Sauber bleibt nur, wer nix tut

Gjak, eindringliche Erzählungen aus einer rauen Welt

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

Im Dezember 2022 ist der griechische Erzählband Gjak in der deutschen Übersetzung beim Mitteldeutschen Verlag erschienen. Zur Entstehungsgeschichte des schmalen Bandes befragte Michaela Prinzinger den Übersetzer Athanassios (Thanassis) Tsingas.

Thanassi, was bedeutet Gjak und worum geht es in den Erzählungen?

Gjak bedeutet in der arvanitischen Sprache Blut, Blutsverwandtschaft, aber auch Blutrache. Der Band umfasst acht Erzählungen und eine Ballade. Der Autor Dimosthenis Papamarkos ist im mittelgriechischen Malessina aufgewachsen, wo viele Arvaniten leben, Nachkommen albanischer Bevölkerungsgruppen, die sich ursprünglich während der spätbyzantinischen Zeit im griechischen Kerngebiet niederließen. Sie nahmen an allen Kriegen teil, die der neugriechische Staat führte, auch am Griechisch-Türkischen Krieg 1919-1922, von dem sie immer noch erzählen. Nach einer Reise nach Kleinasien, dem Schauplatz dieses Krieges, erwuchs in Papamarkos der Wunsch, einige dieser Geschichten niederzuschreiben.

Buchumschlag Mitteldeutscher Verlag

Wann hast du den Erzählband zum ersten Mal gelesen?

Das muss 2016 gewesen sein, denn mein mittlerweile zerfleddertes griechisches Exemplar stammt aus der 5. Auflage Ende 2015. Die Erzählungen hatten mich beim ersten Lesen völlig aufgewühlt und dann nicht mehr losgelassen. In lockeren Abständen übersetzte ich einzelne Erzählungen mit der Absicht, sie meinem deutschsprachigen Bekanntenkreis näherzubringen. Die Mündlichkeit und der Dialekt des Buches bereiteten mir aber Kopfzerbrechen.

Was reizte dich an diesem archaischen Buch, das in der männlich dominierten Welt des 20. Jahrhunderts spielt? Hier werden die Frauen beschützt, geschändet, ermordet, gerächt und verstoßen.

Die Akteure des Buches sind Männer, ihre Gewaltbereitschaft richtet sich erst einmal gegen Geschlechtsgenossen. Krieg und Gewalt gingen (zumindest damals) zwar ausschließlich von Männern aus, Frauen gerieten aber gleichermaßen in diesen unheilvollen Strudel. Wie die beschriebenen Grausamkeiten und ihre Folgen schließlich beide Geschlechter treffen, lässt mitfühlen und mitleiden. Die Erzählungen sind reinstes Kopfkino, das Buch ein Pageturner. Man liest fast jede Geschichte in einem durch, die Wendungen sind atemberaubend.

Verlag Antipodes, 2014-2019
Das übliche Cover war hell. Die 10. Auflage (rechts) erschien in schwarz.

Wie seid ihr, deine Co-Übersetzerin Angelika Gravert und du, die Mündlichkeit des ländlichen Griechisch angegangen?

Die deutsche Ausgabe hat sprachlich viele Mütter und Väter. Beim Literatursymposium Syn_Energy Berlin_Athen im Oktober 2018 wurde mir bei dem Austausch mit Übersetzerkolleginnen klar, dass die Übertragung von Gjak eine „neue Sprache“ verlangt. Darin bestärkte uns auch Dimosthenis Papamarkos, der zur ViceVersa Übersetzerwerkstatt 2019 in Thessaloniki eingeladen war. Vereinzelte Geschichten aus Gjak sind in Nordirischen Dialekt oder New-Yorker Slang übertragen worden – aber ein deutscher Dialekt (wie z.B. Bayerisch, Platt oder Berlinerisch) kam für die deutsche Ausgabe nicht in Frage. Ich hatte das große Glück, 2019 die Germanistin und Schriftstellerin Angelika Jodl kennenzulernen, die mir beim Navigieren durch die Untiefen der Mündlichkeit beistand und gelungene Beispiele vorstellte.
Mit der Zeit haben Angelika Gravert und ich eine verschliffene Umgangssprache entwickelt, die die Ausdruckskraft des Originals dennoch beibehalten hat.

