Die Hügel Athens: kulturelle Gestaltung und urbanes Leben

Von Christian Papageorgiou

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Das Stadtbild Athens wird stark von seinen Hügeln geprägt. In der Vergangenheit trug ihre Gestaltung maßgeblich zur kulturgeschichtlichen Entwicklung bei, heute machen sie einen bedeutenden Wohlfühlfaktor der Metropole aus.

Hügel beherrschen das Stadtbild Athens, unvergänglich erheben sie sich über das endlose Häusermeer der pulsierenden Millionenmetropole. Seit eh und je haben sie eine wichtige Rolle für die Geschicke der Stadt gespielt. Mal felsig, mal bewachsen oder überbaut – die markanten Erhebungen sind nicht nur beliebte Rückzugsorte für Großstädter, sondern auch Magnete für Reiselustige aus allen Ecken der Welt.

1_Der Fels des Areopag. Links oben im Hintergrund die Sternwarte auf dem Nymphenhügel

Auf dem Areopag-Hügel, im Volksmund liebevoll Vrachakia genannt, was so viel wie „kleine Felsen“ bedeutet, kommen vor allem die jungen Athener an lauen Sommerabenden zusammen, um den Klängen einer Gitarre zu lauschen und die untergehende Sonne zu bestaunen. Laut der Apostelgeschichte soll auf dem kahlen Felsen kein Geringerer als der Apostel Paulus den Athenern die Lehre des Christentums nähergebracht haben. Fest steht, dass die Lage des Steinhügels, auf dem einst der Oberste Rat des antiken Stadtstaates Athen tagte, herrliche Ausblicke auf die umliegenden Hügel erlaubt.

Solche Ausblicke bieten etwa der Nymphenhügel mit dem darauf thronenden Nationalen Observatorium (Sternwarte), das inmitten einer grünen Oase fast schon wie ein orthodoxes Gotteshaus anmutet, oder der piniengesäumte Musenhügel, dessen steingepflasterte Pfade rund um das Philopappos-Denkmal wunderbar geeignet sind für entspannte Spaziergänge und kleine Fahrradtouren.

4_Blick von der Akropolis: links das Erechteion, rechts der Kegel des Lykabettus-Hügels, in der Ferne dazwischen das Penteli-Gebirge. © C.P.

Kaum zu übersehen ist auch der 277 Meter hohe Lykabettus-Hügel (Hügel des Morgengrauens, von λυκαυγές) im Zentrum der Stadt. Ob zu Fuß oder mit der kleinen Standseilbahn, der Weg zur weißgetünchten Kapelle von Agios Georgios lohnt sich allemal, denn von dort oben hat man den wahrscheinlich schönsten Blick auf das leuchtende Häusermeer Athens, den Hafen von Piräus und allen voran auf den heiligen Felsen der Akropolis.

5_Foto von Félix Bonfils, ca. 1868-1875: der kahle Akropοlis-Hügel, rechts die Säulen des Olympieion

Einst verglich der renommierte schweizerisch-französische Architekt Le Corbusier die Akropolis in ihrer Umgebung mit einer Perle in der Muschel und bezeichnete sie als ästhetische Ikone. Der Parthenon, ein architektonisches Schmuckstück in dorischer Säulenordnung, gebaut aus feinporigem, pentelischem Marmor, ist der ganze Stolz der Griechen und in der Stadt von vielen Standorten sichtbar. Mit seiner rhetorischen Eloquenz überzeugte der einflussreiche Staatsmann Perikles im 5. Jahrhundert v. Chr. seine Zeitgenossen, der Schutzgöttin Athena einen neuen Tempel zu errichten – an Stelle des Vorgängerbaus, der 480 v. Chr. von den Persern zerstört wurde. Dieser Neubau sollte seitdem nicht nur ein Wahrzeichen der Demokratie werden, sondern auch Inbegriff von baulicher Ästhetik, Eleganz und Harmonie.

6_Gasse in Anafiotika © Evelina Bakoula

Am Nordosthang des Akropolis-Felsen trifft man auf ein Wohnviertel, das man in der Art hier in Athen nicht erwarten würde. Anafiotika liegt zwar am Rande des berühmten Altstadtviertels Plaka, doch die wenigsten verirren sich dorthin. Auf Anhieb fühlt man sich in ein pittoreskes Inseldorf der Kykladen hineinversetzt. Kein Wunder, wurde es doch Mitte des 19. Jahrhunderts von Bauhandwerkern der Insel Anafi errichtet. Labyrinthische Gässchen schlängeln sich durch weißgetünchte, ineinander verschachtelte Häuser, überall stehen Blumentöpfe, die Wäsche hängt zum Trocknen, hier und da streifen Katzen durch die engen Gassen, ältere Herrschaften begrüßen die Spaziergänger, Gezwitscher dringt aus den winzigen Privatgärten.

 

In den Niederungen

7_Museum der Stadt Athen, erste Residenz des Königspaars Otto und Amalie von Griechenland © C.P.

