Mein griechisches Dorf – ein Fotobuch von Wolfgang Bernauer

vorgestellt von A. Tsingas

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

Wo sind Sie zu Hause? Für die Menschen im idealen griechischen Dorf, das uns Wolfgang Bernauer in diesem Bildband vorstellt, ist dieses Zuhause ein vertrautes Stück Erde.

Zuhause ist für viele Griechen nicht die Stadt, in der sie leben und arbeiten, sondern der Ort, aus dem sie stammen, das Dorf der Eltern oder Großeltern. Hier ist die Heimat, hier wird Ostern gefeiert, geheiratet und hierher kehrt man im Alter zurück – vielleicht für immer.


Aus der Einheit: Das Kaffeehaus

Das titelgebende griechische Dorf von Wolfgang Bernauer ist ein Ideal, es setzt sich aus Mosaiksteinen zusammen, die er fotografisch zusammengetragen hat. Denn auch im ländlichen Griechenland hat die Moderne längst Einzug gehalten. Aber die fehlenden Ausbildungsmöglichkeiten, die Mühsal der Feldarbeit und das karge Einkommen im traditionellen Handwerk bieten nicht nur für der Jugend schlechte Zukunftsperspektiven. Doch lassen sich überall, auch bei kleinen Lebensgemeinschaften, Facetten des ursprünglichen Dorflebens finden. Fügt man diese zusammen, wie Bernauer es gemacht hat, entsteht dieser Mikrokosmos: Mein griechisches Dorf.


Aus der Einheit: Die Marktgasse

Wie ist Bernauer zu seinem Thema gekommen? Im Vorwort schreibt er:
„Als junger Student bekam ich einen Reisebericht aus der Neuen Zürcher Zeitung in die Hände, der das orthodoxe Osterfest in einem abgelegenen Bergdorf auf Karpathos schilderte. Wenige Monate später durfte ich 1996 dieses Fest selbst erleben. Die überwältigende Gastfreundschaft, das tiefsinnige Auferstehungsfest, vor allem aber die ursprüngliche Dorfatmosphäre waren für mich – wortwörtlich – ergreifend. Als ich die Fotos dieser beiden Wochen auf dem Leuchttisch sichtete, begann ich zu realisieren, dass mir ein Thema zugefallen war, das mich nicht mehr loslassen würde: das dörfliche Leben in Griechenland. Ein Leben, bestimmt vom elementaren Rhythmus der Jahreszeiten, Feldarbeit, Kirchenfeste, Geburten und des Todes. Nach diesen intensiven Osterwochen begann ich, systematisch nach weiteren dieser traditionellen Dörfer und Plätze zu suchen: nach Kaffeehäusern, Ladenlokalen und Handwerksbetrieben, die über Generationen die dörfliche Gemeinschaft prägten und bis heute präsent sind. Dabei bereitete mir die Detektivarbeit fast so viel Freude wie die fotografische Umsetzung.“


Aus der Einheit: Das Land

Bernauer fotografierte Dörfer des Pindos-Gebirges, genauso wie die auf der südlichen Peloponnes, umsegelte das berüchtigte Kap Maleas und erlebte im Süden Kretas noch im November Badefreuden. Er sprach mit Mönch Ioannis im Philosophen-Kloster; der Schuster Nikos schilderte ihm, wie er beim Auftrennen von deutschen Offiziersstiefeln ideale Schnittmuster und zahlreiche Kunstgriffe entdeckte. Panajotis zeigte ihm ein Schriftstück von 1943, mit dem seinem Vater und den übrigen sechs Dorfbäckereien auf Naxos Zwangsabgaben an die deutschen Truppen befohlen wurden. Aristos und Fotini begleitete er bei der Mastixernte auf Chios. Mit kurzen Texten, die seine Fotos begleiten, lässt Bernauer den Betrachter an seinen Erlebnissen teilhaben. Auf Seite 141 befindet sich eine Landkarte, betitelt Mein Griechenland. Darauf ist übersichtlich vermerkt, wo die Fotos entstanden sind. Auf den folgenden Seiten sind alle Aufnahmen in Miniatur mit Seite, Ort und Jahr der Entstehung abgedruckt:

Ohne groß drumherum zu reden: Der Bildband ist nicht nur sehr gut gelungen, er ist eine Wucht!
Um potenziellen „ungläubigen Thomassen“ gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen: Das sah auch der Deutsche Fotobuchpreis so und nahm das Buch in die Shortlist 20/21 auf. 2020 wurde ihm sogar der ICMA (International Media Creative Award) in Bronze verliehen, hier


Aus der Einheit: Die Kirche

Das Buch

Das Äußere: Der Fotoband ist 35 x 25 cm groß, ein Hardcover mit Leineneinband. Eine Besonderheit ist sicherlich die Prägung; sie war dem Verlag wichtig, um die Hochwertigkeit sichtbar zu unterstreichen.

