Dendriten

Roman von Kallia Papadaki

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

Dendriten ist eine Geschichte von Flucht, Hoffnungen und den Dämonen, die man auch und gerade dann nicht loswird, wenn man ein neues Land betritt.

Kallia Papadaki erzählt mit psychologischem Feingefühl die Geschichte einer Familie, die ganz im Sinne Tolstois einzigartig in ihrem Unglück ist. Wie die feinen Verästelungen einer Stadtkarte hängen die Schicksale der Figuren zusammen, meisterhaft gewebt führt eine Straße zur nächsten und zur übernächsten, bis irgendwann eine Sackgasse erreicht ist und es nicht mehr möglich ist, der eigenen Verantwortung zu entfliehen.

Die Geschichte
Antonis Kambanis ist zweiundzwanzig Jahre alt, als er in Amerika ankommt. Er besitzt nichts als einen italienischen Pass – dabei spricht er nicht einmal Italienisch. Seine Heimat, die Insel Nisyros, befindet sich Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts unter italienischer Herrschaft.
Antonis hat kein Glück: Als ihm auch der letzte Penny abgenommen wird und der Amerikanische Traum ausgeträumt scheint, gerät er an Tony Mecca, der ihn in die Familie aufnimmt. Nicht ganz uneigennützig, denn dieser braucht Hilfe bei seiner illegalen Grappa-Produktion. Durch diese Wohltat legt Mecca den Grundstein für eine über mehrere Generationen greifende Familiengeschichte.


Die Buchvorstellung
Dendriten – von griechischen Auswanderern in den USA
von Thomas Plaul

Dendriten, vom griechischen dendro/ δένδρο (dt. Baum) abge­leitet, bezeichnen zum einen ver­zweigte Fortsätze, die die Oberfläche von Nervenzellen vergrößern und mitverantwortlich für Lernvorgän­ge des Gehirns sind, zum anderen verästelte Kristallstrukturen, wie sie etwa Schneeflocken darstellen. Kallia Papadaki mag beides im Sinn gehabt haben, als sie ihrem 2015 im Original erschienenen, zwei Jahre später mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichneten und nun von Michaela Prinzinger famos ins Deut­sche übertragenen Roman den Titel „Dendriten“ (Δενδρίτες) gab, denn ihre Protagonisten müssen stets Neues über die Realität und sich selbst lernen und dabei feststellen, dass die schönen Momente in ihrem Leben wie Schnee­flocken wegschmelzen.

Schönheit ohne Spuren
Dieses Schneeflockenbild wie über­haupt das Motiv des Schnees hat sich Papadaki freilich geliehen: Der ameri­kanische Farmer Wilson Bentley, dem es Ende des 19. Jahrhunderts als einem der ersten gelungen ist, Schneeflocken zu fotografieren, hat einmal beklagt, dass mit dem Schmelzen der Schnee­flocken „viel Schönheit verschwindet, ohne die geringste Spur zu hinterlas­sen“ – Papadaki widmet ihm das letz­te Kapitel ihres Romans. Im Kapitel davor beendet sie die von ihr erzähl­te Geschichte um zwei Einwanderergenerationen aus Griechenland in die USA in deutlicher Anlehnung an die berühmten Schlusssätze der Erzählung „Die Toten“ von James Joyce: Als Basil Kambanis seinen Vater Antonis im Altenheim besucht, schneit es „drau­ßen“ und nun „auch drinnen“, und Basil begreift, dass sie bald „alle von Schnee bedeckt sein“ werden, sprich der Tod sie holen und keine Spur von ihnen in der Welt zurückbleiben wird.

