Die griechische Theatergruppe Nefeli aus Stuttgart – am Puls der Gesellschaft

von Simon Steiner

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

Die Theaterbühne NefeliTheatriki skini Nefeli – führt selbstgeschriebene und klassische Theaterstücke in griechischer Sprache auf.

Nefeli wurde im Dezember 2017 von Maria Papadopoulou, Maria Tramountani und Routh Zampakika gegründet – „aus kultureller Not“, wie sie sagen. „Denn Stuttgart bietet Gyrosbuden, griechische Bars, Tavernen und griechische Livemusik. Aber das griechischsprachige Theater war so gut wie gar nicht vertreten.“ Nefeli ist seit 2018 im Kulturkabinett Kkt Stuttgart-Bad Cannstatt beheimatet, hier. Bei den Aufführungen werden einige Stücke per Beamer deutsch untertitelt, andere gleich in deutscher Sprache aufgeführt.

Zahlreiche Spielstätten und eine künstlerische Handschrift
Die Spielstätten von Nefeli sind inzwischen zahlreich. Neben den „Heimspielen“ im Kkt Stuttgart finden auch Aufführungen im Deutsch-Amerikanischen Institut Tübingen, im wunderschönen Dreigroschentheater Stuttgart-Süd, in der Eventlocation Dreamcity Winnenden, im vielbeachteten Theater tri-bühne Stuttgart, im Kommunalen Häussler Bürgerforum Stuttgart-Vaihingen und in den Griechischen Schulen Stuttgart-Vaihingen und Stuttgart-Waiblingen statt.
Die künstlerische Handschrift bewegt sich zwischen klassischem Theater (Einakter, Lesungen und Monologe), musikalisch-poetischen Formaten (Hommagen an den Brand von Izmir, das griechische Kino, den Seemannsdichter Nikos Kavvadias und den Komponisten Mikis Theodorakis), Kindertheater, Seminare und Performances.

Besuch in der Griechischen Schule Stuttgart-Waiblingen

Das Repertoire reicht von Klassikern bis zu modernen griechischen AutorΙnnen. Unter der Anleitung des Regisseurs Simos Papanastasopoulos sind die Schauspielerinnen bereit zu experimentieren und neue Wege in den unendlichen Weiten des Theaters zu gehen. Zukünftig soll auch eine Frau aus den eigenen Reihen Regie übernehmen. Um sich als stets verändernde Gruppe und individuell weiterzuentwickeln, nehmen sie regelmäßig an Theaterseminaren teil. Besonders am Herzen liegen ihnen die musikalischen Abende, wie zum Beispiel die Produktion mit Aman-Musik aus Smyrni, dem heutigen Izmir. „Hier wird Schauspiel mit dem emotionalen Erbe unserer Kultur und eine ganz besondere Atmosphäre im Publikum geschaffen“, betont das Ensemble.

Die drei Gründerinnen
Routh Zampakika – die Reise geht weiter
Routh (Foto weiter unten links) wurde 1968 in Thessaloniki geboren und ist dort aufgewachsen. „Schon als Kind trug ich zwei große Leidenschaften in mir: das Theater und das Reisen. 1996 kam ich nach Deutschland – zunächst nur für einige Monate. Hier hat mir das Theater sehr schnell gefehlt. Wie durch Fügung begegnete ich der talentierten Schauspielerin Nike M. Vassily. Unser Austausch über das Theater war inspirierend und voller Leidenschaft. Es dauerte nicht lange, bis ich selbst in dem Aristophanes-Stück Plutos (Der Reichtum) mitspielte. Diese Aufführung wurde für mein Leben zu einem Wendepunkt. Nicht nur künstlerisch – sondern auch persönlich. Denn dort lernte ich meinen späteren Ehemann kennen.“ Evangelos Dimopoulos ist Multiinstrumentalist und bei Nefeli auch für die Technik, also Licht und Sound, verantwortlich. Routh lernte fleißig Deutsch und ließ sich zur Erzieherin ausbilden. Als solche arbeitet sie in einer Kita in Schorndorf bei Stuttgart.
Routh meint: „Fast 30 Jahre nach meinem Kommen verspüre ich tiefe Dankbarkeit dafür, dass ich immer noch Theater spiele. Letztes Jahr habe ich das einjährige Seminar „Analyse von Theaterstücken und Regie“ abgeschlossen. Unter anderem habe ich dort gelernt, dass Theater nicht nur Unterhaltung bedeutet, sondern auch ein dynamisches Medium ist, das gesellschaftliche Veränderungen widerspiegelt und aktiv mitgestalten kann. Deshalb ist es für mich wichtig, dass wir mit Nefeli auch aktuelle Themen wie Diskriminierung oder Nationalismus auf die Bühne bringen. Im Kulturkabinett Theater Kkt in Bad Cannstatt bin ich seit über zehn Jahren künstlerisch zu Hause, und ich freue mich immer noch, dass ich mit den beiden Marias weiterhin mit Leidenschaft und Kreativität auf der Bühne stehe. Die Reise geht weiter!“

