Die Regeln des Diagoras

Erzählung von D. B. Blettenberg

D. B. Blettenberg zählt zu den besten deutschen Politthriller-Autoren. Seit mehreren Jahren verbringt er einen großen Teil seiner Zeit auf der Insel Leros. Ein spannender Roman, der dabei entstanden ist, sucht gerade den Weg in einen Verlag. Auf diablog.eu lesen Sie als Appetitanreger eine Erzählung, die auf Leros spielt und von unserem Redaktionsmitglied Thanassis Tsingas ambitioniert ins Griechische gebracht wurde.

Blettenberg, Siamesische HundeBlettenberg, Farang

„Vor den Mauern Konstantinopels war der Islam von einem Spiegelbild seiner selbst zurückgeworfen worden; das Christentum war eine konkurrierende monotheistische Religion mit einem ähnlichen Sendungsbewusstsein und demselben Drang, Andersgläubige zu bekehren.„ Roger Crowley, Konstantinopel 1453 – Die letzte Schlacht

Die Leiche des Türken lag auf dem gepflasterten Parkstreifen über dem Strand von Pandeli.

Das Meer war ruhig. Die auslaufenden Wellen leckten mit leisem Schmatzen an Sand und Kieseln, und der Vollmond hing groß und mächtig im Nachthimmel über Leros. Die Küste Kleinasiens war nur sieben Seemeilen entfernt. Genau so weit wie die Motorjacht benötigt hatte, die den Türken für einen Tagesausflug auf die griechische Insel gebracht hatte.

Der Mann war Mitte Zwanzig. Selbst im Tod zeigte er noch das überhebliche Lächeln, mit dem er sich gegen Mitternacht zum letzten Mal unbeliebt gemacht hatte. Äußerlich waren keine Verletzungen zu erkennen. Wenn er verblutet war, dann innerlich. Was das anging, bestand für Nikos Gerakis kein Zweifel. Immerhin hatte er den Mann auf dem Gewissen. Zeugen gab es genug. Doch kaum einer der Lerioten, die dabei gewesen waren oder jetzt noch herbeikamen, um zu gaffen, nahm es Nikos besonders übel, einem Türken gezeigt zu haben, wo Schluss war. Nicht einmal das Team der Inselpolizei hatte ihn unfreundlich behandelt.

Gut, sie hatten ihm Handschellen angelegt. Das war vielleicht ein bisschen übertrieben, aber letztlich in Ordnung. Immerhin befanden sich Anfang August eine Menge Touristen auf Leros. Nicht nur aus der Türkei, sondern auch aus Europa. Und von dort kamen nun mal die Überweisungen, die Hellas retten sollten. Deshalb war es neuerdings wichtig, dass die Regeln eingehalten wurden. Natürlich kam neben den Hilfspaketen aus Brüssel auch eine Menge türkisches Geld ins Land. Doch das waren Moneten neureicher Nachbarn, die gerne mit ihrem Wirtschaftswunder protzten, wenn sie zu Wochenendausflügen auf den griechischen Inseln einfielen. Nicht zu vergessen die anatolischen Investoren, die inzwischen wie Geier über Leros kreisten, um billig Beute zu machen. Spaß und Geschäfte. Es war die reinste Invasion.

Wo blieb da Platz für einen ehrlichen Lerioten?

Eine Frage, die Nikos schon lange beschäftigte, und auf die er gerne eine Antwort bekommen hätte.

Der Tote war jedenfalls aus Turgutreis. Die Polizisten hatten seine Papiere überprüft. Der Ort lag gegenüber auf dem Festland. Daher und aus Bodrum — oder Halikarnassos, wie es für einen ordentlichen Griechen immer noch hieß — kamen die meisten dieser großkotzigen Brüder. Aber das war natürlich kein Grund sie gleich umzubringen. Das sah selbst Nikos so. Auch wenn er sich nicht daran gehalten hatte.

Gebannt betrachtete er die Leiche. Er konnte einfach nicht wegsehen. Wie war das nur passiert? Er hatte den Mann bestimmt nicht töten wollen. Niederschlagen, das ja. Aber mehr nicht. Warum, um Gottes Willen, hatte er es nicht dabei bewenden lassen, dass der Gegner kampfunfähig zu Boden gegangen war? Warum zum Teufel war ihm danach die Sicherung durchgebrannt? Was für ein verdammter Tag. Mehr noch: Was für eine verdammte Woche, die hinter ihm lag.

