Niki – ein griechischer Familienroman

Christos Chomenidis‘ Hommage an seine Mutter

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Ελληνικά (Griechisch)

Niki ist eine Familiensaga, die Licht auf die Geschichte Griechenlands vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit des Bürgerkriegs in den 1950er-Jahren wirft.

Niki Armaou, die Titelheldin, beschreibt nach ihrem Tod im Jahr 2008 als rückblickende Ich-Erzählerin die Geschichte ihrer Familie, ihrer Kindheit und die einer jungen Frau, die ihren eigenen Weg geht. Als Tote kann sie sowohl subjektiv als auch eine allwissende Erzählerin sein, auch wenn sie ihre Erlebnisse mit den staunenden Augen eines Kindes beschreibt.

Sie beginnt bei den Großeltern, schildert den ideologischen Werdegang der Eltern und das Überleben der Familie, die als Linke sieben Jahre lang in Athen untertauchen und eine neue Identität annehmen musste. Der Roman macht die Spaltung des Landes in Links und Rechts, den ewigen Hass zwischen den ideologischen Lagern verständlich und nachvollziehbar, aber auch die Grabenkämpfe innerhalb der Parteien. In einer einzigen Familie treffen Kollaborateure, Verräter, moskautreue Stalinisten und Rechtskonservative aufeinander und illustrieren das ganze Panorama ideologischer Überzeugungen. Aber bei Chomenidis wird keine Seite heroisiert oder dämonisiert. Eine griechische Familie hält durch Dick und Dünn zusammen…

Kurzum, ein rundum gelungener Familienroman, der in die Fußstapfen des Bestsellers „Eleni“ von Nicholas Gage treten kann. Nach der genussvollen Lektüre legt man ihn mit dem Gefühl aus der Hand, dieses Land, das von Touristen geliebt wird und sich selbst einerseits als Hüter der europäischen Werte, andererseits als europäische Peripherie begreift, viel besser zu verstehen. Das Tragische enthält einen Kern des Komischen und wird dadurch erträglich.


Der Auszug

Für meine Tochter
und alle Kinder in ihrem Alter
Um sich von der Vergangenheit zu befreien,
muss man sie kennen.

„Dein verehrtes Bild, die Flamme ist sein Schild,
bring ich dir am frühen Morgen…“
Michalis Katsaros

Anmerkung des Autors

Die Figur von Niki Armaou basiert auf der Geschichte meiner Mutter, Niki Nefeloudi.
Niki Armaou ist eine Romanfigur, so wie alle anderen Personen, die auf den Seiten dieses Buches vorüberziehen. Sie spiegeln das Leben und die Taten echter Personen in der Welt der Fiktion wider. Als Autor handle ich nicht buchstabengetreu, sondern bleibe dem Geist jeder Lebensgeschichte treu. Und der Geschichte im Allgemeinen. Ich arrangiere die Ereignisse mit künstlerischer Willkür, weil ich bis zu ihrer Essenz vordringen will. Dabei lässt mich bis zur letzten Zeile die Angst nicht los, Menschen falsch einzuschätzen oder ihnen unrecht zu tun.


Jetzt, da ich tot bin und aufgebahrt liege in meinem besten weißen Kleid, das ich selbst ausgesucht habe und eine Woche vor meinem letzten Besuch im Krankenhaus reinigen ließ, jetzt, da ich im Kühlraum der Leichenhalle liege und darauf warte, dass der Tag meines Begräbnisses anbricht, jetzt, da ich unterwegs bin zum Ort, an dem – wie man sagt – weder Schmerz noch Trauer oder Seufzer bestehen, fühle ich mich freier als je zuvor. Frei, durch die siebzig Jahre meines Lebens zu streifen, vor und zurück zu reisen in der Zeit, bei Wegmarken innezuhalten und bei wichtigen Entscheidungen, die ich selbst oder die andere für mich getroffen haben. Frei, mich allem umfassend, klar und deutlich zu stellen, aber auch winzige Einzelheiten unters Vergrößerungsglas zu legen, kaum sichtbare Nuancen zu betonen, die alles vielleicht in einem neuen Licht erscheinen lassen. Aber was für Nuancen? Nicht die kleinen Unterschiede, die mich von den anderen Menschen abheben, sondern von den unendlich vielen Varianten meiner selbst, die ich als Möglichkeit in mir trug und die niemals Blüten oder Früchte getragen haben. Die Nuancen, die mich zu dem gemacht hat, was ich bin, und nicht zu dem, was ich hätte werden können.

Solange ich lebte, verweigerte ich den Luxus, Dinge endlos wiederzukäuen. Selbst in meinen Tagebüchern, die ich seit der Zeit, als ich unter fremdem Namen untergetaucht lebte, fast ununterbrochen geführt habe, fällte ich keine Urteile, sondern schilderte ich Ereignisse: „Ich bin dort und dorthin gegangen, ich habe den und den getroffen, mir ist das und das passiert…“. Nur ein paar Unterstreichungen oder – noch seltener – in Klammer gesetzte Ausrufungszeichen deuteten meine Gefühle an.
Am Tag, als ich erfuhr, dass ich Krebs habe, machte ich keinen Eintrag. Am nächsten Tag notierte ich, was ich alles fürs Krankenhaus packen muss – eine kommentarlose Liste. Habe ich mich sogar vor mir selbst versteckt? Kann sein.
Aber vielleicht glaubte ich auch, dass man ein Bild nur dann sinnvoll beurteilen kann, wenn es vollendet ist. Das ist jetzt der Fall.

