Musik verbindet – Engel reisen in den Rembetiko

Ein Musikabend, erzählt von Simon Steiner

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Als 1960 die ersten griechischen Migranten als Arbeitskräfte in Stuttgart und Umgebung ankamen, brachten sie ihre Musik mit. Damit brillieren heute ihre Nachkommen auf der musikalischen Bühne. Simon Steiner beschreibt den Auftritt einer Bouzouki-Bigband.

Die historische Alte Kelter liegt am Ortsrand von Winnenden, eine halbe Autostunde von Stuttgart entfernt (hier). Viel Grün, Wiesen, Weinberge und Wälder bilden die natürliche Umgebung. Beruhigende Weite, wie die in Griechenland. Um zu arbeiten und zu leben haben sich viele Griechen für diese Gegend entschieden. Schon vor siebzig Jahren zogen die ersten „Gastarbeiter“ in den Rems-Murr-Kreis. Ihre Nachkommen sprechen deutsch und griechisch, leben selbstverständlich hier und fühlen sich heimisch.

Griechischen Wein bietet die schwäbische Alte Kelter an diesem 21. Januar, einem Sonntagabend, nicht an, aber alles beginnt mit Sektempfang und Mezedes, also griechischen Häppchen. Im Foyer herrscht griechisch-deutsches Sprachgewirr. Der Saal ist zum Platzen voll, 150 Gäste besetzen flink die zahlreichen Stuhlreihen. Die Lightshow hüllt die hohe Bühne in tiefes Blau, Himmel und Meer. Hellas-Feeling kommt auf. Ein Komboloi, Kummerperlen, eine Wasserpfeife und ein typisches Tavernen-Tischchen, auf dem eine Flasche Retsina steht, symbolisieren den Rembetiko-Kosmos. In der Mitte sitzt ein Profi, Sänger Konstantinos Sklavos, der sich in der Rembetiko-Szene längst einen Namen gemacht hat.

Als die dreizehn elegant gekleideten MusikerInnen mit der Moderatorin auf die Bühne kommen und ihre Plätze einnehmen, ist es mucksmäuschenstill. Nun greift ein Rädchen ins andere. Jedes Rembetiko-Lied wird von der charmanten jungen Despina Zachu angekündigt, sie stellt Komponisten und Musiker vor und erläutert die historischen Hintergründe. Mit kenntnisreichen Geschichten schickt sie das Orchester und Publikum auf die Reise in den Rembetiko. Ein Beamer wirft Malereien, Graffiti, Fotos und Karikaturen an die Leinwand, die die einzelnen Lieder und das komplexe Genre beleuchten. Ausgewählt hat sie Bouzouki-Spieler Antonios Gampouras. Von Beruf Architekt, beschäftigt sich mit den Quellen dieses Genres. Alle Songtexte kann man in einem verteilten „Liederbuch“ auf Griechisch und Deutsch mitverfolgen.

Das Liederbuch
Den Griechen sind die meisten Texte bekannt, denn Rembetiko ist für sie Allgemeingut und mittlerweile auch Weltkulturerbe. Die anderen verfolgen die Zeilen der Lieder genauer. Sie freuen sich über ihre Griechischkenntnisse und nehmen derbe und raue Textstellen an, als wäre Subkultur normal. Vielleicht sind sie underground gewöhnt, schließlich entstand hier in Winnenden der schwäbische Punk. Nicht wenige kennen die lokale Punkband Normahl.
Rembetiko wird meist in einer Taverne oder auf einer schattigen Terrasse zelebriert, im kleinen Kreis, bei Ouzo, Tsipouro und Mezedes. Dazu wird geraucht, getanzt und gefeiert. Hier in der Kelter findet eine hochkulturelle Gala statt. Ungewohnt, ein konzentriertes Orchester spult ein erhabenes dreistündiges Rembetiko-Konzert ab, das ist einmalig. Hat man so noch nie erlebt.

