Fahrradfahren hingegen gefiel ihm, auch Ball- oder Gesellschaftsspiele, aber seine Tochter weigerte sich, mit etwas anderem zu spielen als mit ihren Püppchen. Daher hoffte er auf einen Sohn als zweites Kind. Als vier Jahre nach Kallia die kleine Paraskevi geboren wurde, stellte Nikos im Lauf der Zeit fest, dass seine jüngere Tochter etwas Jungenhaftes hatte. Sie war draufgängerisch, tauchte überall zugleich auf, heckte Streiche aus und neigte zu lebensgefährlichen Unfällen. Ein Wunder, dass sie ihren heutigen dreizehnten Geburtstag heil und unversehrt erlebte. Auf der Torte stand, das hatte sie sich so gewünscht: „Freitag, der 13.“ Ihr Name, Paraskevi, war auch ein Wochentag: „Freitag“. Die kleine Paraskevi hatte Nikos’ Humor, das behauptete zumindest der stolze Papa, der seine ältere Tochter immer noch heiß und innig liebte, aber für die kleine Göre eine besondere Schwäche hatte. Kallia war ihm ohnehin schon entglitten. Als Siebzehnjährige lebte sie in einer anderen Welt, führte hinter geschlossenen Türen stundenlange Telefonate, verschickte Nachrichten nach Mitternacht und beschäftigte sich – auf für ihn übertriebene und unbegreifliche Weise – mit Klamotten, Frisuren und Kosmetika. Dabei war Kallia von klein auf wunderhübsch, wie eine Puppe, könnte man sagen, wenn ihn Puppen nicht erschrecken würden, oder bildschön wie ein Gemälde. Seine Frau war attraktiv, und er selbst sah auch nicht schlecht aus, er ging als ansprechend und ansehnlich durch, aber die Natur hatte, aufs Höchste inspiriert, die besten Seiten von ihnen beiden zusammengemixt und ein glänzendes Resultat geschaffen. So musste die Natur, als die kleine Paraskevi zur Welt kam, improvisieren und ihr Erscheinungsbild aus den verbliebenen genetischen Eigenschaften komponieren. Das Resultat war reizvoll, aber nicht zu vergleichen mit der blendenden Schönheit ihrer älteren Schwester. Für Nikos war Schönheit zweitrangig. Er kannte ihren Tauschwert im Spiel der menschlichen Beziehungen, aber ihm war klar, dass diese Währung instabil war und ihr Zeitwert von Jahr zu Jahr sank. Daher glaubte er nicht, dass Kallia mehr Glück hatte als Paraskevi. Denn die jüngere Tochter entwickelte durch natürliche Gaben oder auch aufgrund ihrer schwächeren Position als hässlichere Schwester Durchsetzungsvermögen, Selbstironie und Klugheit. Das alles benutzte sie, um zu erreichen, was immer sie sich in den Kopf setzte. Als Neunjährige beispielsweise hatte sie sich selbst den Rufnamen „Skevi“ gegeben, um sich nachdrücklich von Oma Paraskevi abzugrenzen, die sie „Karfreitag“ nannte und deren depressive Grundhaltung sie verspottete. Die Eltern wehrten sich zunächst gegen das ungewöhnliche „Skevi“. Sie behaupteten, den Namen hätten sie noch nie gehört, den gebe es gar nicht. Zu ihrer großen Enttäuschung entdeckte ihre Tochter im Internet eine zweite Skevi, eine Ärztin auf dem Dodekanes. Damit waren die Eltern mundtot gemacht. Außerdem betrachtete sie den ausgefallenen Rufnamen als Qualitätsmerkmal. Ein Grund mehr, ihn anzunehmen. Ob sie wollten oder nicht, langsam gewöhnten sich die Eltern daran. Trotzdem wünschten sie sich manchmal den Taufnamen