Europa

Gedicht von Sotos Stavrakis

Der zyprische Dichter konkurriert mit Günter Grass´ Griechenland-Poem und schickt ein Gedicht vom äußersten Rand Europas zum Poesiefestival Berlin 2012 im Rahmen eines Renshi-Projekts (28 europäische Dichter schreiben ein Kettengedicht).

Obwohl du dich so schwer von der Vergangenheit löst,

vergisst du rasch, wie jede schöne Frau.

Doch trägst du keine Schuld, ist dein Gedächtnis lückenhaft,

vielmehr ist´s unsere Zeit, die sich ans Gestern kaum erinnert

und auch vom Morgen nichts erhofft.

Woher stammt er, dein großer Zorn?

Ist es immer noch die Rache gegen den Stier, der dich einst entführte?

Haben weder die Diamanten noch das schwarze Gold Afrikas

dein offenes, leuchtendes Gesicht versöhnt?

Von welchen Schuldgefühlen suchst du dich freizukaufen?

Merke dir: Schluss mit Eitelkeit und Hochmut.

Überall sind Kameras. Sie haben dich im Visier.

Erinnerst du dich an Hekabe? In Ketten schleifte man sie davon,

obwohl sie Hektors Mutter war.

Noch hast du Zeit.

Wisch dir die Träne fort, meine Schöne, und steh auf.

Jeder verzeiht gern einer Königin,

denn dadurch fühlt er sich geadelt.

 

Übersetzt von: Michaela Prinzinger, Foto: Michaela Prinzinger. Veröffentlicht in: Der Freitag, 7. Juni 2012.
Nachzuhören im Original auf lyrikline.org.

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