Wir heizen uns mit Samba ein

Erzählung von Christos Ikonomou

diablog.eu-Neujahrsgeschichte 2017: „Wir heizen uns mit Samba ein“ von Christos Ikonomou, übersetzt von Birgit Hildebrand. Was tut man, wenn die Stube eiskalt ist, weil man kein Geld zum Heizen hat? Dann behilft man sich mit anderen Methoden, sich aufzuwärmen… Dieser Post bildet, unserem Blog-Motto gemäß, eine ästhetische Kombination aus griechischer Inselatmosphäre und österreichischer Bergwelt.

Heute Abend lasse ich Tassos Delias auferstehen.

Das ist ein alter Musiker, Sänger und Gitarrist, der in den Sechzigern die erste Rockband von Piräus gegründet haben soll. Drittes Level der Liebe hießen sie. Sie hatten zwei, drei Platten herausgebracht, und man hatte sie sogar ins Ausland eingeladen, nach Deutschland und sonst wohin. Der Typ soll ein richtiges Phänomen gewesen sein, einen Gitarristen wie ihn hat es in Griechenland kein zweites Mal gegeben. Wenn er Engländer oder Amerikaner gewesen wäre, hätte ihn die ganze Welt gekannt. Aber dann ist es mit ihm bergab gegangen, und Jahre später hat er schließlich in Bousoukischuppen und Grillrestaurants gespielt. Auf die Insel ist er vor ungefähr einem Monat gekommen – jetzt, da das Nachtleben in Athen endgültig den Geist aufgegeben hat, hat ihn ein Bekannter hergeholt, der im oberen Teil der Insel, in Avyssalos, einen Rembetikoladen hat, damit er dort samstags und sonntags Tsifteteli und Karsilamas spielt.

Das weiß ich von Takis, und der ist ein Freund von dem Typen mit dem Rembetikoladen.

Was das dritte Level der Liebe ist, weiß ich nicht, und genauso wenig kenn ich die beiden davor. Und auch über Delias weiß ich nicht viel. Aber er kommt mir auf jeden Fall vor wie einer dieser unberechenbaren Züge, deren Entgleisung schon vorprogrammiert ist, bevor sie überhaupt auf den Schienen stehen.

Wie eine dieser billigen Kerzen, die nur einmal kurz auflodern, bevor sie verlöschen.

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Takis und ich gehören zu den ältesten Zugereisten der Insel. So bezeichnen die Einheimischen alle Leute, die sich nach der Krise hier angesammelt haben: Zugereiste. Wir haben viele Jahre gemeinsam gearbeitet. Channel 1, Flash, noch früher im Xenios, im Diavlos 10. Wir sind im Winter 2009 auf die Insel gekommen und haben den Sender Archipelagos FM von Null an wiederbelebt. Takis ist für die Technik zuständig, ich für alles andere: Nachrichten, Werbung, Sponsoring. Ich mache auch eine Sendung mit dem Titel „Und ewig leuchten die Sterne“, die jeden Samstagabend ausgestrahlt wird. Die Sendung hat keinen religiösen Inhalt, aber trotzdem fühle ich mich wie Jesus Christus. Ich habe es übernommen, alle Toten auferstehen zu lassen – und dazu noch die Halbtoten: alte Schauspieler, alte Sängerinnen, alte Fußballspieler oder Leichtathleten – je älter und vergessener, desto besser. Für die Toten verfasse ich Nachrufe, mit den Halbtoten mache ich Interviews. Ich nehme sie auf dem Recorder auf, und dann schneide ich die Interviews gemeinsam mit Takis, und wir senden sie unter Begleitung von alten Liedern und nostalgischen Erinnerungen. Die Sendung ist ziemlich schrecklich, aber sie hat auch einen Sponsor – den Typen mit dem Rembetikoladen in Avyssalos. Es war seine Idee, weil er dachte, die Leute hätten es gründlich satt, immer was über die Krise zu hören, und sie wollten sich an die Vergangenheit erinnern, an die guten alten Zeiten, als alles noch sorglos und schön war.

„O Mann, an welche guten alten Zeiten erinnert sich denn dein Kumpel?“, fragte ich Takis, als er mir von der Idee erzählte. „An damals, als er im Amüsierschuppen Nelken verkauft hat, das Gebinde für zweihundert und den Korb für fünfzig?“

„Das weiß ich nicht“, sagte Takis. „Aber du solltest dich lieber daran erinnern, dass ein Sender ohne Sponsoren einpacken kann. Also lass die Klugscheißerei und komm zu dir.“

Und so leuchten die Sterne wieder, jeden Samstagabend zwei Stunden lang. Zwei Stunden nur – dann verschwinden sie wieder im Dunkeln.

