Zyklus der Idiotie

Artikel von Amanda Michalopoulou

Die Flüchtlingswelle hat den deutschsprachigen Raum erreicht, und in Griechenland stehen wieder Wahlen vor der Tür. Amanda Michalopoulou hat in den letzten Wochen eine Reihe von Texten für die Berliner Tageszeitung „Tagesspiegel„ geschrieben. diablog.eu bringt die letzten beiden Texte „Zyklus der Idiotie„ und „Die Zukunft des Landes„ in beiden Sprachen. „Zyklus der Idiotie„ beschäftigt sich mit dem Dauerthema der letzten Wochen, dem Schicksal der Flüchtlinge. Die Gemälde, die den Text begleiten, stammen von Dimitris Tzamouranis, der für 2016 eine entsprechende Ausstellung in der Berliner Galerie Michael Haas vorbereitet. Auf Deutsch finden Sie sämtliche Artikel unter www.tagesspiegel.de, wenn Sie in der Suchfunktion den Namen der Autorin eingeben.

Vor einigen Tagen hat das Kreuzfahrtschiff „Aegean Paradise“ östlich von Chios ein Rettungsschiff der griechischen Küstenwache gerammt, das illegale Migranten an Bord hatte. Hätte man es in einem Roman gelesen, wäre es einem wohl etwas dick aufgetragen erschienen: Der Zusammenprall der zwei Welten – ägäisches Sommerparadies der Touristen und Hölle der Migranten – wirkt wie plumpe Fiktion. Aber bekanntlich übertrifft das Leben nicht selten die Fantasie an Dramatik und Symbolik. Und es ist ja auch wirklich so: Nur ein kleines Stück von den Stränden mit ihren Sonnenschirmen und Cocktails entfernt werden in den letzten Wochen ständig syrische Familien aus morschen Kähnen an Land gespült.

Tzamouranis, Gefährten

Gefährten, ©Dimitris Tzamouranis

Der Unfall ereignete sich an der Küste einer der griechischen Inseln, die das größte Problem mit der Migration hat. Im Dodekanes ist beim Eintreffen von Flüchtlingen insgesamt eine Zunahme von 1 420 Prozent zu verzeichnen, und dabei ist bereits die 300-prozentige Zunahme in ganz Griechenland während der letzten sechs Monate explosiv, wenn man es mit dem entsprechenden Zeitraum des letzten Jahres vergleicht. Im Durchschnitt kommen täglich 1200 Migranten von den ägäischen Inseln nach Athen. Die Statistik ist deprimierend: Nach Information des UNHCR sind mehr als 200 000 Migranten und Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Europa gelangt.

Tzamouranis, Welle

Welle, ©Dimitris Tzamouranis

Hier treffen sie auf ein extrem griechisches und ein europäisches Problem. Das griechische Problem sind die bürokratischen Hindernisse. Griechenland ist nicht in der Lage, Budgets der Europäischen Union abzuschöpfen, weil die Gründung des Amtes zur Durchführung europäischer Asyl-, Aufnahme und Integrationsprogramme aussteht, die dazu erforderlich wäre. Außerdem begegnet die Linke dem Migrationsproblem mit tiefem Unbehagen und ideologischer Verhärtung. Sie verwechselt den ständigen Aufschub einer Lösung mit humanistischem Interesse. Das ist auch der Grund, warum dieser Park in der Mitte Athens, das Pedion tou Areos, wochenlang von afghanischen Flüchtlingen überschwemmt war, die eben erst an einen geeigneten Ort gebracht worden sind, nach Eleonas. Als Gegenargument führte das Ministerium für Migrationspolitik ständig die Tatsache an, dass auch in Deutschland die Flüchtlinge in Zelten in Parks lebten. Nur eben mit dem Unterschied, dass das nicht so ohne Weiteres passiert. Sie werden von den Behörden auf organisierte Areale verteilt, sie schlagen nicht einfach eines schönen Tages im Volkspark in Friedrichshain ihre Zelte auf.

Tzamouranis, Life Transport (Angels)

Life Transport (Angels), ©Dimitris Tzamouranis

Das europäische Problem ist vergleichbar: tiefes Unbehagen und Untätigkeit. Europa sieht ohne zu handeln dabei zu, wie die Flüchtlingsmassen in den Mittelmeerraum einfallen, und konferiert über die Geldverteilung der kommenden zwanzig Jahre. Das ist keine Politik. Es ist – wie es Álvaro Mutis sehr schön darlegt, als er sich generell über die Exzesse der Bürokratie auslässt – „ein Bericht, der den denkwürdigen Vorzug besitzt, in einem Schwall von Worten überhaupt nichts Bemerkenswertes zu sagen, in Worten, die dann in den Außenministerien dahinschlummern bis zu dem Tag, an dem sie andere, ebenso talentierte Lobhudler ausgraben, die erneut den Zyklus dieser Idiotie in Gang setzen, die es ihnen gestattet, ihr Gehalt ohne Gewissensbisse zu genießen und die finstere Großtat zu vollbringen, die man als Karriere bezeichnet.“