Es hatte von Anfang an nicht gut ausgesehen.

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Leros, ©D. B. Blettenberg

Das Geräusch war laut und sehr monoton.

Das regelmäßige Klatschen lockte Schröder langsam aus dem Tief- in den Halbschlaf und ließ ihn schließlich ganz aufwachen. Es war noch früh am Morgen, doch das helle Licht der Ägäis fiel bereits durch die geöffnete Balkontür ins Zimmer — wenn auch ohne die Hitze, die es gegen Mittag mit sich brachte.

Als er das Geräusch vor einigen Wochen zum ersten Mal gehört hatte, waren dem altgedienten Reporter Bilder aus Lateinamerika, Asien und Afrika in den Sinn gekommen. Frauen am Fluss, die Wäsche wuschen und sie dabei immer wieder auf große Steine schlugen. Genau so hörte es sich an. Aber wie er inzwischen wusste, war Theo für das laute Klatschen verantwortlich. Immer dann, wenn der alte Fischer seinen frisch gefangenen Tintenfisch bearbeitete.

Schröder musste nicht aufstehen, um sich ein Bild davon zu machen. Er hatte oft genug zugesehen. Theo packte den gedrungenen Körper der Beute mit der Faust und schlug die Greifarme mit ausholenden Armbewegungen auf den Uferklippen weich. Ein ums andere Mal schmetterte er den Oktopus auf den Fels, um ihn mürbe zu machen. Unerbittlich zog der Alte sein Ritual durch. Ab und zu legte er kleine Pausen ein, in denen er die Beute in ein Netz packte und sie im Salzwasser spülte. Auch dies mit rhythmisch anhaltenden Pendelbewegungen, die viel Geduld verrieten.

So wurde es gemacht. Und deshalb war der Tintenfisch, den man Schröder in den Tavernen von Pandeli auftischte, auch so köstlich. Das Kontrastprogramm war ihm allerdings auch nicht entgangen: Ein Lieferwagen fuhr am Ufer vor. Zwei Männer schleppten eine große Plastiktonne mit gefrorenem Oktopus zum Meer, füllten ihn in ein großes Netz und hängten es ins Salzwasser. Nach einigen Stunden holten sie den „frischen Fang“ wieder ab. Auf diese Weise wurde in der Hauptsaison der Nachschub für Touristen sichergestellt.

Schröder stand auf. Der Balkon lag noch im Schatten und war ein angenehmer Ort, um die frühen Stunden des Tages zu verbringen. Er winkte dem alten Man auf den Uferklippen zu und genoss die Aussicht. Rechter Hand konnte er noch die Hafenmole ausmachen. Ein kleines Kaiki lief aus. Eifrig wie ein Terrier tuckerte das Fischerboot aufs offene Meer hinaus und beschallte die Bucht mit orientalischer Radiomusik. Jenseits des Hafens lag der Strand mit seinen Tavernen. Hoch darüber klebten würfelförmige Häuser im Hang. Wenn er hinaus über das Wasser schaute, konnte er direkt gegenüber die Berge der Nachbarinsel Kalymnos erkennen. Und zu seiner Linken, hinter der vorgelagerten Insel Agia Kyriaki mit ihrer weißen Kapelle, zog sich die Küste Kleinasiens wie eine Barriere am Horizont entlang. Im Moment schien die Türkei zum Greifen nah, aber manchmal war sie auch gar nicht zu sehen. Es hing vom Wetter ab.

Schröder ging zur Küchenecke, um Kaffee aufzubrühen, und öffnete die Tür zum Innenhof, damit etwas Durchzug entstand. Vor dem Nachbarbungalow, in dem Nikos Gerakis für gewöhnlich nächtigte, hing ein Dutzend Herrenunterhosen auf der Leine. Schröder lächelte. Nach langer Durststrecke schien der gute Nikos endlich wieder eine Frau gefunden zu haben, die die Nacht mit ihm verbracht und seine Wäsche für ihn erledigt hatte.