ihrer Tochter zurück, und deshalb lachten sie auch, als er als witzige Anspielung auf der Geburtstagtorte auftauchte. Als sie aufgegessen hatten, überredete Skevi ihren Vater, seinen Mittagsschlaf zu opfern und in den Syngrou-Park zu gehen. Nikos hielt sich sonst an den Tagesablauf seines Vaters: Aufbruch im Morgengrauen zur Arbeit, Siesta zu Hause und wieder zurück zur Arbeit. Der Eingang lag nur wenige Meter von der Wohnung entfernt, und Nikos nahm seine Töchter manchmal zu einem Spaziergang oder einem Picknick auf das ihm vertraute Gelände mit. Er hatte sechs Jahre im reformpädagogischen Internat Anavryta verbracht. Kallia begleitete sie nicht mehr auf diesen Ausflügen, aber Skevi steuerte bei der ersten sich bietenden Gelegenheit die Athletikbahn oder die Spazierwege an. Sie wanderte gern mit ihm zu den ehemaligen Schulgebäuden, zum „Weißen Haus“, wo die gymnasiale Unterstufe und die Lernwerkstätten untergebracht waren, oder zum „Turm“, der früheren Villa des Bankiers und Mäzens Andreas Syngrou, wo die „klassische“ gymnasiale Oberstufe unterrichtet wurde. Dort gingen die Mädchen hin, getrennt von den Jungen, gemischte Klassen gab es noch nicht. Als zwei Jahre nach seinem Schuleintritt die ersten Gymnasiastinnen aufgenommen wurden, sei ihm das, so erzählte er seiner Tochter, wie ein Wunder vorgekommen. So, als wäre das „Weiße Haus“ noch heller geworden, als würde es leuchten. Bis dahin war er rund um die Uhr nur mit Jungen zusammen gewesen. Das Leben im „Ostflügel“, wo die Internatszöglinge wohnten, folgte militärischer Ordnung: sechs Uhr morgens aufstehen, kalt duschen, Morgensport mit Jogging und Gymnastik, ankleiden, Bettenmachen, Morgenversammlung, Unterricht, Essen im Speisesaal, einstündige Mittagsruhe, Sportspiele und praktische Übungen, werken, warm duschen, dreistündige Hausaufgabenzeit unter Aufsicht, Lektüre und Schachspiel, Zapfenstreich und Nachtruhe. Nikos war gewöhnt, in Patissia, ihrem Wohnviertel, den ganzen Tag draußen zu verbringen. Er wusste nicht, was ihn erwartete, als der Klassenlehrer, von Nikos’ Leistungen beeindruckt, den Eltern die Reformschule Anavryta vorschlug. Als die Ergebnisse der Aufnahmeprüfung bekanntgegeben wurden, wurde die stolze Freude des Kindes, die Prüfung als einer der Besten geschafft zu haben, von der Ankündigung von Herrn Jannis, seinem Vater, überschattet, dass er im Internat verbleiben sollte. „Ich kann dich mit dem Motorrad nicht jeden Tag hin- und herfahren“, sagte er, und damit war die Sache erledigt. Es war Sommer, und dem Jungen war nicht wirklich bewusst, was ihn im September erwartete. An dem Tag, als der Vater ihn mit aufs Motorrad nahm, herrschte durchdringende Kälte, der Koffer war zwischen sie beide geklemmt, aber die Arme des Jungen umklammerte nicht wie sonst die Taille des Vaters, sondern den Koffer. Die Kälte entsprach der Angst, der Verzweiflung und dem Gefühl des Verlassenseins, das er verspürte, als der Vater Gas gab und sich entfernte, ohne sich noch einmal nach seinem Sohn umzuschauen. Nikos stand, ganz allein mit dem Koffer, vor dem Schuleingang und wartete auf eine Geste, auf eine kurze Wendung des Kopfes.