Machtlos ausgeliefert
Anfang der 1920er-Jahre emigriert der aus Nisyros stammende Antonis Kambanis in die USA und versucht, in Camden in New Jersey eine Existenz aufzubauen, was ihm eher schlecht als recht gelingt. Ähnlich sieht es mit seiner Ehe mit der aus Lesbos stam­menden Rallou aus: Nach anfänglich schönen Zeiten zerbricht diese an Rallous Alkoholismus und seiner Gewalt­tätigkeit. Ihr Sohn Vassilis wiederum grenzt sich von seinen desillusionierten Einwanderereltern ab und ver­sucht sich mit der anglisierten Form seines Namens eine amerikanische Identität zuzulegen. Doch auch er, Basil, vermag die schönen Momente in seinem Leben nicht festzuhalten, seine Ehe mit der 68er-bewegten Susan zer­schellt an den Alltagsherausforde­rungen, die, wie schon bei Antonis, von den wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen der Zeit geplagt sind, denen sie machtlos ausgeliefert sind.

Härten der Fremde
Die 1978 geborene Kallia Papadaki erzählt die Lebensläufe von Vater und Sohn Kambanis und damit die zwei verschiedenen Erzählstränge und Zeitebenen zunächst parallel und führt sie erst im Laufe des Romans zusammen. Das Erzähltempo ist rasant, die Handlung spannt sich über sechzig Jahre und lässt histori­sche Ereignisse im Hintergrund mit­laufen, etwa die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre, den Zweiten Weltkrieg, den von Howard Unruh 1949 in Camden verübten ersten Mas­senmord der US-Geschichte oder die Ölkrise von 1973.
Die griechische Autorin hat eine grie­chische Tragödie mit griechischen Dar­stellern ins 20. Jahrhundert und in die USA verlegt, das Leben ihrer Figuren ist von wenigen Glücks- und vielen Unglücksmomenten gekennzeichnet wobei sie alle – trotz allem Bemühen – dem Schicksal des Scheiterns nicht entkommen. Eine hervorragend und zuweilen mit ironischen Untertönen erzählte (Wirtschafts-)Migrantengenschichte, die von Hoffnung und Ent­mutigung und den Härten der Fremde sowie des Fremdseins handelt – als wär’s ein Stück von heute.

::: Wilson Bentley hier inkl. Literatur


Das Buch
Kallia Papadaki: Dendriten
Roman, aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger
Parrhesia Verlag, Berlin 2024, 223 Seiten
ISBN 978-39873-100-34, Preis 19,50 Euro
Parrhesia Verlag hier

 

 

 


Der Ausschnitt, Kapitel X

Thanksgiving-Dinner:
Der Kinderstuhl aufgestellt
im leeren Raum
Nick Virgilio

Antonis Kambanis hatte nicht vor, sich zu verlieben. Im Lauf der Jahre hatte er sich damit abgefunden, dass er ohne Nachkommen altern und in seiner kleinen Junggesellenwohnung mit dem Hinterhofgarten einsam und allein seine Augen für immer schließen würde. Seine Ersparnisse wollte er der Krebshilfe spenden, um Unglück von sich abzuwenden, denn er glaubte an das verdammte Schicksal, ganz wie seine Mutter und seine glücklosen Vorfahren, die nur Armut und Krankheit erlebt hatten. Trotzdem hatte er sich von seinem Geschäftspartner aus Saloniki nach langem Zögern überreden lassen, zum Jahresball des Griechisch-Amerikanischen Progressiven Bildungsvereins im Luxushotel „Walt Whitman“ mitzukommen. Er holte seinen alten, mottenzerfressenen Anzug aus dem Schrank, und als er ihn anprobierte, stellte er zu seinem großen Bedauern fest, dass er in den elf Jahren seit dem Tod seiner Mutter genauso viele Kilos zugenommen hatte, die Hosenstulpen eine ganze Handbreit zu kurz waren und das Sakko nicht mehr zuging. In dieser erbärmlichen Aufmachung konnte er sich unmöglich auf dem Ball sehen lassen. So gab er seinem Geschäftspartner kleinmütig Bescheid, er habe Fieber und die Knochen täten ihm weh, und er solle nicht mit ihm rechnen. Doch Takis kannte seinen schwerfälligen, mutlosen Freund, und als er ihm auf den Zahn fühlte und merkte, wo das Problem lag, schickte er noch am selben Tag die levantinische Schneiderin mit einem Leihanzug vorbei. Die Zeit drängte, und eilig brachte sie sein Äußeres so weit auf Vordermann, dass Antonis Kambanis am 22. April 1933 um Viertel nach acht unverhofft gut gekleidet in seiner Wohnung vor dem Spiegel stand.

