META_GRAFES 4 – Podiumsdiskussion: „Kleine“ Sprachen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt

Bericht von Alexandros Kypriotis

Am 3. November 2021 fand die zweite von insgesamt drei Podiumsdiskussionen der digitalen Fortbildungsreihe META_GRAFES als Zoom-Webinar statt, eine Kooperation des gemeinnützigen Vereins Diablog Vision e. V. mit dem Literaturhaus Lettrétage e. V.

Das Projekt META_GRAFES, konzipiert von Dr. Michaela Prinzinger, Vorsitzende von Diablog Vision e. V., wird durch den Projektfonds des Deutschen Übersetzerfonds im Rahmen des Programms „Neustart Kultur“ der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert.

Die Podiumsdiskussion META_GRAFES 4 zum Thema „Kleine Sprachen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt war öffentlich – wie alle Podiumsdiskussionen im Rahmen der digitalen Fortbildungsreihe META_GRAFES – und wurde in deutscher Sprache durchgeführt.

Als Teilnehmer eingeladen waren der Germanist, Geschichts- und Politikwissenschaftler Ingo Držečnik, in seiner Eigenschaft als Gründer und Leiter des Elfenbein Verlags in Berlin, der Kunsthistoriker und Literaturwissenschaftler Sebastian Guggolz, ebenfalls in seiner Eigenschaft als Gründer und Leiter des Guggolz Verlags in Berlin, und Erika Hornbogner, Leiterin des Drava Verlags in Klagenfurt.

Die Diskussion wurde von Theo Votsos, Übersetzer deutscher und griechischer Literatur und freier Kulturredakteur, moderiert. Nach der Begrüßung gab er bekannt, dass Erika Hornbogner krankheitsbedingt nicht an der Diskussion teilnehmen könne und versprach, den Drava Verlag selbst vorzustellen.

Screenshot Zoom Teilnehmer
Theo Votsos, Ingo Držečnik und unten Sebastian Guggolz

Die nackte Wahrheit der Zahlen

Bevor Theo Votsos zur Präsentation überging, betonte er, dass es keine „kleinen“ und „großen“ Sprachen gebe, da alle Sprachen gleichwertig seien. Wenn wir aber über Sprachen in Bezug auf den deutschen Buchmarkt sprächen, gebe es eindeutig „große“, „kleine“ und „kleinere“ Sprachen.

Er zitierte Daten aus der statistischen Erhebung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels für das Jahr 2020. Von den damals fast 70.000 Neuerscheinungen waren 13,2% Übersetzungen.

Erwartungsgemäß war der größte Teil dieser Übersetzungen, nämlich 63,1%, Übertragungen aus dem Englischen, an zweiter bzw. dritter Stelle lagen Titel aus dem Französischen bzw. Japanischen mit 10,6% bzw. 10,1%. Dann folgten bis Platz 11 die Sprachen Italienisch, Schwedisch, Niederländisch, Spanisch, Russisch, Dänisch, Norwegisch und Polnisch mit Prozentsätzen zwischen 2,4% und 0,5%. Alle weiteren Sprachen, zusammengenommen an die 200 und darunter auch Griechisch, machten insgesamt 5,1% aus.

Diese Statistik rechtfertige die Bezeichnung „kleine Sprachen“ und auch das Thema der Diskussion „Kleine Sprachen im deutschsprachigen Buchmarkt“ und der Beitrag der Verlage, die Bücher aus diesen „kleinen“ Sprachen veröffentlichen, sei sei von großer Wichtigkeit.

Ein Platz in der Arche?

Danach präsentierte Theo Votsos kurz den Drava Verlag mit Sitz in Klagenfurt an der österreichisch-slowenischen Grenze. Der Verlag bestehe seit 50 Jahren und sei nach dem Fluss Drau (Drava) benannt. Zunächst veröffentlichte der Drava Verlag Originalwerke slowenischer Autoren und in der Folge die entsprechenden deutschen Übersetzungen sowie ins Slowenische übersetzte Werke österreichischer Schriftsteller. Später nahm er weitere südosteuropäische Sprachen ins Programm auf, um bewusst auf die Mehrsprachigkeit der Region hinzuweisen und sie zu unterstützen.