5. Aus dem Müllcontainer in den Koffer
Als Nikos im großen Saal vor dem Bett stand, in dem er fortan schlafen sollte, ohne eigenes Zimmer, ohne Familie, fremd unter Fremden, erfasste ihn erst Verzweiflung, dann Zorn. Wie konnten ihn die Eltern so allein lassen? Wie konnte der Vater das zulassen? Er war doch auch als Zwölfjähriger, genauso alt wie er, Zögling an der Königlichen Technischen Schule auf der Insel Leros gewesen, weit weg von seinem Dorf Krania an den Hängen des Olymp? Als er am ersten Besuchstag wagte, seinem Vater Vorhaltungen zu machen, versetzte der ihm eine schallende Ohrfeige. „Zieh nicht über Internate her“, sagte er. „Die haben mich zum Mann gemacht. Was wusste ich schon, da oben im Dorf? Nichts! Nur, wie man mit dem Esel Waffen zu den Partisanen bringt. Als uns die Regierungstruppen aufsammelten, waren wir wilde Tiere. Wie schliefen in Höhlen, mit den Schuhen an. Gut, dass uns der König ein Handwerk lernen ließ! Damit wir später unser Brot verdienen konnten. Vergiss nicht, dass die meisten von uns Waisenkinder waren. Die einen Eltern waren im Partisanenkampf in den Bergen gefallen, die andern waren im Exil, wieder andere im Lager. Mich holten sie, als der Vater umgekommen war. Die Mutter habe ich nicht wiedergesehen. Wir hätten nie gewagt, uns zu beschweren. Besuchstage kannten wir nicht. Hör auf zu jammern und sieh zu, dass etwas aus dir wird, denn du wohnst hier nicht gratis. In der Tischlerei schiebe ich doppelte Schichten, damit du dieselbe Schule besuchen kannst wie König Konstantin. Als kleiner Junge ist er immer mit seinem Vater nach Leros gekommen.“ Ja, das wusste Nikos. Herr Jannis sprach nicht oft davon, aber er hatte es von seiner Mutter gehört, die im selben Schulkomplex auf Leros an die Haushaltsschule ging. Ihre Eltern hatten den Partisanenkampf überlebt, aber sie stimmten dem Abtransport der Tochter auf die Insel zu. Ihr Haus im bergigen Messenien war im Bürgerkrieg abgebrannt, und bettelarm, wie sie waren, hätten sie die einzige Tochter nicht ernähren können. Die Haushaltsschule bot eine Lösung. Die Eltern von Nikos hatten sich während ihrer Ausbildung auf Leros kennengelernt, ganz so wie später die Eltern der kleinen Paraskevi an der Reformschule von Anavryta.
„Komm, erzähl, welchen Eindruck machte Mama, als du sie zum ersten Mal gesehen hast?“
„Das war beim Laufwettbewerb, der jeden Oktober stattfand. Da sind wir klassenweise angetreten, zuerst die Mädchen, dann die Jungen. Die Strecke führte quer durch den Wald im Syngrou-Park.“
„Wo? Hier, wo wir gerade gehen?“
„Ja, ungefähr. Wir sind einen Kilometer dem Wanderweg gefolgt, rauf und runter.“
„Aha, erst rauf-runter, dann rein-raus!“, sagte das Mädchen mit einem gewissen Unterton.
Der Vater tat so, als hätte er die Anspielung nicht gehört.