Engel schweben durch den Saal
Sage und schreibe neun Bouzoukis befüllen das Ensemble, rhythmisch unterstützt durch eine Cajon-Trommel, pochenden Bass und harmonisch begleitet von der Gitarristin Zina Piperidou. Wenn die orchestralen Bouzouki-Melodien durch den Raum fliegen, hat man das Gefühl, dass hier Engel musizieren. Wie Boten, die Gott oder der Himmel zu den Menschen entsandt hat. Leiter Christos Sourantanopoulos erklärt: „Die MusikerInnen erinnern an all die verstorbenen Bouzouki-Spieler auf unserer Reise ins Rembetiko.” So wird die musikalische Veranstaltungsreihe genannt. Diese Vollkommenheit spiegelt sich in der Brillanz der Musik. Die Engel spielen Rembetiko traditionell und bis auf wenige Ausnahmen im unveränderten Original, eins zu eins. Die griechische Rembetiko-Szene will das so. In letzter Zeit gibt es weltweit Variationen und Vermischungen mit verschiedenen Stilen aus der Popmusik, aber doch nicht in Winnenden! Und schon gar nicht mit den Engeln, die im Lied Bei Thomás erscheinen, wenn es heißt: „Komm heute Abend zu Thomás, dann spiel ich dir den Baglamas, die Engel steigen herab und tanzen Tsifteteli“.

Zwei ausgewählte Reisen mit den Engeln

  • Despina Zachu erzählt eine Geschichte, die in den Bergen von Penteli spielt.
    „Das Lied Mes stis Pentelis ta vouna (Μες στης Πεντέλης τα βουνά) wurde 1940 aufgenommen und handelt von Tuberkulose, die zu der Zeit nicht nur die griechische, sondern auch die weltweite Bevölkerung heimsuchte. Das Lied hat eine eigene Geschichte und wurde von einem Mann inspiriert, der tatsächlich im Sanatorium von Penteli an Tuberkulose litt und schließlich daran starb. Der Sänger Stratos Pagioumtzis hatte einen TBC-kranken Freund. Dieser bat ihn, ein Lied über sein Leiden zu schreiben und überreichte ihm seine Verse. Pagioumtzis versprach, sie zu überarbeiten und ein Lied daraus zu machen. Zusammen mit den Komponisten Giannis Papaioannou und Nikos Vasilakis schuf er so den Hit „Mes stis Pentelis ta vouna“.

Bei der Erzählung geht ein Schluchzen durch das Publikum. Trauer, Schmerz und Tod ziehen sich durch das Genre. Im „Liederbuch“ tauchen viele Lieder über enttäuschte Liebe, über Sehnsucht, Schmerz und zerbrochene Herzen auf. Schönheiten mit abgrundtiefen Augen und leuchtenden Wimpern verzaubern die Männer, es sind Blondinen, Brünette, kokette Süße, die um die Typen kreisen. Viele Songtexte handeln von diesen Kerlen, den überheblichen, draufgängerischen Vagabunden, die in verrauchten Bretterbuden dem Haschisch und Alkohol verfallen.

Manges/Koutsavakides: Illustrationen aus dem Buch von Elias Petropoulos Rembetologia (auf  EL), hier
Die Grenzen zwischen Mangas und Koutsavakis sind im heutigen Sprachgebrauch fließend. Beiden wird das Gebaren eines Halbstarken nachgesagt, die Herkunft der Begriffe ist jedoch unterschiedlich.
Zur Differenzierung hier (auf EL)

 

  • Der Mangas aus Votanikos, ursprünglich eine Volksweise aus Kleinasien, ist ein echter Knüller; als das Lied an diesem Abend erklingt, kochen die Emotionen hoch:

Der Mangas aus Votanikos
Der Mangas1 aus Votanikos2,
der hält keinen hinterm Berg
in Glücksspiel und Spelunken.
Und im Tekke3 von Perdikakis

Da pafft er und berauscht sich
mit seinem Betthasen dort;
und die Angélo, die entfacht ihm
auf der Shisha seine Flamme.