Tzamouranis, Clandestini

Clandestini, ©Dimitris Tzamouranis

Die Forderung nach einer gerechten Verteilung der Migranten per Quote bleibt auf dem Papier stehen. Zudem sind die einzigen befürworteten Lösungen militärischer Natur. Aber ein militärisches Eingreifen gegen die Arbeitsmigranten stellt nur einen Teil eines komplexen europäischen Problems dar, das einen organisatorischen und gesetzlichen Rahmen braucht und darüber hinaus Flexibilität. Europa muss seine humanistischen Ideale auf den Prüfstand stellen, aber auch die Politik der Effizienz. Und es darf nicht mehr nur in Begriffen nationaler Grenzen denken und muss mit klarem Blick wahrnehmen, wo seine südlichen Grenzen liegen.

Übersetzung: Birgit Hildebrand, Illustrationen: Dimitris Tzamouranis

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2 Gedanken zu “Zyklus der Idiotie

  1. „Vor einigen Tagen hat das Kreuzfahrtschiff „Aegean Paradise“ östlich von Chios ein Rettungsschiff der griechischen Küstenwache gerammt, das illegale Migranten an Bord hatte. Hätte man es in einem Roman gelesen, wäre es einem wohl etwas dick aufgetragen erschienen“ = ja hätte ich es in einem Roman gelesen, hätte ich auch gedacht -ganz schön dick aufgetragen.

    Ich habe heute das erste Mal von diesem Vorfall gehört, habe in den Medien darüber nichts mitbekommen.

    vg, kv

  2. Frau Michalopoulou drückt sich leider (beabsichtigt oder unbeabsichtigt?) sehr unklar aus.

    So heißt es etwa im vorletzten Satz: „Europa muss seine humanistischen Ideale auf den Prüfstand stellen, aber auch die Politik der Effizienz [Anm.: gemeint wohl: aber auch seine politische Effizienz].“ Im griechischen Original ist der Satz genauso kryptisch: „Η Ευρώπη θα πρέπει να ελέγξει τα ανθρωπιστικά ιδεώδη της, αλλά και την πολιτική της αποτελεσματικότητα.“

    Was ist nun der Standpunkt der Verfasserin? Soll Europa in Zusammenhang mit dem Flüchtlingsproblem von seinen humanistischen Idealen abrücken? Oder soll es sich – umgekehrt – mehr an diesen Idealen orientieren?

    In ähnlicher Weise unverständlich sind etwa folgende Feststellungen:

    „Außerdem begegnet die Linke dem Migrationsproblem mit tiefem Unbehagen und ideologischer Verhärtung. Sie verwechselt den ständigen Aufschub einer Lösung mit humanistischem Interesse.“ Bzw. im Original: „Επιπλέον η Αριστερά αντιμετωπίζει με βαθιά αμηχανία και ιδεολογικές αγκυλώσεις το μεταναστευτικό. Συγχέει την αναβλητικότητα με το ανθρωπιστικό ενδιαφέρον.“

    Offenbar als Illustration dieser abtrakten Formulierung soll dann die Bezugnahme auf afghanische Flüchtlinge dienen, von denen ein Athener Park „überschwemmt war“ („έχει κατακλυστεί με πρόσφυγες“). Auch damit wird für mich aber nicht klarer, was mit den Sätzen davor gemeint ist.

    Die Autorin kritisiert die (europäische und innergriechische) Flüchtlingspolitik. So viel ist ihrem Text gerade noch als Quintessenz zu entnehmen. Darüber hinaus ist jedoch ihre Position zu dem Thema für mich nicht zu erkennen. Eine klarere Sprache wäre wünschenswert gewesen.

    Eine Anmerkung zur deutschen Übersetzung, in der sich ein sinnstörender Fehler eingeschlichen hat: Im drittletzten Satz heißt es: „Aber ein militärisches Eingreifen gegen die Arbeitsmigranten stellt nur einen Teil eines komplexen europäischen Problems dar […]“.

    Michalopoulou bezieht sich aber nicht auf ein militärisches Eingreifen gegen die „Arbeitsmigranten“, sondern gegen die Schlepper: „Όμως οι στρατιωτικές επιχειρήσεις εναντίον των δουλεμπόρων είναι ένα μόνο μέρος ενός κομβικού ευρωπαϊκού προβλήματος […]“

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