Die unbeugsame Manto Mavrogenous

Eine frühe Feministin in den Wirren des Befreiungskriegs 1821

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

Mantó Mavrogenous war nicht nur eine mutige Kämpferin, sondern auch eine gebildete Frau, die mehrere Sprachen sprach und sich gegen die gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit auflehnte.

2021 gab das Nationale Historische Museum (Εθνικό Ιστορικό Μουσείο; im alten Parlamentsgebäude in Athen, hier auf EN) linierte Schreibhefte mit diesem Deckblatt heraus:

Abgebildet sind stilisierte Heroen des Befreiungskriegs 1821 gegen das Osmanische Reich. Unter den 12 abgebildeten Personen befinden sich zwei Frauen, Laskarina Bouboulina (unterste Reihe 2.v.r.) und Mantó Mavrogenous (mittlere Reihe, 2.v.l.). Es sind die sichtbarsten Heldinnen des Unabhängigkeitskriegs. Aber auch sie werden oft unterschätzt und übersehen. Die Frauen der damaligen Zeit wurden zu Randfiguren degradiert, die Furchtlosen, die Kühnen, die Feurigen, die Unorthodoxen, insbesondere solche wie Mantó Mavrogenous; sie galten als verrückt und wurden ausgestoßen.

Die Familie Mavrogenous
Magdalini-Adamantia Mavrogenous, genannt Mantó, wurde als 5. Kind 1796 (oder 1797) in Triest in eine wohlhabende Familie geboren. Die Informationen über ihr Leben und Werk stammen hauptsächlich von Philhellenen (wie z.B. dem Franzosen Jean-François-Maxime Raybaud und dem Iren Edward Blaquiere), die von ihrer Schönheit und ihrer Persönlichkeit fasziniert waren.
Ihr Vater Nikolaos wurde als Spross der namhaften Phanarioten-Familie Mavrogenis (zum Istanbuler Stadtviertel Phanar/Fener hier) auf Paros geboren. In Bukarest war er Spatharis (Adjutant) des Herrschers von Moldawien. Später zog er nach Triest/Italien, wo er Handel trieb. Mantós Mutter, Zacharati Hatzi Bati, war auf Mykonos geboren, ihre Familie stammte aber aus Sparta. In ihren Händen lag die Buchhaltung der Handelsgeschäfte ihres Ehemanns. Mantó genoss in Triest eine umfassende private Erziehung im Sinne der Aufklärung (u.a. antike Geschichte und Philosophie) und wuchs polyglott auf, sprach Italienisch, Französisch, Englisch, Griechisch und Türkisch.

Nach dem Tod des Vaters 1818 zog die Familie nach Tinos. Mantó Mavrogenous hatte sich mit 18 dem Geheimbund Filiki Eteria angeschlossen, der die Befreiung Griechenlands von den Osmanen und die Errichtung einer modernen griechischen Republik erwirken wollte. (Filiki Eteria hier) Frauen durften dem Geheimbund nur selten beitreten. Dass für sie einen Ausnahme gemacht wurde, spricht für den Einfluss ihrer Familie und den Willen von Mantó selbst.

links: Die zwei Superheldinnen des griechischen Befreiungskriegs auf dem Deckblatt des Kinderbuches „Zwei Frauen in der Revolution“ von F. Mandilaras. ISBN: 9789604846412. Mantó ist links.

