Wer kein Griechisch kann, kann gar nichts

Essay und Prosa von Jochen Schmidt

Das Altgriechische ist für viele eine tote Sprache. Nicht so für Jochen Schmidt, den Berliner Lesebühnenautor, der zwei Jahre lang in der FAZ, zusammen mit der Illustratorin Line Hoven, kleine Texte über altgriechische Wörter verfasste, die er nicht vergessen wollte. Eigentlich sollte er ein tüchtiger, finanzstarker Naturwissenschaftler werden, doch das Erbteil der Eltern – beides Sprachwissenschaftler – schlug durch. Und so setzte er sich ein Jahr lang in den Altgriechischkurs am Sprachenzentrum der FU und nun können Sie sein Fazit lesen…

18.Trochilus

Trochilus*
Hohlkehle in der Basis ionischer Säulen

Zu den Dingen, die ich mir nicht merken kann, gehört der Unterschied zwischen ionischer und dorischer Ordnung. Sima, Geison, Tympanon, Architrav, schon klar, Echinus, Abakus,Metope, Taenia, Regula, alles schön und gut, aber welche der Säulen war die mit den schneckenförmigen Verzierungen? Unser Gehirn ist für so etwas nicht gemacht. Ich kann mir vorstellen, dass es Höhlenforscher gibt, die weltberühmt sind und trotzdem jedesmal nachschlagen müssen, um Stalagmit und Stalaktit zu unterscheiden. Es kann aber auch Vorteile haben. Als Monet ist es nicht schwer, Karriere zu machen, die meisten Käufer halten einen ja für Manet. Auch in der Politik funktioniert das, Juschtschenko und Janukowitsch, wer weiß schon noch, welcher von beiden der Böse war?

* ὁ τροχίλος • eine Art Kiebitz, schnell laufender Vogel

61.krise

Krise*
Entscheidungssituation, Wendepunkt

Mein Tag beginnt mit der Unterwäsche-Krise: die gute, neue, die mittelalte, immer noch okay, oder die ausgeleierte, mit der zu viele Erinnerungen verbunden sind, um sie wegzuwerfen? Es folgt die T- Shirt-Krise: Keins will zu mir passen, alle drücken nur Teilaspekte meines Wesens aus. So geht es weiter, jeder Handlung geht eine Entscheidungskrise voraus. Geht das nur mir so? Nein, in den Nachrichten ist auch nur von Krisen die Rede, anders bewegt sich anscheinend nichts auf der Welt. Allerdings kann ich die meisten Krisen nicht nachvollziehen. Seien wir ehrlich, niemand von uns weiß, was Sunniten von Schiiten unterscheidet, wir haben schon genug zu tun mit den verschiedenen Ladegeräten für unsere Telefone.

* ἡ κρίσις • Streit, Wahl, Entscheidung

Warum Griechisch?

Jochen Schmidt-3Warum widmet ein Erwachsener ein Jahr seines Lebens einem Graecumskurs? Weil Erwachsensein erst dadurch einen Sinn bekommt, dass man sich solch einen Luxus gönnt. Aber Altgriechisch spricht doch keiner mehr? Als würde man Sprachen lernen, um mit jemandem zu sprechen! Das gelingt einem doch schon auf Deutsch selten genug. Das Angenehme am Graecumskurs war ja gerade, dass man sich keine Dialoge mit seinem Banknachbarn ausdenken musste, in denen man ihm den Weg vom Bahnhof zur Post beschreibt oder ein Rezept für Auberginensalat. Es ist vielleicht schwer zu glauben, aber das Graecum zu machen, war für mich das beglückendste Bildungserlebnis und überhaupt eine der schönsten Erfahrungen meines Lebens.

Am liebsten hätte ich die Abschlussprüfung verhauen, um aus diesem Paradies nicht vertrieben zu werden. Endlich packte man die abendländische Kultur bei der Wurzel. Und die Griechen waren viel witziger als die Römer. Als sich der Sohn einer Spartanerin bei ihr beschwerte, dass sein Schwert zu kurz sei, antwortete sie: „Dann geh doch einen Schritt vor.“ Natürlich sagte sie das viel lakonischer, nämlich mit zwei Worten. Aber, um das würdigen zu können, muss man eben Griechisch lernen.

