Griechische Lyrik im Selbstporträt_2

Elena Pallantza präsentiert Nadi Chatzigeorgiou

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

Poesie ist mehr als Worte – sie ist ein Blick auf die Welt, ein Rhythmus, ein Echo des Inneren, ein Motiv, das nicht loslässt. In dieser neuen Reihe auf diablog stellen sich zeitgenössische griechische Lyriker:innen selbst vor: mit ihren Gedanken zur eigenen Dichtung, mit Bildern, die ihren Alltag prägen und sie inspirieren, und natürlich mit ihren Gedichten, die in deutscher Übersetzung eine zweite Stimme finden.

Unser Redaktionsmitglied Elena Pallantza wählt die Texte aus und überträgt sie gemeinsam mit anderen Übersetzerkolleg:innen ins Deutsche. So öffnet sich ein anderer Zugang zu Griechenland – durch die Worte und Augen seiner Dichter:innen.

Nadi Chatzigeorgiou

Nadi Chatzigeorgiou wuchs in Ermoupoli (Syros) auf. Sie studierte Philosophie und Germanistik an der Universität Athen und setzt sich neben ihrem dichterischen Werk mit Anthropologie, Musik und Tanz auseinander. Ihr erster Gedichtband bereits vom Aussterben bedroht (Thines Verlag, Athen 2022), sowie ihr Märchen Ich baue einen Turm (Verlag der Kolleg:innen, Athen 2024), das sie auch selbst illustrierte, wurden mit dem Preis der Zeitschrift o anagnostis ausgezeichnet. Texte und Zeichnungen von ihr sind in Print- wie auch Online-Magazinen erschienen.
Die sieben Gedichte, die hier vorgestellt werden, sind teils bereits veröffentlicht, teils noch nicht. Sie bilden eine Einheit mit dem Titel Als ich suchte. Wir danken Nadi Chatzigeorgiou für die folgenden Einblicke in ihre poetische Arbeit:

„Ein Gedicht ist etwas, zu dem man zurückkehrt. Eine tausendfach erzählte Geschichte, neu gefasst in die Einzigartigkeit des Verses. Man verspürt das Bedürfnis, aufs Papier oder ins Gedächtnis zurückzukehren, um das Wesen dessen zu finden, was von Mund zu Mund weitergetragen wird, wie ein Lied oder ein Filmzitat. So sehr uns Inhalte auch berühren: Gedichte sind aus Worten gemacht, und die ganze poetische Arbeit besteht in der Auswahl und der Anordnung der Wörter – jenes alle Menschen so verbindenden Werkzeugs –, Wort zu Wort gefügt, in einer Weise, die offenbart, wie und warum die Dinge in uns brennen. So verfahre ich mit Gedichten und hoffe, dass auch meine eigene poetische Sprache, zumindest bei manchen Menschen, eine ebensolche Wirkung erzielt.“


AM ANDEREN ENDE DER WELT

In Japan gibt es jetzt
ein Hotel mit Robotern
Am Empfang
will ich Genaueres wissen
man gibt mir Punkte
Ein Vögelchen
bringt meine Münze zurück

Der ganze Weg umsonst
Unbesungen falle ich
auf die spacige Matratze
In meiner Kapsel
mit schwerem Zwitschern
im Herzen

flackere ich

ICH WERDE ES ZUM LAUFEN BRINGEN

Ich wollte es ganz aus der Nähe sehen
auch wenn ich Angst hatte
Etwas an seinem Galopp
ließ das Tier
sonderbar wirken
Vom vielen Aufziehen
dachte ich, ist es durchgedreht
und trat noch näher

Sein Schaukeln riss mich mit
wie eine Seerose im Teich
Ein reinrassiger Irrtum
und ich auf seinem Rücken
war bereit, es zu bändigen
Die Welt ist voll von solchen
die sagen, es geht nicht
Aber ich wusste
das Pferd ist zu schaffen

Mit all meinem Rüstzeug
glitt ich in eine andere Dimension
weit weg von der Vulgarität
des Sattels und der Hufeisen