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Leros, ©D. B. Blettenberg

Es war immer das gleiche Muster. Nikos hortete schmutzige Slips, litt unter Samenstau und war frustriert — bis er im allerletzten Moment doch noch eine Lösung für seine Probleme fand. Es wurde von Tag zu Tag enger für den alternden Kamáki. Harpune — so nannte man hierzulande die einheimischen Frauenhelden, die sich in der Hauptsaison intensiv um ausländische Blondinen kümmerten. Nikos beste Zeit an den Stränden und in den Tavernen von Rhodos lag allerdings schon lange zurück. Aber auch hier auf Leros, gereift und fern vom Massentourismus, ließ ihn seine Bestimmung nicht zur Ruhe kommen. Die bunte Mischung verwegener Tangaslips sprach für sich.

Noch während Schröder die Wäsche auf der Leine im Blick hatte, quietschte die Haustür seines Nachbarn. Nikos kam auf den Hof und ging zu seinem Motorrad, um zur Baustelle zu fahren. Was die Arbeitsmoral anging, war dem Mann nichts vorzuwerfen. Er war Frühaufsteher und immer pünktlich zur Stelle, wo auch immer auf der Insel es nach einem bezahlten Job roch. Nikos war gelernter Steinmetz. Aber er hatte auch alles andere drauf. Was so auf dem Bau gebraucht wurde. Von der Elektrik bis zur Sanitärinstallation.

Wie immer, wenn Nikos sich zur Arbeit begab, hatte er seine schulterlangen hellgrauen Haare unter einer Baseballkappe verstaut. Die kräftigen Oberschenkel steckten in robusten Militärshorts. Um die Hüfte war ein abgewetzter Werkzeuggürtel aus Leder geschnallt. Dazu trug er klobige, mit Kalk und Mörtel besprenkelte, Arbeitsschuhe. Sein nackter Oberkörper war dunkel gebräunt, die Brusthaare leuchteten weiß. Und die kräftige Muskulatur an Brust und Armen zeigte, dass der Mann zupacken konnte. Nur die Haut war so schlaff, wie es seinem Alter entsprach. Wenn er als ordentlicher Handwerker auftrat, war Nikos zweifellos ganz bei sich. Nichts an ihm wirkte peinlich. Nach Feierabend sah das oft anders aus.

„Kaliméra“, rief Schröder über den Hof.

Nikos gab den Gruß mit einem knappen Grinsen zurück und trat auf den Kickstarter seiner Geländemaschine. Er stieg auf, gab Gas und ließ den kaputten Auspuff in die Morgenstille dröhnen, während er vom Hof preschte. Das Motorrad gehörte eher zum Feierabendprogramm. Es war kanariengelb und tintenblau lackiert und sollte vor allem Schwedinnen anlocken, wie die Harpune gerne erzählte.

Schröders Kaffee war gerade fertig, als er hörte, wie die Tür des Nachbarbungalows erneut in den Angeln quietschte. Wieder warf er einen Blick in den Hof und sah eine Frau davongehen. Sie war nicht mehr jung und definitiv keine Skandinavierin. Vermutlich eine Griechin. Oder eine Albanerin. Die Frau musste einmal gut ausgesehen haben. Auch die Kurven ihrer Figur waren unter dem Fett, das sie angesetzt hatte, noch erkennbar. Doch die engen Shorts und ein zu knappes Oberteil machten alles zunichte. Trotzdem. Die Dame passte zu Nikos. Sie war in seinem Alter. Mehr war nicht mehr drin. Er würde sich damit abfinden müssen.

Schröder bezweifelte allerdings, ob Nikos das auch so sah.

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Leros, ©D. B. Blettenberg

Mal wieder alles umsonst.

Nikos versuchte seine Wut zu unterdrücken. Zwei Wochen lang redlich geschuftet, und dann die schnöde Mitteilung: „Baustopp!“ Und natürlich erst mal kein Geld auf die Hand. Angeblich am Monatsende. Vielleicht.

Er sah dem Bauherrn nach, der auf dem Weg zu seinem Luxusgeländewagen war und dabei ins Handy brüllte. Nikos kannte diese Wichtigtuer zur Genüge. Aber was konnte er schon tun? Wenn er Arbeit wollte, musste er sich mit den Typen einlassen.