Theo Votsos las einige Sätze von der Webseite des Drava Verlages vor, um die Anfänge des Verlagshauses und seine weitere Expansion als regionaler Minderheitenverlag zu beschreiben. Sie enden mit einem mehr oder weniger offenen Aufruf: „Es gibt genug Platz in unserer Arche.“ Theo Votsos fasste diesen Satz als Ermunterung für Übersetzer:innen griechischer Literatur ins Deutsche und an Literaturagenten auf, dass die Arche des Drava Verlages auch Raum für die griechische Literatur habe und insbesondere für die Literatur aus dem letzten Jahrzehnt, das die Wirtschafts- und Flüchtlingskrise und den Wandel Griechenlands von einem Auswanderungsland in ein Flüchtlings- und Einwanderungsland widerspiegele und die griechische Gesellschaft dadurch mit den Themen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus konfrontiere.

Eine kleine griechische Bibliothek

Theo Votsos übergab das Wort an Ingo Držečnik und bat ihn, einen kurzen Einblick in die Geschichte des Elfenbein Verlages zu geben, der 2021 sein 25jähriges Bestehen feierte, und insbesondere seine Beziehung zu den „kleinen“ Sprachen zu beschreiben, denn der Elfenbein Verlag habe auch einige Übersetzungen aus dem Griechischen veröffentlicht.

Ingo Držečnik veröffentlicht seit 20 Jahren ins Deutsche übersetzte griechische Literatur, gesamt gesehen jedoch nur eine beschränkte Anzahl von Werken. Gerade einmal 14 Bücher bildeten die „Kleine griechische Bibliothek“, doch diese Reihe umfasst große Autoren wie Odysseas Elytis und Giannis Ritsos.

Das erste Buch des Elfenbein Verlags war der Gedichtband „Unterderhand“ von Andreas Holschuh, dessen Arbeit Ingo Držečnik und sein Kommilitone Roman Pliske gut kannten. Sie gaben damals die Literaturzeitschrift metamorphosen heraus, in der Rezensionen über Bücher, Filme und Kunstausstellungen, aber auch Erstveröffentlichungen junger Talente erschienen. Der Elfenbein Verlag ist im Wesentlichen aus dieser Zeitschrift hervorgegangen. Einen Monat nach der Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes beging Andreas Holschuh Selbstmord. In Bezug auf „große“ und „kleine“ Sprachen merkte Ingo Držečniks interessanterweise an, obwohl Andreas Holschuh sein Buch in einem neu gegründeten Kleinverlag auf Deutsch – also in einer der „großen“ Sprachen – veröffentlicht habe, sei seine dichterische Sprache aufgrund der geringen Reichweite dennoch eine „kleine“ Sprache geblieben. Damit verwies Ingo Držečnik auf die Relativität der Begriffe.

Danach veröffentlichte der Elfenbein Verlag – eher durch Zufall – portugiesische Literatur, da nämlich ein Student Ingo Držečnik 1997 das Übersetzungsmanuskript eines portugiesischen Autors geschickt hatte. Es war das Jahr, als Portugal Gastland der Frankfurter Buchmesse war. Der Elfenbein Verlag publizierte zunächst zwei Werke portugiesischer Literatur, den Lyrikband eines zeitgenössischen Autors und den Gedichtband eines modernen Klassikers, denen später weitere Ausgaben folgten. Nachdem die Frankfurter Buchmesse mit dem Schwerpunkt Portugal vorbei war, verloren die Feuilletons das Interesse an der portugiesischen Literatur, was sich auch in den Verkaufszahlen widerspiegelte.

Im Jahr 2001 begann der Elfenbein Verlag griechische Literatur herauszugeben. Auch diesmal eher zufällig genau in dem Jahr, als Griechenland Gastland der Frankfurter Buchmesse war und Ingo Držečnik Probeübersetzungen griechischer Werke von einer „bereits seit Jahren nicht mehr existierenden griechischen Institution“ erhielt (offensichtlich handelt es sich dabei um das Nationale Buchzentrum Griechenlands, das 1994 gegründet und 2013 aufgegeben wurde). Ingo Držečnik war von Alexander Adamopoulos’ Prosatexten begeistert und entschied sich für die Veröffentlichung seines Buches „Zwölf und eine Lüge“. Gleich stand für ihn fest, im Anschluss noch ein weiteres Buch des Autors zu veröffentlichen. Im selben Jahr brachte der Elfenbein Verlag eine revidierte Fassung des bereits 1969 in der Übersetzung von Günter Dietz erschienenen Gedichtbandes „To Axion esti – Gepriesen sei“ von Odysseas Elytis als zweisprachige Ausgabe heraus. Günter Dietz unterstützte Ingo Držečnik dabei, den Kontakt zur griechischen Literatur zu halten, und so folgte neben anderen Bänden von Elytis das Werk „Martyríes – Zeugenaussagen“ von Jannis Ritsos in der Übersetzung von Günter Dietz und Andrea Schellinger.