 

Das Kind der Rache
(Seiten 159-178)
Kapitel VIII

Wann wurde die Niederlage der Achsenmächte deutlich? Nach dem Angriff auf Pearl Harbour und dem Kriegseintritt der USA? Nach Stalingrad? Seit dem Frühjahr 1944 war allen Griechen bewusst, dass die deutsche Besatzung ihrem Ende zuging. Zu Ostern wünschte man sich gegenseitig bedeutungsvoll „Frohe Auferstehung!“
„Aber Jesus ist doch schon gestern auferstanden“, sagte ich zu Oma. „Wir warten auf eine andere Auferstehung“, antwortete sie.
In der Zwischenzeit breitete sich die „Auferstehung“ von Tag zu Tag weiter aus, genauso wie ihre blutige Unterdrückung. Jeden Abend bei Einbruch der Dunkelheit hörten wir in Kallithea den „Schalltrichter“. So nannte man die Frauenstimme der Vereinigten Panhellenischen Jugendorganisation, die aus einem Lautsprecher drang. „Hier spricht die EPON!“, rief sie leidenschaftlich und informierte die Zuhörer über den Fortgang des Befreiungskampfes. Im Morgengrauen darauf standen stets mehr Parolen an den Wänden. Beinah wöchentlich erfuhren wir von deutschen Razzien, die wieder Menschen Tod oder Gefangenschaft gebracht hatten. Oma ließ, insbesondere nach dem Tod ihres Sohnes Giannos, ihren Gefühlen freien Lauf und ihrer Ungeduld, die Deutschen sollten endlich „abhauen“. Auf die gallige Bemerkung der Nachbarin „Für deine Söhne, Frau Sevasti, trifft das zu, aber für deine Schwiegersöhne? Was wird aus denen?“ antwortete sie mit einem Bibelzitat: „Die das Gute getan haben, werden zum Leben auferstehen, die das Böse getan haben, werden zum Gericht auferstehen.“
Zum ersten Mal wählten ihre beiden Schwiegersöhne getrennte Wege.
Savvas Bogdanos, der ein ruhiges Gewissen hatte und überzeugt war, dass er seine patriotische Pflicht getan hatte, beschloss, bis zum letzten Tag im Ministerium zu bleiben und es geordnet der Regierung zu übergeben, sobald sie aus dem Exil im Nahen Osten zurückkehrte. Er verfasste einen ausführlichen Rechenschaftsbericht und machte sich vor, dann würde ihn sogar der Misstrauischste von aller Schuld freisprechen, ja, ihm sogar auf die Schulter klopfen.
Stratos Vranas gab sich hingegen keinen Illusionen hin. Da er dicke Geschäfte mit den Deutschen gemacht hatte, war sein Schicksal nach ihrem Abzug besiegelt. Natürlich konnte er probieren, sich ein antikommunistisches Mäntelchen umzuhängen oder die neuen Verantwortlichen kräftig zu schmieren, um seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Aber sie würden ihn immer in der Hand haben, sie würden ihn immer erpressen, das war sicher. Er sah nur eine Lösung: Er musste den abziehenden Besatzungstruppen folgen. Ihre Zukunft war untrennbar miteinander verbunden.
Zu Beginn des Sommers begann er, seine Fühler auszustrecken. Mitte August hatte er endlich eine konkrete Information in der Hand. Aus zuverlässiger Quelle hatte er erfahren, dass ein Nachtzug mit auserwählten, aber unwiderruflich kompromittierten Kollaborateuren, die Führungspositionen innehatten, Athen verlassen würde. Nach einem kurzen Halt in Thessaloniki, wo die „Kampfgenossen“ aus Nordgriechenland zusteigen sollten, sollte er nach Wien weiterfahren.
„Reserviert mir einen Fensterplatz!“, sagte Stratos und beeilte sich, mit Gold und Juwelen zwei sündteure Fahrkarten für sich und Markella zu kaufen. „Wann sollen wir am Larissis-Bahnhof sein?“, fragte er. „Wir treffen uns nicht dort“, teilte man ihm mit. „Damit sich unsere Abfahrt nicht herumspricht, versammeln wir uns viel früher im Schwarzen Kater, du weißt schon, Ecke Agiou-Meletiou und Acharnon. Zu gegebener Zeit holt uns dann ein Militärlastwagen ab. Jeder Passagier darf nur ein Gepäckstück mitnehmen.“ Stratos verzog das Gesicht, aber er stimmte zu. Hatte er eine andere Wahl?
Tante Markella musste eine regelrechte Entführung inszenieren, um mich zum Schwarzen Kater mitzunehmen. Was hatte ein sechsjähriges Mädchen auch in einem schlecht beleumundeten Lokal auch zu suchen? Markella log Oma vor, wir würden gemeinsam eine Varietévorstellung für Kinder im Zappion-Palais besuchen, und versprach ihr, spätestens um neun seien wir zurück in Kallithea. Auf der Fahrt eröffnete sie mir die Wahrheit: „Ich zeige dir, wie sich Erwachsene amüsieren!“
Tante Markella und ihr Mann hatten sich schon am frühen Morgen getrennt – sie war zu Hause geblieben und hatte das Notwendigste gepackt, er war davongestürzt, um die letzten Dinge zu erledigen. Wer wusste schon, wann sie zurückkehrten, vielleicht nie. Als Markella und ich Hand in Hand beim Schwarzen Kater ankamen, fiel Stratos die Kinnlade herunter.
