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Platon lässt in „Phaedrus“ musentrunkene Menschen zu zirpenden Zikaden werden, die nicht mehr essen und trinken, sondern nur noch singen. Elena Mpeis Gedichte könnten uns durchaus in diesen Zustand versetzen.
Der lebhafte Lyrikband vereint Gedichte über das Verschwinden eines kleinen Gemischtwarenladens in Athen, eine unvergessliche Begegnung auf einer Fährenfahrt in der Ägäis, wie auch über Zikaden, die sich 17 Jahre vorbereiten, um nur einen Sommer lang zu leben. Er erzählt von einem Transfer weg aus einer handschriftlichen Zeit hinein in ein Mitteilungsstakkato aus Social-Media-Kanälen. Die Texte sprechen von der Invasion großer Windkraftanlagen auf Inseln der Ägäis, einem Erlebnis am Morgen eines unverbindlichen Frühlings in Berlin, als dir die Zeit über den Weg lief, und vom eindringlichen „Manifest der Feuergewächse“ gegen die Verwüstungen des Betonzeitalters. Laut Verlag ein Debüt von 32 Gedichten mit breit gefächerten Themen […] ein Heraustreten aus der Beengtheit des Ich – unbedingt lesen!
Das sollte man sich zu Herzen nehmen. Auch nach diesen Rezensionen, die den Band viel treffender besprechen, als ich es vermag. Da sind beispielsweise die Calligramme Buchempfehlungen von Michael Pfister (02.12.2024): Mpei stammt aus Köln und Griechenland, sie hat offenbar viel Zeit auf Theaterbühnen und in Südafrika verbracht. Ihre Gedichte sind Aufbrüche, Umzüge, Bewegungen. Sie reisen im Zug, per Fahrrad und an Bord eines Schiffes, oder sie schliessen sich einer Karawane an. […] Aus Sand, Wind und Wasser baut die Dichterin ihre Sprachhäuser, aus Sternen, Samen, Asche, Haut und Stau.
Weitere Rezension gibt es von der planet lyrik-Redaktion (06.10.2024) und von Lesart, Deutschlandfunk als Audio von Carsten Hueck im Gespräch mit Elena Mpei (26.07.2024; darin erwähnt sie das Dorf Volax auf Tinos, s. auf diablog hier) und das Bonner Stadtmagazin Schnüss von Klaas Tigchelaar (01.05.2024), der schreibt: Mpeis Neugier, ihr lyrisches Mitgefühl, die Wut nach oben und die Fürsorglichkeit nach unten strahlen aus jeder Zeile dieser kurzweiligen, gelungenen Gedichtsammlung, die kein besseres Datum zur Veröffentlichung hätte erwischen können als genau jetzt.
Was aber bislang nicht thematisiert wurde, ist Mpeis Zweisprachigkeit. Sie selbst meint dazu: Ich dichte tatsächlich in beiden Sprachen, so wie ich in beiden Sprachen denke und fühle. Zu Veröffentlichungszwecken habe ich nur meine eigene Lyrik übersetzt, im Rahmen von Poesieabenden übertrage ich aber auch die Werke anderer Lyriker. Lyrik zu übersetzen ist ein schönes und spannendes Unterfangen, denn man versucht dabei, einem anderen Lebensgefühl so nah wie möglich zu kommen. Im besten Fall bewahrt das Gedicht bei der Übertragung etwas von seinem ursprünglichen Wesen; es verliert zwar Nuancen, gewinnt aber durch die neue Sprache andere hinzu. In Lyrik steckt die Vielfalt von Sprache, Lebenskontext und Lebensgefühl, was in einer zunehmend vereinheitlichten Welt etwas unglaublich Wertvolles ist. Mit diesem Wissen können wir zu den Leseproben übergehen.
KYR HARALAMBOS‘ LADEN
An Kyr Haralambos‘ Laden
bleibe ich immer stehen –
um seinen Laden, wo bis vor Kurzem
Bitterorangenbäume und die Baracken
der Flüchtlinge aus Smyrna standen,
ragen nun hohe Betonhäuser gen Sonne.
Kyr Haralambos‘ Laden:
In unserem Viertel die einzige Konstante.
Montag bis Sonntag sitzt er fast im Dunkeln hinter seiner
verstaubten Theke aus den 50er Jahren
mit Bonbons, kommunistischen Zeitungen und
Schwimmreifen und jeden Tag
stellt er auf den Klapptisch vor seinem Laden
zwei, drei zeitlose Waren.
Kyr Haralambos‘ Laden:
Mein erstes Kaugummi mit Farbtatoo und grüner Zunge!
Mein erstes Heft mit Linien, Kartenspiel und Puzzle
und bic-Kugelschreiber für die erste Klasse
in rot, blau und schwarz
für 30 Drachmen.
In Kyr Haralambos‘ Laden
blättere ich in Blöcken aus
vergilbten Seiten mit Eselsohren:
Zukünftige Briefe an noch Unbekannte,
eines Tages vom Postboten auf entlegensten Inseln ausgetragen.
Zukünftige Logbücher von Überfahrten
zu Verwandten in Australien!
Papier für Geschichten aus unserem Viertel
die irgendwann auf dem Regal eines Antiquariats der Polis ausharren.
In Kyr Haralambos‘ Laden
kaufe ich mal einen bunten Briefumschlag,
mal einen Bleistift, mal Blumen, auch um
seine Einnahmen am Laufen zu halten – und
schlechten Gewissens, dass auch meinetwegen
die teuren Modellflugzeuge weiter verstauben.
Gegenüber beobachtet mich
der Prezaki unseres Viertels,
schlendert nach mir in den Laden und
erbettelt den soeben gemachten Umsatz
aus kyr Haralambos‘ Kasse.
*
Vor Kyr Haralambos‘ Laden
suche ich heute den Klapptisch vergeblich.
Ich spähe durch die Tür und sehe wie
Kyr Haralambos nach fünfzig Jahren
die letzten Hefte und Süßigkeiten in
Plastiktüten einer Supermarktkette wegpackt.
Er muss Platz machen, sagt er, für ein Hotel.
Ich stehe entwurzelt auf der Straße. –
Der Prezaki rührt sich nicht von der Stelle und
blickt mir ungläubig in die Augen.
Meine Härte tut mir nun leid,
er war Teil von Kyr Haralambos‘ Mikrokosmos.
Vielleicht wird man später von uns sagen:
Das waren die drei, die den Kampf ums Viertel
am Ende verloren haben.

