Mirtos – Kreta im September 2015

Erinnerungsstücke, aufgeschrieben von Melchior Frommel

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Der Sommer ist jetzt sogar am Mittelmeer zu Ende, die dunkle Jahreszeit liegt vor uns. Melchior Frommel hat diablog.eu eine liebevolle Beschreibung seines Aufenthalts 2015 an der Südküste Kretas zur Verfügung gestellt. Gute Unterhaltung – wir freuen uns auf den nächsten Sommer!

Mirtos ist ein mittelgroßes Dorf an der östlichen Südküste Kretas. Es liegt in einer Bucht, von der aus im Westen ockerfarbene, karg mit Gestrüpp bewachsene Berge steil aufsteigen, im Osten zieht sich eine Ebene zur Bezirksstadt Ierápetra hin. Hier ist Europa nicht vom Stier gestiegen; hier hat auch Dädalus dem Minotaurus nicht das Labyrinth gebaut, aus dem Theseus nur mit Hilfe des Ariadne-Fadens wieder herausfand. Das alles geschah – wenn überhaupt – im Norden der Insel, bei Knossos oder vielleicht bei Vai am Palmenstrand.

©Hans Uhl // Mirtos-Bucht im Westen, Gewitterstimmung

Mirtos besteht aus vier bis fünf zum Meeresufer parallelen, also von Osten nach Westen und wieder zurück laufenden Straßen, die von etwa zehn vom Meeresufer aus ansteigenden Querstraßen gekreuzt werden. Auf der marmorgepflasterten Promenade, ein paar Meter hoch über dem Strand, stehen, dann und wann von einer hohen Palme und einmal auch von einem zur Schau gestellten Segelboot unterbrochen, eine lange Reihe Tische und Stühle von Tavernen und Cafés, wo man unter Dach oder unter freiem Himmel sitzen und aufs große, leere Meer schauen kann. Das Meer dehnt sich als riesengroße, ebene Fläche in Richtung Afrika aus. Kein Dampfer, kein Segel, kein Surfer, selten mal ein Fischerboot. Die wie mit dem Lineal gezogene Horizont-Linie hat fast etwas Beängstigendes. Sie erscheint als eine Grenze zwischen Himmel und Erde, wo es doch, wie man weiß, dort, wo man sie sieht, weder eine Grenze noch Erde gibt. Schlechthin also eine optische Täuschung – wie die Sonnenauf- und Untergänge und wie vielleicht alles, was wir sehen, von dem wir, weil wir es tatsächlich sehen, auch meinen, dass wir es ‚wahr’-nehmen.

Es gibt mehr ziemlich neue als verfallende, alte Häuser. Das ganze Dorf war 1943 von deutschen Soldaten niedergebrannt und erst nach dem Krieg langsam wieder aufgebaut worden. Also kann es hier keine alten Häuser, schon gar keine alten Holzhäuser mehr geben wie anderswo, sondern nur schachtelartige, ästhetisch eher anspruchslose, meist weiße, zwei- und dreistöckige Gebäude mit schubladenartig hervorstehenden Balkonen. An vielen Eingängen hängen handgemalte Tafeln: ‚rooms to let‘. Maulbeerbäume stehen in den Straßen. Man sitzt beim Essen gewöhnlich auf oder an der Straße unter Einheimischen und Touristen aus aller Welt.

Einer ist ein hyperaktiver, rotgesichtiger ‚Dichter‘ mit blauen Augen und silbergrauem, wirrem Haar und einem kleinen Rucksack. Er läuft aufgeregt herum und steckt den ihm hübsch vorkommenden Frauen seine mit gereimten Versen beschriebenen Zettel zu. Ein anderer ist ein großer magerer Holländer, Jan Willem heißt er, mit gefurchten Zügen, der schon Jahrzehnte da lebt und zu den Einheimischen zählt, dann und wann Müll wegträgt oder beschwipst singt. Der kleine ‚Philosoph’, der in früheren Jahren dozierend durch die Straßen wandelte, lebt nicht mehr. Einige Hippiekinder der 60er Jahre aus Verbindungen von Griechen mit nordeuropäischen Frauen sind inzwischen gestandene Männer, Kellner mit Zopf, bärtige Gitarrenspieler.