Doch die griechische Kapitale hat noch mehr Gärten in petto, die nicht nur für jedermann zugänglich sind, sondern auch lauschige Kaffeehäuser beherbergen. Oftmals liegen sie versteckt in den verträumten Hinterhöfen weniger bekannter Museen. So ist beispielsweise das malerische Bistro „Black Duck Garden“ des Museums der Stadt Athen die perfekte Adresse, um sich bei einem Erfrischungsgetränk oder Snack von einem ereignisreichen Sightseeing-Tag zu erholen. Das Gebäude war 1836-1843 die erste Athener Unterkunft des Königspaares Otto und Amalie von Griechenland.
Auch ein Abstecher in die beiden Museumsgebäude ist sehr zu empfehlen. Ich hatte schon mal das Vergnügen, als einziger Besucher durch die Gemächer der ersten Residenz von König Otto und des benachbarten Herrschaftshauses zu schreiten und mich dabei in die Salons der Athener Aristokratie des 19. Jahrhunderts hineinzuträumen. Es gibt viel zu entdecken: filigrane Möbel, Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs, seltene Ölgemälde sowie einen mit Porzellan gedeckten Tisch, der den Eindruck erweckt, als würden gleich Gäste zum Sonntagsessen eintreffen.

Liebhaber neoklassizistischer Baukunst sollten nicht versäumen, über den nahegelegenen Panepistimiou-Boulevard zu flanieren. Zugegeben, auf der symbolträchtigen Straße scheint die halbe Stadt unterwegs zu sein, der Verkehr tobt unaufhörlich. Hier wird eine Filmszene gedreht, dort gibt sich ein Gitarrist alle Mühe, die vorbeieilenden Passanten für sich zu gewinnen, an einer anderen Stelle zieht eine kleine Demo vorbei. Doch trotz des Getümmels bleiben die zahlreichen neoklassizistischen Gebäude des Boulevards nicht unbemerkt. Allesamt beeindrucken sie durch ihre klare und geradlinige Formensprache. Die Nationalbibliothek, die Universität und die Akademie fallen besonders ins Auge. Giebel voller Skulpturen, schmückende Statuen, ausdrucksvolle Fresken sowie elegante Säulenhallen gehören zum Repertoire. Für das einstige geistige Zentrum der Metropole haben sich die dänisch-österreichischen Architekten (Hans) Christian und Theophil von Hansen im 19. Jahrhundert mächtig ins Zeug gelegt.

Auch für Nachtschwärmer ist Athen ein aufregendes Pflaster. Die einen zieht es in die unzähligen Tavernen und Bars der lebhaften Ausgehviertel Plaka, Monastiraki und Psiri. Andere bevorzugen die schicken Dachterrassen rund um den Syntagma- und den Monastiraki-Platz, allein schon wegen der Aussicht auf den beleuchteten Parthenon. Und sobald volkstümliche Klänge über dem Musenhügel ertönen, ist es an der Zeit, dem Dora-Stratou-Tanztheater einen Besuch abzustatten. Fast allabendlich füllt sich die Freilichtbühne mit Tänzerinnen und Tänzern, die in prachtvollen Trachten temperamentvolle Folkloretänze aus unterschiedlichen Regionen Griechenlands vorführen. Alternativ kann man auch das monumentale Theater Odeon des Herodes Atticus am Fuße der Akropolis aufsuchen, um unter dem Sternenhimmel ein antikes Theaterstück oder ein klassisches Konzert zu genießen. Wie auch immer man sich entscheidet, es wird ein gelungener Abend!


Links
Aufzählung der Athener Hügel hier und hier (auf EL)
Die hier beschriebenen Athener Hügel
Der Areopag hier, auch Quelle Foto_1 // Das Nationale Observatorium Athen hier, auch Quelle Foto_2 // Der Philopappos-Hügel hier, auch Quelle Foto_3 // Der Lykabettus-Hügel hier // Der Parthenon hier, auch Quelle Foto_5 // Le Corbusier und die Akropolis hier
weitere Links
Das Wohnviertel Anafiotika hier // Das Athener Stadtmuseum hier // Königin Amalie von Griechenland in diablog.eu hier // Der Panepistimiou-Boulevard hier // Dora Stratou, die Gründerin des gleichnamigen Tanztheaters hier // Das Odeon des Herodes Atticus hier; in den nächsten drei Sommersaisons soll es als Veranstaltungsort wegen grundlegender Renovierungsarbeiten geschlossen bleiben.


Christian-Ioannis Papageorgiou wuchs zweisprachig in einer deutsch-griechischen Familie auf. Er studierte in Deutschland und Spanien Germanistik, Spanien- und Lateinamerikastudien sowie Pädagogik. Seit 2016 ist er freier Autor und verfasst Artikel und Kurzgeschichten für diverse Printzeitungen und Online-Magazine auf Deutsch und Griechisch.
auf diablog.eu hier

Text: Christian Papageorgiou, zuerst erschienen in der Neuen Westfälischen, hier in überarbeiteter und illustrierter Form. Redaktion A. Tsingas. Fotos: Christian Papageorgiou (wo angegeben) und Evelina Bakoula (wo angegeben), sonst Wikipedia gemeinfrei; die Wiki-Fotodateien unterliegen der Creative Commons-Lizenz hier. Quellenangaben zu den Fotos finden sich bei den Links. Teaserfoto: Akropolis 1910, fotografiert von F. Boissonnas.

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2 Kommentare zu „Die Hügel Athens: kulturelle Gestaltung und urbanes Leben“

  1. Der Artikel war für mich sehr interessant, da ich halb Griechin bin, Athen aber nicht kenne. Habe aber vor, die Stadt zu besuchen. Danke für diese Informationen.

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