Als der Gesang der Musen auf der Erde zu hören war
waren die Menschen so hingerissen,
dass sie versuchten, sie nachzuahmen
und dabei das Essen und Trinken vergaßen –
und nur mehr sangen und starben, ohne es zu merken.
Aus ihnen wurde die Zikade.
Platon, Phaedrus
ZEIT DER ZIKADEN
Siebzehn Jahre lang nähern sich
die Sommer leise an und ziehen sich
ebenso still zurück, ohne dass jemand
ihr Kommen und Gehen vernimmt.
Siebzehn Jahre lang riechen sie
den Harz, saugen den herben Wurzelsaft
während das rege Tapsen, Rascheln, Knirschen
nur gedämpft zu ihnen dringt.
Doch dieser Sommer kommt und entfacht ein Kribbeln. Ungestüm
drängt es von innen nach außen. Durchbricht die zu eng gewordene
Haut. Licht lugt durch winzige Tunnel in tiefe Erdschichten.
Es ist Zeit. Unaufhaltsam laufen sie Wurzeln, Baumstämme, Zweige
empor. Werfen hoch oben im Freien die Haut ab und spüren wie ihre
Hülle über Nacht zu zwei Flügeln heranwächst.
Dicht an dicht, ziehen sie ihren Bauch zusammen, vibrieren
mit dem Körper zu einem pulsierenden Gesang, Aufruf,
Stakkato. Schlagen die Flügel zu zweit aneinander, berühren sich
und graben ihre Nymphen tief in die Äste ein, damit diese später
unbemerkt in den Bäumen schlüpfen. Sie werden sich von den Zweigen
fallen lassen, um in der Erde Zuflucht zu finden. Für siebzehn Jahre.
*
Das Ende des Sommers wird kommen. Die alten Zikaden
werden für immer hinabfallen. Gewiss, dass die
Jahre der Dunkelheit und Einsamkeit nicht vergebens
waren. Ihr Zirpen bleibt. Still hallt es nach.