Der kleine blondweiße Hund vom Restaurant Mirtos steht schwanzwedelnd auf der Straße und droht überfahren zu werden. Er heißt ‚Ómiros’ (Homer), wird ‚Ómire’ gerufen. Er soll acht Jahre alt sein. Magere, traurig schauende Katzen, die betteln, wo gegessen wird, sind überall dabei.

Ziemlich international geht es hier schon zu. Die Österreicherin Angela lebt mit ihrem Holländer Jiri, Lyraspieler, seit längerem da und veranstaltet naturkundliche Führungen in die Schluchten und Berge. Die aus Deutschland stammende Katerine Böwe ist Osteopathin und hat in der Zeit, in der wir da waren, zwei uns gut bekannte Gäste von ihren Beschwerden befreit. Sie lebt zusammen mit Janni Petsagkourakis, dem Gitarristen.

Nach Sonnenuntergang sind die Telegraphendrähte an einer der Kreuzungen mitten im Ort in allen vier Richtungen, über hundert Meter weit, dicht besetzt mit Tausenden von Schwalben. Fünf Drähte übereinander bilden ein Notenliniensystem. Da kaum eine Lücke zwischen den Köpfen der kleinen Vögel bleibt, könnte es sich optisch um eine Messiaen-artige Komposition handeln. Sie werden bald 250 Kilometer übers Meer nach Libyen oder Ägypten fliegen, wo angeblich Netze gespannt sind, um sie abzufangen. Vogelkundler Hans Uhl meint, dass sie nachts hier, in der Ortsmitte, vor Falken geschützt seien.

©Hans Uhl // Einer der zahlreichen Gänsegeier des Dikti-Gebirges

Ein Neunzigjähriger mit langem weißem Bart und schwarzweiß geflecktem Hündchen ‚Pele’ sitzt tagein tagaus vor seiner Haustüre und erwidert mit einem ‚Ja’ den Gruß der Vorbeigehenden. Ebenso Sophia und Michalis, beide über achtzig, ein paar Straßen weiter. Sophia, eine muntere, beredte Alte, erzählt mir, sie sei 12 Jahre alt gewesen, als die Deutschen das Dorf abbrannten (im September 1943, im Zuge einer Vergeltungsaktion für im Bergdorf Viannos von den Partisanen getötete Soldaten) und sie mit Mutter und Geschwistern eine Stunde Zeit gehabt hätten, um mitzunehmen, was man tragen konnte, und zu verschwinden. Alle Männer seien hinter der alten Kirche erschossen worden. Sie erzählt, mich mit dem Finger antippend, damit ich genau zuhöre, von ihren vier Kindern; einer sei Polizist gewesen, einer Matrose in der Marine, jetzt seien sie Rentner in Athen; eine Tochter würde unten an der Promenade das Restaurant ‚Thalassa’ führen; sie habe sechs Enkel. Sie klagt über die dauernden Rentenkürzungen und den argen Ärztemangel. Sie hat Bluthochdruck, Zucker und Rheuma, 350 € Rente. Einmal, vor Jahren, sagt sie, da hat es nachts in Mirtos geschneit: Alles war auf einmal weiß, ‚ola kat-as-pra’, es war wunderschön. Als ich am nächsten Tag wieder vorbeigehe, macht sie mir einen dickflüssigen süßen Kaffedaki.

Wir wohnen im Erdgeschoss der ‚Villa Mari‘. Nicht ganz unser Geschmack, aber es gab sonst nichts mehr. Tochter Elisabeth hat uns dieses Quartier besorgt und uns mit dem Auto am Bus in Ierápetra abgeholt. Sie scheint sich wie zu Hause zu fühlen in Mirtos, kennt viele Leute, kann sich neugriechisch verständigen, wohnt mitten im Ort mit Blick auf Flachdächer mit Sonnenkollektoren und kubischen Wasserdepos und dahinter das blaue Meer unter blauem Himmel. Sie macht jeden Morgen am Strand Yogaübungen und verlässt uns bald, um weiterzureisen nach Ithaka.