In dieser Hinsicht ist der Titel der Sendung ein absolutes Fiasko.

Dieser Delias wohnt in Pikroneri, hinter dem Strandhotel, eine Stunde von der Inselhauptstadt entfernt. Die Verabredung habe ich am Telefon mit so einer Tussi getroffen, von der mir Takis gesagt hat, dass sie Konstantia heißt. Sie war nicht sicher, ob bei dem Interview etwas herauskommen würde. „Wissen Sie“, sagte sie, „er redet nicht gern über diese Jahre.“ Aber da mache ich mir nicht die geringsten Sorgen. Ich habe mittlerweile begriffen, wie sie alle drauf sind, ich weiß, wie ich sie herumkriege. Ich muss sie nur an ihrer Schwachstelle erwischen. Das Selbstmitleid herauskitzeln, das in jedem Menschen steckt, der sich vom Leben benachteiligt fühlt. Sie davon überzeugen, dass ich die Wahrheit kenne – wie ungerecht es ist, dass so begnadete Menschen ein Schattendasein führen müssen – und dass jetzt die Stunde gekommen ist, dass das auch der Rest der Welt erfährt. Das ist alles. Den Kniff habe ich gut heraus, und er zieht immer. Es ist nicht besonders redlich, aber es ist effektiv. Und deshalb mache ich mir nicht die geringsten Sorgen.

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Es ist Januar, ein Scheißwetter, Schneeregen seit dem frühen Morgen, und vor lauter Wind kann man kaum stehen. Delias wohnt in einem niedrigen, orange gestrichenen kleinen Haus, das von weitem, von fünfstöckigen Riesenbauten umringt, wie eine kleine Kerze wirkt, die zwischen langen, noch unbenutzten Osterkerzen verglüht. Als ich aus dem Auto steige, sehe ich die bröckelnden Mauern, die schon fast auseinanderfallenden Fensterläden, die zersprungene Glasscheibe in der Eingangstür. Ein gutes Zeichen, denke ich. Je schlechter sie leben, desto benachteiligter fühlen sie sich. Und je benachteiligter sie sich fühlen, desto leichter kriegt man sie zum Reden. Ganz einfach.

„Kommen Sie rein, kommen Sie rein. Bleiben Sie doch nicht draußen in der Kälte stehen! Haben Sie uns leicht gefunden?“

Das Aussehen der Frau in der Tür passt nicht zu der Stimme am Telefon. Sie ist noch ganz jung, um die Fünfundzwanzig, mit unverhofften Kurven und langen, geraden Beinen. Gepflegte Haare, ein makelloses, zartes Gesicht, saubere, nicht abgekaute Nägel. Sie trägt eine randlose Brille, einen orangefarbenen Mantel mit dunkelgrünem Revers, schwarze Strumpfhosen, Lederstiefel. Als ich an ihr vorbeigehe, schnuppere ich unauffällig. Sie riecht nach etwas Frischem und Warmem. Ist es die Möglichkeit? Was hat so ein Geschöpf hier zu suchen? Sollte der alte Knacker auf seine alten Tage ein Groupie gefunden haben? Niemals, ausgeschlossen. Hat er sie etwa in einer Bar am Hafen aufgegabelt? Aber müsste ich sie dann nicht kennen? Sie wirkt auch nicht wie eine gestrandete Touristin. Eine von hier ist sie jedenfalls nicht. Meine Verwunderung steigt, als ich ins Haus trete. Verrußte Wände, ein paar armselige Möbelstücke, nackte Glühbirnen an der Decke. Es riecht wie in den Siebzigern, nach Moder und abgestandenem Qualm. Und überall eine klirrende, eine grauenhafte Kälte, schlimmer als draußen, die mir mit unsichtbaren eisigen Zungen übers Gesicht leckt.

Wir gehen ins Wohnzimmer. Ein morsches Sofa, zwei Sessel, ein Tischchen. An der Wand hängt ein Bilderrahmen mit zwei Silhouetten – ein Mann und eine Frau –, die sich vor einem grellen, orangefarbenen Sonnenuntergang an den Händen halten. Das Wertvollste hier im Raum ist die Gitarre, die an der Wand lehnt. Ich frage mich, was der Typ wohl mit dem Geld anfängt, das er im Rembetikoschuppen bekommt. Außer er zahlt dafür, dass man ihn überhaupt spielen lässt.