Und die Baustelle aufzuräumen, hatte der Krösus auch noch verlangt. Es war nicht zu fassen. So war es immer, sie nahmen einem die Arbeit weg, machten einem falsche Versprechen auf einen fernen Zahltag und erpressten einen auch noch mit dieser vagen Hoffnung. Wenn man sein Geld überhaupt sehen und die Chance auf einen neuen Job am Leben halten wollte, blieb einem nichts anderes übrig, als nach ihrer Pfeife zu tanzen. Auf der Insel sprach sich alles schnell herum. Und wenn ein ehrlicher Arbeiter erst mal als Querulant verschrien war …

Wie auch immer. Heute war Nikos jedenfalls zu keinem weiteren Zugeständnis bereit. Er wartete ab, bis der Geländewagen verschwunden war und ging zu seinem Motorrad.

Aufräumen war nicht.

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Leros, ©D. B. Blettenberg

Als er einige Stunden später das Patimenos betrat, war Nikos im Feierabend-Look.

Das schulterlange Silberhaar trug er offen wie ein alter Indianer. Nur das Stirnband fehlte. Die weiße Hose hatte leichten Schlag in Knöchelhöhe und saß ansonsten so eng wie eine Wurstpelle. Die handtellergroße Perlmud-Schnalle, die den Kroko-Gürtel zierte, war gut zu erkennen, denn das eng geschnittene Hemd aus giftgrüner Kunstseide steckte im Hosenbund. Dafür war es fast bis zum Bauchnabel aufgeknöpft. Was auch der schweren und nur dünn vergoldeten Kette mit dem Tigerzahn die Chance gab, zur Geltung zu kommen.

Schröder saß an einem Tisch am Wasser und genoss die leichte Abendbrise, die bei nur noch dreißig Grad über den Strand und durch die Taverne Strich. Er bekam mit, wie Nikos auf einen Hocker an der kleinen Hausbar kletterte und seine übliche Lauerstellung einnahm. Den Rücken zum Tresen, die Ellenbogen aufgestützt, den Blick auf die Tische und aus dem offenen Lokal auf den nächtlichen Strand, die Mole, die Boote und die anrainenden Tavernen gerichtet. Überall dorthin, wo Beute zu vermuten war.

Schröder war jedes Mal fassungslos, wenn er den letzten Winnetou, wie er Nikos insgeheim getauft hatte, in dieser Aufmachung sah — auch wenn er in den vergangenen Wochen wahrhaftig genug Zeit gehabt hatte, sich an den Anblick zu gewöhnen. Der Reporter lächelte, schüttelte den Kopf und winkte dem aus der Zeit gefallenen Raubritter kurz zu, bevor er sich wieder seinem Abendessen widmete. Er wusste: Der Grieche war jetzt nicht auf Gespräche mit anderen Männern scharf.

Nikos war im Einsatz und ging allem aus dem Weg, was die Frauen von ihm ablenken konnte.

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Leros, ©D. B. Blettenberg

Erst eine knappe Stunde später begab sich Schröder doch noch an die Bar.

Nikos hing inzwischen mit rundem Rücken auf seinem Hocker. Er hatte sich bereits drei schwere Abfuhren eingefangen. Zweimal blond, einmal rothaarig. Die beiden Blonden um die Vierzig. Die Rote Anfang Zwanzig. Abgesehen davon, dass er kein junger Adonis mehr war, war Nikos‘ Anmache auch schlicht und einfach zu primitiv. Jedenfalls war es kein guter Abend für ihn. Man spürte, dass er bereits aufgegeben hatte.

„Hallo Merkel“, sagte Nikos.

Schröder nickte nur. Alle hier nannten ihn so. Daran war die Finanzkrise Schuld. Die Griechen mochten keine Deutschen, die ihnen sagten, wo es langging. Und erst recht keine Oberlehrerin. Verständlich. Aber wenn man Schröder hieß, besonders bitter. Der Vorschlag, ihn stattdessen einfach Kanzler zu nennen, griff leider nicht.

„Auch ein Mythos?“ Nikos hielt die Bierflasche hoch, an der er sich den ganzen Abend lang festgehalten hatte.

Schröder wusste, worauf Nikos hoffte, und sagte: „In Ordnung.“ Der Gute hatte nicht viel Geld. Einmal hatte er ihn zum Essen eingeladen, aber der Grieche hatte stolz abgelehnt. Aber zu einer Runde Bier ließ er sich gerne einladen.