Jochen Schmidt, Warum Griechisch-3

„Wer nicht Griechisch kann, kann gar nichts“, sagte der Humanist Joseph Justus Scaliger. Das ist natürlich eine provokante Aussage, da ja Altgriechisch gemeint ist, das kaum jemand kann. Sogar alle Griechen, die ich dazu frage, behaupten, ihre Sprache hätte nichts mehr mit der von Platon zu tun. Alleine um diesen Unsinn zu widerlegen, lohnt es sich, Altgriechisch zu studieren. Mein einfaches Rezept für alle Liebeskranken oder Depressiven: Jeden Morgen eine Lektion Griechisch, die Seele schöpft Atem, die Gedanken werden leicht. Und nebenbei erwirbt man unschätzbare Munition im Klugscheißen. Selbst wenn man an der 500-Euro-Frage scheitern wird, die Millionen-Frage dürfte man schon durch Vokabelkenntnis beantworten können.

Jochen Schmidt, Warum Griechisch-7

In „Mountolive“ von Lawrence Durrell (Rowohlt 1960), das im letzten Sommer in meiner Urlaubspension im Regal verstaubte, rätselte ich über die Widmung „Für Claude – agathoû diámonos“. Dabei war es ein Druckfehler und hätte „daímonos“ heißen müssen, Genitiv von daímon, ein Trinkspruch, man opfert dem guten Geist. Wie befriedigend, einen Druckfehler in einem Buch zu erkennen, das von niemandem mehr gelesen wird! Das moderne, angeblich so beschleunigte Leben zwingt einem ständig tote Momente des Wartens auf. Der Bauer wartet ja monatelang auf die Ernte, ohne sich je zu langweilen, mich macht es wahnsinnig, wie lange der Rechner immer noch zum Hochfahren braucht, obwohl er 1ooofach leistungsfähiger ist als vor 10 Jahren. Wenn man sie kennt, kann man sich in der Zeit die Namen der neun Musen aufsagen (immerhin ihre Zahl würde ich raten). Manche arbeiten ja jahrelang bei Thalia und sprechen es Thalia aus. Was sie nicht wissen: das ist sogar die korrekte griechische Aussprache.

Jochen Schmidt, Warum Griechisch-4

Allerdings sprechen wir im Deutschen griechische Namen lateinisch aus, sonst müssten wir auch „Sokrates“ sagen und „Aristoteles“. Das ist Klugscheißen zweiten Grades! Als nächstes lerne ich Braille-Schrift, für langweilige Fahrstuhlfahrten. Die kleinen Erhebungen an den Etagenknöpfen werden sicher noch seltener gelesen als „Mountolive“. Bildung ist ja sehr unterhaltsam. Pflanzen müsste man erkennen, beim Spazieren in der Natur, wilden Majoran und Pimpinella. Den Sternenhimmel habe ich diesen Sommer studiert, jetzt warte ich ungeduldig auf den Dezember, wenn Orion zu sehen sein wird. Neulich erklärte mir ein Architekt am Ernst-Reuter-Platz, den ich immer für einen Kältepol der Baukunst gehalten hatte, die ungewöhnliche Wölbung eines Hochhauses. Und schon sah es nicht mehr ganz so hässlich aus!

Die glaziale Serie müsste zu einem sprechen, wenn man mit dem Auto drüberfährt wie eine Grammophonnadel. Am Baumbestand müsste man sehen, bis wohin die russischen Granaten bei der Schlacht an den Seelower Höhen geflogen sind. Die Handschriften seiner Briefpartner könnte man analysieren, oder heimlich die Körpersprache seines Gegenübers, wenn das Gespräch einen ermüdet. Gruppendynamik, das faszinierende Schauspiel vielstimmigen Besteckklapperns, wenn bei einer Runde im Restaurant peinliche Stille eintritt. Schrecklich, wenn ich das alles lernen müsste, herrlich, dass ich es lernen darf!