Wir zahlen zu zweit € 25 pro Nacht. Es ist ein schmales, hohes, vierstöckiges Haus mit zehn geräumigen Fremdenzimmern, mit guten Betten, kleiner Küche und Bad/WC. Manche Gäste wie die drei Franken – zwei befreundete Damen mit dem Ehemann der einen, der meistens allein unterwegs ist – verbringen seit über dreißig Jahren hier ihre Ferien, lassen das Badezeug samt Luftmatratze und Sonnenschirm gleich da. „Danke, dass Sie uns nicht für Bayern halten“, sagen sie, als ich sie dem Frankenland zuordne.

Die Tochter der Besitzerin kommt Morgen für Morgen im gleichen, weißen Kleid mit schwarzem Pailetten, kehrt die herabgefallenen Blüten auf und bewässert mit dem Schlauch die Pflanzen im Hof vor unserem Zimmer. Sie heißt Zoí, ist 37 Jahre alt, ihre beiden Töchter, Emanuela und Ioanna, sind Musterschülerinnen. Die eine fährt mit dem Bus ins Gymnasium nach Ierápetra, die andre geht in die Grundschule, gleich gegenüber. Häufig unterbricht sie die Arbeit und telefoniert mit dem Handy mit einer von ihnen. Sie bringt mir Bücher, zum Beispiel eines, in dem ein Lehrer die Geschichte dieser Gegend von der Prähistorie bis in die jüngste Vergangenheit aufgeschrieben hat – sein Lebenswerk. In einem Kapitel listet er die Gräueltaten der Deutschen auf. Er hat das winzige Museum hinter der Kirche gegründet, wo man eine Rekonstruktion des Ortes aus minoischer Zeit oben auf dem Hügel, geschützt vor den Piraten, studieren und Gerätschaften und Fotos aus der neueren Vergangenheit betrachten kann.

Zoís schnauzbärtiger Vater, überzeugter Alexis Tsipras-Wähler, hat eine Tischlerwerkstatt; er holt und bringt mit seinem Pick-up die Wäsche. Er schenkt uns eine Flasche selbstgemachtes Olivenöl, das dann beim Abflug in Iraklion als gefährliche Flüssigkeit konfisziert und zum Abfall geworfen wird. Zoís Großmutter leidet an Alzheimer, daher muss Mutter Maria, die sonst die Vermietungen besorgt, ständig um sie sein. Sie wohnen anderswo.

Ich sitze im ebenerdigen, weiß gekachelten Vorhof, im Schatten unter den Pflanzen am runden Plastiktisch und plage mich ab mit meinen Texten für den Katalog der Passauer Ausstellung 2016. Zimmersuchende Gäste sind meine Ablenkung und meine Unterhaltung. Sie wenden sich auf Englisch an mich, bis sie bemerken, dass ich ihresgleichen bin. Ein sonderbarer, kleiner orthodoxer Finne, der in Helsinki mit russischen Ikonen handelt; ein Paar aus Rotterdam, er schön dick und groß, mit Wohlgeruch verbreitender Pfeife im Mund, sie eine bezaubernd lächelnde blonde Schönheit; mehrere deutsche Ehepaare, darunter eine Frau aus Höhenkirchen bei München, die auf der Volkshochschule Neugriechisch lernt und in Lehrbuchsätzen mit der Wirtin spricht; ein schick gebräunter, grauhaariger Hamburger, der, sportlich allein auf dem Motorrad unterwegs, uns einen Vortrag darüber hält, wie verkehrt die Politik von Frau Merkel ist; und ein bedächtiger Münchner war mit seiner Frau in den vergangenen zwanzig Jahren auf nahezu allen Inseln der Ägäis, auch auf solchen, deren Namen wir noch nie gehört haben. Wieder ein anderer Mitbewohner, den ich nicht von Angesicht kenne, telefoniert jeden Morgen auf einem Balkon über uns, lacht viel und spricht laut und gut verständlich mit seinem alten Vater in Deutschland. Übrigens freue ich mich jedesmal auf unser Frühstück, das aus einem unvergleichlichen Schafjoghurt mit ebenso gutem Mirtos-Honig und Pfirsichen besteht.

