Athen, Paradiesstraße

Gedanken zum Buch von Michaela Prinzinger

Literaturtipp für die (westlichen) Osterferien: „Athen, Paradiesstraße„. Ein packender Familienroman über die Geschichte und Mentalität der Griechen. Sofka Zinovieff ist es aus dem Blickwinkel einer aufmerksamen Beobachterin gelungen, die gesellschaftlichen Wunden der letzten Jahrzehnte in einer spannenden und fundierten Erzählung zu beschreiben. Eine Lektüreempfehlung für alle, die mehr über ein Land erfahren wollen, das in den vergangenen Monaten im Brennpunkt des Interesses stand. Michaela Prinzinger hat sich ein paar Gedanken zum Buch gemacht.

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Athen, 2008: Nach über sechzig Jahren kreuzen sich die Lebenswege der beiden verfeindeten Schwestern Antigone und Alexandra erneut. Der Anlass ist traurig: Antigones Sohn, ein Journalist, ist tödlich verunglückt. Ihre englische Schwiegertochter Maud, die von den familiären Verwerfungen nichts weiß, vermutet einen Zusammenhang mit seinen jüngsten Recherchen, und ahnt nicht, dass der Schlüssel zur Wahrheit im Familienhaus in der Paradiesstraße liegt. Inmitten der turbulenten Ereignisse jenes Winters wird eine alte Familienfehde wieder lebendig, die bis in die Tage des griechischen Bürgerkriegs zurückreicht.

Sofka Zinovieff, 1961 in London geboren, studierte Anthropologie in Cambridge. Sie arbeitet als Bildhauerin, Malerin, freie Journalistin (u.a. für ›The Independent Magazine‹) und Autorin. In ihrem ersten Buch, ›Eurydice Street: A Place in Athens‹ (2004), das von der Kritik hymnisch gefeiert wurde, hat sie festgehalten, was sie nach ihrem Umzug nach Athen erlebte. 2008 erschien auf Deutsch ›Die rote Prinzessin. Ein revolutionäres Leben‹, in dem sie die wechselvolle Lebensgeschichte ihrer Großmutter Sofka Dolgorukij (1907-1994) erzählt. Sofka Zinovieff hat viele Jahre in Griechenland verbracht und lebt seit Kurzem mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Großbritannien.

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Tuchfühlung, Ausstellung Kostas Murkudis, MMK 2015-16, ©diablog.eu

Wie ist das Buch konstruiert? Die Achse, um die sich alles dreht, ist ein Familiengeheimnis. Die Exposition: der Tod des Ehemanns. Der Höhepunkt: Das Geheimnis wird gelüftet. Das Ende: Aussicht auf Auflösung des Konflikts mithilfe der jungen, nachwachsenden Generation.

Der Roman besteht aus 26 Kapiteln, die in „Ich“-Perspektive geschrieben sind. Auf ca. 400 Buchseiten schreiben abwechselnd Maud, die angeheiratete Britin, und Antigone, die Mutter von Mauds Ehemann, ihre Geschichte. Die Perspektive der Gegenwart und der Vergangenheit vermischen und ergänzen sich. Es sind zwei weibliche Außenperspektiven auf die griechische Gesellschaft – die einer Zuwanderin und die einer in die Sowjetunion emigrierten Kommunistin, die in Moskau lebt, als sie vom Tod ihres Sohnes erfährt. Sie hat ihren Sohn schmählich „verlassen“, wie es die vorherrschende Familiensaga sehen will.

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Tuchfühlung, Ausstellung Kostas Murkudis, MMK 2015-16, ©diablog.eu

Beide weiblichen Ich-Stimmen sind Mütter, beide sind Witwen. Die eine ist jung, die andere ist alt. So ergeben sich zwei verschiedene weibliche Perspektiven und Sichtweisen. Beide sind Fremde, Maud in Griechenland, Antigone in Russland. Beide haben sich integriert: Maud hat einen Griechen geheiratet und zwei Kinder, Antigone hat einen Russen geheiratet, aber keine weiteren Kinder außer Nikitas. Es handelt sich in beiden Fällen um weibliche Migration – einmal Heiratsmigration, einmal politische Migration.