„Bist du verrückt geworden?“, rief er empört. „Warum schleppst du sie mit hierher?“ Aber meine Tante sah keinen Grund, sich zu rechtfertigen: „Ich wollte meinen letzten Abend in Griechenland mit ihr verbringen!“
„Sag bloß, dass du sie heimlich in den Zug schmuggeln willst. Das kannst du dir aus dem Kopf schlagen!“, knurrte Stratos.
Die zärtliche Zuneigung, die er mir in den letzten drei Jahren gezeigt hatte, war mit einem Schlag verschwunden.
„Wofür hältst du mich?“ Markella warf ihm einen giftigen Blick zu. „Setz dich, meine kleine Niki!“, sagte sie und drückte mich auf den Platz neben sich. „Und du, mein Herr, bestellst uns was zu essen. Das Kind hat Hunger!“
Ich hatte, so kam mir vor, von Geburt an viel mehr Erfahrungen gesammelt als die meisten meiner Altersgenossen. Ich war daran gewöhnt, ständig neue und bizarre Dinge zu erleben. Aber was ich im Schwarzen Kater sah und hörte, beeindruckte mich tiefer als alles andere.
Es war ein Saal im Souterrain, in dem zwanzig, mit Pergamentpapier gedeckte Holztische standen. Auf dem Mosaikfußboden lagen Sägespäne. Auf jedem Tisch stand in der Mitte eine Petroleumlampe, deren Helligkeit die Gäste selbst einstellen konnten. Selbst im Halbdunkel eilten die Kellner, beladen mit übervollen Tabletts, geschäftig hin und her. Darauf lagen Schafsköpfe und Grillhähnchen, Schweinekoteletts und gegrillte Meeresfrüchte, garniert mit Bergen von Makkaroni und Schmorkartoffeln.
Der Schwarze Kater hatte sich mit den Fahrgästen des Wiener Zugs gefüllt, die entschlossen waren, sich vor ihrer Abreise zu amüsieren. Schäumende Champagnerflaschen wurden entkorkt, Zigarren entzündet, Wasserpfeifen gurgelten. Ich überwand meine Schüchternheit und staunte, dass die anwesenden Frauen mitten im August Pelzmäntel und überall – an Fingern, Armen und Hälsen – Schmuck trugen. So umgingen sie die Ein-Koffer-Regel pro Person. Die Männer, darunter auch Stratos, zögerten nicht, ihre Pistolen neben die Teller zu legen. „Steck das sofort wieder ein!“, befahl Markella. Er warf ihr einen schrägen Blick zu, schob die Waffe aber unter eine Serviette.
Nachdem das Festmahl verputzt war, trafen die Musiker ein: zwei Bouzoukispieler, ein Gitarrist, ein Akkordeonspieler und eine Rothaarige mit Tamburin. Auf Sifnos hatte ich einmal von einem bekifften Musiker ein Rebetikolied gehört, aber danach nie wieder. Sie schoben fünf Stühle zu einer provisorischen Bühne zusammen. Anfangs erschien mir ihr Spiel monoton und weinerlich. Aber je länger sie spielten, umso süßer erschien mir der Klang. Zweifellos trugen dazu die Ausdünstungen des „Weihrauchs“ bei, der von den Haschischstücken auf den Wasserpfeifen emporstieg. Unerfahren wie ein Milchlämmchen fiel ich rasch in einen unbekannten, träumerischen Zustand. Müde und schwer kuschelte ich mich in die Arme meiner Tante. Immer wenn ich die Augen aufschlug, erblickte ich ein neues, psychedelisches Bild. Fünf Männer, vereint in einem rasend schnellen Hasaposerviko, stampften mit den Füßen auf den Mosaikboden. Die Schuhsohlen mussten beschlagen sein, anders war der ohrenbetäubende Lärm, den sie veranstalteten, nicht zu erklären, sie klangen wir eine galoppierende Herde. Einer tanzte den Zembekiko mit einem Messer zwischen den Zähnen, und sein Freund goss Alkohol auf den Boden und entzündete ihn. Die Sängerin schlug das Tamburin wie im Rausch, und zwei Gäste hoben sie samt Stuhl in die Luft und trugen sie durch den Saal. Da die beiden ungleich groß waren, der eine ein Hüne, der andere ein Bürschchen, drohte der improvisierte Thron zu kippen, die Sängerin brach abwechselnd in Angstschreie und Lachsalven aus.
Stratos, der langsam in Stimmung kam, entdeckte seine alte Liebe für mich. „Ich bringe es nicht übers Herz, die Kleine zurückzulassen!“, verkündete er Markella. „Ach, wenn schon, denn schon! Wir nehmen sie mit!“ Mir brach der Angstschweiß aus. Sie hatten mir nicht erzählt, wo sie hinwollten, aber ich ahnte nichts Gutes. „Niki hat doch noch ihre Eltern!“, fuhr ihm meine Tante in die Parade. Sie war wahrscheinlich die Einzige im Saal, die völlig nüchtern geblieben war. „Ach so? Die sind doch vom Erdboden verschwunden…“, spottete Stratos und füllte ihr Champagnerglas randvoll. Markella wurde knallrot vor Zorn und wer weiß, was zwischen ihnen noch vorgefallen wäre, wenn nicht in diesem Moment die Deutschen das Lokal betreten hätten.
