Die Geckos von Bellapais

Erzählung von Joachim Sartorius

Den deutschen Autor Joachim Sartorius verband eine tiefe Freundschaft mit der zyprischen Autorin Niki Marangou. In seinem einfühlsamen Buch „Mein Zypern„ setzt er der Mittelmeerinsel ein literarisches Denkmal. diablog.eu freut sich, das Kapitel „Die Geckos von Bellapais„ in der deutschen Erstübersetzung von Spyros Moskovou vorstellen zu dürfen, illustriert wird der Beitrag durch Bilder der vielseitigen Künstlerin Niki Marangou, die nicht nur als Literatin, sondern auch als bildende Künstlerin tätig war.

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Die Geckos von Bellapais

Das Haus, das ich für den dritten, meinen letzten zypri­schen Sommer anmietete, hielt den Vergleich mit dem Harrison House nicht aus. Ich hatte es über eine Zeitungs­annonce gefunden. Es gehörte einer alten Frau in London, die über einen Agenten in Kyrenia alle Geschäfte abwickeln ließ. Weil es von einem riesigen Walnussbaum beschattet war, hieß es Walnut Cottage. Es lag an einer Schlucht in Bellapais, auf halbem Weg zwischen der Abtei und dem Haus von Lawrence Durrell den Berg hinauf. Als ich es mit dem Agenten, Selim Bey, besichtigte, war ich zunächst fast abgestoßen. Es war schmal, drei Stockwerke hoch, hatte niedrige Decken, und nur von der obersten Etage aus konnte das Meer in einem Ausschnitt er­hascht werden. Hinter dem Haus, an den Abhang geklebt, gab es eine tief sitzende Terrasse, eine Art steinerne Wanne, dahin­ter nicht wirklich ein Garten, sondern eine ansteigende Erd­fläche mit Obstbäumen und ungepflegten Geranienbüschen.

Auf einem Stuhl im Schlafzimmer lagen drei alte Guardian vom letzten Jahr. In dem Bücherregal schliefen ein paar zer­fledderte Romane und auch das Buch von Durrell über Korfu. Der Einband war von Feuchtigkeit verzogen. Ich war nah dran, das Walnut Cottage abzulehnen, aber dann – auf dem klei­nen Platz vor der Abtei, unter dem Baum des Müßiggangs, die Schönheit des gotischen Kreuzgangs in meinem Rücken – be­gann der Charme des Ortes wieder auf mich zu wirken. Das Haus war mickrig im Vergleich zum Harrison House, aber war Bellapais nicht schöner als Lapithos? Schließlich unterschrieb ich in Selims Büro den Mietvertrag, und als der Sommer kam, Ende Juni, richteten wir uns im Walnut Cottage ein.

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©Niki Marangou

Auf der anderen Seite der kleinen Schlucht lagen zwei rui­nöse Häuser von gebieterischen Ausmaßen. Sie mussten Grie­chen gehört haben. In der ersten in Bellapais verbrachten Nacht wachte Karin von langen, tiefen Schreien und wildem Gestöhne auf, das aus einem dieser Häuser kam.

»Diese Türken, was für Liebhaber!«, entfuhr es ihr.

Erst am nächsten Morgen stellten wir fest, dass das Erdgeschoss eines der beiden Häuser als Stall benutzt wurde. Zie­genböcke tummelten sich an dem Gatter, welches den Eingang verschloss. Es mussten ihre herzzerreißenden Schreie gewesen sein, als sie die Ziegen bestiegen.

Dieser Sommer war heiß. Die meiste Zeit verbrachten wir nackt in der »steinernen Wanne« und spritzten uns gegensei­tig mit dem Gartenschlauch ab. Die Kinder entdeckten ein Chamäleon in dem Schilf, das vor dem Haus aus der Schlucht hochwuchs. Dieses Tier, ganz grün in dem grünen Schilf, fas­zinierte sie, besonders seine kleinen Zehen, die eine Staude lie­bevoll umklammerten, und mehr noch die gelben Stecknadel­augen, die in ihren faltigen, umgedrehten grünen Trichtern unabhängig voneinander rotierten und die Welt abtasteten.