An dieser Stelle fragte Theo Votsos den Verleger nach den Gründen der Unterbrechung von Veröffentlichungen des Elfenbein Verlags aus dem Griechischen. Ingo Držečnik antwortete, dass es keinen wirklichen Einschnitt gegeben habe, abgesehen davon, dass er anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2007 erneut einen Versuch unternommen habe, Titel aus dem Katalanischen zu veröffentlichen und zu promoten. Eigentlich sei er in seiner Auswahl nur sehr vorsichtig, denn in der Presse gebe es weniger Rezensionen von Lyrik und Kurzprosa, was aber für die Verbreitung und den Verkauf der Bücher wichtig sei – insbesondere, wenn es nicht möglich sei, große Lesereisen zu organisieren. Der Buchmarkt sei im Wesentlichen von Romanen bestimmt.

Trotzdem verlege der Elfenbein Verlag weiterhin auch griechische Literatur. Theo Votsos erwähnte die Neuauflagen älterer Ausgaben, wie Nikos Kazantzakis’ „Odyssee“ in der Übersetzung von Gustav A. Conradi und „Die Mörderin“ von Alexandros Papadiamantis in der Übersetzung von Andrea Schellinger, sowie Werke von jüngeren zeitgenössischen Autoren wie Giorgos Lillis, Thanassis Lambrou und Maria Stefanopoulou, deren Roman „Athos der Förster“ (Άθος, ο δασονόμος. To Rodakio Verlag, 2015) in der Übersetzung von Michaela Prinzinger 2019 erschienen ist.

So entstand die „Kleine griechische Bibliothek“, deren einzelne Werke nicht in gleicher Form und Farbe, wie sonst bei einer literarischen Reihe üblich, herausgegeben werden, da Ingo Držečnik der Meinung ist, dass jedes Buch etwas Einzigartiges sei und besonders gestaltet werden müsse. Er bestätigte, dass das Vorhandensein einer bestimmten „Bibliothek“ im Verlagsprogramm den Verkauf der Bücher unterstütze, da es Leser gebe, die den Verlag nach älteren Titeln fragten, die ihrer Aufmerksamkeit  entgangen sein könnten.

Geografische und zeitliche Grenzen

Anschließend wandte sich Theo Votsos an Sebastian Guggolz und fragte ihn, inwieweit seine frühere Tätigkeit im Verlagshaus Matthes & Seitz ihn bei seiner Entscheidung beeinflusst habe, einen eigenen Verlag zu gründen und vor allem Bücher von Autoren aus Nord- und Osteuropa herauszugeben, die heute in Vergessenheit geraten seien.

Sebastian Guggolz meinte, rückblickend sei seine Tätigkeit im Verlagshaus Matthes & Seitz, in dem er gleich nach seinem Studium als Lektor angefangen hatte, eine Art „praktische Ausbildung“ gewesen, denn dort bot sich die Gelegenheit, alle Bereiche des Verlagswesens kennenzulernen, wie beispielsweise Vertrieb und die Öffentlichkeitsarbeit. Nach sechs Jahren im Verlag Matthes & Seitz wusste er jedoch, dass er dort nicht weiterarbeiten konnte, da das Verlagshaus sich vergrößerte, das Programm erweitert wurde und so auch die Arbeitsanforderungen wuchsen.

Er beschloss, selbst einen Verlag zu gründen, in dem er bewusst nur zwei Bücher pro Saison herausgeben wollte, alle mit derselben Wertigkeit. Das bedeutete, dass er nur Bücher publiziert, bei denen er den dringenden Wunsch verspürt, sie unbedingt zu veröffentlichen. Er sah keinen Grund, sich in Konkurrenz zu anderen Verlagshäusern mit exzellentem Programm zu begeben und suchte eine noch vakante verlegerische Nische. Daher konzentrierte er sein Verlagsprogramm auf in Vergessenheit geratene klassische Autoren aus Nord- und Osteuropa. Die Praxis im Verlagshaus Matthes & Seitz hatte ihn gelehrt, dass die Organisation von Lesereisen und die Betreuung der Autoren heutzutage sehr zeitaufwändig und anspruchsvoll sind. Hier sei erwähnt, dass deutsche Autoren ihre Werke in zahlreichen Städten auf Veranstaltungen präsentieren. Daher beschloss Sebastian Guggolz, nur tote Autoren herauszugeben, weil er das alles hätte alleine organisieren müssen.