Auf dem Tischchen steht eine Vase mit orangenen Plastikblumen. Das Mädchen sieht, wie ich sie mustere, und sagt:

„Es gefällt ihm nicht, wenn wir hier echte Blumen haben. Er sagt, Blumen sind lebende Wesen, und man darf sie nicht in Vasen einkerkern.“

Soso. Tassos ist ein sensibler Typ. Ein Romantiker. Tassos hat ein Umweltbewusstsein. Aber wo zum Henker steckt Tassos?

„Wo ist Herr Delias?“

„Er hat sich heute nicht besonders wohlgefühlt. Eine verschleppte Erkältung. Wir haben auch ein kleines Problem mit der Heizung…“

Kleines Problem? Das ist ja gut, denke ich. Bei der Eiseskälte hier drinnen würde es mich nicht wundern, wenn er Lungenentzündung bekommt.

„Aber ich muss ihn kurz sehen. Sag ihm, ich will ihn nicht überanstrengen. Höchstens ein Viertelstündchen.“

„Ich habe ihn schon informiert. Trinken Sie was? Kaffee? Tee? Einen Drink?“

„Seh ich so alt aus?“

Sie betrachtet mich mit schiefgelegtem Kopf. Wird rot. Ein gutes Zeichen.

„Können wir uns nicht duzen?“

„Ja, klar. Entschuldigung“, sagt sie.

Ein hübsches Lächeln, gerade, saubere Zähne. Noch ein gutes Zeichen.

Draußen hört man das wilde Heulen des Windes. Die Fensterscheiben ächzen. Über unseren Köpfen flackert das Licht kurz, dann leuchtet es wieder zuverlässig.

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Ich höre eine Tür knarren. Dann höre ich jemanden im Gang schlurfen. Noch ein Knarren, und dann taucht eine rot und grün karierte Decke mit fusseligen Fransen vor mir auf. Darin steckt ein gebeugter Typ mit langen aschgrauen Haaren. Er trägt eine Brille mit dickem Gestell und am Mittelfinger der rechten Hand einen Silberring. Lange schmale Finger, wachsbleich. Ohne mich anzusehen geht er stumm an mir vorbei und setzt sich – oder sinkt eher – in den Sessel. Er hustet laut und mühsam und zieht sich die Decke höher um den Hals. Es schreit zum Himmel, dass dieser Mensch nicht gerade vor Gesundheit strotzt.

Das Mädchen geht zu ihm und kniet sich vor ihn hin. Sie legt ihm die Hand auf die Stirn und streicht ihm mit der anderen über das unrasierte Kinn. Er macht die Augen zu und neigt den Kopf zur Seite. Die Brille ist ihm auf die Nase heruntergerutscht, seine Knie zittern. Ich hole unauffällig den kleinen Kassettenrecorder aus der Tasche, drücke auf Aufnahme und lege ihn auf den Tisch. Allmählich beginne ich es zu bereuen. Ich sehe keine Chance, hier heil wieder rauszukommen. Eine verschleppte Erkältung. Die Krankheit wirkt weder verschleppt noch überhaupt wie eine Erkältung. Und wenn es was Ansteckendes ist? Wenn er Typhus hat oder Tuberkulose, woher kann ich das wissen?

„Constanze, schenk uns bitte einen Cognac ein.“

Unglaublich. Seine Stimme passt auch nicht zu seinem Aussehen. Ruhig und sanft, fast wie ein Flüstern. Das Mädchen geht hinaus, und Delias steht auf und holt sich die Gitarre, nachdem er sich mit dem Handrücken die laufende Nase abgewischt hat.

Ein Segen, denke ich. Ein Segen, dass wir uns nicht die Hand gegeben haben.

Er lässt sich wieder nieder, zupft mit den Fingernägeln an einer Saite – ping – und sieht mir in die Augen. Ich will etwas sagen, aber er stoppt mich.

„Ssst. Hörst du?“

Ich spitze die Ohren, kann aber nichts hören. Zumindest nichts Außergewöhnliches. Ich höre das Heulen des Windes, die ächzenden Fensterscheiben, das Hantieren des Mädchens in der Küche. Nichts Außergewöhnliches. Wir bleiben ein paar Sekunden lang stumm, er mit hoch erhobener Hand, ich mit gespitzten Ohren.

„Die Musik“, sagt er dann. „Die Musik ist die Stille zwischen den Noten.“

„Bravo, Herr Delias“, sage ich und schiebe diskret den Kassettenrecorder in seine Richtung. „Ein origineller Spruch. Genau das Richtige zum Einstieg.“

Er wirft mir einen schrägen Blick zu und rückt sich die Brille auf der Nase zurecht.