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©Niki Marangou

So dicht das Blätterdach des Walnussbaumes auch war, im­mer war überall gleißendes Licht. Am Morgen wurde alles sehr schnell warm in der Sonne, die Steine, unsere Haut. Das Licht verbiss sich in den Augen. Ich pflückte vertrocknete Geranienblätter, Karin las, Anna und Andrea zerlegten den Sommer auf der steinernen Mauer: Zypressen zapfen, Chitinpanzer, vertrocknete Distelblüten, Fühler und Flügel eines Schmetter­lings, die gelben Nadeln des Rests. Manchmal hörten wir die Glocken der Ziegen in dem verlassenen griechischen Haus. Manchmal besuchte uns ein rot gestreifter Kater. Der Name, den wir ihm gaben – Nero –, passte nicht ganz zu seinem mat­ten Gähnen. Wenn die Dämmerung durch seine Katzenaugen ging, streifte ein Wind die Berge hinab und bewegte langsam die Walnussblätter. Ein anhaltendes, schwirrendes Geräusch. Es waren die Berge, die mich in diesen Julitagen am meisten verzauberten.

Anders als in Lapithos, das noch auf den ersten Anhöhen vor den Bergen lag, stiegen in Bellapais die Felsen direkt hinter dem Dorf in die Höhe. Im Verlauf eines Tages wechselte die Bergkette ständig ihre Farbe und Gestalt. Am Morgen im Ge­genlicht noch grau und durchsichtig, war sie mittags grün vor funkelnden Pinienwäldern, die sich die steilen Hänge hochzo­gen. Am Nachmittag ging dieses saftige Grün – entlang einer sehr subtilen Farbskala – nach und nach in ein dunkles, sattes Braungrün über. Doch erst am Abend entfaltete die Bergkette ihre ganze gestaffelte, vielzackige Pracht, als hätte ein Riese ein violettes Pop-up-Gebirge aufgefaltet, das langsam in ein tiefes Blau, dann in ein fast schon schwarzes Ultramarin ver­sank. Dieses Spektakel hatte theatralische Qualitäten. Dachte man noch die drei Kreuzritterburgen dazu, so fühlte man sich auf dem Proszenium einer gigantischen Freiluftoper, die jede Minute mit Jagdfanfaren, Schlachtengetümmel oder Liebesschwüren beginnen musste. Aber es geschah nichts. Die Berge hielten ihre absolute Stille ein.

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©Niki Marangou

Dieses allabendliche Schauspiel hatte viele Nuancen. Manchmal blieb der Himmel lange weiß, in den unteren Berg­schichten gab es orangefarbene Zwischentöne oder braune Einsprengsel. Es war ein stets neues Zusammenspiel von Meer und Mond, von Wolken und Luftfeuchtigkeit. Einmal, als die obersten Spitzen der Berge rot glühten, musste ich an die Gedichtzeilen des großen Costas Montis denken:

Die Dämmerung kam
mit zwei Paar roten Kirschen in ihren Ohren, mit einem
weißen Papierschirm über den Bergen von Kyrenia.

Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, am frühen Abend, zur Aperitifstunde, zum Baum des Müßiggangs hinunterzuschlendern und dort einen Brandy Sour zu trinken. Nach und nach lernte ich einige Dorfbewohner kennen. Der Wirt war alt. Vielleicht hatte er Anfang der Fünfzigerjahre noch Lawrence Durrell gekannt? Vielleicht war damals sein Vater der Besitzer des Cafés gewesen? Sein Englisch war so schlecht, dass wir uns nur über die lapidarsten Dinge unterhalten konnten.

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©Niki Marangou

»Brandy Sour okay?«

»Yes, good, very strong.«

Pause.

»Did you know Lawrence Durrell?« »Daril?«

»The guy of the Bitter Lemons, Acı Limonlar?« Ich machte eine Bewegung in Richtung Berge. »Yes. Yes. Acı Limonlar.«

Aber der Brandy Sour war wirklich gut und stark. Von allen Besuchern des Kaffeehauses sprach der liebenswürdige Uzun am besten Englisch. Er war Sportlehrer und in seiner Freizeit Imker. Seine Bienenstöcke befanden sich, wie er mir erklärte, auf einer Lichtung rund dreihundert Meter oberhalb von Bellapais. Er streichelte eine schwarze Katze, die sich an ein Bein un­seres Tisches schmiegte.

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©Niki Marangou

»Weißt du, warum ich Katzen mag?«, sagte er. »Die Katzen fressen Eidechsen, die sonst meine Bienen fressen würden. Den Katzen geht es gut. Sie ernähren sich von Eidechsen und Schlangen.«

»Gibt es denn viele Schlangen?«

»Schon. Aber fast nur diese schwarzen Nattern. Sie sind nicht giftig.«

Uzun wollte mir unbedingt seine Lichtung zeigen. Doch hielt sich meine Neugierde auf emsige Bienenschwärme in Grenzen.