Das Buch beginnt mit einem Paukenschlag, mit dem Unfall-Tod von Nikitas, Mauds griechischem Ehemann. Dieser Unfall-Tod gibt Rätsel auf, die Maud dazu bringen, nachzuhaken und die Familiengeschichte zu recherchieren.

Die beiden Stimmen sprechen abwechseln, verflechten sich, bilden ein Text-Gewebe (wieder ein weibliches Genre). Im letzten Kapitel spricht die Enkelin Tig, die nach der Großmutter Antigone benannt ist, durch einen Brief, den sie verfasst. Es ist eine Botschaft der jüngsten Generation, die sich anschickt, die Vergangenheit zu überwinden.

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Tuchfühlung, Ausstellung Kostas Murkudis, MMK 2015-16, ©diablog.eu

Das Buch schließt mit einer Anmerkung der Autorin, in der sie erzählt, wie es zur Idee des Buches kam, was sie inspiriert hat, welche Begegnungen und welche Ereignisse dazu geführt haben. Ganz konkret erwähnt sie die Überführung der sterblichen Überreste einer nach Rumänien ausgewanderten Verwandten, wodurch die Autorin auf die historischen Fakten der verdrängten Geschichte der griechischen Linken gestoßen wird. Diese Rückführung in das Beinhaus des Heimatdorfes – vierzig Jahre nach ihrem Tod – ist ein starkes, eindrückliches Erlebnis.

Dann folgte eine kurze Geschichte Griechenlands, von 1830 bis 1981 (Pasok-Regierung), um dem deutschsprachigen Leser historisch auf die Sprünge zu helfen. Darin wird die Rolle der Briten im griechischen Bürgerkrieg thematisiert, womit sich Zinovieff besonders beschäftigt, und in der Figur des „Johnny“ auch personifiziert und greifbar macht. Zinovieff gelingt es, Figuren aus Fleisch und Blut zu schaffen, ihr Material, das sie durch Gespräche, Lektüre und Selbst-Erleben gesammelt hat, adäquat umzusetzen und zu einer fiktionalen Geschichte zu verarbeiten. Es gelingt ihr – nach zwei Büchern, die überwiegend autobiografisch und familiengeschichtlich angelegt waren – der große Schritt zur Fiktionalisierung.

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Tuchfühlung, Ausstellung Kostas Murkudis, MMK 2015-16, ©diablog.eu

In „Athen, Paradiesstraße“ geht es um Schweigen, Verschweigen, Nicht-Thematisieren, Nicht-Rühren an die Vergangenheit. Ähnlich wie in Ioanna Karystianis Roman „Schattenhochzeit“, wo es um die Geschichte einer Vendetta in Kreta geht, treten auch hier Frauen als Hüterinnen von Geheimnissen auf, aber auch als Lüfterinnen, die das Geheimnis auflösen, darüber zu sprechen beginnen: Frauen in ihrer Rolle als Hebammen, als Gebärhelferinnen der Wahrheit, als Krankenschwestern und Pflegerinnen, die Wunden pflegen und den Heilungsprozess einleiten, die das Schweigen in ein Sprechen verwandeln.

In vielen Gesellschaften wird das Schweigen zu einem strukturellen Bestandteil, oft zu einer Art Ehrenkodex wie die Omertà in mafiösen Strukturen: im deutschsprachigen Raum, wenn es um Täter- und Opfergeschichten im 2. Weltkrieg geht, wenn es um die Vergewaltigungen durch russische Soldaten geht, bei großen Traumata wie dem Massenmord an den Armeniern, wo erst die Enkel- und Urenkelgeneration beginnt, die Geschichten zu erfragen, zu verarbeiten, zu verschriften, in Werke der Fiktion zu gießen.