Zweimal am Tag begeben wir uns ins salzige, immer wieder anders bewegte Wasser; einmal am Morgen, einmal am Nachmittag, und liegen eine Weile im Sand bei den Steinen in der Sonne und staunen über diejenigen, die es fertigbringen, dort auf den Plastikliegen mit Sonnenschirmen den ganzen Tag dösend, schlafend oder lesend zu verbringen. Das weite Meer und sein ewiges Rauschen, Atmen und Seufzen, aus dem sich auch merkwürdige Töne heraushören lassen, ist für uns Binnenländler und Hügelbewohner etwas Ungewohntes, Aufregendes. Seine von Stunde zu Stunde wechselnde Farbe unter der Sonne. Die Steine, jeder anders nach Größe, Form und Graufärbung, von hellem Weiß bis zum tiefen Schwarz. Unglaublich viele liegen hier, soweit das Auge reicht: glatt, flach, rund, oval, geschliffen und poliert, mit Adern und eingebackenen Zeichen – aus einer, wer weiß, wie viele Jahrmillionen zurückliegenden geologischen Backofen-Epoche. Sie entzücken mich. Weil es gar so viele gibt, alle gratis zum Mitnehmen oder Liegenlassen, ist man versucht, sie gering zu schätzen. Gäbe es weltweit nur eine Handvoll, würden sie teuer gehandelt. (Ein kleiner, ganz schwarzer, keilförmiger mit oben einem Fries mit einer abstrahierten, schwarzweißen Kampfszene, den mir F. am letzten Morgen noch überreichte und den ich auf unserer Heimreise stolz allen möglichen Leuten zeigte, z.B. Eleni und Vincent in Athen, ist mir dann leider verloren gegangen. Deswegen erwähne ich ihn.)

Abends treffen wir uns mit Ehepaar Ingrid und Hans Uhl. Ingrid, die mittags eine gute Stunde lang geduldig mein Diktat eintippte – ein eigenes Thema, das hier nicht erörtert werden braucht – und Hans, als Ornithologe in den Bergen unterwegs, wo er Falken-Kolonien auf der Spur ist, in einem der Lokale. Es gibt Tsatsiki, Melitzanosalata, Chorta, Fasolakia, Pantzária, Jemistá, Musaká, Arní, Kolokithokeftedes, Dolmades, Stifado, Gávro, Chtapódi, Kalamária und noch manches mehr, als Gruß des Hauses zuletzt einen Raki und Wassermelone. Einmal gab es pelzige Bamies, ein andermal Angináres und Stamnagáthi (*), einmal leisteten wir uns eine Dorade, zweimal kleine Gopes oder Barboúnia. Zu viert zahlten wir, mit einem Bier für den Hans, einem Viertel Kokkino, also Rotwein, für die Ingrid und einem Misókilo Aspro, also halben Liter Weißwein, für F. und mich, jeweils in Summe um die 50 Euro herum.


*) Das Stamnagathi (DE: Dornige Wegwarte) ist eine Art wildes Radicchio und trägt den wissenschaftlichen Namen Cichorium spinosum, hier. Es ist ein in GR heimisches, wildes Kraut mit bitterem Geschmack, das in abgelegenen Gebirgsregionen und in schwer zu erreichenden Gebieten in Meeresnähe vorkommt, wo es einen ausgeprägten salzigen Nachgeschmack annimmt. Seinen griechischen Namen Stamnagathi (wörtlich: Krugdorn) verdankt es der traditionellen Verwendung seines dornigen Stammes als Pfropfen, um die Öffnung von (tönernen Wasser-)Krügen vor Verunreinigungen zu schützen.