»Warten wir mal ab«, sagte ich. »Ich habe so viel zu schrei­ben und zu lesen. Wir treffen uns morgen wieder, hier, zum Müßiggang.«

Als ich nach Hause kam, fand ich meine Gedichtnotizen nicht mehr. Seit ich in Bellapais lebte, schien ich in ein System er­höhter Fliehkraft geraten zu sein. Sonnenbrille, Führerschein, Schnorchel, ein Zettel mit wichtigen Telefonnummern und eben diese Kritzeleien hatten sich eine andere Umlaufbahn gesucht. Ich hatte Nikosia vergessen und vieles andere auch. Wenn die Kinder schliefen und Karin in der Wanne noch ei­nen Roman zu Ende las, versuchte ich zu schreiben, an dem einfachen Tisch im obersten Stockwerk. Das Licht der Steh­lampe zog jede Nacht die Insekten und damit die Geckos an. Ihr Körper war schlanker und eleganter als der der Geckos von Lapithos.

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©Niki Marangou

Er war auch durchsichtiger. In seiner Mitte gab es immer einen kleinen schwärzlichen Klumpen unter der durch­scheinenden Haut. Das waren die Fliegen und Mücken und Gottesanbeterinnenbabys, die sie schon verspeist hatten. Ich hoffte, ich könnte die einzelnen Insekten zählen, aber es war nicht möglich. Sie waren durch die Magensäfte schon zu einem dunklen Brei zermanscht. Die Eleganz der Geckos von Bella­pais erstreckte sich bis in die Zehen hinein, die nicht die übli­che, eher hässliche Breite aufwiesen. Es waren die mit kleinen Haken besetzten Lamellen dieser Zehen, die ihnen erlaubten, an Zimmerdecken oder selbst auf Fensterscheiben schlafwand­lerisch sicher herumzuhuschen oder auch nur stoisch zu war­ten und zu warten, bis sich eine Beute zeigte.

Einmal in der Nacht, als ich schrieb, gab ein Käfer in Rü­ckenlage auf dem Boden ein verzweifeltes Surren von sich. So­fort ließ sich der kleinste der Geckos zum Boden hinab und fraß den Käfer mit einem Happs. Karin meinte, ich sei ver­rückt zu denken, dass ich mich mit den Geckos anfreunden könnte und dass sie mich jeden Abend wiedererkennen würden, so wie ich sie. Aber einmal hielt eine der Echsen an der Wand an, exakt auf der Höhe der Tischplatte, und streckte mir die Zehen ihres linken Vorderfußes entgegen. Ein dünnes Fächeln. Ich streckte zur Antwort alle meine Schreibfinger aus. Es war fast so, als berührten sich unsere beiden so unterschiedlichen Tastgeräte. Von diesem innigen Moment, der gleich wieder vor­bei war, erzählte ich Karin nichts.

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©Niki Marangou

Aber bei Uzun, am nächsten Abend, beim Brandy Sour, brachte ich die Rede auf die Geckos und drückte die Hoffnung aus, dass nie eine Katze »meine« Geckos fressen möge.

»Tarentola mauritanica«, seufzte er. »So werden sie in den Lehrbüchern genannt. Sie gehören zum Mittelmeer wie der Olivenbaum und der Wein. Es gibt so viele davon. Du wirst es gar nicht merken, wenn eine Katze einen verspeist.«

Trotz dieser kühlen Betrachtungsweise war Uzun in einer Weise noch verrückter als ich. Er verstieg sich zu der Behauptung, dass die Geckos eine »laute Stimme« hätten. Ich müsse nur genau hinhören. Dann sprach er von dem Schwanz der Ge­ckos, der auch eine Haftvorrichtung habe. Diesen Teil würden die Katzen am meisten schätzen. Er scheine das Leckerste an einem Gecko zu sein.
Gottlob kam jetzt Izzet hinzu und setzte sich an unseren Tisch. Izzet war der Gärtner, der sich um die Bäume und Pflan­zen rund um die Abtei kümmerte. Er war ein Festlandtürke, in Mardin geboren, hatte irgendwo Gartenkunst und die Anla­gen osmanischer Parks studiert und war erst 1981 nach Zypern gekommen. Er hatte einen nicht gerade alltäglichen Familien­hintergrund. Eine Großmutter war armenischer Abstammung; er hatte koptische Verwandte in Alexandria. Diese Bastardisierung hatte ihn zu einem alerten jungen Mann gemacht, der sich in mehreren Kulturen auskannte.