Sobald die Uniformierten an der Schwelle standen, erstarb die Musik und die Gäste setzten sich auf. „Der Zug, meine Damen und Herren, ist bereit zur Abfahrt!“, schnarrte der Anführer des Kommandos, der einen weißen Umhang trug. „In zwei Militärjeeps, die draußen warten, werden Sie zum Larissis-Bahnhof gebracht. Davor müssen wir vorschriftsmäßig eine Leibesvisitation durchführen. Auf der Reise ist Waffenbesitz nicht erlaubt. Wir behalten sie ein, und Sie bekommen sie bei Ihrer Ankunft in Wien zurück.“
So wenig das den wichtigtuerischen Kollaborateuren auch gefiel, sie mussten sich fügen. Ein Tisch nach dem anderen zahlte dem Oberkellner des Schwarzen Katers die Rechnung, die Herren legte die Pistolen auf den Tresen und ließ sich breitbeinig und mit erhobenen Händen von den Soldaten durchsuchen. Auch die Damen wurden nicht verschont.
Geraume Zeit, bevor wir an der Reihe waren, stand Markella vom Tisch auf. „Wo gehst du hin?“, wunderte sich Stratos. „Ich setze Niki in ein Taxi und schicke sie zu ihrer Oma. Ich bin gleich wieder da!“, antwortete sie und zog mich mit hinaus. Nachdem wir mit niedergeschlagenen Augen an den Deutschen vorbei den Schwarzen Kater verlassen hatte, liefen wir los. An der Ecke Agiou-Meletiou und Patission hielten wir ein Taxi an. „Zum Hotel Cecil in Kifissia“, befahl meine Tante dem Fahrer.
Stratos musste kein Hellseher sein, um rasch zu begreifen, was los war. Aber wurde er auch nur eine Minute schwankend? Kam ihm der Gedanke, wegen Markella zurückzubleiben? Selbst wenn, erstickte er ihn wir ein neugeborenes Kätzchen. „Jeder ist seines Glückes Schmied“, muss er sich gesagt haben.
„Haben Sie nicht zwei Fahrkarten bezahlt, Herr Vranas?“, fragte der Anführer des Kommandos süffisant. „Wenn Sie allein reisen, dürfen Sie kein zweites Gepäckstück mitnehmen, tut mir leid.“ Stratos warf Markellas edlem Lederkoffer, einem Geschenk von ihm, randvoll gepackt mit Seidenkleidern und Wertsachen, einen schmerzlichen Blick zu. Dann fiel ihm auf, dass die Musiker noch an einem Tisch im Lokal saßen. Er packte den Koffer und stellte ihn vor der Sängerin ab. „Zünde ab und zu eine Kerze am Grab meines Vaters am Ersten Friedhof an“, trug er ihr auf.
Im selben Augenblick, um zwanzig vor drei Uhr nachts, zogen sich Stratos Vranas im Zug und Markella Armaou im Hotel gleichzeitig den Ehering vom Finger, zum Symbol ihrer einvernehmlichen Trennung.
Als wir am nächsten Morgen von Kifissia nach Kallithea zurückkehrten, erwartete uns Oma Sevasti schon an der Tür. In so einem Zustand hatte ich sie noch nie gesehen. Sie war außer sich, kurz vorm Explodieren. Markella stammelte ein paar Entschuldigungen: „Ich konnte dich nicht benachrichtigen“ und „Hast du kein Vertrauen zu mir, Mutter?“ Aber Oma schluckte das nicht. Sie packte uns beide an den Haaren und zerrte uns ins Haus. „Geh und wasch dich“, befahl sie mir. „Wer weiß, wo dich meine ehrenwerte Frau Tochter hingeschleppt hat! Und du, Herumtreiberin, erzählst mir alles haarklein!“
Markella konnte, so sehr sie das auch gewollt hätte, dem unerbittlichen Blick ihrer Mutter nicht ausweichen. Jedes Wort von ihr brachte Sevasti noch mehr in Rage.
„Warum hast du Niki mitgenommen?“
„Damit ich einen Grund hatte wegzukommen.“
„Einen Grund oder einen Vorwand? Du als gestandene Frau hast dich hinter dem Kind versteckt? Um wegzukommen? Oder eher, um deinen Mann, wenn’s brenzlig wird, allein zu lassen? Habe ich dich so erzogen? Dass du den bequemsten Weg wählst? Die ganze Zeit, als die kleinen Leute hungerten und für alles und jedes mit ihrem Leben bezahlten, warst du auf der sicheren Seite und hast du dein Leben genossen!“ Sie ließ kein gutes Haar an ihr. Markella brach in Tränen aus. „Heul nicht, ich habe kein Mitleid mit dir. Zu deinem eigenen Besten sage ich dir: Finde einen Weg, zu deinem Mann zu kommen! Nimm ein Flugzeug nach Thessaloniki, fahr zum Bahnhof und fall ihm zu Füßen…“
„Aber ich liebe ihn nicht mehr“, sagte Markella schniefend.
„Du liebst ihn nicht mehr?“ Omas Miene veränderte sich schlagartig. „Wirklich nicht?“ Meine Tante nickte bestätigend. „Hättest du ihn verlassen, auch wenn es anders gekommen wäre?
„Ja, das Bett teilen wir schon seit Monaten nicht mehr.“
„Schwörst du es?“
„Beim Gekreuzigten, Mutter…“
Sevasti warf einen fragenden Blick auf Fani, die wortlos die Szene verfolgte. Sie bestätigte die Worte ihrer Schwester. „Wenn du die Wahrheit sagst, verzeihe ich dir. Es wurde aber auch Zeit… Und du, Fotini, liebst du deinen Savvas?“
„Ich würde ihm bis zum Galgen folgen!“, antwortete Fani.
„Gesegnet sollt ihr sein“, sagte Oma.
So lernte ich, dass die Liebe das Maß aller Dinge ist. Und wenn die Liebe – so erklärte es mir Markella – Feuer fängt, nennt man sie Leidenschaft.