Das Innere: Das verwendete Papier nennt sich Freelife Vellum 170 g/qm (von Fedrigoni); ich erwähne es, weil es in seiner Haptik sehr angenehm ist und obwohl matt, jedes Fotodetail klar wiedergibt. Ich war und bin begeistert!

Das Technische: Das Buch wurde im wasserlosen Offset-Verfahren in der Druckerei Tienkamp in Groningen (NL) gedruckt. Hier eine Geschichte dazu: Die kleine Druckerei mit drei Angestellten hatte sich auf dieses Verfahren spezialisiert und war Fine-Art-Liebhabern weltweit ein Begriff. Leider schloss die Druckerei während der Corona-Pandemie.
Ich kann es mir nicht verkneifen, hier einige Fotos vom „making of“ des Buches zu bringen, weil mich dieser handwerkliche Verlust wehmütig macht.

Making of, oben links: Martin Breutmann (Edition Bildperlen / fotoforum-Verlag), Wolfgang Bernauer, Christian Beck (Edition Bildperlen / fotoforum-Verlag) (v.l.); oben rechts: Sichtkontrolle am Tor bei Tageslicht; unten links: Wolfgang Bernauer im Gespräch mit Henk Tienkamp; unten rechts: Henk Tienkamp (mit Hund) nimmt finale Farbeinstellungen vor.

Die Fotoaufnahmen sind in fünf Einheiten unterteilt, die Titel durchgehend zweisprachig (DE und EL, auch auf dem Buchdeckel mit der erwähnten Prägung):
Το καφενείο/Das Kaffeehaus * Το σοκάκι της αγοράς/Die Marktgasse * Η χώρα/Das Land *Η εκκλησία/Die Kirche * Η γιορτή/Das Fest


Aus der Einheit: Das Fest

Wolfgang Bernauer nutzt für seine Motive unterschiedliche Bildfeldgrößen und Distanzen. Daraus ergibt sich ein Kaleidoskop von Land und Dorf, es gibt Berufsportraits und wimmelbildähnliche Arbeitsplätze, Landschaften mit und ohne Menschen – und mehr Aufnahmen in Schwarzweiß als in Farbe. Bernauer meint dazu: „Farbe benutze ich zurückhaltend. Bei meiner Aufgabenstellung haben Farbigkeit und Buntheit eher eine banalisierende Wirkung. Damit gleicht meine Arbeitsweise derjenigen von Fred Boissonnas (1858 – 1946). Der Genfer Fotograf bereiste von 1907 bis 1913 mit einem großen technischen und personellen Aufwand Griechenland und schuf hervorragende Zeitdokumente.“
Die Doppelseiten – das Buch hat aufgeschlagen eine Breite von 70 cm! – sind gut genutzt: Auf der einen ein großes Bild, auf der anderen ein Text zum Porträtierten (oder zu der aufgenommenen Situation) und manchmal ein kleineres, ergänzendes Foto.

Daten des Fotobandes
35 x 25 cm, Hardcover mit Leineneinband, 148 Seiten
Edition Bildperlen, Münster 2019, 68 Euro
ISBN 978-3-96546-002-7
Mit dem Vorwort Griechisches Dorf – globales Dorf von Marc A. Schwitter
Eine zweite Auflage ist in Arbeit. Sie erscheint voraussichtlich im Sommer 2024 in den Sprachen Griechisch und Englisch!

Der Fotoband im Verlag, wo man auch blättern kann, hier
Edition Bildperlen, das Verlagsprogramm, hier
Der Fotograf Wolfgang Bernauer, hier und hier
Die Ausstellung Mein griechisches Dorf in Zürich, 2019, hier

Der Fotograf
Wolfgang Bernauer ist ein Schweizer Augenarzt, Autor und Fotograf. Seine zahlreichen Text- und Bildbeiträge sind in Print- und Online-Medien zu finden.
Bernauers Vater war Chemiker und sein Onkel Erfinder von Polarisationsfiltern, für fotografische Experimente war er also prädestiniert. Dem Medizinstudium folgten fotografische Ausbildungen und erste kunsthistorische Reportagen. Respekt und Interesse für das kulturelle und soziale Leben der Bevölkerung in den Alpenrandgebieten und in Griechenland prägen seine Arbeit. Er lenkt den Blick auf das traditionelle Leben, die Wohnverhältnisse, den Festtagskalender und alte Handwerkstechniken. Durch den bewussten Einbezug dieses kulturellen Umfelds unter Nutzung von Weitwinkelobjektiven und Stativ erhalten seine Porträtstudien (auf denen viel zu entdecken ist) eine zeitgeschichtliche Dimension.

Text: Wolfgang Bernauer, Edition Bildperlen und A. Tsingas. Fotos: Wolfgang Bernauer und Edition Bildperlen.

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

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