Nikos bestellte zügig Nachschub beim Kellner.

„Du hast eine neue Freundin …?“ fragte Schröder.

Nikos antwortete mit einem Schulterzucken.

„Verstehe.“

„Nichts Besonderes.“ Schröder schwieg, nickte jedoch, um seine Anteilnahme zu beweisen.

„Nichts hält für immer, Merkel. Die Liebe nicht … und die Arbeit auch nicht.“

„Arbeit?“

„Seit heute herrscht Baustopp. Keine Arbeit. Kein Geld.“

„Tut mir Leid.“

Das Bier kam, und sie nahmen einen Schluck.

„Und wie läuft es mit deiner Reportage?“

„Ganz gut. Ich komme voran.“

„Was war es noch mal?“

„Auswirkungen der Finanzkrise abseits von Athen.“

„Die Krise!“ Nikos lachte bitter und trank. „Alles ist Krise, Merkel. Korrupte Politiker, keine anständig bezahlte Arbeit für einfache Menschen wie mich. Und keine Frauen. Die gehen jetzt mit den Türken …“ Er deutete in die Bucht, in der an die vierzig Motor- und Segeljachten ankerten, deren Positionslampen aufdringlich in die Nacht leuchteten.

Schröder war klar, dass die Mehrzahl der Boote unter der roten Flagge mit der weißen Mondsichel mit weißem Stern fuhr. An und für sich eine zuverlässige Kundschaft für die Lerioten. Zahlungskräftig, aber schon aus historischen Gründen nicht immer beliebt. So viel zu Gemeinsamkeiten zwischen Athen, Ankara, Berlin und Brüssel.

„Was hockst du denn so verquält auf deinem Hocker“, fragte Nikos.

Hatte Schröder seine Schmerzen bislang weitestgehend verdrängt, so war es nun damit vorbei.

„Bin schwer gestürzt.“

„Wo?“

„Bei uns. Die Steile Steintreppe zum Ufer runter. Ich wollte mal eben eine Schreibpause einlegen und kurz ins Meer springen. Leider habe ich in der Eile den Wasserschlauch und die nassen Kacheln zu spät bemerkt. Schon auf der obersten Stufe bin ich ausgerutscht und hab die ganze Treppe bis zum bitteren Ende abgeritten. Alles auf dem Rücken. Gott sei Dank nichts an der Wirbelsäule und am Kopf. Aber schwere Prellungen am Rücken. Das dauert.“

Nikos lachte. „Deshalb bewegst du dich wie ein alter Mann. Wenn du auf dem Bau arbeiten würdest, hättest du das besser weggesteckt.“

„Ohne Schmerzmittel geht im Moment gar nichts. Ich ahne, wie sich einer fühlen muss, den man zusammengeschlagen und danach noch ausgiebig in die Rippen getreten hat.“

„So was kann dir bei uns nicht passieren“, sagte Nikos ernst und trank einen Schluck Bier. „Wir treten nicht nach. Jemanden niederschlagen, das ja. Aber dann ist Schluss. Alte griechische Kriegsregel.“

Der Stolz, der bei diesen Worten durchklang, entging Schröder keineswegs.

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Leros, ©D. B. Blettenberg

Die brütende Hitze, machte jedem auf der Insel zu schaffen.

Bereits seit Anfang Juli herrschten Backofentemperaturen bis an die vierzig Grad. Die Nacht reichte gerade, um den Morgen mit sechsundzwanzig Grad zu beginnen. Und der anstehende August versprach auch nicht viel anders zu werden. Keine Wolke weit und breit. Nur der Meltemi aus dem Norden, linderte die monotone Wetterlage. Mal war er nur eine schwache Brise, manchmal aber auch ein lästiger Sturm von sieben bis acht Windstärken, der Staubwolken vor sich herjagte und einen mehr auslaugte, als erfrischte.

Die Zikaden zirpten andauernd und nervtötend. Wenn sich die Insekten so lautstark in Szene setzten, waren angeblich die Feigen reif. Das behauptete jedenfalls Nikos. Schröder hatte ihn schon seit zwei Tagen nicht mehr gesehen. Er schien sich in seinem Bungalow aufzuhalten. Trank sich vermutlich den Frust über Arbeitslosigkeit, Geldmangel und die anatolische Konkurrenz von der Seele. Wenn Schröder seinen Müll zur Tonne brachte, bemerkte er jedenfalls entsprechende Indizien wie leere Bierbüchsen und Schnapsflaschen.