„Zuerst liefen die Mädchen aus der ersten Klasse Gymnasium. Die Zuschauer standen an der Athletikbahn und haben nur den Start und den Zieleinlauf gesehen. Deine Mama, groß und knochig, war mir schon aufgefallen, bevor der Startschuss fiel. Sie hatte die Schultern eingezogen und machte einen kleinen Buckel. Das gefiel mir, weil ich damals Rockmusik hörte.“
„Was hat das miteinander zu tun?“
„Keine Ahnung, als ich sie sah, dachte ich jedenfalls, dass zu ihrem Gesicht Doors-Musik als Untermalung passt.“
„Aha… Und dann?“
„Mir fiel auf, dass sie nicht gleich beim Startschuss losgelaufen ist. So, als wäre sie in Gedanken versunken. Das fand ich süß. Ich rechnete nicht damit, dass sie überhaupt ins Ziel kommt. Du kannst dir meine Überraschung vorstellen, als sie vor allen anderen, mit riesigen, schnellen Sprüngen aus dem Wald kam. Die Verfolgerinnen waren noch gar nicht zu sehen. Der Sieg war ihr nicht mehr zu nehmen. Nach dem Wald lagen nur noch fünfzig Meter Feldweg vor ihr, der zum Zieleinlauf führte, wo die Zuschauer standen. Sie aber verlangsamte plötzlich ihr Tempo und spazierte gemütlich weiter. Wir trauten unseren Augen nicht! Wir riefen ihr zu, sie solle doch weiterlaufen. Nur noch ein kleines Stück. Aber sie ignorierte uns. So wurde sie von zwei, drei Schülerinnen eingeholt. Sie stand nicht einmal auf dem Treppchen. Das war fantastisch!“
„Was findest du an der blöden Haltung fantastisch?“
„Kapierst du nicht? Deine Mama hätte gewinnen können, sie hatte die Goldmedaille schon in der Tasche, aber sie hat alles hingeschmissen. Es war, als würde sie ihnen sagen: Ich scheiße auf eure Wettkämpfe, sie sind mir egal. Ich bin kein Rennpferd, ich renne nur, wenn ich Lust habe.“
„Ja, vielleicht wusste sie nicht, wo die Ziellinie liegt, und dachte, nach dem Wald ist sie schon im Ziel.“
Nikos lachte. Die Erklärung leuchtete ihm ein. Rahel wirkte des Öfteren ein bisschen „weggetreten“, und damit neckten die Töchter sie auch. Es kam vor, dass sie beim Abwasch reglos mit dem Topfdeckel in der Hand verharrte und die Seifenlauge so eindringlich betrachtete, als hinge ihre Zukunft davon ab. Dito, wenn sie einen Apfel schälte: Sie schälte ihn rundherum, aber nur zur Hälfte, dann pausierte sie mit dem Messer in der Hand, während die Apfelschalenspirale herunterbaumelte. Wenn sie las, ließ sie das Buch sinken, aber ihr Blick blieb an der Stelle haften, wo das Buch gewesen war, als hätten sich die Buchstaben vom Papier gelöst und wogten im Wind wie schwarze Klammern auf einer unsichtbaren Wäscheleine. Schon als Schülerin war sie eine Leseratte. Ihretwegen nahm Nikos an der Lyrikgruppe teil. Damals war Rahel vierzehn, Nikos zwei Jahre älter. Er hatte sich ans Internat gewöhnt, an den Tagesablauf, die kalte Dusche, die Schulhymne, den militärischen Drill und den nicht vorhandenen Ausgang, aber auch an die Späße im Speisesaal, die Gespräche mit seinen Freunden vor dem Einschlafen, das Leben in der Gemeinschaft. Mit Büchern oder Poesie hatte er, abgesehen vom üblichen Sprachunterricht, nicht viel zu tun. Die einzige erfundene Wirklichkeit, aus der er eine seltsam tiefe Befriedigung schöpfte, war sich einen anderen Vater vorzustellen. Wenn alle im Schlafsaal schliefen, blätterte er manchmal die Korrespondenzkarten durch, die er in seinem Koffer zwischen den von seiner Mutter eingepackten Socken und zusammengefalteten Unterhemden versteckt hatte. Am Abend vor dem Umzug ins Internat hatte sie ihn mit dem Müll zum Container geschickt. Seit dem Morgen hatte sie die Tränen kaum zurückhalten