Für die griechisch-amerikanische Gemeinde war der jährliche Tanzabend zweifellos das größte Ereignis des Jahres nach dem heiligen Osterfest, bei dem sich die angesehenen Bürger ein eindrucksvolles Stelldichein gaben. Da man trotz der erheblichen wirtschaftlichen Not jedes Mal die alten Kleider und Anzüge auftrennte und daraus nach den aktuellen Modetrends neue nähen ließ, erfreute sich Antonis Kambanis, ohne sich dessen bewusst zu sein, einer allgemeinen, stillen Wertschätzung. In seinem kleinen Laden bekamen zahlreiche Kleider und noch mehr Anzüge eine zweite Chance, und seine Schneiderin, die aus Stroh Gold spinnen konnte, trug den Spitznamen „Rockefeller mit der Nähnadel“. Man munkelte, auch Damen der guten Gesellschaft, die finanziell in der Bredouille waren, schlichen sich kurz vor Ladenschluss zu ihr und vertrauten ihr heimlich ihre prächtigen, beweglichen Güter an – ihre teuren Kleider, die mit der Zeit Form und Glanz verloren hatten und ausgebessert, retuschiert und renoviert werden mussten. Während Takis aus Saloniki die doppelt gesteppten Säume der Levantinerin bewunderte, stand Antonis Kambanis, von all den raschelnden Kleidern und den süßen, betörenden Düften betäubt, in einer Ecke und betrachtete gleichgültig die Musikkapelle, die gerade die Bühne betreten hatte und griechischen Foxtrott und Tango zum Besten gab. Als die Sängerin mit sinnlich-rauer Stimme mal von einer neuen Liebe sang, mal den unvergesslichen Zeiten einer alten Liebe nachtrauerte, spielte Kambanis mit dem kleinen, stumpf gewordenen Taufkreuz an seiner Halskette, das er in seinen zweiunddreißig Lebensjahren noch nie abgelegt hatte.

Da erblickte er sie, wie sie aufrecht und allein in der Menge stand, das Spendenkörbchen für die Vereinsmitglieder in der Hand. Zwei Minuten später sah er, wie sie graziös durch den Saal wirbelte und mit einer Gruppe gut gekleideter Herren scherzte, während deren Ehefrauen, die sich am Rande der Gruppe und des Gesprächs befanden, ihr giftige, zornerfüllte Blicke zuwarfen. Antonis Kambanis nahm seinen ganzen Mut zusammen, ging auf sie zu, warf seinen Obolus für den Bau der griechisch-orthodoxen Kirche ins Spendenkörbchen und sprach sie schüchtern an. Sie war fast zehn Jahre älter als er, mit schönen, feinen Zügen, die von ihren vierzig Jahren und von den Sorgen des Lebens ein wenig kantiger, aber nicht hässlicher geworden waren. Das Wunderbarste an ihr waren die graugrünen, hypnotisierenden Augen, die einen zwangen, nach ihrem Rhythmus zu tanzen. Als Antonis Kambanis, der mit Frauen unerfahren und tollpatschig war, unter ihrem langen Blick ganz verwirrt erneut sein Portemonnaie zückte, um Geld ins Körbchen zu werfen, lachte sie ungezwungen, hielt seine Hand fest und winkte ab: „Das reicht schon!“ Seine ersten Dollars seien genug, um den Zweck zu heiligen, und dann stellte sie sich vor: „Ich bin Rallou, Rallou aus Lesbos“. Mit einem „Antonis, Antonis Kambanis“ gab er ihr die Hand, und sie verschwand mit einer mädchenhaften Drehung und einem tiefen, perlenden Lachen aus seinem Blickfeld und blieb ein paar Grüppchen weiter mit dem Körbchen und Arm in Arm mit ihrer Freundin aus Smyrna stehen. Es war fast Mitternacht, der Höhepunkt des Abends näherte sich. Beim letzten Glockenschlag ließen alle wie auf Kommando die guten Taten und wohltätigen Zwecke des vergangenen Tages hinter sich und signalisierten der Kapelle, griechische Tänze zu spielen.