Kapitel IX

Am Donnerstag, den 12. Oktober 1944 zogen die Deutschen so diszipliniert und ruhig aus Athen ab, als hätten sie es schon seit dem Tag ihres Einmarsches vor dreieinhalb Jahren geplant. Um acht Uhr morgens legte ein Bataillon einen Kranz am Denkmal des Unbekannten Soldaten nieder, und um Viertel nach neun holte ein Korporal die Hakenkreuzfahne von der Akropolis ein. Jemand filmte, wie er die Fahne zusammenfaltete, unter den Arm klemmte und mit hoch erhobenem Kopf die Marmorstufen hinunterstürmte. Wenn man die Aufnahme betrachtet, wird deutlich, mit welcher Behändigkeit er den Vorschriften folgte. An die abgebrannten Dörfer, die Hungertoten und die Opfer des Widerstandskampfes verschwendete er keinen Gedanken.
Entlang der Hauptschlagadern verließ ein langer deutscher Militärkonvoi die Stadt, während Kirchenglocken die Auferstehung feierten. Innerhalb kürzester Zeit füllten sich die Straßen mit einer jubelnden Menschenmenge. Bei uns zu Hause in Kallithea stand Oma vor einem Dilemma: Einerseits wäre sie am liebsten mit mir nach draußen gegangen, andererseits fürchtete sie körperliche oder verbale Angriffe. Und wie sollte sie sich verteidigen? Damit, dass drei ihrer vier Söhne im Widerstand waren? Nach jeder Befreiung werden mehr Bosheiten als Freundlichkeiten ausgetauscht.
Er war fast Mittag, als es klingelte. Ich lief zur Tür, denn ich empfing gern Besucher. Als ich die Tür aufmachte, sah ich als erstes zwei zerschundene Beine in ausgetretenen Soldatenstiefeln. Ich hob den Blick: Haare, zerzaust wie ein Dornbusch, ein sonnenverbranntes Gesicht, ein Mund, der sich zu einer Grimasse verzog, die als Lächeln gemeint war. Als die Vogelscheuche die Arme nach mir ausstreckte, knallte ich erschrocken die Tür zu. „Wer ist es?“, fragte Oma. „Eine Zigeunerin, eine Bettlerin…“ Sie machte die Tür wieder auf. Die Vogelscheuche fiel in ihre Arme. Ich schrie auf. „Es ist deine Mama, Kindchen! Es ist deine liebe Mama!“
Meine liebe Mama? Das ist meine Mama? Unmöglich! Ich konnte mich nicht an sie erinnern, nicht mal ein Foto von ihr kannte ich, aber jeder beschrieb sie als wunderschön, eine richtige Märchenfee. Kein Sonnenstrahl berührt die Haut von Märchenfeen, sie ist seidenweich, fast durchscheinend, und nicht rau wie ein Reibeisen. „Die Zigeunerin hat Oma behext“, schloss ich und rannte davon. Ich versteckte mich hinter dem Tonkrug mit unserem Olivenölvorrat und hielt den Atem an. Vergeblich, die Zigeunerin hatte mich im Handumdrehen aufgespürt und hob mich in die Höhe, gleich darauf drückte sie mich an ihre Brust, von Schluchzen geschüttelt. Ich wusste nicht, wohin mit mir. Sie stank auch noch, sie roch wie ein ganzer Ziegenstall. Ich wollte mich von ihr lösen, aber sie ließ nicht los. Jetzt heulten wir beide, aber aus verschiedenen Gründen.
Während Sevasti Wasser aufheizte, damit ihre Schwester sich waschen konnte, zählte Anna atemlos auf, was sie alles durchgemacht hatte. Dass der Schlaganfall ihres Vaters sie monatelang im Dorf festgehalten hatte und dass sie nach seinem Tod zu den Partisanen in die Berge gegangen war. Dass sie drei Mal versucht hatte, nach Athen durchzudringen, aber die Führungsoffiziere sie daran gehindert hatten. Dass sie gelernt hatte, Waffen zu gebrauchen, aber auch zur Krankenschwester ausgebildet wurde. „Dort oben geschehen großartige Dinge!“, sagte sie begeistert. „Ein neues Griechenland wird geboren.“ Oma blickte sie hinter ihren Brillengläsern zweifelnd an. „Habt ihr die Nachrichten nicht bekommen, die ich euch geschickt habe?“, fragte Mama. „Wir haben nichts bekommen.“
