Blut ist dünner als Wasser

Drei Auftritte von Haris Vlavianos beim Internationalen Literaturfestival Berlin

Am 10. und 11. September können Sie den griechischen Lyriker Haris Vlavianos beim Internationalen Literaturfestival Berlin in gleich drei Veranstaltungen erleben: Am 10. September diskutiert er im Haus der Berliner Festspiele um 18 Uhr mit Michaela Prinzinger über seinen autobiografischen Roman „Blut ist dünner als Wasser„ und um 19.30 Uhr nimmt er an der Poetry Night I teil. Am 11. September um 19.30 Uhr spricht er mit Festivaldirektor Ulrich Schreiber über das Thema „Krise und Sprache„. Lesen Sie auf diablog.eu Kapitel 30 aus dem Roman in der Übersetzung von Torsten Israel.

Vlavianos, Literaturfestivalplakat

Kapitel 30 aus „Blut ist dünner als Wasser„

Du betrachtest den Ehering an deiner linken Hand. Alle glauben, dass auf der Innenseite der Name irgendeiner Frau eingraviert ist. Dort steht aber der deines Großvaters väterlicherseits. Deine Großmutter hat dir den Ring geschenkt, als sie starb. Du hattest sie darum gebeten. Du liebtest deinen Großvater sehr. Er war auch dein Taufpate. Und ihr hattet auch den gleichen Vornamen. Er starb in Brasilien, an deinem Geburtstag. Als er die Augen schloss, warst du noch auf der Reise von London nach Sao Paolo. Bei deiner Ankunft trugen alle schwarz. Es war der erste Tod, der dich so erschütterte.

Damals, als du klein warst, noch in Rom lebtest und nur im Sommer nach Griechenland kamst, war er derjenige, der sich immer drei Monate lang um dich kümmerte (während sie jedes Mal mit anderen Liebhabern durch die Gegend zog), derjenige, der dir zuerst beibrachte, Griechisch zu lesen und zu schreiben, derjenige, der dich auf die Insel der Kirke, zu den Ufern von Kolchis und an andere mythische Orte brachte, derjenige, der jeden Sonntag mit dir ins Kino Cineac ging, in die Filme von Laurel & Hardy, oder auf einen Spaziergang ins Kerameikos-Viertel, derjenige, der dir die ersten Enzyklopädien kaufte (die Welt der Tiere und Pflanzen und den Atlas der Revolution von 1821 hast du immer noch), und alle Bücher von Jules Verne und Alexandre Dumas.

Vlavianos, Aima nero_Cover

Er war Monarchist. Deine Großmutter, die aus Smyrna kam, Anhängerin des republikanischen Politikers Elevtherios Venizelos. Bei Tisch stritten sie sich oft über den Grund der Kleinasiatischen Katastrophe, der Niederlage Griechenlands im Krieg mit der Türkei von 1919 bis 1922. Und um den sogenannten Prozess der Sechs, der im Anschluss gegen einige prominente Politiker und Militärs geführt wurde und der mit Todesurteilen endete. Er bewunderte Dimitrios Gounaris, den hingerichteten Ministerpräsidenten, mit dem sein Vater auch in freundschaftlicher Verbindung stand. Und seine Ermordung – denn es handelte sich um einen Mord, da die Anklage wegen „Hochverrats“ offensichtlich haltlos war – erwies sich als Ereignis, das ihn für immer prägte. Sie ihrerseits arbeitete eine Zeit lang im Büro von Themistoklis Sophoulis, einem politischen Weggefährten von Venizelos, dem „großen Mann aus Kreta“, den sie in einer Weise liebte, die beinahe missverständlich war.

Jahre später (du warst schon Student in England und verbrachtest die Ferienzeit immer bei ihr, anstatt zu Hause – die Interventionen deiner Mutter hatten in ihrer Taktlosigkeit jedes Maß überschritten) vertraute sie dir alles über die Geliebte deines Großvaters an. Sie hieß Marina Venieri (wie eine Figur aus einem Roman von Michalis Karagatsis, dachtest du sofort), war Angestellte in seiner Notariatskanzlei und über dreißig Jahre unter Dach und Fach in einer Wohnung, die er finanzierte. Er übernahm sogar die Kosten für das Studium ihres Sohns aus einer früheren Ehe und kaufte ihr am Ende ein Appartement im noblen Stadtteil Halandri. Deine Großmutter führte diese lange Verbindung (im Grunde war es so, als hätte er zwei Familien gleichzeitig gehabt) auf die massiven politischen Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen zwischen den beiden zurück, die sich schon am Beginn ihrer Ehe zeigten (sie hatten 1925 geheiratet, einen Monat nach der Machtergreifung des Diktators Theodoros Pankalos).