Er musste sie noch einmal ansprechen! Dieser heftige Wunsch wurde immer quälender, er drang ihm unter die Haut und raubte ihm den Atem. Er suchte nach Mitteln und Wegen, sich ihr zu nähern, vom Tanzen hatte er keinen blassen Schimmer, seine Bewegungen waren, obwohl er eigentlich wendig und sehnig war, alles andere als harmonisch. Wie ein Holzklotz stand er in einer Ecke und lauerte auf den Moment, da sie zufällig neben ihm stehenbleiben würde, um sie mit schmeichelnden Worten für sich zu gewinnen. Aber die beiden Male, da sie auf ihn zukam, packte er die Gelegenheit nicht beim Schopf, denn ein Dritter rief nach ihr, oder eine Freundin begrüßte sie. Antonis Kambanis saß auf glühenden Kohlen, und als es Viertel nach zwei war, fand er sich damit ab, dass er nicht den Mumm hatte, sich ihr zu nähern. Er verließ seinen Posten und wandte sich zur Toilette, wo er beim Klang glühender Liebesklagen geduldig wartete, bis er an der Reihe war. Aber plötzlich sah er sie, er erkannte ihre Silhouette hinter der Milchglasscheibe der Tür und ihre Hände, die sich im Waschbecken vom Wasserstrahl streicheln ließen. Wie ein Rammbock stürmte er nach vorn, um ihr die Worte zu sagen, die er die ganze Zeit schon mit sich herumtrug und immer wieder vor sich hersagte. Jetzt aber blieben sie an seinen Lippen hängen, balancierten auf der Kippe zwischen innen und außen und machten ihn zum Gespött. Sie stockten, ohne den verzweifelten Schritt – egal, was daraus würde – nach draußen zu wagen. Da die Sprache ihm nicht gehorchte, übernahmen die Hände das Reden und taten, was tausend Worte nicht hätten leisten können: Er löste die Kette mit dem Taufkreuz und legte sie ihr um den Hals. Rallou schlug tief gerührt die Augen nieder und neigte den Kopf vor dem Mann, der sie zu seiner Frau und zur Herrin seines Hauses ausersehen hatte.

Rallou brachte nichts weiter mit in die Ehe als ihre Fröhlichkeit und ihr hübsches Aussehen, sie war wie der Morgentau, der den Blättern neues Leben einhaucht und die Blütenstempel zum Glitzern bringt. Sofort ging sie auf Antonis Kambanis’ Angebot ein, denn er war anders als die anderen, schüchtern, aber handwerklich geschickt, und was andere als Charakterschwäche deuteten, war in Rallous Augen Respekt. So trat sie im Oktober 1933 mit ihm die Reise ins unbekannte Land der Ehe an, sie gründeten ihren Hausstand in Kambanis’ kleiner Bude, mehr Platz brauchten sie nicht. Anfangs gingen sie gemeinsam zur Arbeit in die „Zweite Chance“, alles lief wie am Schnürchen und mit schöner Regelmäßigkeit, nur Takis aus Saloniki waren die kleinen Veränderungen, die ihm auffielen, ein Dorn im Auge: Die Ikone des heiligen Demetrios zu Pferd, des Stadtheiligen von Saloniki, hing jetzt an einer anderen Wand und an ihrer Stelle eine Stickerei aus Lesbos. Der Pfriem lag nicht am gewohnten Platz, und ständig lagen Krümel auf Arbeitstresen und Fußboden. Er fühlte sich in die Enge getrieben, es gab Momente, wo er alles hinschmeißen, seinen Anteil nehmen und einfach abhauen wollte, denn er war ein reizbarer, sprunghafter Charakter und ein Frauenhasser obendrein. Er zündete sich eine Zigarette nach der anderen an, um seine Nerven zu beruhigen und sein heimliches Verlangen nach der Frau aus Lesbos zu bändigen. Ihm gegenüber hatte sie sich vor Jahren geziert, damals hatte sie ihn links liegen lassen, und jetzt schwang das Weibsbild das Zepter, und noch dazu in seinem eigenen Laden, was für ein Alptraum.