„Vor einem Monat habe ich beschlossen, dass ich zu euch komme, auch wenn die Welt Kopf steht. Sollen sie mich an Deserteurin anklagen! Ehrlich gesagt bin ich tatsächlich desertiert. Ich bin nachts heimlich aufgebrochen und zu Fuß hergekommen.“
„Zu Fuß?“
„Ich habe den halben Peloponnes durchquert. Ich hatte keine Entlassungspapiere, also konnte ich mich auch nicht auf die Unterstützung unserer Leute verlassen. Als Frau allein unterwegs, ihr könnt euch vorstellen, wie gefährlich das war. Deshalb mied ich öffentliche Wege und nahm Fußpfade. Mir war lieber, Schakalen zum Opfer zu fallen als Menschen.“
„Wie bist du an Trinkwasser gekommen? Und an Brot?“
„Dank Hirten und Mönchen. Ich erzählte ihnen, ich hätte gelobt, zu Fuß zum Dafni-Kloster zu pilgern. In der Brusttasche trug ich ein Marienbildchen. Das zeigte ich vor, und sie glaubten mir.“ Aber Oma blieb misstrauisch. „Und du kommst genau am Befreiungstag hier an?“
„Ich bin schon vorgestern gekommen, hielt mich aber versteckt. Es wäre nicht sicher gewesen, früher aufzutauchen. Für euch wäre es nicht sicher gewesen…“
Plötzlich schämte sich Oma. Sie spürte, dass sie Anna Unrecht tat, ihr dermaßen auf den Zahn zu fühlen und mit inquisitorischen Fragen zu piesacken. Ihr heruntergekommenes Äußeres sagte alles, ebenso die Läuse, die sie quälten. „Willkommen zu Hause, liebe Anna!“, sagte sie und breitete erneut die Arme aus. „Wie gut, wieder bei euch zu sein, Mutter!“
Sie verbrauchte zwei Schwämme, bis sie sauber geschrubbt war. Es kostete eine ganze Packung Schichtseife, bis sie den Gestank los war. Als sie sich abgetrocknet und gekämmt und ein Kleid von Fani angezogen hatte, ähnelte sie langsam dem Bild von Mama, das ich im Kopf hatte. Ihr Haar war tatsächlich blond und fiel in Locken über die Schultern. Ihre graublauen Augen hatten einen gewissen entrückten Blick, was – wie wir viel später erfuhren – einem beginnenden grauen Star, der auch junge Leute befällt, zuzuschreiben war. Das Kleidungsstück meiner Tante, mehr Küchenschürze als Kleid, war ihr zu kurz, darunter ragten ihre schlanken, gut geformten Beine hervor. Sie sah aus wie die Jagdgöttin Artemis, die ich in einem Mythologiebuch gesehen und bewundert hatte, und in diesem Sinne passte ihre Irrfahrt durch Arkadien und Korinth auch zu ihrer Erscheinung. Ich starrte sie an, aber Bewunderung allein reichte nicht aus, um Vertrauen zu ihr zu fassen. „Niki, gehst du in die Schule? In welche Klasse? Bist du eine gute Schülerin?“ Oma antwortete an meiner Stelle. Ich hielt einen Sicherheitsabstand und hatte die Arme abwehrend vor der Brust verschränkt. „Kannst du singen?“, fragte sie mich.
„Sing ihr Da oben auf dem Berg vor.“ Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich vor lauter Aufregung keinen Ton herausgebracht. „Bring Mama deine Puppen! Zeig ihr den Olivenbaum von Papa…“
Den Olivenkern, den mir Antonis auf Korfu gegeben hatte, hatten wir im Hof eingepflanzt, und er war zu einem stattlichen Bäumchen herangewachsen, das blühte, aber noch keine Früchte trug. Jeden Morgen und Abend schaute ich nach ihm, ich schloss es selbst in meine Gebete ein. Ich war vollkommen sicher, dass an dem Tag, da es Früchte trug, mein Vater zurückkehren würde. „Dein Papa ist da!“, verkündete Anna. „Gehen wir zu ihm!“
„Woher willst du das wissen?“, fragte Oma.
„Am frühen Morgen haben zwei Kriegsschiffe mit Griechen aus dem Nahen Osten in Piräus angelegt. Warum sollte Antonis nicht darunter sein?“
„Und wie wollt ihr ihn finden?“
„Vor unserer Festnahme im Jahr ’38 haben wir verabredet, wie wir uns nach der Befreiung wiederfinden. Los, Niki, wir gehen!“
Oma blickte mich aufmunternd an. Ich hatte soweit Vertrauen gefasst, dass ich Mama meine Hand überließ.