Er ist ein Macker, ein feiner Genießer,
in ganz Votanikos der größte Rüpel.
Vor ihm stehn alle andren Macker stramm,
aber gerade jetzt juckt ihn das nicht.

Er pafft, berauscht sich
und schwebt dahin, stets auf Pump.
Denn von der Medrese4 seine Entlassungspapiere,
die  hat er längst schon gekriegt.

Anmerkungen
1 Mangas: Rembetiko-Anhänger der Unterschicht; Macker, Rüpel, Rabauke. Plural: Manges.
2 Votanikos: westlich gelegener Athener Bezirk zur Grenze nach Piräus, der als Wildwuchs ohne Bebauungsplan entstand. Er beherbergte viele Fabriken und Manufakturen.
3 Tekke: Ursprünglich Ort, wo die frommen Sufis oder Derwische zusammenkamen. Bei den Manges: (illegaler) Treffpunkt oder Rückzugsort. Eine Hütte, ein Keller oder Laden, wo Haschisch geraucht und manchmal auch musiziert wurde.
4 Medrese (auch Medresse oder Madrasa): eigentlich muslimisches Seminar, Lehreinrichtung. Hier sinngemäß benutzt für Gefängnis. Hintergrund: Die Athener Medrese wurde 1721 erbaut und diente zu Zeit Ottos (Regentschaft 1833-1862) als Gefängnis, verhasst wegen der ungerechtfertigten Inhaftierungen und Misshandlungen. Das Gebäude wurde 1914 fast vollständig abgerissen, nur die Pforte steht heute noch als Ruine neben dem Turm der Winde in der Altstadt Plaka.links: Der Turm der Winde. Rechts im Hintergrund das Medrese-Gefängnis, links eingekreist ein Mangas/Koutsavakis. Foto: Konstantinos Athanasiou, ca. 1880. Quelle: https://mpouzoukimpouzouksides.blogspot.com/2016/12/koutsavaki.html

Die Frauen des Ensembles
Die Frauen des Engel-Ensembles bewerten solche Texte nicht als macho.
Die vereidigte Übersetzerin Despina Zachu findet diese Themen typisch Rembetiko, „emotional und authentisch und sogar historisch bedeutsam“.
Vasiliki Papathanasiou spielt seit ihrem sechzehnten Lebensjahr Bouzouki, sie ist Buchhalterin. Für sie strahlen Rembetiko-Texte „ein tiefes Gefühl der Freiheit aus. Sie besingen authentische Momente von Menschen, so wie sie in Wirklichkeit waren.“ Recht hat sie und benennt Anestis Delias: „Es gab außerdem in der über 100 jährigen Geschichte des Rembetiko nur einen Rembetis, der wegen Drogenkonsums sein Leben verlor. Rembetiko beschreibt lediglich das schwierige Leben im armen Griechenland, die vielen sozialen und nationalen Problemen von damals: Das waren Flucht und Vertreibung, Weltwirtschaftskrise, Missernten, Krieg, Besatzung und Diktatur, wie sollten die Menschen diese Trostlosigkeit auch sonst ertragen?“
Das bestätigt auch Zina Piperidou, sie ist noch Schülerin, jobbt nebenher als Kassiererin und macht dieses Jahr Abitur: „Rembetiko entstand aus schwierigen Lebensverhältnissen, die Lieder handeln von Schmerz, Armut, Gesetzlosigkeit und Prostitution. Doch nicht nur. Viele Lieder widmen sich der Liebe, Ehe oder der mütterlichen Liebe.”