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©Niki Marangou

An diesem Abend war er aufgeregt, weil seiner Meinung nach »die großen koptischen Sturmwinde« unmittelbar bevor­stünden. Früher als sonst im Jahresverlauf. Sie seien stark, wie der Mistral in der Provence oder die Tramontana in Italien, und sie würden stets drei Tage dauern. Am verheerendsten seien EI Mickness, der »Besensturm«, und dann EI Shams EI Kebira, der »Große Sonnensturm«. Er habe Angst um seine Zypressen im Kreuzgang und um einige hohe, zwar elasti­sche, doch fragile Fächerpalmen, die auf dem Abhang direkt unterhalb des Refektoriums standen. Wir versuchten, ihn zu beruhigen. Uzun meinte, dass diese im ganzen östlichen Mittelmeer berüchtigten Winde nie vor dem Ende des Sommers kämen. Ich bestellte Izzet einen extrastarken Brandy Sour. Die Berge hatten ihre violette Stunde. Auf der kleinen Straße entlang des Abteikomplexes auf der einen und einiger Res­taurants und Läden auf der anderen Seite promenierten jetzt die Dorfbewohner auf und ab, genossen das Verschwinden der Sonne, grüßten sich, schwatzten und zeigten stolz ihre kleinen Kinder her.

Ich bildete mir ein, ich könnte die türkischen Zyprer und die Festlandtürken auseinanderhalten, an ihrer Kleidung, an ihren Gebärden. Aber gibt es überhaupt so etwas wie »Zyprioten«? Die Inselgriechen meinen, sie stammten von den Mykenern ab, auch von den Ptolemäern und den Phöniziern. Ihr Griechisch sei näher an Homer als das Griechisch, welches heute die Athener sprächen. Die Inseltürken berufen sich auf die Osmanen. Aber wer kann das alles noch zurückverfolgen, nach zehn, zwölf, fünfzehn Besatzungswellen und ebenso vielen Kolonial­herren und so viel ethnischem und religiösem Her und Hin? Während meine Gedanken abschweiften, war Uzun bei seinem Lieblingsthema, den Bienen, angelangt. Aber nun kam Anna herbeigelaufen, pflanzte sich vor unserem Tisch auf und rief mit blitzend blauen Augen: »In zehn Minuten gibt es Schwert­fisch!«

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Ich verabschiedete mich von den Bienen und koptischen Winden, von meinen Bekannten, vom Wirt, vom Baum des Müßiggangs und trottete mit Anna die Straße zum groben Walnussbaum hinauf.

Wir machten in diesem Sommer ein paar Ausflüge. Nach Kyrenia natürlich. Auch zum Mondstrand. Nach Orga, einem Kaff noch ein paar Kilometer weiter als Lapithos. Und zu dem Kloster Antiphonitis, das ich noch nicht kannte und das mit­ten in den Kyrenia-Bergen steckt, auf dem Weg zu der Buffavento-Burg. Das Kloster war nur über schmale Pisten zu errei­chen, die durch duftende Kiefernwälder führten, mit überwältigenden Ausblicken über die Küste und das Meer aus großer Höhe. Wo immer wir hielten, war der Nadelboden mit bun­ten Patronenhülsen bedeckt. Zur Jagdzeit musste es hier hoch hergehen. Jetzt hatten wir zwei Stunden lang keinen einzigen Menschen gesehen. Ich war dann froh, vor dem Kloster einen Wärter zu entdecken, der vor einem Holzverschlag saß und ins Leere starrte. Wir mussten seit Tagen die ersten Besucher sein. Begeistert schloss er die Kirchentür für uns auf.

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©Niki Marangou

Antiphonitis lag über einem Luftabgrund, groß und gedrun­gen. Die Lichtung, auf der es stand, eine Art grüner Terrasse, war von den Anhöhen darüber nicht einsehbar. Das Kloster strahlte die Eigenschaften eines Refugiums aus. Wahrschein­lich hatten sich die Mönche, wie andernorts auch, von der Küste hierherbewegt, um vor arabischen Invasoren sicherer zu sein, und gewiss hatten in späteren Jahrhunderten auch die Steuereintreiber der osmanischen Herrscher ihre Mühe, die­ses Versteck zu finden. Wir traten in die Kirche wie in eine nach innen gekehrte, mystische Welt. Dass der Sakralbau uns so überwältigte, kam von diesem Gefühl, und dieses Gefühl rührte wiederum von der Architektur selbst. Acht mächtige, unregelmäßig gesetzte und über und über mit Fresken über­zogene Säulen trugen das runde Dach über dem kurzen Kir­chenschiff.