Kapitel X

Die ganze Stadt war auf den Beinen, Menschentrauben standen auf den Balkonen und den Trittbrettern der Straßenbahnen. Griechische, britische und sowjetische Fahnen wurden geschwenkt. Wo hatte man die bloß versteckt gehalten? Die Leute sangen und wetteiferten im Ostereiertitschen. Es war chancenlos, ein Fahrzeug zum Hafen zu finden. Meine Mutter zog die Holzpantinen aus, die sie von Oma bekommen hatte, und steckte sie in ihre Umhängetasche. Ihre Fußsohlen waren so abgehärtet, dass sie ohne weiteres barfuß laufen konnte. Wir kletterten auf den Philopappos-Hügel und blickten über das Athener Freudendelirium, dann stiegen wir in Richtung Akropolis hinunter. Meine Mutter wusste, dass die Stadtteile Thissio und Petralona Hochburgen der rechten Widerstandsorganisation X waren. „Wenn uns jemand anhält und etwas fragt, sagst du keinen Ton!“, schärfte sie mir ein, während sie meine Hand fest drückte. Langsam gewöhnte ich mich an sie. Ich mochte ihren federnden Gang, meine Tanten wirkten im Vergleich zu ihr altmodisch und langweilig. Auch ihr selbstsicherer Tonfall gefiel mir und überzeugte mich, dass ich mit ihr zusammen nichts zu fürchten hatte.
Wir wanderten eine ganze Weile kreuz und quer, bis wir im Ziel waren. Ich weiß nicht, ob sie die Orientierung verloren hatte oder mögliche Verfolger verwirren wollte. Schließlich standen wir vor einem einstöckigen Häuschen, das in einer kleinen Schotterstraße lag. „Hier haben dein Papa und ich nach unserer Hochzeit gewohnt. Hier ist unser Treffpunkt“, erklärte sie.
Sie blieb an der Tür stehen, und ich setzte mich auf die Stufen, um mich auszuruhen. So verging eine ganze Weile. Sie war nervös, das war deutlich. Immer wieder trat sie auf die Gasse und spähte nach rechts und links, ob jemand kam. In der Zwischenzeit brannte die Sonne auf uns herunter. Es herrschte sommerliche Hitze. Ich bat um etwas zu trinken, aber sie hatte nichts dabei. „Wie lange wollen wir noch warten?“, fragte ich mich, und die Vorstellung, dass uns hier die Nacht überfiel und wir hungrig und durstig vor der Haustür übernachten mussten, gefiel mir wenig.
Plötzlich ging hinter mir ein Fensterladen auf. Eine uralte Frau mit tiefen Falten und Ziegenbart beugte sich heraus. „Gehört ihr zu Armaos?“, fragte sie mit einer Stimme, die aus der Unterwelt zu kommen schien. „Dein Mann wartet in der Kommandantur auf dich.“
„Wo?“
„In der Kommandantur, junge Frau! Beeil dich!“
„Haben Sie ihn festgenommen?“, fragte Mama ohne nachzudanken, weil sie so erschrocken war.
„Nein, er sie!“ Die Alte brach in Lachen aus und zog die Vorhänge zu.
Das deutsche Hauptquartier lag in der Korai-Straße. Je näher wir kamen, umso dichter wurde die Menschenmenge, am Klafthmonos-Platz war kein Durchkommen mehr. Aber meine Mutter gab nicht auf. Sie drängelte sich immer weiter vor, und im Notfall setzte sie die Ellenbogen ein, um für uns beide den Weg freizumachen.
Wir kamen genau im entscheidenden Augenblick vor dem Gebäude an: Drei Männer waren auf die Brüstung hochgeklettert und sägten die Ketten durch, an denen an ihrem Eisengitter eine Tafel mit gotischer Schrift und Hakenkreuz hing. Die Menge klatschte rhythmisch. „Zurück, gleich kracht sie runter!“, warnte der Anführer der drei. Die Zuschauer, die darunter standen, zogen sich zu einem Halbkreis zurück. „Heee, hopp!“ Ich weiß noch, wie sich die Metalltafel löste, eine halbe Drehung machte und dann mit ohrenbetäubendem Krawall auf dem Gehsteig landete. Die versammelte Menge sprang obenauf und veranstaltete einen Freudentanz. Jemand übergoss sie mit roter Farbe. Ein anderer pieselte darauf, ohne zu zögern. Dabei erblickte ich zum ersten Mal im Leben einen Schniedelwutz.
Der Eingang des Palais wurde von ein paar schwerbewaffneten Männern bewacht.
„Anna Mylona“, sagte meine Mutter, aber ihr Vatersname ließ sie ungerührt. „9. ELAS-Regiment.“
„Was willst du?“, fragten sie unwillig.
„Ich bin die Frau von Antonis Armaos.“  Sofort wichen sie auseinander und gaben den Weg frei.
In allen Stockwerken herrschte ein fürchterliches Durcheinander. Die neuen Machthaber durchsuchten Schubladen und Büroschränke bis in die letzte Ecke nach hinterlassenen Dokumenten. Aber die Deutschen hatten natürlich alles vernichtet. Auf der Suche nach Papa liefen wir von dem einen Zimmer zum nächsten. Schließlich fanden wir ihn im obersten Stockwerk, im einzigen Büro mit verschlossener Tür, hinter der eine wichtige Kommission tagte.
Er sah, ebenso wie meine Mutter, ganz anders aus als in meiner Vorstellung: Anstelle von Sträflingskleidung trug er einen Zweireiher und darunter ein weißes, gestärktes Hemd mit Seidenkrawatte. Er war glattrasiert und von der ägyptischen Sonne gebräunt. Er nahm mich in den Arm. „Hast du den Olivenkern eingepflanzt?“, fragte er verschwörerisch. Bevor er zu seinen vordringlichen Pflichten zurückkehrte – der Wiederherausgabe der Zeitschrift „Der Radikale“ – heftete er mir ein Abzeichen an den Kragen, das mir „einer von uns“ geschickt habe. Ich traute mich nicht zu fragen, wer es war. Es zeigte Hammer und Sichel, aus purem Gold.
Wir blieben noch eine ganze Weile im Gebäude. Die Hochspannung entlud sich in einem rauschenden Fest. Es wurden Korbflaschen mit Wein und gebratene Spanferkel in Pergamentpapier angeliefert. Spontan stellte man ein Orchester zusammen aus Akkordeon, Gitarren und Trompeten, und die Musiker traten auf die beiden Seitenbalkone und spielten Volkslieder, aber auch Tangos und natürlich Revolutionslieder. Ich stand als Maskottchen dazwischen und grüßte die jubelnde Menge mit einem roten Halstuch, das ich schwenkte. Als ich genug davon hatte, griff ich mir einen Pinsel, tauchte ihn in einen Kanister mit Goldfarbe und half beim Bemalen eines riesigen, hölzernen „E“. Drei Buchstaben sollten die Pfeiler des Palais werden: „E“, „A“ und „M“, die Kürzel der Nationalen Befreiungsfront.
Als wir wieder auf der Korai-Straße standen, war es schon dunkel. Mein Glücksgefühl war unbeschreiblich, als ich endlich Hand in Hand mit meinen Eltern lief, die siegreich aus allem hervorgegangen waren. Wir stiegen in einen Militärjeep und fuhren nach Kallithea, damit Papa und Oma sich wiedersehen konnten. Als sie mich fragten, was mir lieber wäre, dort zu schlafen oder mit ihnen in eine „eigene Wohnung“ in Patissia gehen, zögerte ich keine Sekunde. Vielleicht, weil ich nicht gut einschätzen konnte, was „eigene Wohnung“ bedeutete. Oma packte mir ein kleines Bündel mit meinem Nachthemd und Daduna, meiner Lieblingspuppe.