FORSTE DICH AUF
21st century reality
Diese entseelte Teerstraße aus kleingedruckten Regeln und Rollenspiel
eine Denkstörung, nein, eine Existenzhemmung
Du bist nicht einmal da, es ist nur Einecho / Einecho
zwischen selbstdarstellerischen Dateianhängen
und linearen Lebenslaufzwängen
21st digital reality
Diese unersättliche Ich-erscheine-Industrie
ein technologisches Tentakel aus virtuellen Verhältnissen
Breche aus, Freund, deine Realität ist Replik
Doch irgendwo anders
in einem beinah gerodeten Gefilde, wo einst
wildes Schilfrohr und Oreganoblüten sprossen
findest du Wege, die nicht kartographiert wurden
Hier wurden unsere Körper einst zusammen-
geknetet aus Brot, Blut und Salz
ein Paar Augen und ein Paar Flügel auf dem Rücken
hungrig nach Durchleben und Erspüren am eigenen Leib
Wir sind abgezählt und bemessen
gemäß der Alchemie von Akt und Asche
und bewohnen ein paar Jahre: ein Labyrinth
das sich an Lichtpassagen und Abschiedstoren vorbeiwindet
Ein rückhaltlos mit Hand, Fuß und Herzfell
zu durchschreitender Widersinn
Freund, dir bleibt keine Zeit
für eine computergenerierte Existenz

WAS BLEIBT
ein Vibrieren
bis in die feinsten Verästelungen
der Lunge
der Farbenhagel
auf der Haut
das Grillenzirpen
zwischen den Rippen


Das Buch
Elena Mpei: das grillenzirpen zwischen den rippen
Gedichte; Verlag Nimbus, Wädenswil/Schweiz, 2024, 28 Euro
80 Seiten, 20,5 x 13,8 cm, Ganzleinenband mit Fadenheftung
ISBN 978-3-03850-095-7

Die Lyrikerin
Elena Mpei, geb. in Köln, studierte Theaterwissenschaften, Germanistik und Psychologie an der Universität München. Sie arbeitete als Regieassistentin an Theatern in München, Salzburg und Heidelberg, ehe sie 2004 nach Südafrika übersiedelte. Dort machte sie eine Fortbildung zur Journalistin und arbeitete mehrere Jahre in Kapstadt und Johannesburg als Redakteurin und Texterin. In Zusammenarbeit mit einer Kapstädter Non-Profit-Organisation realisierte sie Theatre-for-Development-Projekte. Zwischen 2010 und 2019 veröffentlichte sie in Deutschland drei Bücher über Südafrika (Conbook); Gedichte von ihr erschienen in Anthologien und Literaturzeitschriften in Deutschland, Österreich und Griechenland. Elena Mpei engagiert sich in Athen und auf den Kykladen, die sie bereist und immer wieder neu entdeckt.
Lyrik: Elena Mpei, mit freundlicher Genehmigung des Verlags Nimbus. Fotos: E. Mpei. Vorstellung und Redaktion: A. Tsingas.
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Bei der Recherche bezüglich der Aussprache des Namens Mpei stieß ich auf ein YouTube-Video, in dem der Buchhändler Björn Siller von der Wetzstein-Buchhandlung in Freiburg die Autorin interviewt.(https://www.youtube.com/watch?v=uGoyJj5ldGg)
Weswegen ich das hier bringe: Ich konnte mich auf den Inhalt des Gespächs erst beim 2. Durchgang konzentrieren, da mich die Ausstrahlung der jungen Frau, die stets ein verschmitzt und offen zugleich wirkendes lachendes Gesicht zeigte im Kontrast zu dem „furztrocken“ erscheinenden älteren Buchhändler mit Dreitagebart und seinen sachlichen Fragen zu ihrer Publikation gefangen nahm.
Wer einen Eindruck von Frau Bei (Mpei) bekommen möchte, dem kann ich dieses Video mit ihrem außergewöhnlichen Gesichtsausdruck nur empfehlen.