©Hans Uhl // Hat er! Stillleben am Straßenrand

Da sitzt man also, leicht bekleidet und freundlich bedient, während es dunkel wird und der Mond über dem seufzenden Meer aufgeht, als entspannt genießender Gast in einem fremden, von Schulden und zweifelhaften Politikern regierten Land. Von Krise oder Flüchtlingen merkten wir rein gar nichts. Niemand mag von Politik reden. Wir denken mit leisem Schaudern an die kalten, nassen, dunklen Tage, die auf uns zukommen, sobald die Frist hier abgelaufen ist. Hoch über den Wolken schwebend werden wir im Nu wieder zu Hause sein. Dort verkriechen wir uns dann in unsere Behausungen. Die Welt kommt als Post und Mail, im tv und durchs Telefon ins Haus. Hier ist das Dorf die Wohnung, in der jeder jedem begegnet. Die paar Geschäfte, die es gibt – gottlob nur ein, zwei Souvenirläden – sind bis in die Nacht hinein geöffnet. Die Häuser wie Möbel, zwischen denen sich das Leben abspielt. Fast überall Tische und Stühle, geflochtene Holzstühle und kleine runde, blaue Metalltische im Café oder quadratische Holztische in der Taverne. Zu jeder Tageszeit sitzt da jemand, abends immer gegenüber dem Restaurant ‚Myrtos’, auf schmaler Bürgersteigkante entlang der weißen Mauer des unbewohnten Hauses. (Ob mir der Hans das gewünschte Foto mit dem Elektrozähler über den Tischen und Stühlen gemacht hat?) Man ist nie allein, kann nach Bedarf schweigen, reden, lesen, schauen.

Drei Wochen lang sahen wir keinen einzigen Polizisten und keinen Soldaten. Sie scheinen nicht notwendig, alles wird einvernehmlich geregelt.

Höhepunkte ganz nach meinem Geschmack waren die Donnerstag-Abende, wenn die 22jährige, mollige Stella (Stella Charina, aus Thessaloniki) im Lokal ‚O Plátanos’, neben der Tür vor dem Lokal an der Wand unter dem namengebenden Baum sitzend, griechische Volkslieder sang. Ganz ohne ein Mikrophon oder Verstärkung, begleitet von Janni, dem Gitarristen, zuweilen auch von Manoli, dem Bouzouki-Spieler und Sohn des Lokalbesitzers. Ab und zu saß der vierjährige Christós dabei und hielt sein kleines Bouzouki zünftig im Arm. Von neun Uhr abends bis nach Mitternacht, ein Lied nach dem anderen, in wehmütigem Moll mit orientalischen Halb- und Viertelton-Verzierungen. Nach einer Weile fallen die Griechen, die die Hälfte der Gäste ausmachen, in die ihnen vertrauten Lieder ein, und zuletzt können es einige nicht aushalten, ohne aufzustehen und zu tanzen. Ich sah zum ersten Mal den Chassápiko, bei dessen Variationen sich die Schrittfolge jedes Mal etwas ändert, wie ihn der Wirt mit einer jungen Griechin vorführte. Es hat mich gerührt und neidisch gemacht, dass es einen heimischen Schatz an Melodien, Lied-Texten und Tänzen gibt, die offenbar allen geläufig sind, die man auswendig kennt und in die man jederzeit einstimmen kann. Wo gibt es so etwas bei uns?

Eine Lisa sang an anderen Abenden vor einem anderen Lokal Volkslieder. Im weißen Kleid stand sie wie eine Diva da. Ihre Stimme überzeugte mich weniger, aber auch in ihren Gesang fielen die auf der Straßenseite vor dem kleinen Lokal an Tischen im Dunkeln sitzenden Zuhörer selbstverständlich ein. Ein Hund, ein Junge mit Fahrrad blieben lauschend stehen, die ganze Szene unterm Nachthimmel in der schwach beleuchteten Dorfstraße, wie aus einem Velazquez.