Er selbst quälte sich mit lahmem Rücken durch die Tage und versuchte zu schreiben. Das Thema Finanzkrise und Korruption kam gar nicht gut bei der Hitze.

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Leros, ©D. B. Blettenberg

„Wenn Frauen bei dir wohnen, kostet das extra, Nikos. So war es abgemacht.“

„Bei mir wohnt keine, Antonis.“

„Ich hab aber eine gesehen.“

„Ich hab es ihr bloß besorgt. Das war alles.“

„Und wann hat sie die ganze Wäsche gewaschen? Erzähl mir keine Märchen, Nikos. Ich lass dich hier umsonst wohnen, vergiss das nicht. Aber extra Nebenkosten sind da nicht drin. Du weißt wie teuer alles geworden ist.“

„Das bisschen Strom und Wasser? Ich wohne hier, weil du mir noch Lohn schuldest. Eigentlich müsstest du mir auch noch das Essen bezahlen.“

„Blödsinn.“

„Die Wohnung, in dem der Deutsche wohnt, wäre doch ohne mich gar nicht da. Alles meine Arbeit. Vom Klo bis zur Einbauküche.“

„Was hat Merkel denn damit zu tun?“

„Nichts. Aber seine Wohnung. Den Lohn dafür bist du mir noch schuldig. Und ich werde ihn bis zum November bei dir abwohnen. Das haben wir abgemacht.“

„Aber nicht, dass du in meinem Bungalow mit einer Verlobten haust.“

„Jetzt übertreib mal nicht, Antonis.“

„Ich hab dich gewarnt. Ich kann deine Bleibe auch für gutes Geld an Touristen vermieten.“

„An wen denn? Sind doch kaum welche da dieses Jahr.“

„Das kann sich noch ändern. Es heißt Antonis Kanaris, Studios und Apartments. Und nicht Tonis Asyl. Merk dir das gefälligst.“

„Maláka!“

„Wenn hier einer ein Wichser ist, dann du, Nikos. Und sauf nicht so viel. Ist nicht gut für die Nerven. Erst recht nicht bei den Temperaturen.“

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Leros, ©D. B. Blettenberg

Am liebsten schrieb Schröder an Sachen, die keiner drucken wollte.

Deshalb hatte er die Reportage zur hellenischen Krise vorläufig zur Seite gelegt und arbeitete stattdessen an einem Thema, das ihn weit mehr faszinierte: Griechenland und Kleinasien. Er hatte gerade ein Sachbuch von einem Autor namens Roger Crowley in die Finger bekommen, das ihn inspirierte. Wie immer dickte er das Angelesene zunächst einmal ein, um es dann später in dem Stil auszuarbeiten, für den er bekannt war.

Anatolien, so schrieb er, bedeutet im Griechischen nichts anderes als „Osten“. Und die Osmanen vom Stamm der Osman, nannten sich selbst genau so oder bezeichneten sich einfach als Muslime. Das herabsetzende Wort „Türke“ wurde lediglich in der westlichen Welt verwendet. Erst 1923, bei der Gründung der neuen Republik mit ihrer neuen Hauptstadt Ankara, wurde Türke und Türkei in Orientierung an Europa übernommen.

Schon 1453, bei der Eroberung Konstantinopels, war das Osmanische Reich multikulturell. Es absorbierte die Völker der von ihm unterworfenen Regionen und legte keinen besonderen Wert auf ethnische Identität. So bestand ein Großteil der militärischen Kampfverbände aus Slawen, angeführt von einem griechischen General. Der Admiral der Seestreitkräfte war Bulgare. Und selbst der Sultan war vermutlich ein halber Serbe oder Mazedonier.

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Leros, ©D. B. Blettenberg

„Ist heute nicht mein Tag“, sagte Nikos zu der Frau, die reglos unter ihm lag.

Er stöhnte, rollte er sich zur Seite und steckte sich eine Zigarette an.

„Mach dir doch nichts vor“, höhnte Olga und stieg aus dem Bett. „Es klappt doch nie.“

„Beim nächsten Mal“, sagte Nikos mehr zu sich selbst.