„Das stammt von Debussy, junger Mann, nicht von mir.“

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Das Mädchen kommt mit einem Tablett aus der Küche. Sie schenkt die Gläser voll und setzt sich an die andere Sofaecke. Wir trinken wortlos und betrachten den Typen, der so tut, als spielte er auf der Gitarre. Schöne Finger hat er allerdings, das muss ich zugeben. Es ist schön, wie die Finger über den Gitarrenhals gleiten. Er macht immer wieder mal eine Pause und neigt den Kopf zur Seite, als hörte er etwas, das wir – naja, also eigentlich ich – nicht hören können. Ich huste und räuspere mich, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Aber nein, plötzlich habe ich eine schlechte Vorahnung.

Mir wird klar, dass die Dinge heute Abend nicht gut laufen werden. Mir wird klar, dass ich es heute nicht schaffen werde, meinen Toten auferstehen zu lassen.

Diese Masche geht noch eine ganze Weile so weiter, bis der Typ die Augen vom Instrument hebt und mich ansieht.

„Ein Musiker darf auf keine Ratschläge hören“, sagt er. „Nur auf das Rauschen des Windes, das die Geschichte der Welt erzählt.“

Er meint wohl das Heulen des Windes, das einen völlig verrückt macht. Aber ich höre keine Geschichte – vermutlich, weil ich kein Musiker bin.

„Das ist auch gut“, sage ich „Delias oder Debussy?“

Er sieht mir in die Augen, tiefernst. Keine Ahnung, wie meine aussehen, seine jedenfalls wirken hinter den dicken Brillengläsern wie glühende Kohlenstücke kurz vor dem Erlöschen.

„Er hat ein ganz besonderes Ohr“, sagt das Mädchen. Sie hat sich mir jetzt auch zugewendet.

„Ja, das habe ich schon gemerkt.“

„Nein, ich meine was anderes. Sein linkes Ohr ist nicht so wie das andere.“

Von dort, wo ich sitze, kann ich den Unterschied nicht erkennen. Aber ich widerspreche ihr nicht. Ganz richtig. Ganz deiner Meinung. Ein außergewöhnliches Ohr – natürlich, warum nicht? Plötzlich will ich nur noch hinaus. Ich kriege keine Luft. Ich fühle mich wie in einem Schraubstock, in einem eisigen Schraubstock.

Wieder flackert das Licht über unseren Köpfen. Das Mädchen fährt fort:

„Sein linkes Ohrläppchen ist größer als das andere, das rechte. Wissen Sie, Mozart hatte das auch. Und …“

Sie schaut Delias an.

„Bach?“

„Haydn“, sagt er.

„Stimmt, Entschuldigung. Haydn.“

Einen Moment lang sehe ich den Typen mit einer gepuderten Perücke vor mir, in rotem Redingote und weißen Seidenstrümpfen, wie er auf der Tanzfläche des Rembetikoschuppens den alten Hit Könnt man sein Herz verriegeln, wär ich vor dir gefeit singt.

Ein grandioses Schauspiel, denke ich. Es wäre wirklich ein grandioses Schauspiel. Ich entschließe mich zu einem letzten Schachzug.

„Jedenfalls“, sage ich, „sind sie ein bedeutender Musiker, Herr Delias. Sie sind eine lebende Legende. Deshalb bin ich heute Abend hergekommen. In Krisenzeiten suchen die Menschen nach neuen Vorbildern. Wir müssen uns alle, und vor allem die jungen Leute, in …“

Das Licht fängt wieder an zu flackern. Es geht aus, wieder an, wieder aus, wieder an, dann geht es aus und nicht mehr an.

„Na bravo“, sage ich. „Das hat uns grade noch gefehlt.“

„Keine Angst“, sagt das Mädchen. „Einen Moment, ich habe Kerzen in der Küche.“

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Sie stellt drei krumme weiße Kerzen auf das Tischchen und zündet sie an. Nach und nach kriechen große Schatten über die Wände und beginnen sich um uns hin und her zu bewegen.

Ich sehe Delias über den flackernden Kerzenflammen an. Im Halbdunkel wirkt er noch älter, noch gebrechlicher. Sein von Flecken und Falten gezeichnetes Gesicht sieht aus wie ein Stück Leder, das mit einem scharfen Schneidemesser gekerbt ist. Ich versuche ihn mir jung und stark vorzustellen, mit schwarzen Haaren und arrogantem Blick. Aber es fällt mir schwer.

„Constanze“, sagt er. „Ich friere.“

Er lässt die Gitarre aus den Händen gleiten und beugt sich unvermittelt nach vorne.