Diese Fresken setzten sich an den Wänden der Kir­che in einem Rausch aus Engeln und Kirchenvätern fort. Da die Farben des Auftrags immer noch lebhaft waren, schienen mir die vielen beschädigten Stellen nicht ein Werk der Zeit und der Witterung zu sein und auch nicht ein Werk der Verwüstung durch türkische Soldaten, da das Kloster, wie uns der Wärter erklärte, nach der Invasion sofort wieder zum Museum dekla­riert worden war. Aber das war Augenwischerei. Ein paar Wo­chen später, bei einem Besuch des Byzantinischen Museums in Nikosia, sah ich Fragmente von Fresken, vor allem Gesich­ter von Heiligen, die aus Antiphonitis stammten und offenbar nach einer langen gerichtlichen Auseinandersetzung von der orthodoxen Kirche zurückerlangt wurden.

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Auch Bellapais erkundeten wir in diesem Sommer genauer. Am schönsten waren die Gärten direkt unterhalb der mächti­gen Außenwand des Refektoriums. Hier bildeten Granatapfel- und Mirabellenbäume, Hibiskus und Oleander, Zypressen und uralte Palmen ein sattes grünes Dickicht, über dem die dem Meer zugewandte, mit sechs Streben und den sechs Fens­tern des Refektoriums klar gegliederte Außenmauer der Abtei fast vierzig Meter emporragte und die Kyrenia-Berge verdeckte, eine strenge goldbraune Behauptung im Nachmittagslicht. Aus den Streben lösten sich weiß und grau die Tauben, so viel lang­samer als die Schwalben, die freudig durch die Lüfte segelten und irre Haken schlugen.

Ehe wir’s uns versahen, war der August schon zur Hälfte vor­bei. Ich war ein paarmal nach Nikosia gefahren, um nach dem Rechten zu sehen. Die Freunde – Niki, Horst, Arianna, George, Glyn – waren alle irgendwo an der Küste. Ich sah die Post zu Hause durch, die Depeschen in der Botschaft und war schnell wieder in Bellapais. Wir hatten uns an das Walnut Cottage gewöhnt, doch fiel der Abschied von ihm leichter als der vom Harrison House vor einem Jahr.

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In dem Café unter dem Baum des Müßiggangs gab es noch ein paar Abschiedsrunden. Karin kam mit.

»Zum Ausklingen«, sagte sie.

Der alte Wirt nahm, wenn er die Gäste bediente, immer ei­nen Umweg an dem Stuhl vorbei, auf dem Karin saß. Das alte Schlitzohr musste sich in die Schulterblätter von Karin verliebt haben.

Im Café brummten drei vorsintflutliche Eisschränke vor sich hin. Ich berichtete Uzun von der Entwicklung meines Verhältnisses zu den Geckos im Cottage.

»Ich habe sie Nacht für Nacht beobachtet. Es war immer sehr still. Aber »laute Schreie«, wie du behauptet hast, habe ich nie vernommen. Einmal, schien mir, gab der kleinste der Ge­ckos ein Wimmern von sich, es war ein unhörbares Wimmern. Oder kümmerliches Schnauben.«

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»Sie schreien nur, wenn sie unzufrieden sind«, meinte Uzun. »Das alles heißt nur, dass sie sich bei dir verdammt wohlfüh­len.«

»Ich mache vor der Abfahrt noch ein Echsengericht«, schlug Karin vor. »Geckoschenkel an Tomatenschaum.«

Izzet und Uzun schauten mich mitleidsvoll an.

»Ich werde im Herbst versetzt«, sagte ich. »Nach Bonn. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir nicht nach Zypern, nach Bellapais, zu euch zurückkommen.«

In meiner letzten Nacht in Bellapais, vor dem Einschlafen, stellte ich mir die Einsamkeit der Geckos in einer insektenlosen Welt vor. Später ruderte ich einen Kahn, der mit Asche gefüllt war und langsam sank. Ich war höchst beunruhigt. Ich sagte mir immer wieder im Traum: Aber die Asche ist doch leicht, das Leichteste auf der Welt.

Abbildungen: Mit bestem Dank an Katerina Attalidou und Jorga Solomontos, Kulturabt. der Zyprischen Botschaft. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des mare Verlags. Joachim Sartorius: Mein Zypern. Mare Verlag 2013.

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