Tatkräftig
Familie Mavrogenous zog bald weiter nach Mykonos.
Im Englischen sagt man Don´t jugde a book by its cover. Mantó Mavrogenous ist dafür ein glänzendes Beispiel. Eigentlich traut man dieser schmalen jungen Frau weder die äußere noch die innere Kraft und Ausdauer zu, die sie bald an den Tag legen sollte: Nach dem Ausbruch der Griechischen Revolution 1821 stattete sie auf eigene Kosten Schiffe und Mannschaften aus, mit denen sie Piraten verfolgte, die Mykonos und andere Kykladeninseln angriffen. Nach der Zerstörung von Chios versuchte ein Geschwader algerischer Schiffe mit 200 Mann auf Mykonos zu landen, musste sich aber nach dem von Mavrogenous organisierten Widerstand der Inselbewohner zurückziehen. Am 22. Oktober 1822 wehrten die Mykonier erneut unter ihrer Führung Osmanen ab, die auf der Insel gelandet waren. Sie rüstete 150 Männer für einen Feldzug auf der Peloponnes aus und schickte Truppen und finanzielle Unterstützung nach Samos, als die Insel von den Osmanen bedroht wurde. Später entsandte Mavrogenous ein weiteres Korps von 50 Mann auf die Peloponnes, das sich an der Belagerung und Einnahme der Stadt Tripolitsa beteiligte. Auch gab sie Geld aus, um die Familien von Soldaten zu unterstützen und eine Expedition nach Nordgriechenland vorzubereiten (wobei sie von vielen Philhellenen unterstützt wurde).
Später finanzierte sie eine Flottille von sechs Schiffen und ein Infanteriecorps von 800 Mann, mit denen sie 1822 an Militäroperationen bei Karystos/Euböa teilnahm. Sie finanzierte auch den Chios-Feldzug, konnte aber das Massaker von Chios am 30. März 1822 nicht verhindern. Eine weitere Gruppe von 50 Mann wurde zur Verstärkung in die Schlacht bei Dervenakia entsandt. Als die osmanische Flotte in den Kykladen auftauchte, kehrte sie nach Tinos zurück und verkaufte ihren Schmuck, um die Versorgung und Ausrüstung von 200 Mann zu finanzieren, die gegen den Feind kämpften, und nahm sich finanziell auch 2.000 Menschen an, die die erste Belagerung von Messolonghi Anfang 1823 überlebt hatten. Ihre Männer beteiligten sich an mehreren Kriegsoperationen, darunter die im Pilion (gegen Selim Pascha aus Hadrianopel, der eine Armee von 12.000 Osmanen befehligte), Fthiotida und Livadia.
Mantós Todesmut befeuerte ihre Mannschaften. Mehrmals soll sie von Waffenbrüdern vor dem sicheren Tod im Kampf gerettet worden sein. Zusammen mit Laskarina Bouboulina war sie die einzige Kommandantin des Unabhängigkeitskriegs.

links: Portrait Mantó Mavrogenous, Nationales Historisches Museum Athen; Kopie einer Lithographie von Adam Friedel, 1827. Quelle hier, wo auch weitere Abb. zu ihr zu finden sind. 

Werben für Hellas
Gleichzeitig warb Mavrogenous  mit offenen Briefen um finanzielle Unterstützung der kämpfenden Griechen. Ihre Briefe wurden von Philhellenen in westeuropäischen Zeitungen veröffentlicht und lösten große Sympathie aus. In einem Brief an die „Pariser Frauen“ schreibt sie z.B. unter anderem: „Ich wünsche mir einen Tag der Schlacht herbei, wie Sie sich nach einem Tanz sehnen.“ Ihr ikonisches Porträt des Dänen Adam Friedel im September 1827 wurde in ganz Europa verbreitet und sie wurde für ihre Tapferkeit und Schönheit berühmt.

Die Jahre in Nafplio
Als 1823 im noch umkämpften Griechenland ein Bürgerkrieg ausbrach, zog sich Mavrogenous in die neue griechische Hauptstadt Nafplio/Peloponnes zurück, auch um im Zentrum der politischen Ereignisse zu sein. Dort lernte sie den jungen Feldmarschall Dimitrios Ypsilantis kennen  (1793–1832, hier), mit dem sie sich nach kurzer Zeit verlobte. Zu ihm unterhielt sie eine langjährige Liebesbeziehung und lebte mit ihm ohne Trauschein zeitweise unter einem Dach. Nicht nur damals wirkte diese Beziehung wegen der exponierten Stellung der beiden als ausgesprochen unkonventionell und freizügig. Sogar ihre Mutter Zacharati war über diesen Lebenswandel empört, ganz Nafplio zerriss sich das Maul.

Ioannis Kapodistrias (hier), das weise Staatsoberhaupt des neu gegründeten griechischen Staates, erkannte Mantó Mavrogenous´ Tapferkeit und Opferbereitschaft an, verlieh ihr 1828 den Ehrenrang eines Generalleutnants und sprach ihr eine kleine Pension zu. Zugleich betraute er sie mit der Aufsicht des von ihm gegründeten Waisenhauses von Nafplio. Im Oktober 1831 wurde Ioannis Kapodistrias auf offener Straße ermordet.

links: „Madon. Daughter of Nicolas Mavrogyeny, the distinguished Heroine from Micony an Island in the Grecian Archipelago“, 1830. Quelle hier

