Die Olympia Werke und die griechische Arbeitsmigration in Nordwestdeutschland

Eine gelungene Integration, vorgestellt von Peter Oehler

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

Die Kulturwissenschaftlerin Maike Wöhler erzählt erstmals die bislang unerschlossene Geschichte griechischer Arbeitsmigrant*innen, die in den 1960er Jahren nach Nordwestdeutschland ausgewandert sind.

In Kontakt mit Maike Wöhler bin ich Anfang 2019 über eine Vermittlung des Diakonischen Werks für Frankfurt am Main gekommen. Maike hatte dort um Informationen für ihr erstes Projekt zu griechischer Arbeitsmigration gebeten, insbesondere zu dem Werk Kalle-Albert der Hoechst AG in Wiesbaden-Biebrich. Und ich habe mich mit dem Evangelischen Regionalverband wegen meines Interview-Projekts über die Frankfurter Griechen im Rahmen des Stadtteil-Historiker-Programms der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt in Verbindung gesetzt. Seitdem sind  wir in stetigem Kontakt. Ich verfolge die verschiedenen Projekte von Maike Wöhler, bin auch bezüglich der Griechen mehrmals bei Vorträgen und Ausstellungen von ihr in Wiesbaden gewesen. Ich habe bereits ihr erstes Buch Man ist nur so lange fremd, bis man sich kennt: Griechische Arbeitsmigration in Wiesbaden im 20. Jahrhundert für Hellenika, das Jahrbuch für griechische Kultur und deutsch-griechische Beziehungen, rezensiert (hier).

links: Olympia Werke
©Heimatmuseum Schortens

Über ihr damals noch laufendes Projekt zu griechischen „Gastarbeiter*innen“ bei den Olympia Werken Roffhausen bei Wilhelmshaven hatte Torsten Haselbauer im April 2021 für diablog.eu berichtet (hier).

Letzten Sommer ist dann das Buch zu diesem Projekt beim Verlag  transcript erschienen. Darin geht es um Griech*innen, die seit Anfang der 1960er Jahre nach Friesland und Wilhelmshaven, also Nordwestdeutschland, als (anfangs so bezeichnete) Gastarbeiter*innen zugewandert sind, um im Olympia Werk Schortens-Roffhausen zu arbeiten. Damit betritt diese Untersuchung „praktisch Neuland“. Wöhler hatte anfangs sehr große Schwierigkeiten, entsprechende Unterlagen aus der damaligen Zeit zu finden, waren doch „[s]chriftliche Aufzeichnungen wie auch wichtige Sozial-, Personal- und Statistikdaten“ insbesondere nach der Schließung der Olympia Werke 1992 fast alle vernichtet worden. Umso erstaunlicher, was sie doch alles zusammengetragen hat! Sie dokumentiert damit die Firmengeschichte, präsentiert aber auch dort damals gültige Arbeitsbewertungsbögen, Lohntafeln, Tarifvereinbarungen und -verträge, sowie allgemein den Anwerbevertrag inklusive Musterarbeitsvertrag, den die Bundesrepublik 1960 mit Griechenland geschlossen hatte. Diese Unterlagen mögen nicht für alle Leser*innen gleich interessant sein, aber im Sinne einer Dokumentation sind sie sehr wichtig. Jedoch bilden sie das Herzstück dieses Buches, zusammen mit den über 50 Interviews, die Wöhler mit über 60 griechischen und deutschen Zeitzeug*innen geführt hat.

Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass die „Arbeitsmigration im deutschen Olympia Werk Roffhausen […] als positives Beispiel einer gelungenen Integration im Rahmen der Erwerbstätigkeit gewertet werden“ kann. Die Betonung liegt hier auf der Erwerbstätigkeit. Und da hat sehr geholfen, dass die ausländischen Mitarbeiter*innen tariflich gleichgestellt waren, wofür sich die Gewerkschaften schon früh eingesetzt hatten. Aus den Interviews geht hervor, dass die Olympia Werke als „guter Arbeitgeber“ empfunden wurden. Die offiziellen bundesdeutschen Regelungen sahen keinerlei Sprach- und Integrationskurse vor. Auch da versuchten die Olympia Werke weiterzugehen. Der erste Dolmetscher der Olympia Werke, Paul Fostiropoulos, meinte: „Olympia hatte ein Interesse daran, den Gastarbeitern bei der Integrierung zu helfen. Und die haben schon Deutsch-Unterricht organisiert mit Hilfe von dem leitenden Mitarbeiter und Psychologen Dr. Herbert Henschel. Ich assistierte ihm. […] Nachmittags nach Feierabend haben sie das gut organisiert. […] Es wurde aber kaum angenommen. Als da nur noch vier Leute saßen, haben wir das wieder eingestellt.“ Das lag daran, dass sich diese Kurse mit der Schichtarbeit schlecht vereinbaren ließen. Und so wurden diese Bemühungen der Firma gar nicht richtig wahrgenommen: „Die Befragungen griechischer Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter ergaben, dass ausländischen Arbeitskräften vonseiten der Konzernleitung weder Integrations- noch Sprachkurse angeboten wurden.“ Deshalb waren die Griech*innen mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Die Frauen haben sich, auch wegen der Erziehung ihrer Kinder und der damit verbundenen Sozialisierung, leichter getan.

links: Wohnheim mit Küche
©M.Wöhler, Quelle hier

Anders bei den Männern: „Griechische Ehemänner hatten nach Aussage der Ehefrauen ein bestimmtes, minimales Vokabular zur Verfügung – das musste reichen“. Aber trotz allem kann man bei den Griech*innen, die lange hiergeblieben sind, von einer gelungenen Integration sprechen. Dazu haben ganz sicherlich ihre Offenheit und Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, beigetragen. Und auch das Beibehalten der griechischen Traditionen („[r]itualisierte religiöse Handlungen und Feste, das Lernen und Beibehalten der griechischen Sprache, […] die Pflege griechischer Speisetraditionen“) hat ihre Integration dabei nicht behindert.