können und suchte einen Vorwand, um sich im Bad einzuschließen. Unwillig lief er die Treppe des Wohnhauses nach unten, mit finsterem Blick trat er vor die Haustür und überquerte die Straße. Der Sack in der Hand erinnerte ihn daran, dass er lange keinen Müll mehr wegbringen würde, und der stinkende, überquellende Container erfüllte ihn mit frühzeitigem Heimweh. Sein Blick fiel auf ein Päckchen zwischen den Müllsäcken, auf dem mit schwarzem Filzstift „Lakki“ stand. Das Päckchen war nur lose eingewickelt, und er konnte der Versuchung nicht widerstehen. Er vermutete, es könnten Briefe des Vaters aus seiner Schulzeit sein. Aber dem war nicht so. Eingewickelt in Packpapier lagen, mit einem Geschenkband zusammengehalten, wie es Konditoreien verwenden, an die fünfzig Blanco-Postkarten, auf der einen Seite vollgeschrieben, auf der anderen Seite mit der Adresse des Empfängers versehen. Bis heute konnte er nicht sagen, aus welchem Impuls heraus er die „Korrespondenzkarten“ – eine alte Bezeichnung, wie er bald herausfand – mitnahm und in seinen Koffer stopfte. In der ersten Zeit, in der er sich nach Anavryta verbannt fühlte, leisteten ihm ihre Botschaften jeden Abend Gesellschaft. Ja, so fühlt er sich, verbannt, genauso wie der Mann, der unter der Obristenjunta im Internierungslager Lakki auf Leros saß, womöglich sogar im selben Gebäude, in dem der Vater seine Jugendjahre verbrachte, und hoffnungsvoll, ängstlich und zärtlich mit seiner Familie in Athen korrespondierte.
Das Buch
Elena Maroutsou: To exilastirio thavma. (dt. Arbeitstitel: Wundertäter und Sündenbock). Eine Geschichte in einundfünfzig Koffern
(bislang nur auf EL)
Verlag Kichli, Athen 2022, 338 Seiten, ca. 16 €
ISBN 978-618-5461-42-3
Das Titelbild stammt aus der „Baggage Series“ des syrisch-amerikanischen Künstlers Mohamad Hafez. Die Autorin platziert gern in ihren Erzählungen Bildverweise.
Ein durchgehendes Motiv des Romans ist der „Koffer“ (in all seinen Erscheinungsformen als Rucksack, Truhe, Handtasche oder Müllsack) als Hüter von Eigentum und Erinnerung. Ein Koffer symbolisiert immer Abreise und Ankunft, Unterwegssein, Veränderung.

Die Autorin
Elena Maroutsou, geb. 1967 in Athen, studierte Geschichte an der Universität Athen sowie Literatur und Kunstgeschichte in Reading, Großbritannien. Sie unterrichtet Literatur und Creative Writing und veröffentlicht Buchrezensionen.
Ihre ersten Veröffentlichungen bildeten Erzählungen (1998 und 2004), 2008 erhielt sie den Athens Prize for Literature für den Roman „Zwischen Zug und Bahnsteigkante“. Die Novelle ΤΟ ΝØΗΜΑ, „Der Sinn“ (2010) wurde in einem Seminar von jungen LiteraturübersetzerInnen ins Deutsche übertragen.
Mit den miteinander verwobenen Erzählungen „Obszöne Orchideen“ (2015), den Romanen „Zwei“ (2018) und „Wie die Tiere“ (2020) erreicht sie ihre Reifephase. Mit „Wie die Tiere“ wurde Maroutsou vom griechischen PEN unter die zehn besten Autorinnen gewählt, für „Wundertäter und Sündenbock. Eine Geschichte in 51 Koffern“ 2023 wurde sie mit dem Literaturpreis der Zeitschrift Klepsydra ausgezeichnet. Zuletzt erschien 2024 der Band „Domino“ mit sieben, miteinander verketteten Erzählungen.
Buchvorstellung: Michaela Prinzinger. Romanausschnitt: Elena Maroutsou in der Übersetzung von M. Prinzinger. Fotos: Verlag Kichli, Marios Valasopoulos. Redaktion: A.Tsingas. Die Probeübersetzung wurde von GreekLit unterstützt, der Übersetzungsförderung der Hellenischen Buch- und Kulturstiftung ELIVIP/HFBC, hier (auf EN).
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