Das Mädchen läuft zu ihm. Sie beugt sich hinunter, nimmt seinen Kopf zwischen die Hände, streichelt ihn. Sie flüstert ihm etwas ins Ohr. Ins linke Ohr, denke ich, in das mit dem großen Läppchen.

„Steh auf“, sagt sie und nimmt ihn sanft bei den Ellenbogen. „Komm, jetzt heize ich dir ein.“

Jetzt heizt sie ihm ein? Wo, hier? Vor mir als Zeugen? Ich mache mich auf das Schlimmste gefasst. Sie hilft ihm beim Aufstehen, und dann fasst sie ihn um die Schultern. Aber es ist schon seltsam. Sie tun, als wäre ich gar nicht da, als wäre ich schon wieder weg. Das Mädchen nimmt Delias‘ Arme und legt sie sich um die Taille. Sie ist fast einen Kopf größer als er. Dann drückt sie seinen Kopf sanft an ihre Schulter und streichelt ihm über den Rücken.

Sie beginnt eine fröhliche, lebhafte Melodie zu summen. Und dann fangen sie an zu tanzen. Ja wirklich, sie tanzen. Sie wirbeln eng umschlungen durchs Zimmer, nur zwei Meter von mir entfernt. Sie streichelt ihm weiter Rücken und Schultern, fährt ihm mit den Fingern durchs Haar. Auch ihre Schatten tanzen über die Wände – plötzlich füllt sich das Zimmer mit rings um mich wirbelnden menschlichen Gestalten.

„Wir tanzen viel hier drinnen“, sagt das Mädchen, das mich über Delias‘ krumme Schulter ansieht. „Damit uns warm wird. Das Tanzen ersetzt uns den Ofen und das Heizöl.“

Sie lacht und wirft die Haare nach hinten, und plötzlich schwingt sie die Hüften. Es ist eine sinnlose Bewegung, die aber nichts Künstliches hat, eine in ihrer Aufrichtigkeit fast unbegreifliche Bewegung, so natürlich wie das Zusammenzucken eines erschrockenen Vogels, oder das Biegen eines Baums bei starkem Wind.

„So ist das“, sagt sie. „Andere wärmen sich am Ofen, wir heizen uns mit Samba ein.“

Delias hat sich ganz ihrer Umarmung überlassen. Er hat sich mit geschlossenen Augen an ihre Brust geschmiegt, die Finger in ihren Mantel gekrallt.

„Ihr denkt, ihr wisst, was Krise heißt“, sagt das Mädchen fast flüsternd, ohne mich anzusehen. „Ihr denkt, ihr habt schon alles gesehen. Aber das hier? Habt ihr so etwas schon gesehen? Sicher nicht mal im Traum. Warum sagst du nichts? Sag mir, hast du das schon mal gesehen? Hast du?“

Tassos hebt den Kopf und blickt sie an.

„Ich hatte auch mal einen Traum“, sagt er. „Viele Träume sogar. Ich war ganz verrückt nach Träumen.“

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Ich sitze da und sehe zu, wie sie im Halbdunkel tanzen. Beuge mich vor und nehme mein Glas. Trinke und gieße mir nach. Die Kassette ist stehen geblieben, aber das ist mir egal. Ich mache die Augen zu und höre Constanzes fröhliches Summen, das Rascheln der Kleider, das Gleiten der Schritte über den Boden. Ich halte das Glas ganz fest, ich spüre, wie sich das Glas in meiner Hand erwärmt, meine Hand sich über dem Glas erwärmt.

Ich mache die Augen wieder auf.

Die Kerzen sind miteinander verschmolzen, drei Kerzen sind zu einer geworden und die blaugelbe Flamme ist hochgezüngelt. Ich beuge mich vor, umfasse mit den Händen die Flamme und habe einen Moment lang den Eindruck, als spürte ich etwas. Einen Moment lang habe ich den Eindruck, als spürte ich, wie der innere Schmerz mit dem Trost kämpft, wie die innere Kälte mit der Wärme kämpft, dieser kleinen Wärme, die einem das Feuer schenkt, das im Dunkeln brennt, spät in einer Winternacht.

„Constanze“, sage ich.

Sie sieht mich an, und ihre Augen, die Lippen, die Hände beben. Sie sieht mich an und zittert am ganzen Leib.

„Constanze“, sage ich wieder.

„Ja?“

„Constanze, ich friere auch.“

Text: Christos Ikonomou. Text mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus dem Sammelband „Abbild der Krise„, erschienen im Metaichmio-Verlag 2013 und herausgegeben von Eleni Boura und Mikela Chartoulari. Übersetzung: Birgit Hildebrand. Fotos: Michaela Prinzinger.

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