Der böse Wind, der durchs Geschäft wehte, wollte sich nicht legen; es musste ein Fallwind sein, der alles durcheinanderwirbelte. Auch der ersehnte Regen blieb aus, um die Streitereien fortzuspülen, die sich wie dicker Staub auf die Oberfläche der Dinge senkten. Mit der Zeit wirkten sie trüb und unkenntlich und nicht mehr so unantastbar wie einst. Das einzige, was Antonis Kambanis interessierte, war seine Arbeit und sein Anteil am Gewinn. Takis schwieg zu allem, was seiner Meinung nach schiefging, obwohl es ihn nervte. Stattdessen begann er, durch gehässige Kommentare und spitze Bemerkungen fein dosiert sein Gift zu versprühen. Sein Verhalten wurde so unerträglich, dass nur noch Rallous Geschrei ihm Paroli bot und zur Vernunft brachte. So verfestigte sich Tag für Tag, Woche für Woche ein düsteres Ritual, das die Stammkundschaft mit seiner unerbittlichen Wucht überraschte, mit den Jahren jedoch ein vertrauter und wunderlicher, aber nicht wegzudenkender Bestandteil der „Zweiten Chance“ wurde. Takis schimpfte und setzte Rallou herab, doch sie ließ sich nicht unterkriegen und gab ihm die Komplimente so zurück, dass es selbst dem Hartgesottensten die Schamröte ins Gesicht trieb. Immer wenn Antonis Kambanis versuchte einzuschreiten, geriet er zwischen die Fronten. Am Schluss hatte er die Schnauze voll und kapitulierte vor dem Zorn der anderen. Er hielt sich aus den Streitereien heraus und stürzte sich mit unermüdlichem Einsatz in die Arbeit. Dabei bewies er so viel Talent und Hingabe, dass er schon zwei Jahre später die zweite Filiale in Parkside eröffnen konnte.

Ein neues Zeitalter brach an. Im Dezember 1933 wurde das Prohibitionsgesetz durch den 21. Zusatzartikel der US-Verfassung aufgehoben. Der Chemie-Krieg war zu Ende, den die Regierung Coolidge den Trinkern im Winter 1926 erklärt hatte. Alkohol war dabei mithilfe von Methylalkohol, Benzin und Formaldehyd denaturiert worden, was Tausenden amerikanischen Bürgern, wie auch Mediziner einräumen mussten, das Leben gekostet hatte. Ahnungslos konsumierten sie blau getönten, für den Verzehr ungeeigneten Whisky, dessen chemische Zusammensetzung für die industrielle Erzeugung von Farben und Brennstoffen gedacht war. Auf der Suche nach Ethanol erschlichen sich Mafiosi Zugang zu den Fabriklagern, überschwemmten den Markt mit toxischen Substanzen und behaupteten fälschlich, es handele sich um frisch gebrannte „Topqualität“, Natur pur. Antonis Kambanis, der in seiner Jugend mit „Gina“, dem Leichenwagen, palettenweise „Topqualität“ ausgefahren hatte, rief sich damals, 1933, immer wieder den mörderischen Grappa, der Tote zum Leben erweckte, in Erinnerung, als halte er einen Gedächtnisgottesdienst. Eine bittere, düstere Wehmut erfasste ihn und brannte sich in sein Inneres. Aber dann beschloss er, alles zu vergessen und sich nur an die guten, spendablen Zeiten zu erinnern, die er erlebt hatte, und daran, dass die besten Zeiten noch bevorstanden. Also bündelte er in der Geldschatulle die Dollarscheine für den Sohn, den er eines Tages bekommen würde, dann das hatte er seiner Mutter versprochen, am Tag, als er das Schiff in die Fremde bestiegen hatte. Wenn er heiratete und seine Frau mit Gottes Hilfe einen Sohn zur Welt brachte, würde er ihn nach seinem verstorbenen Vater nennen. Vassilis würde sein Sohn heißen, Vassilis, das hatte er versprochen, darauf hatte er sein Wort gegeben.