Das Buch
Christos Chomenidis: Niki
(bislang nur auf EL)
Verlag Patakis, Athen 2014, 494 Seiten, ca. 19 Euro
ISBN 978-960-165-248-1

Für Niki wurde Christos Chomenidis 2015 mit dem Griechischen Staatspreis für Literatur, dem Preis der Zeitschrift o anagnostis und dem Leserpreis Public ausgezeichnet. Im Dezember 2021 wurde Niki der Prix du Livre Européen, dem Preis des Europäischen Buches zugesprochen. In Frankreich, den USA und den Niederlanden erschienen zu Niki äußerst positive Rezensionen. Chomenidis ist noch nicht ins Deutsche übersetzt.

 

 

Der Autor
Christos Chomenidis wurde 1966 in Athen geboren und ist Spross einer Politikerfamilie. Der studierte Jurist schreibt für Tageszeitungen und Magazine und engagiert sich politisch. Darüber hinaus ist er als Drehbuchautor von Filmen und Serien aktiv. Seit seinem ersten Roman „Das kluge Kind“ (1993) gehört er zu den erfahrensten, bekanntesten und erfolgreichsten griechischen Romanciers. Auf Wiki hier (auf EN).

Buchvorstellung: Michaela Prinzinger. Romanausschnitt: Christos Chomenidis in der Übersetzung von M. Prinzinger. Fotos: Verlag Patakis. Redaktion: A.Tsingas. Die Probeübersetzung wurde von GreekLit unterstützt, der Übersetzungsförderung der Hellenischen Buch- und Kulturstiftung ELIVIP/HFBC, hier (auf EN).

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