Jochen Schmidt, Warum Griechisch-2Das Problem am Lernen ist natürlich das Vergessen, das bei mir schon am Tag nach der Prüfung einsetzte. Um mir wenigstens einige besonders schöne griechische Wörter zu merken, habe ich kleine Texte über sie geschrieben. Und um die Wirkung zu verstärken, habe ich Line Hoven gebeten, sich Bilder dazu auszudenken. Sie hat jeweils eine Woche gebraucht, um ein Bild in Wachstafeln zu kratzen. Die Sorte Wachstafeln, mit der sie arbeitet, gibt es nicht mehr nachzukaufen, was es noch feierlicher machte, dass sie unserem Projekt ihre Zeit und Kraft widmete. Wenn ich sie anrief, hörte ich das leise Schaben einer Nadel, weil sie die Arbeit nie unterbrach. Es klang wie bei der geduldigen Ratte, die in Kafkas „Erinnerungen an die Kaldabahn“ langsam und beharrlich ein Loch in die Wand eines Blockhauses kratzt.

xyrios

Zwei Jahre erschienen unsere Texte und Bilder wöchentlich in der FAZ, der einzigen deutschen Zeitung, deren Abonnenten das Graecum haben. Seit mehr als einem Jahrzehnt schreibe ich für Zeitungen, nie habe ich einen Leserbrief bekommen oder auch nur von einer Reaktion eines Lesers erfahren. Aber als durch einen Übertragungsfehler ο καιρός mit „Chi“ statt mit „Kappa“ gedruckt wurde, bekam ich gleich Dutzende Leserbriefe mit süffisanten Bemerkungen über meine „altphilologischen Kenntnisse“. Da wusste ich: Europa kann vielleicht ohne Griechen auskommen, aber niemals ohne Griechisch.

Entnommen aus: Jochen Schmidt: Schmythologie. Wer kein Griechisch kann, kann gar nichts. Illustriert von Line Hoven.  C. H. Beck Verlag 2014. Fotos: M. Prinzinger (J. Schmidt und Griechisch-Lehrbuch v. J. Schmidt), Frieder Schubert

64.Banause

Banause*
Mensch ohne Kunstverstand

Jedesmal, wenn ich das bunt gewürmte Polstermuster der Berliner U-Bahn-Sitze sehe, von dem einem auf der Heimfahrt von einem Umtrunk immer schlecht wird, frage ich mich, ob sein Schöpfer noch lebt, und ob er für sein Werk in die Künstlersozialkasse aufgenommen wurde. Viel schwerer ist es, in die Akademie der Künste aufgenommen zu werden, dazu muß erst eines der 500 Mitglieder sterben, und das wünscht man ja niemandem. Außerdem halten sie sich ja durch akademisches Rudern fit. Der Bevölkerungsrückgang in Deutschland ist beängstigend, aber er ist vielleicht meine einzige Hoffnung, auch einmal einen Platz in der Akademie zu ergattern, wenn es eines Tages mehr Plätze als Deutsche gibt. Das ist durchaus von Bedeutung, da man als Akademiemitglied ja bekanntlich bei einer Evakuierung der Erde einen Platz im Raumschiff zum Mars sicher hätte.

* ὁ βάναυσος • Handwerker (ursprünglich Ofenheizer)

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Christus*
der Gesalbte

Manchmal ist meine Haut so trocken und verlangt so gierig nach Erfrischung, daß ich meine, ein schlürfendes Geräusch zu hören, wenn ich die Creme auftrage. Dabei heißt es, daß man die Haut durch Creme verdirbt, weil sie verlernt, für sich selbst zu sorgen. Es gibt für jede Körperregion eigene Cremes, für die Füße, für den Rumpf, für das Gesicht, für das Nagelbett, für die Augen, für die Zähne, für die Haare. Was passiert, wenn ich aus Versehen Creme für Frauen benutze? Wie gefährlich ist es, Sonnenschutzcreme aufzutragen, wenn die Sonne gar nicht scheint? Ist es nicht ein Wunder, wie spurlos die Creme durch Reiben in der Haut verschwindet? Ginge das doch auch mit anderen Dingen so einfach, z. B. mit unserem radioaktiven
Sondermüll!

* τὸ χρῖσμα • Salbe, Salböl, Fett, (daher «Creme»)

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