Du wusstest natürlich, dass sie sich selbst belog und das bloß eine Ausrede war. Als dein Großvater starb, rief dich jedenfalls jemand an. Und das war, am Boden zerstört, die andere, die immer wieder sagte, dass sie jetzt, wo er in Sao Paolo gestorben und beigesetzt worden sei, nicht einmal Blumen auf sein Grab legen könne. Du versprachst ihr, sie irgendwann zu besuchen und ihr einige persönliche Gegenstände von ihm zu geben, ein Versprechen, das du niemals erfülltest. Jetzt wird auch sie tot sein und zugleich mit deiner Großmutter Anspruch auf seine Seele erheben – auf deren erotischsten, leidenschaftlichsten Teil. Denn er war tatsächlich ein Mann mit vielen Leidenschaften und vielen außerehelichen Beziehungen auf dem Kerbholz. Du hast diese Seite von ihm natürlich nicht kennengelernt. Für dich war er dein Großvater – ein wunderbarer Mensch, der dir in den schwierigen und einsamen Jahren deiner Kindheit (als die Kredithaie und Liebhaber in der Wohnung deiner Mutter ein und aus gingen und dein Vater sein Geld auf mondänen Insel verstreute) Sicherheit bot. Selbst wenn alles um dich her zusammenbrechen sollte, würde er immer da sein. Und das war er.

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Übersetzung: Torsten Israel

Haris Vlavianos wurde 1957 in Rom geboren. Er studierte Wirtschaftswissenschaften und Philosophie in Bristol und Politikwissenschaften und Geschichte in Oxford. Herkunft, Sprache und Wohnort weisen ihn dennoch als griechischen Autor aus. Vlavianos legte bisher sieben Gedichtbände vor, darunter »O aggelos tis istorias« (1999; dt. »Der Engel der Geschichte«, Romiosini Verlag 2001) und »Meta to telos tis omorphias« (2003; dt. »Nach dem Ende der Schönheit«, Hanser Verlag 2007). Zuletzt erschien der erfolgreiche autobiografische Roman »To aima nero« (2014; Ü: Blut ist dünner als Wasser). Vlavianos lebt in Athen, wo er Geschichte und Ideengeschichte am American College of Greece sowie Kreatives Schreiben lehrt. Er ist außerdem Herausgeber der renommierten Literaturzeitschrift »Poiitiki« (Ü: Dichtung).

Haris Vlavianos [Griechenland] – »Blut ist dünner als Wasser«

10.09.2015 18:00 Uhr
Literaturen der Welt
Haus der Berliner Festspiele, Oberes Foyer
Autor: Haris Vlavianos
Moderation: Michaela Prinzinger
Sprecher: Friedhelm Ptok
Preis 8 Euro / ermäßigt 6 / Schüler 4

Vor einer mondänen Szenerie stellt dieses Arrangement von Prosaminiaturen das Aufwachsen in einem Familienleben zwischen Trauma und Intimität aus. Trotz Finesse im Detail stets zugänglich, fächern die Fragmente alle denkbaren menschlichen Gemütslagen auf und erzählen dabei eine geradezu archeytpische Geschichte vom Verletztwerden und Verletzen, an deren Ende ein Vergeben mit Vorbehalt steht. Die Texte vermögen manches Griechenland-Klischee auf den Kopf zu stellen.

Poetry Night I: Luis Chaves [Costa Rica], Haris Vlavianos [Griechenland] und Ruth Padel [GB]

10.09.2015 19:30 Uhr
Literaturen der Welt
Haus der Berliner Festspiele , Seitenbühne
Autoren Luis Chaves,Haris Vlavianos, Ruth Padel
Moderation: Silke Behl
Sprecher: Frank Arnold
Preis 8 Euro / ermäßigt 6 / Schüler 4

Luis Chaves ist einer der renommiertesten Stimmen der Gegenwartslyrik in Costa Rica. Für seine Gedichte gewann er zahlreiche Preise, zuletzt für »La máquina de hacer niebla« den Premio Nacional de Poesía 2012 des Kulturministeriums von Costa Rica. Haris Vlavianos ist Herausgeber der renommierten Literaturzeitschrift »Poiitiki«. Neben sieben eigenen Gedichtbänden und essayistischen Arbeiten veröffentlichte er zahlreiche Übersetzungen moderner amerikanischer Lyrik, u.a. Eliot, Pound und Ashbery. Ruth Padel ist Lyrikerin, Roman- und Sachbuchautorin. Sie ist vor allem für ihre Poesiekritik und ihr Schreiben über Natur bekannt, aber auch ihre Verbindung zu Musik und Wissenschaft; darüber hinaus gilt ihr künstlerisches Interesse besonders Griechenland.

Haris Vlavianos [Griechenland] im Gespräch mit Ulrich Schreiber [D] über Krise und Sprache

11.09.2015 19:30 Uhr
Reflections
Haus der Berliner Festspiele, Oberes Foyer
Autor: Haris Vlavianos

Im Gespräch über die Sprache der Krise werden Haris Vlavianos und Ulrich Schreiber darüber diskutieren, wie in Medien und Literatur über die Gegenwärtige Krise berichtet wird. Sie gehen dabei der Frage auf den Grund, wie sich Sprache in der Krise verändert und wie wir sie in dieser Zeit erleben. Dabei richten Sie den Blick auf das Debakel der Poesie, die Not und das Elend der Menschen in Worte zu fassen.

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