„Das war jedenfalls das letzte Mal, dass ich mich um deine Wäsche gekümmert habe.“

Schweigend sah er zu, wie sie sich anzog und ging.

Was blieb ihm noch?

Sein Körper taugte nur noch zur Arbeit, und zu sonst nichts mehr.

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Leros, ©D. B. Blettenberg

Dann kam das Wochenende.

Samstag und Sonntag war auch bei spärlichen Touristenzahlen in Pandeli genug los, um Nikos aus Selbstmitleid und Depression zu reißen. Er raffte sich auf, schmiss sich in seine feschen Klamotten und aufs Motorrad und donnerte in den Ort. Es waren nur einige hundert Meter bis zum Patimenos, aber zu Fuß gehen wäre einer Demütigung gleichgekommen.

Am frühen Abend hatte er an der Bar ein sehr viel versprechendes Gespräch mit einer jungen Dänin, die auf kernige Griechen stand, und ihm drei große Flaschen Bier spendierte. Sich selbst auch. Deshalb war sie sehr schnell betrunken und verzog sich in ihre Pension, ohne dass er Hand an sie hätte legen können.

Wenig später kam Merkel zum essen. Er hockte an seinem Tisch und las Zeitung. Wie immer brachte der Deutsche Nikos kein Glück. Keine Anmache, die er startete, verfing, und es endete wie so oft damit, dass Merkel ihm noch ein Bier spendierte und sich danach vom Acker machte. Angeblich, um noch zu arbeiten.

Damit erreichte der Samstagabend seinen Tiefpunkt.

Nikos drohte erneut im Selbstmitleid zu versinken. Seine Gedanken kreisten um die halbe Flasche Pampero in seinem Bungalow. Den Rum aus Venezuela gab es seit einigen Monaten günstig im Supermarkt, und Nikos hatte sich angewöhnt regelmäßig einen auf Hugo Chávez zu trinken. Auch so ein Politiker. Aber wenigstens durchgeknallt. Hatte sich vom Imperium nie etwas gefallen lassen. Das allein war Grund genug, sich regelmäßig einen Cuba Líbre zu gönnen. Auch wenn die Limonen aus Brasilien sauteuer waren.

Hasta la victoria siempre!

Doch noch bevor Nikos den Rückzug an die heimische Getränkefront antreten konnte, ging das Geschrei los. Es kam vom Parkplatz über dem Strand, direkt vor dem Castelo, der neureichen Türkenhochburg. Nikos ließ sein Motorrad stehen und sah nach dem Rechten. In Anbetracht der kurzen Wegstrecke, war lässiges Schlendern ausreichend.

Ein Dutzend Lerioten aller Altersklassen hatte sich zusammengerottet und regten sich lauthals über einige Türken auf, die auf der Veranda der Hotelbar hockten und herumgrölten, als gehörten ihnen nicht nur die vor Anker liegenden Luxusjachten, sondern bereits die ganze Insel. Die Anatolier trugen protzige Designerklamotten und hatten Gel im Haar. Etwas, was Nikos zutiefst zuwider war.

Zunächst ignorierten die Angeber die Beschimpfungen der Einheimischen, dann ließen sie sich darauf ein und pöbelten zurück. Die Männer aus Pandeli rückten ihnen näher auf den Pelz. Auch Nikos machte seinem Unmut Luft. Es hatte etwas Befreiendes, nach all dem Frust der letzten Tage, aus einem guten Grund Rabatz machen zu können.

Die Griechen schoben sich bis an die ersten Tische der Hotelveranda. Die Türken blieben aufreizend lässig sitzen und spotteten über die einheimischen Proleten. Noch lagen etwa zehn Meter zwischen beiden Parteien. Das war nicht viel. Doch für Tätlichkeiten fehlte ein geeigneter Zündfunke. Es blieb bei einem Brüllwettbewerb mit unflätigem Vokabular.

Dann übertrieben die Türken es.

Sie sangen die Nationalhymne.

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Leros, ©D. B. Blettenberg

Von jenseits des Hafens war auffälliger Lärm zu hören.

Schröder verließ seinen Schreibtisch und ging auf den Balkon. Es war aber nicht auszumachen, was Ursache der nächtlichen Unruhe war. Wahrscheinlich mal wieder eines jeder hitzigen Wortgefechte zwischen Einheimischen, das sich in Handgreiflichkeiten entlud. Er setzte sich wieder vor die Tastatur und tippte weiter.