Es gab ein Konzert mit einem routiniert singenden Bouzouki-Virtuosen, der, von Gitarre und Bass begleitet, sein Können an der Strandpromenade über eine Lautsprecheranlage zur Geltung brachte. (Den mächtig dicken Wirt des Lokals sah man zu später Stunde durchs Fenster in seiner Küche für sich allein tanzen.) An wieder einem anderen Abend wurde im Gemeindesaal klassische Musik geboten zum Abschluss eines Gesangskurses. Sie schien nicht so recht hierher zu passen, noch dazu bei schlechter Akustik in dem zur Hälfte mit Hörern gefüllten, kahlen Raum, in dem dann eine Woche später die Nationalratswahl stattfand. Für die Begleitmusik sorgten vor den der Hitze wegen geöffneten Türen auf dem Platz draußen lauthals Fangen spielende Kinder.

Da selbst ohne Auto, waren wir den Uhls dankbar, wenn sie uns mitnahmen. Einmal in das westwärts am Meer gelegene kleine Fischerdorf Tertsa mit Kellner Philipp. Er kommt aus Frankreich und hat das gefurchte Gesicht eines Filmschauspielers. Ingrid fuhr vergnügt mit ihrem vor den Rollstuhl gespannten Mini-Traktor auf der staubigen Straße voraus, wir drei im Auto hinterher. Einmal hinauf nach Kato Symi, wo der Wald von Bienen summt und die Leute sich frisches Quellwasser holen. Weiter oben liegt mitten im Pefka-Wald ein eingezäuntes Trümmer-Feld. Es heißt, es seien die Reste eines antiken Heiligtums, angeblich dem Hermes und der Aphrodite geweiht. Mächtige Steinfundamente aus grauem Kalkstein lassen erkennen, dass da eine Siedlung war mit stattlichen Gebäuden. Ein Wasser rauschte vorbei, ein riesiger, hohler Baum stand in vollem Laub. Gut zwanzig Falken zogen ihre Kreise am spätsommerlichen Wolkenhimmel und wurden geknipst.

In die drei Wochen unseres Aufenthaltes fielen die Parlamentswahlen am 20. September und die Gedenkfeier am 15. für die Ermordung der zwanzig Männer durch deutsche Soldaten, mit Rede des Bürgermeisters und Gesang des Popen, mit Kranzniederlegungen am kleinen Denkmal. Es fiel der Schulanfang hinein mit den hellen Rufen und Schreien der Kinder, mit Glockenläuten und wieder Popengesang; hinein fiel auch die feierliche Beerdigung einer 57jährigen, an den Folgen eines Herzinfarkts gestorbenen Katerina, an der wir zwar nicht teilnahmen, die aber mit drei Popen, einem Despotis, also Bischof, und vielen Leuten besonders feierlich ausgefallen sein muss. Ihr Mann sei ein Psaltis, d.h. Kirchensänger, lautete die Erklärung.

So viel Gemeinde wie hier in drei Wochen erlebt man in Oberschlierbach im ganzen Jahr nicht.

Wir hatten noch zwei Tage mit Sohn Vincent in Athen und auf Ägina. Wir schauten uns die zweieinhalbtausend Jahre alten Überbleibsel der Tempel-Architekturen an, die mit unbegreiflichem Aufwand handwerklicher Feinarbeit unbegreiflich gewordenen sakralen und politischen Zwecken dienten. Sie werden von den pausenlos alles fotografierenden Teilnehmern von Reisegruppen umschwärmt, wobei die neueste, allgegenwärtig gewordene Fotografier-Mode – die mit den Selfie-Stangen – verrät, dass man vor allem sich selbst meint und aufwertet, wenn man die Monumente zum Hintergrund von Selbstbildnissen macht.


Melchior Frommel auf diablog.eu hier
zu Hans Uhl hier; s. dort auch „Griechenland Naturreisen“

Text: Melchior Frommel. Fotos: Hans Uhl. Redaktion: A. Tsingas.

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