Was hat es mit der Ballade auf sich?

Rhythmus spielt in den Texten von Papamarkos eine wichtige Rolle. Dreh- und Angelpunkt der Sammlung ist der Fünfzehnsilber „Auf Leben und Tod“, eine Ballade im sogenannten politischen Vers, der ab dem 10. Jahrhundert in Byzanz verwendet wurde. Ihr gehen vier Erzählungen voraus, vier weitere folgen ihr. Das Redigieren der Ballade übernahm Professor Hans Eideneier, die Transkription des eingesprenkelten Arvanitischen aus der griechischen in die lateinische Schrift Professor Thede Kahl. Wir hatten großes Glück: Kahl hat Gjak dem Geschäftsführer des Mitteldeutschen Verlags, Roman Pliske, vorgestellt – und so hat der Erzählband den Weg zur Veröffentlichung gefunden, was für die sogenannten kleinen Sprachen keine Selbstverständlichkeit ist.

Verlag Patakis ab 2020 mit einer Zeichnung von Yorgos Goussis

Gjak hat das hundertste Jubiläum zum Kriegsende des Griechisch-türkischen Krieg 1922 knapp verpasst.

Ja, das stimmt. Der Mitteldeutsche Verlag hat lang auf eine finanzielle Unterstützung des griechischen Ministeriums für Kultur und Sport gewartet. Diese kam zwar, aber sehr spät. Der Krieg gegen die Ukraine lässt das Buch aber weiterhin brandaktuell sein. Denn in den Erzählungen geht es um die individuelle Verantwortung im Krieg und den Universal Soldier, der im besten Fall für ein Ideal kämpft, aber bald merkt, dass er selbst Teil des Problems ist.

Gjak ist ein hartes und fesselndes Buch, das schwer zu vergessen ist. Das griechische Original wurde 2015 mit dem Preis der Akademie von Athen und des Literaturmagazins „Der Leser“ ausgezeichnet und kam später auch als Theaterstück auf die Bühne. Bis heute wurden in Griechenland über fünfzigtausend Exemplare verkauft. Mal sehen, wie sich die Sammlung im deutschsprachigen Raum schlagen wird. Ich drücke diesem außergewöhnlichen Buch die Daumen!

©Andreas Simopoulos

 

Der Autor
Dimosthenis Papamarkos wurde 1983 in Malessina/Lokris (Mittelgriechenland) geboren, wo er auch seine Kindheit verbrachte. Der studierte Althistoriker und Oxford-Doktorand publiziert seit 1998 Romane und Erzählungen, hat auch keine Scheu, Genregrenzen zu überschreiten. So gehören zu seinen Werken auch Graphic Novels, Theaterstücke und Drehbücher. Er gilt als einer der interessantesten und erfolgreichsten griechischen Schriftsteller.

Das Buch
Gjak – sauber bleibt nur, wer nix tut
Aus dem Griechischen von Angelika Gravert und Athanassios Tsingas. Die Übersetzung wurde gefördert durch das Programm GreekLit des griechischen Ministeriums für Kultur und Sport.
Mitteldeutscher Verlag, Halle, 2022
128 Seiten, gebunden und mit Leseband
ISBN 978-3-96311-572-1

 

 

Weiterführende Links
Papamarkos und ein Auszug aus Gjak hier
Mitteldeutscher Verlag hier
Historischer Hintergrund zu Gjak hier
1. ViceVersa Übersetzerwerkstatt Thessaloniki hier
Angelika Jodl hier
Hans Eideneier hier
Thede Kahl hier
A. Tsingas hier

Interview: Michaela Prinzinger. Redaktion: A. Tsingas. Abbildungen: Mitteldeutscher Verlag, Verlag Antipodes, Verlag Patakis, Andreas Simopoulos.

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

Schreibe einen Kommentar