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Tuchfühlung, Ausstellung Kostas Murkudis, MMK 2015-16, ©diablog.eu

Auch in Griechenland wird viel verschwiegen. In „Athen, Paradiesstraße“ ist das die Geschichte der Linken nach dem 2. Weltkrieg, deren Verfolgung, Exilierung und Diaspora in Osteuropa. Es ist ein Riss, der jahrzehntelang durch die Gesellschaft ging nach dem Bürgerkrieg, der bis in die 50er-Jahre andauerte. In Zinovieffs Roman wird der Bruderkrieg zu einem Schwesterkrieg.

Der Paukenschlag zu Beginn des Romans, der Tod des Ehemanns, verkörpert erneut ein Schweigen: Er kann nichts mehr sagen zu den Ursachen seines Todes, er kann keine Antworten mehr geben, auf die Fragen, die sein Tod aufwirft. Die einzigen Antworten können Briefe und andere schriftlichen Aufzeichnungen sein. Durch diese Exposition und Ausgangssituation, durch den Tod, also das immerwährende Schweigen, werden viele Dinge und Entwicklungen in Gang gesetzt. Es bildet einen tiefen Einschitt in das Leben der Familie und stellt auf einmal alles in Frage.

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Tuchfühlung, Ausstellung Kostas Murkudis, MMK 2015-16, ©diablog.eu

Sofka Zinovieff kennt Athen und Moskau, die beiden Städte, die sie beschreibt, aus nächster Nähe. Sie hat ihren späteren Ehemann in Moskau kennengelernt und auch längere Zeit dort verbracht. Schon als Studentin der Sozialanthropologie war sie in den 80er-Jahren zu Forschungszwecken in Griechenland. Schon damals ist sie mit den Langzeitfolgen des traumatischen Bürgerkriegs und dem Deja-vu-Erlebnis der Militärdiktatur 67-74 konfrontiert worden. Nach ihrem Umzug nach Athen Anfang der 2000er-Jahre hat sie sich mit betroffenen Frauen unterhalten, hat sich ihre Lebensläufe angehört, hat sich Dinge angelesen, ihr Material dabei sehr gut verarbeitet und in eine anschauliche Form gegossen.

Die erzählerische Außenperspektive der Maud, die als Kulturfremdling und Zugereiste vor lauter Rätseln steht, macht die komplexe Geschichte der neugriechischen Gesellschaft transparenter für den nicht-griechischen Leser.

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Tuchfühlung, Ausstellung Kostas Murkudis, MMK 2015-16, ©diablog.eu

An solcher Stelle stellt sich die Frage: Hätte man das Buch einer griechischen Autorin, das sich demselben Thema widmet, übersetzt? Die Tatsache, dass das Buch auf Englisch geschrieben ist, ist hilfreich für die Weiterverbreitung in andere Sprachen. Ein auf Griechisch geschriebener, noch so toller Roman hätte es ungleich schwerer, auf Interesse der Verlage zu stoßen. Da fragt man sich: Betreiben die Griechen zu sehr Nabelschau? Ein Buch wie Alki Zeis „Achilles’ Verlobte“, das zum ersten Mal eine weibliche Sicht auf das linke Exil zur Sprache brachte, ist in einem anderen Kulturraum schwerer verständlich als das Buch von Zinovieff. Warum? Weil die Erzählperspektive eine andere ist. Einmal ist es eine gesellschaftliche Außenperspektive, einmal eine gesellschaftliche Innenperspektive. Und selbst in der Außenperspektive sind noch drei Appendixe nötig, um den Weg zum Leser zu ebnen: die Anmerkung der Autorin, der geschichtliche Abriss und die Danksagung.

Aber es ist, nach Gatzogiannis’ Riesenerfolg mit seinem Buch „Eleni“, ein weiterer Schritt in Richtung der Aufarbeitung einer leidvollen historischen Epoche, die viele Verwerfungen der heutigen griechischen Gesellschaft erklären kann.

Text: Michaela Prinzinger. Fotos: Michaela Prinzinger©diablog.eu

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