Maria Tramountani – die Rastlose
Maria T. (Foto Mitte) wurde 1990 in Stuttgart geboren, ihre Großeltern waren in den 1960er-Jahren aus Griechenland nach Deutschland gekommen. Maria studierte Ethnologie und Englische Literatur in Heidelberg sowie im Masterstudium Interkulturalität und Integration in Schwäbisch Gmünd. Sie ist selbständig im Bereich Jugend- und Kulturarbeit tätig. Auch ist sie Gründerin und Vorsitzende der arabischen Schreibwerkstatt Literally Peace e.V. Stuttgart, hier
Über Nefeli sagt sie: Da wir ein mehrsprachiges Team sind ist Diversität Teil der DNA unserer Theatergruppe. Wir wollen Brücken schlagen zwischen den Kulturen und zeigen, dass Theater sich einer universellen Sprache bedient. Uns bewegt die Frage, wie wir ein jüngeres Publikum erreichen können. Ein weiteres Ziel ist es, das deutschsprachige Publikum, das wir bei vergangenen Produktionen durch simultane deutsche Untertitelung gewonnen haben, zu halten und stetig zu erweitern, um den kulturellen Austausch zu fördern.“

Maria Papadopoulou – die Verbindung zwischen Recht und Bühne
Maria P. (Foto rechts) wurde in Waiblingen als Enkelin griechischer Einwanderer geboren. „In meinem Leben sind juristische Präzision und künstlerische Leidenschaft vereint. Nach dem Jurastudium an der Demokrit-Universität Thrakien und dem Aufbaustudium Master of Laws in Erlangen arbeitete ich elf Jahre als Rechtsanwältin am Landgericht Thessaloniki. Seit 2011 bin ich in Deutschland im sozialen Bereich des öffentlichen Dienstes tätig, wo ich die Rechte von Kindern und Jugendlichen vertrete. Dazu arbeite ich freiberuflich als beeidigte Übersetzerin für Griechisch.“
Zu Marias Liebe zu Recht und Gerechtigkeit gesellt sich ihre Leidenschaft fürs Theater. So stand sie in Deutschland und Griechenland bei verschiedenen Theaterformationen auf der Bühne. Neben dem namhaften Schauspieler und Regisseur Tasos Pantazis lernte sie am Staatlichen Theater Nordgriechenlands in Thessaloniki die Schauspieltechnik und hinter den Kulissen die Geheimnisse der Spielleitung. Seit 2013 ist sie Mitglied des Kkt-Kulturkabinetts.
„Das Theater reflektiert für mich soziale Fragen, bietet neue Perspektiven und Denkanstöße. Dabei haben Justiz und Theater haben überraschend viele Gemeinsamkeiten. Beide basieren auf Inszenierung, Rollenverteilung und Rhetorik. Daher würde ich gerne ein Theaterstück, das eine Gerichtsverhandlung zum Thema hat, mit der Unterstützung des Nefeli-Regisseurs Simos Papanastasopoulos entwickeln und selbst darin mitspielen. Ich denke z.B. an den Film »Die Zwölf Geschworenen«, das Debüt des US-Regisseurs Sidney Lumet aus dem Jahr 1957.“ Namensgeberin der Theatergruppe ist übrigens ihre Tochter, sie heißt Nefeli.


Nefeli aktuell – Die Rolle der Frau: „Nur Kinder, Küche, Kirche” (von 1977)
Das neue Theaterstück von Nefeli ist eine theatralisch-musikalische Lesung des legendären italienischen Theaterwerks „Nur Kinder, Küche, Kirche” der Autorin Franca Rame, hier. Sie arbeitete jahrzehntelang künstlerisch eng mit ihrem Mann Dario Fo zusammen. Die Gründerinnen von Nefeli betonen, dass ihnen aktuelle gesellschaftliche Themen besonders am Herzen liegen. Ein zentrales Thema ist für sie – immer wieder – die Rolle der Frau.
Ihr neu eingeübtes Stück thematisiert die Stellung der Frau in der kapitalistischen Gesellschaft, insbesondere ihre sexuelle Versklavung. Im Zentrum stehen bitter komische und provokative Monologe, in denen Frauen aus unterschiedlichen sozialen Milieus ihre Erfahrungen mit patriarchalen Strukturen, Gewalt, Ausbeutung und Rollenzwängen erzählen. Das feministische, politische, oft wütende und zugleich humorvolle Stück rüttelt wach. Es deckt weibliche Lebensrealitäten und Unterdrückung auf und weist auf den Kampf um Selbstbestimmung hin. Gespielt werden eine Fabrikarbeiterin und Mutter, eine Prostituierte, die groteske Figur der „Mama Hexe“ und sogar Medea als mythologische Brechung. Diese Vielfalt zeigt, dass das Stück nicht nur Alltagsrealitäten, sondern auch archetypische und symbolische Frauenbilder nutzt, um patriarchale Muster sichtbar zu machen.

Die Jahre, die da noch kommen sollen
Die drei Gründerinnen haben den Ehrgeiz, Nefeli als festen Bestandteil der Stuttgarter Kulturlandschaft zu etablieren und weiterhin anspruchsvolles griechisches Theater zu präsentieren, das den Geist der Zeit trifft. Auf die Frage, ob es eine besondere Tradition gibt, die sie kultivieren, antworten die drei unisono: „Wenn man es als Tradition bezeichnen kann: Nach jeder Premiere ist es für uns obligatorisch, gemeinsam griechisch essen zu gehen. Das gehört für den Zusammenhalt der Gruppe einfach dazu.“
Da kann man ihnen nur guten Appetit wünschen, viel Erfolg und weiterhin alles Gute!


Kulturkabinett e.V., hier. Text: Simon Steiner. Fotos: Nefeli. Redaktion: A.Tsingas.

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

Schreibe einen Kommentar