Antonis Kambanis wünschte sich nichts mehr auf der Welt als einen gesunden, kräftigen Sohn, der jetzt, da die Geschäfte gut liefen, sein Nachfolger in der mühseligen geschäftlichen Arena werden sollte. Aber je größer sein Wunsch wurde, desto weiter weg rückte die Empfängnis, als hätte er Gott gegen sich aufgebracht und Seinen Unwillen herausgefordert. So manchen Morgen betrachtete Antonis Kambanis argwöhnisch Rallous Bauch, der sich nicht wölben wollte, als läge dort drinnen, am tiefsten Grund der raffinierten, weiblichen Natur das Geheimnis der Fruchtbarkeit verborgen. Während er sie mit seinen Blicken maß, wurde Rallou immer dünner, statt dicker, bis er sie eines Tages direkt fragte, ob sie unfruchtbar sei und sie sich ganz umsonst abmühten. Da riss Rallou ihren Rock hoch, zog sich die Unterhose herunter und spuckte ihm ins Gesicht. Wie könne er es wagen, sein Pimmel sei klein und verhutzelt, ihr Becken aber gesegnet mit den Geheimnissen des Gartens Eden und mit der Pracht des Orients. Antonis Kambanis hob die Hand und versetzte ihr ein, zwei, drei kräftige Ohrfeigen hintereinander, dann verrauchte sein Zorn und seine Empörung legte sich. Er schloss sich ins Bad ein und schnappte ein paarmal nach Luft. Drei Wochen später, nachdem die blauen Flecken und Rötungen verblasst waren, bat er sie um Verzeihung. Um zu beweisen, dass er es ernst meinte, mietete er einen Wagen samt Fahrer, und sie besuchten das Autokino, das hinter dem Park am Cooper-Fluss im östlichen Vorort Pennsauken eröffnet hatte. Sie saßen schweigend in stockdunkler Nacht und schauten Wives Beware mit dem damals vierzigjährigen, wie immer adrett und tadellos gekleideten Adolphe Menjou in der Hauptrolle.

Immer wenn es zum Geschlechtsakt zwischen Antonis und Rallou Kambanis kam, und das geschah nur alle Jubeljahre einmal, war es eine blutrünstige, mystische Schlacht, an deren Ende kein Sieger stand, nur zwei zerkratzte Wesen, verletzt und erschöpft von den Reibereien und den ätzenden Worten. Wenn Antonis Kambanis schlecht drauf war, dann hob er die Hand gegen sie mit derselben zornigen Wucht wie beim ersten Mal, und Rallou, mittlerweile gewöhnt an ihre seltsamen ehelichen Pflichten, warf ihm schamlose Beleidigungen an den Kopf. Während bei ihnen zuhause die Stunden mit kleinem und großem Aufruhr und die Monate langsam und quälend vergingen, büßte Takis aus Saloniki im Alltagsgeschäft der „Zweiten Chance“ seinen früheren Elan ein. Immer öfter vergaß er Termine, und welcher Tag heute war. Antonis Kambanis hatte mit Bestellungen, Zahlen und Buchhaltung alle Hände voll zu tun. Rallou aber war aus purem Trotz immer weniger bereit, etwas beizutragen, kleine Hilfestellungen zu leisten, auch nur den winzigsten, den nichtigsten, den allergeringsten Auftrag zu erledigen.