DER IMKER

Der Imker hat keine
klar umrissene Aufgabe
so nah am Stich
so fern der Angst

Über das offene Maul
der Blumen gebeugt
tut er so, als sähe er
die Honigdiebe nicht

Wenn alles satt schläft
Geister Tiere Pflanzen
dient er mit Hellsicht
dem Beruf der Waffen

Der restliche Honig
mündet als Problem
ins Meer; niemand soll ihn spielen
auf der Rennbahn, beim Karteln

Er weiß die fürchterlichen
Zwiespalte vorherzusagen
solange die Sterne ihr Öl verbrennen
wird Honig vergeudet

HAUTZEICHNUNG

Wenn ich stillhalte
glaube ich, tot zu sein
Die Angst sitzt mir im Nacken
Meine Künste werden zunichte
Ich sehe mich
zu jedem Unglück fähig

Gesichter von Geldscheinen
erscheinen auf meiner Haut
wie boshafte Verwandte
die ich niemals vergesse
Sie strömen herbei
die einen wie die anderen
Und alle murmeln im Chor
ich sei am Ende

Anstatt sie
zum Teufel zu jagen
kriege ich die Krätze
Den Kavalieren
die sie vorsichtig betasten
lüge ich vor: hab ich selber gemalt
Das war alles

Eine alte Geschichte

ZUDEM

An schlechten Tagen
scheint ein verdrehter Wille
die leblosen Dinge
zu durchdringen
und eine Parallelwelt
jenseits der gewohnten
gräbt sich in mich ein

Der hartnäckige Knopf
der widerspenstige Stoff
das Geheimnis, das der Saum verbirgt
lehnen sich an diesem Tag
gegen mich auf
Und ich tadle sie alle
beschimpfe sie
klage sie an
bis sie bekehrt sind

MAGISCHER KREIS

Wie die Würfel fallen
ist Werk der Götter

Auf dem nächsten Level
erscheint der Bösewicht
ein automatischer Mechanismus
der grausamste von allen
die Fäden sind sichtbar
die Hand ist meine

Hier wird aufs Spiel gesetzt:
der geordnete Lauf der Jahreszeiten
das Reifen der Früchte
das Aufblühen des Jahres
der Triumph des Guten
über das Böse

Ich denke an all das
und wie vom bösen Blick getroffen
renne ich los

und rette die Prinzessin

JEDER NIMMT ETWAS MIT

Manche fragen
was in Waterloo geschah
Wenn ihr wollt, sage ich
zeige ich es euch auf der Karte

Zwei Fronten halte ich
stets offen
Die eine vor mir
glänzt wie Zukunft
Die andere hinter mir
klafft auf ewig
das Unwiderrufliche

Anstelle von Taktiken
kenne ich Tricks
nicht solche
die hundertprozentig retten
Nur solche, die mein Glück herausfordern
in einem Wettlauf gegen die Zeit
bei dem fraglich ist
ob ich ankomme

So taumelnd durch die Schlacht
bin ich entzweit
wie ein Brautkleid mit Schleppe

wie ein Stern mit Schweif


Das Übersetzer:innen-Team

Elena Pallantza und Peter Holland sind ein Übersetzer:innen-Duo aus dem Neugriechischen ins Deutsche. Sie übersetzten unter anderem Andreas Embirikos (Signaturen-Magazin) und Jenny Mastoraki (metamorphosen, Heft 63), den Gedichtband Mögliche Landschaften von Danae Sioziou (parasitenpresse, Köln 2024) sowie ausgewählte Gedichte griechischer Lyriker:innen für das Poesiefestival Berlin und das Goethe-Institut Athen. Weitere gemeinsame Übersetzungen moderner Klassiker und zeitgenössischer Autor:innen sind in Vorbereitung, darunter Werke von Nikos Gatsos und Phoebe Giannisi.

Auswahl und Präsentation: Elena Pallantza. Poesie und Gedanken dazu: Nadi Chatzigeorgiou in der Übersetzung von Elena Pallantza und Peter Holland. Redaktion: A. Tsingas. Fotos: Nadi Chatzigeorgiou. Foto Übersetzer:innen: privat.

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