 

„Cannabis und Rembetika“, Plattenhülle mit Zeichnung des prominenten Karikaturisten Bost (bürgerlich Chrysanthos Vostantzoglou, 1918-1995)

 

 

 

 

 

 

Der Musikschulleiter Christos Sourantanopoulos
Wer ist der Mann, der dieses Ensemble zusammen führte?
Er ist in Berlin geboren, zog mit sechzehn Jahren nach Thessaloniki, wo er Musik studierte. Bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr arbeitete er als Musiklehrer und begleitete bekannte Sänger auf der Bouzouki. Seit 2010 ist er wieder in Deutschland und hat 2014 die X.S. Musikschule Stuttgart gegründet.
Er berichtet: „Mit den Engeln würde ich gerne so weitermachen und hoffe, dass viele Leute unsere Liebe zur Musik unterstützen. Ich möchte etwas hinterlassen, meine Musik und die Musik der Engel und es würde mich freuen, wenn man auch später an uns denkt.“

Auch die drei Frauen, die dem Ensemble angehören, haben zwei Herzen, die in ihrer Brust schlagen: ein deutsches und ein griechisches.
Despina berichtet:
„Um ehrlich zu sein kann ich nicht sagen, welches der beiden Länder ich mehr mag: Griechenland ist mein Herkunftsland, ich liebe und lebe die griechische Mentalität, spreche zuhause hauptsächlich Griechisch und habe auch beruflich viel mit Griechen zu tun. Allerdings ist Deutschland das Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin und das mir die Möglichkeit auf Bildung und Beruf gegeben hat, wofür ich sehr dankbar bin. Daher mag ich beide Länder sehr, obwohl ich mir Sonne, Meer und die frischen Lebensmittel aus Griechenland nach Deutschland herbeiwünsche.“
Vasiliki:
„Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, habe aber auch einige Jahre in Griechenland gelebt. Ich mag beide Länder. Griechenland gibt mir die Wärme des Herzens und Deutschland die Sicherheit des Lebens.“
Zina:
„Ich wurde in Griechenland geboren und bin mit 12 Jahren nach Deutschland gezogen. Welches Land ich bevorzuge, kann ich genauso wenig sagen wie, welchen Elternteil ich mehr liebe.“

Text: Simon Steiner. Bildunterschriften und Übersetzung des Liedtextes: A. Tsingas. Fotos: Archiv Simon Steiner.
Simon Steiner auf diablog.eu hier

Konzertankündigung
Rembetiko ist eine urbane Subkultur, sie entstand in den Städten. Wer weiß, vielleicht finden die Engel aus Winnenden noch ihren Weg in die Stadt, in eine Konzerthalle nach Stuttgart. Aber bis es soweit ist, geben sie am 21.4. 2024 eine weitere Kostprobe ihres Könnens in Schwaikheim.
Überraschungen sind angesagt – und auf jeden Fall: neue Titel.

 

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1 Gedanke zu „Musik verbindet – Engel reisen in den Rembetiko“

  1. Simon Steiner beschreibt einfühlsam die Atmosphäre eines Konzerts, das die reiche Geschichte und Emotionen des Rembetiko präsentiert. Liebevoll und mit Pathos wird die reiche Tradition des Rembetiko zelebriert und die geschickte Gliederung hebt die Atmosphäre und die Bedeutung jedes Elements der Veranstaltung hervor, während er gleichzeitig die Verbindung zwischen Kulturen und Menschen betont. Hervorzuheben ist wie die Frauen im Ensemble als starke und selbstbewusste Musikerinnen porträtiert werden, die die Bedeutung des Rembetiko für die griechische Kultur betonen. Insgesamt bietet der Beitrag einen faszinierenden Einblick in ein musikalisches Ereignis, das nicht nur die Tradition des Rembetiko feiert, sondern auch die Verbindung zwischen Deutschland und Griechenland stärkt.

    So wie der Musikschulleiter Herr Christos Sourantanopoulos, wünsche auch ich mir, dass die Liebe zur Musik, insbesondere zum Rembetiko, auch in Zukunft weitergetragen wird – doch dank solch talentierten Menschen wie Herrn Steiner bin ich zuversichtlich, dass dies gelingen wird. Durch seinen mitreißenden Text lässt er den Funken überspringen und weckt das Interesse für dieses faszinierende musikalische Erbe.

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