Während Präsident Franklin D. Roosevelt seine erste Amtszeit im Weißen Haus absolvierte und mit Nachdruck den „New Deal“ vertrat, gut bezahlte Jobs versprach und Chancengleichheit für alle, entdeckte Rallou die wohltätigen, heilenden Eigenschaften des Alkohols, genauer gesagt des Ouzo. Wenn man ihn auf leeren Magen trank, betäubte er rasch den Kopf und machte einem das Herz froh und leicht. Roosevelt kämpfte mit Zähnen und Klauen darum, die Folgen seiner Polioerkrankung vor der Presse zu verbergen, die ihn seine gesunden Beine und fast seine politische Karriere kosten sollte. Rallou ging dazu über, offen zu trinken, Glas um Glas, Abend für Abend, bald auch schon mittags. Antonis Kambanis widmete sich voll und ganz seiner Arbeit und der Aussicht, ins benachbarte, größere Philadelphia zu expandieren. Eines Winterabends, die Straßen waren vereist und die Wände durchfeuchtet, wollte er früher zu Bett gehen. Zuvor hatte er noch schnell die Jahresbilanz berechnet, sich dankbar bekreuzigt und die Nullen gezählt, die seine Taschen füllten. Da sah er, wie Rallous schmale Gestalt über die Straße torkelte, mit einer verblichenen Jacke über den Schultern und einer Papiertüte vom Gemüsehändler unterm Arm. Erneut war es Liebe auf den ersten Blick, und er verspürte eine Zärtlichkeit, die ihn daran erinnerte, dass auch er all die Jahre gelitten hatte. Er dachte, er müsse ihr jetzt, wo es schwierig und mühsam wurde, beistehen. Er eilte zur Tür, riss sie in seine Arme, liebkoste sie die ganze Nacht und versprach ihr das Blaue vom Himmel herunter. Er sagte, alles müsse sich ändern, schon vom nächsten Tag an, es sei nur eine Frage der Zeit. Genauer gesagt war es eine Frage von drei Monaten, sieben Tagen und ein paar Stunden, bis etwas eintrat, das ihr Leben ein für alle Mal verändern sollte.


Die Autorin Kallia Papadaki wurde 1978 in der Grenzstadt Didymoteicho geboren, wuchs in Thessaloniki auf, studierte Wirtschaftswissenschaften in den USA und Film an der Hellenic Cinema and Television School Stavrakos in Athen. Sie veröffentlicht Erzählungen und Gedichte. Ihr erstes Buch, die Erzählsammlung O ichos tou akalyptou (Der Klang des Luftschachts) wurde 2010 mit dem Preis für Nachwuchsautoren der Literaturzeitschrift Diavaso ausgezeichnet. 2011 trat sie auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin (ilb) auf. 2017 gewann sie für ihren Roman Dendriten den europäischen Literaturpreis.
Beruflich schreibt sie Spielfilmdrehbücher. Ihr erstes war für den Film September von Penny Panagiotopoulou.
::: Kallia Papadaki in biblionet hier (auf EL)

Die Übersetzerin Michaela Prinzinger hat Byzantinistik, Neogräzistik und Turkologie/Islamwissenschaft studiert. Sie ist Gründerin dieses Netzportals.
::: Michaela Prinzinger hier und hier

Die Buchkritik von Thomas Plaul erschien zuerst bei der Griechenland Zeitung, hier mit freundlicher Genehmigung des Verlegers Jan Hübel. Text Buchausschnitt: Kallia Papadaki in der Übersetzung von Michaela Prinzinger. Fotos: Parrhesia Verlag, Polis Verlag; Wilson Bentley Snow Crystals in Wikipedia Commons (gemeinfrei) hier; Foto M. Prinzinger: Apostolia Goudousaki. Redaktion: A. Tsingas.

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