Die Interviews zeigen einige Besonderheiten, die wohl den meisten Deutschen nicht unbedingt bewusst sind. So wird die Ordnung, das Geregelte in Deutschland von den Griech*innen, die hier leben, sehr geachtet: „Ich weiß, dass die Griechen die Verlässlichkeit des deutschen Behördensystems sehr schätzen und auch die soziale Absicherung sehr gut finden. Dies trifft auch auf das Bildungssystem und die Gesundheitsversorgung zu.“ Interessant auch, dass die hierher Migrierten in Deutschland als Griechen gesehen werden, aber in Griechenland selbst – also ihrem Heimatland – als Ausländer. Die griechisch-orthodoxe Kirche stellt für die in Deutschland lebenden Griechen eine kleine Heimat dar. Sie ist für sie also sehr wichtig. Da ist es nur folgerichtig, dass für das Interview mit Erzpriester Antonios Gallis, dem „Nordpfarrer“ der Kirchengemeinde Heiliger Georgios in Lübeck ein ganzes Kapitel vorgesehen wurde. Denn er ist als einziger griechischer Priester für die über 4.000 Griechen aller Bundesländer im Norden Deutschlands zuständig.

links: Arbeitsplatz mit Warnhinweis
©M.Wöhler, Quelle hier

Am ergreifendsten fand ich das Kapitel über die sogenannten Kofferkinder, die zwischen ihren arbeitenden Eltern in Deutschland und ihrem Wohnort in Griechenland hin- und hergeschickt wurden. An diese Details ist Wöhler gar nicht so einfach herangekommen: „Erst im Zweit- oder Drittkontakt oder wenn das Aufnahmegerät abgeschaltet wurde, begannen die Interviewpartner*innen der ersten und zweiten Generation von Abschieden, Trennungen und Verlusten zu erzählen.“ Da war also reichlich Schmerz, Schuld und Trauer im Verborgenen gewesen. Und des Öfteren flossen bei den Interviews sogar Tränen.

Die Integration der Griech*innen in Nordwestdeutschland ist trotz anfänglicher Schwierigkeiten sehr gut gelungen. Aber es ist keine Assimilierung, denn sie haben gelernt, sich in mehreren Welten, also in zwei Kulturen, sicher zu bewegen. Damit haben sie vielen Deutschen einiges voraus. Auch für Deutschland ist dies ein Gewinn. Denn die Aufnahme von Griechen – bzw. Ausländern ganz allgemein – und deren Integration ist „eine substanzielle Herausforderung für unsere Demokratie“. Und dabei haben auch die von den Migrant*innen selbst gegründeten Vereine eine wichtige Rolle gespielt: „Rückblickend waren die Vereine [der verschiedenen ethnischen ‘Ausländergruppen’] und der Ausländerbeirat wichtige Demokratiebausteine auf dem Weg zur gesellschaftlichen Integration“. Am Ende des Buches zitiert Wöhler den Migrationsforscher Aladin El-Mafaalani und erwähnt eine wichtige Tatsache, die wir alle nicht vergessen sollten: „Dass die ‘Gastarbeiter-Zuwanderung’ Deutschland stärker verändert habe als alles andere nach dem Zweiten Weltkrieg“.

Auch wenn die Veröffentlichung dieses Buches einen gewissen Abschluss darstellt, ist das ganze Projekt in Bezug auf die Arbeitsmigration im Olympia Werk damit nicht beendet. Denn Maike Wöhler arbeitet mit Unterstützung einiger der von ihr Interviewten an einer Ausstellung zu diesem Thema, die in Wilhelmshaven gezeigt werden soll.

Die Autorin
Maike Wöhler ist Kulturwissenschaftlerin und verfügt über langjährige Praxiserfahrung im sozialen und interkulturellen Bereich mit eingewanderten Menschen. Sie ist zudem als Kuratorin interkultureller Ausstellungsprojekte tätig, die u.a. über das Bundesprogramm „Demokratie leben” gefördert werden. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der (griechischen) Arbeitsmigration ab den 1960er Jahren in Südhessen und Norddeutschland.

::: Zu Maike Wöhler hier; in diablog.eu hier
Der Film zum Buch: Griechische Gastarbeiter im Olympia-Werk in Wilhelmshaven, Beitrag aus buten un binnen, Regionalmagazin vom 30. März 2023, 11m56s, hier

Das Buch
Maike Wöhler, In Deutschland wartet das Paradies auf uns – Die Olympia Werke und die griechische Arbeitsmigration in Nordwestdeutschland
Verlag: transcript, Bielefeld 2023
ISBN: 978-3-8376-6788-2
Paperback, 252 Seiten, 38 €

 

 

 

 

 

 

Der Rezensent
Peter Oehler ist promovierter Diplom-Ingenieur und Lehrbeauftragter an der TH Mittelhessen. Er schreibt Prosa, Rezensionen und Reiseartikel über die Kultur und die Geschichte Griechenlands, aber auch die regionale Kultur- und Stadtgeschichte der zugewanderten Griechen.

Text: Dr. Peter Oehler. Redaktion: A. Tsingas. Fotos: Archiv M. Wöhler, Heimatmuseum Schortens, transcript.

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

Schreibe einen Kommentar