In Bezug auf seinen Entschluss, schwerpunktmäßig nur übersetze Literatur herauszugeben, wies er darauf hin, wie wichtig und grundlegend er bei seiner früheren Tätigkeit die Zusammenarbeit mit den Übersetzer:innen empfunden habe. Im Hinblick auf den Titel der Podiumsdiskussion meinte er, dass der Begriff „kleine“ Sprachen sich im Wesentlichen nur auf die Suche und die Auswahl der zu übersetzenden Titel beziehe, denn ein ins Deutsche übersetzte Buch sei für ihn Teil der deutschen Literatur. Für einen Großteil der Leser spiele es gar keine Rolle, welche Originalsprache das übersetzte Buch habe, das er gerade lese.

Sebastian Guggolz hob hervor, dass er die Namen der Übersetzer:innen immer auf dem Bucheinband seiner Veröffentlichungen setze und im Allgemeinen darauf achte, mit ganz bestimmten Übersetzer:innen zusammen zu arbeiten, die er so angemessen, wie es ihm möglich ist, bezahle. Seine Vergütungen sein höher als z. B. die von Random House. Auch in Griechenland sei es wohl üblich, dass kleine Verlagshäuser höhere Honorare zahlen als viele große Verlage. Sebastian Guggolz führte an, dass er aus den Herkunftsländern der Werke, die er verlege, Übersetzungsförderungen erhalte, die einen Teil der Übersetzungskosten abdeckten.

Sebastian Guggolz gründete seinen Verlag 2014, als Finnland Gastland der Frankfurter Buchmesse war. Er beschloss, den einzigen Literaturnobelpreisträger Finnlands herauszugeben. Die meisten folgenden Titel habe er alleine ausgesucht. Aber er habe auch Vorschläge von Übersetzer:innen umgesetzt, deren Rat er gern in Anspruch nehme.

Flyer

Der Guggolz Verlag arbeite mit den besten deutschsprachige Übersetzer:innen zusammen, bemerkte Theo Votsos und wies darauf hin, dass der Verlag nur zwei Jahre nach seiner Gründung mit der „Übersetzerbarke“ des Verbandes deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke (VdÜ) ausgezeichnet wurde, einem Preis, der seit 2004 an übersetzerfreundliche Verlagsmenschen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verliehen werde.

Und was ist mit der griechischen Literatur?

Theo Votos wandte sich erneut an Ingo Držečnik und fragte, ob es eine Fortsetzung der „Kleinen griechischen Bibliothek“ des Elfenbein Verlags geben würde. Dieser antwortete, dass demnächst eine Sammlung von fünf Erzählungen von Alexandros Papadiamantis in der Übersetzung von Andrea Schellinger erscheinen werde und fügte hinzu, er werde sich nach seiner Zusammenarbeit mit Michaela Prinzinger bei der Übersetzung des Buches von Maria Stafanopoulou weiterhin mit der zeitgenössischen griechischen Literatur beschäftigen. Nichtsdestotrotz könne ein Verlag, der nicht nur Literaturübersetzungen, sondern auch deutsche Literatur verlege und maximal sechs Bücher pro Saison veröffentliche, objektiv gesehen nicht viele griechische Titel herausbringen. Trotzdem stammten die meisten fremdsprachigen Autoren in seinem Verlag aus Griechenland.

Theo Votsos fragte Sebastian Guggolz, ob er zukünftig sein geografisches Interessengebiet erweitern werde – und meinte damit Griechenland. Der Verleger antwortete, er schließe diese Möglichkeit in ferner Zukunft zwar nicht generell aus, werde sich aber noch einige Zeit auf Nord- und Osteuropa konzentrieren. Zum einen, weil dies der Sichtbarkeit des Verlags und der Verbreitung seiner Bücher diene, und zum anderen, weil sein Verlagsprogramm bis 2025 bereits feststehe.

Theo Votsos trug eine Frage aus dem Publikum an Sebastian Guggolz heran: Welche Kriterien müsse der Vorschlag einer Übersetzer:in an seinen Verlag erfüllen, um ihn für eine Veröffentlichung zu begeistern. Der Verleger antwortete, er interessiere sich neben geografischen und zeitlichen Kriterien für Themen, die nicht in Großstädten, sondern auf dem Land und in Dörfern spielen. Wenn der Schauplatz dennoch eine Stadt sei, dann interessiere es ihn nur, wenn es um Menschen am Rande der Gesellschaft gehe, wie zum Beispiel Autoren im selbstgewählten Exil. Darüber hinaus sei die besondere, persönliche Sprache des Autors ausschlaggebend.

Text: Alexandros Kypriotis. Übersetzung: Heike Göttlicher. Redaktion: Michaela Prinzinger.

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