Die Vertreibung
Der mächtige Politiker Ioannis Kolettis befürchtete, dass durch eine Ehe des populären Paares Ypsilantis-Mavrogenous die beiden namhaften Familien nach dem griechischen Thron greifen könnten. So wurde in diesen turbulenten Zeiten der neugriechischen Staatsgründung auf Befehl von Kolettis (ein eingefleischter Intrigant, der nicht einmal vor politischen Morden zurückschreckte) Mantó Mavrogenous´ Haus niedergebrannt und sie selbst aus Nafplio verbannt. Man deportierte sie nach Mykonos, ihr wurde vorgegaukelt, dass der schwer lungenkranke Ypsilantis diese Aktion selbst veranlasst habe. 1831-32 herrschte im neugriechischen Staat ein weiterer Bürgerkrieg. In dessen Wirren konnte jeder Kontakt der beiden unterbunden werden. Ypsilantis erlag im August 1832 seiner Krankheit. Im selben Jahr wurde Otto von Bayern zum ersten König Griechenlands (hier) ernannt und kam im Februar 1833 nach Nafplio.

::: Zur wechselhaften Beziehung zwischen Ypsilantis und Mavrogenous siehe hier (auf EN)

Leider hat dieses Beziehungsdrama die Zeitgenossen und die späteren Generationen mehr beschäftigt als Mavrogenous´ Verdienste um die Befreiung Griechenlands.
Mantó Mavrogenous wurde in dieser Zeit von niemand Namhaftem unterstützt. Schließlich zog sie nach Paros. Dort starb sie im Juli 1840 mit 44 Jahren an Typhus, desillusioniert und mittellos.

Ehrungen

Die Münze
Mantó Mavrogenous war von 1988 bis zur Einführung des Euro 2001 auf der Rückseite der Zwei-Drachmen-Münze abgebildet.

 

 

 

 

 

Nikoleta Karvariotou, 2022. Quelle hier

Die Graphic Novel
Unkonventionell und beeindruckend ist das graphische Werk der im Jahr der Veröffentlichung 27jährigen Nikoleta Karvariotou, die mit Buntstiften im naiven Stil das Leben der Mantó Mavrogenous gezeichnet hat. Einer der Artikel darüber hier (auf EL)
Gedruckt wurde die 44seitige Graphic Novel in einer kleinen Reihe von 120 Exemplaren für Freunde und Verwandte. Jedoch kann man sich das ganze Heft elektronisch (und kostenlos) hier anschauen (auf EL).
Auf Seite 41 sind alle in Griechenland aufgestellten Büsten von Mavrogenous gezeichnet. Die folgende Doppelseite wartet mit Details zu ihrem Leben auf. Auf der letzten Seite findet sich ein kleines Literaturverzeichnis zu Mantó Mavrogenous.

Der Glücksbringer
Zum Ende jeden Jahres kommt eine Vielzahl von Glücksbringern fürs anstehende Jahr auf den griechischen Markt. Auch Museen bringen solche Talismane heraus. Das renommierte Benaki-Museum ging mit seinem (s. links) fürs Jahr 2021 (200jähriges Jubiläum des Ausbruchs der Griechischen Revolution) viral: Der Talisman zeigt das Abbild von Mantó Mavrogenous, dem berühmten US-amerikanischen Plakat von 1943 nachempfunden. Entworfen von J. Howard Miller sollte das Plakat „We Can Do It!“ die Moral der US-Fabrikarbeiter- innen im Zweiten Weltkrieg stärken. „Wir haben uns bewusst an dieses Plakat angelehnt, um die Semantik des Talismans zu verstärken“, sagen die Entwerferinnen des Athener Designstudios B612. „Mantó ist ein feministisches Symbol. Sie ist dem Patriarchat zum Opfer gefallen, es war nicht die osmanische Knechtschaft, die sie umgebracht hat“. (Quelle hier, auf EL)
Bis in den März 2021 hinein war dieser Glücksbringer in aller Munde. Den größten Anstoß hatten die Neujahrswünsche auf dem angehängten Bändchen erregt. Dort stand ΥΓΕΙΑ ΚΑΥΛΑ ΕΠΑΝΑCΤΑCΗ (GESUNDHEIT GEIL REVOLUTION, wobei die zwei griechischen Sigma durch das byzantinische C ersetzt sind: ΕΠΑΝΑCΤΑCΗ statt ΕΠΑΝΑΣΤΑΣΗ). Die Presse ging so weit, das Wort ΚΑΥΛΑ („geil“) im Fließtext mit Pünktchen oder „Klammeraffen“ zu entfremden: Κ@@ΛΑ.
Es handelte sich um eine limitierte Auflage von gerade mal 40 Stück, die natürlich blitzschnell vergriffen waren.

Text: A. Tsingas. Abbildungen: wie angegeben.

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

Schreibe einen Kommentar