Die Osmanen hatten vor, die Griechisch sprechenden Bewohner Konstantinopels endgültig zu besiegen. Heutzutage nennt man diese „Griechen“ Byzantiner, eine Bezeichnung, die erstmals 1853 verwendet wurde, genau vierhundert Jahre nach der großen Belagerung der Stadt, die heute Istanbul heißt. Auch wenn selbst zeitgenössische Griechen immer noch hartnäckig Konstantinopel sagen.

Die Byzantiner sahen sich als Erben des Römischen Reiches und nannten sich deswegen selbst Römer. In vielem waren sie ein Spiegelbild des osmanischen Gegners. So war ihr Kaiser zur Hälfte Serbe und zu einem Viertel Italiener, und seine Streitkräfte waren zum Großteil Westeuropäer und wurden von den Byzantinern „Franken“ genannt. Diese Franken waren aus Katalonien, Genua oder Venedig. Und an ihrer Seite kämpften Männer aus Kreta und sogar einige ethnische Türken.

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Leros, ©D. B. Blettenberg

Kaum hatten die Anatolier die erste Strophe ihrer Nationalhymne begonnen, ging es auch schon zur Sache.

In einer verbissenen Prügelei schafften es die Männer aus Kleinasien, die Lerioten von der Veranda auf den Parkplatz zurückzutreiben. Doch den Einheimischen gelang es, sich neu zu gruppieren und langsam die Oberhand zu gewinnen.

Nikos trug seinen Teil dazu bei.

Er wurde von zwei jungen Rabauken aus Pandeli flankiert. Tassos, den jeder auf der Insel wegen seines neuseeländischen Vaters Kiwi rief, und Takis, der seiner holländischen Mutter den Spitznamen Oranje verdankte. Die Jungs gingen die Sache eher im Freistil an. Nikos hingegen hielt sich an die Regeln des ordentlichen Faustkampfs. Was das anging, hielt er es wie Diagoras, jenem legendären Boxer aus Rhodos, der Mitte des Fünften Jahrhunderts vor Christus auf allen größeren griechischen Festplätzen gesiegt hatte.

Mit jedem Schlag, den Nikos austeilte, kam er weiter in Rage. Endlich hatte er ein Ventil gefunden, um Dampf abzulassen. Keine Arbeit, kein Geld, keine Frauen und überall viel zu viele reiche Türken, die einem alles wegnahmen. Das hatten sie nun davon. Sie bezogen Prügel. Das tat gut.

Blutverschmiert zogen sich die Neureichen ins Hotel und auf ihre Jachten zurück. Nur der eine, mit dem Nikos es noch zu tun hatte, war zäh. Er wehrte sich so verbissen, das dem alternden Kamáki die Kräfte schwanden. Aber dann erwischte er den Türken direkt am Kinn, und der Junge ging schwer angeschlagen zu Boden.

Damit wäre alles gut gewesen.

Doch noch im Liegen musste ihn dieser Wichser anpöbeln. Und deshalb knallte Nikos die Sicherung durch. Er trat ihm in die Eier. Schon das allein wäre nicht in Ordnung gewesen, hätte jedoch noch kein schlimmes Ende bedeuten müssen.

Aber Nikos war außerstande, aufzuhören. Was Arme und Fäuste nicht mehr erledigen konnten, übernahmen ganz automatisch Beine und Füße. Immer wieder trat er zu. Unterleib. Bauch. Leber. Rippen. Nieren. Nur den Kopf verschonte er. Soweit hatte er sich gerade noch im Griff. Und doch konnte er nicht aufhören. Noch ein Tritt. Und noch einer. Bis ihn zwei Lerioten bei den Oberarmen packten, beruhigend auf ihn einredeten, und ihn wegzogen.

Die Berührung war Nikos angenehm.

Langsam kam er wieder zu Sinnen.

Wenn es hart auf hart ging, war es gut, unter Freunden zu sein.

Deutsche Erstveröffentlichung von D. B. Blettenbergs „Die Regeln des Diagoras„ online beim Polar Verlag 2014: www.polar-gazette.de. Fotos: D. B. Blettenberg. www.dbblettenberg.de.

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