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Mit dem renommierten Journalisten hat der diablog.eu-Redakteur ein Interview zum Untergang der legendären Hafenstadt und kleinasiatischen Metropole im September 1922 geführt.
„Wenn man von beiden Seiten beschimpft wird, dann hat man etwas richtig gemacht“, sagt Lutz C. Kleveman. Der deutsche Autor bereiste die griechischen Inseln Lesbos, Samos, Chios und Leros sowie die Stadt Izmir, das ehemalige Smyrna. Darüber hat er ein Buch geschrieben, Smyrna in Flammen. Der Untergang der osmanischen Metropole 1922 und seine Folgen für Europa. Im Interview mit diablog.eu berichtet er über die Hintergründe seiner Reise und die Reaktionen auf seine Publikation.
1 Warum hatten Sie sich auf die Reise nach Izmir begeben?
Eigentlich wollte ich gar kein Buch über Smyrna schreiben, sondern die Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln sehen. Ich fragte mich nach den Zuständen dort und nach den Geschichten der Menschen. Dazu reiste ich auf die Inseln Lesbos, Samos, Chios und Leros. Im Zuge dieser Recherchen ist mir dann aufgefallen, dass es einen historischen Vorgänger der aktuellen Geschehnisse gab. Fast genau 100 Jahre zuvor: der Brand von Smyrna. So konnte ich mir auch die Solidarität mancher Griechen mit den Flüchtlingen erklären. Viele Griechen oder ihre Vorfahren sind selbst einmal aus Kleinasien geflohen. Das hat mich nach Izmir und zu meinen Recherchen über das historische Smyrna geführt. In der kosmopolitischen Stadt lebten einst verschiedene Ethnien und Kulturen zusammen – bis zum großen Feuer 1922.

2 Wie sind Sie auf Ihrer Recherche vorgegangen?
Ich spreche zwar weder Griechisch noch Türkisch, aber ich habe bei meinen Recherchen vom Institut français in Izmir profitieren können. In deren Bibliothek findet man im Grunde alles, was über Smyrna veröffentlicht wurde. Entweder im Original oder in französischer Übersetzung.
3 Welche Widersprüche sind Ihnen aufgefallen zwischen der griechischen und der türkischen Geschichtsschreibung?
Während meiner Recherchen, innerhalb eines Jahres, habe ich immer wieder diese Staatsgrenzen überquert – zwischen Chios und Izmir. Diese vermeintliche Grenze zwischen Europa und Asien. Zwischen Orient und Okzident. Zwischen Christentum und Islam. Und dann geschah etwas, das ich als Dekonstruktion bezeichnen würde: eine Brechung dieser vermeintlichen Gegensätze. Vor Ort erlebt man diese Grenzen kaum. Tatsächlich stellt man schnell fest, dass es dort einen gemeinsamen Kulturraum gibt. Und der eigentliche Gegensatz ist vielmehr der zwischen diesem gemeinsamen Kulturraum auf der einen Seite und den jeweiligen nationalen Geschichtsschreibungen der beiden Länder auf der anderen. Beide Nationen sehen sich jeweils als diejenige, der furchtbares Unglück zugefügt wurde. Und am Brand von Smyrna geben sich beide Nationen gegenseitig die Schuld.
4 Welche Reaktionen gab es auf Ihre Publikation?
Zum 100. Jahrestag der sogenannten Kleinasiatischen Katastrophe erschienen viele Bücher. Meins war das einzige, das nicht so eine Heimweh-Nostalgie-Literatur dargestellt hat. In Griechenland wurde die Übersetzung ein Bestseller. Trotzdem bin ich auf einer Buchpräsentation in Neu-Smyrna, dem Athener Stadtteil Nea Smyrni, übel beschimpft worden. Fast wären faule Tomaten geflogen. Die wollten nichts hören von einer Mitschuld. Hätten wir die Buchpräsentation im Stadtzentrum gemacht, wären die Reaktionen vielleicht anders gewesen. Auf türkischer Seite ist das Buch vom größten Verlag des Landes gekauft und übersetzt worden. Leider wurde die Buchpräsentation in Istanbul im letzten Moment abgesagt, weil es in meinem Buch auch Kritik an Mustafa Kemal Atatürk gibt. Wenn man von beiden Seiten beschimpft wird, dann hat man etwas richtig gemacht.
5 In Ihrem Buch erwähnen Sie neugriechische Literatur. Was hat Sie persönlich inspiriert?
Natürlich „Alexis Sorbas“ von Nikos Kazantzakis, ein Werk, was wir alle kennen. Sehr viele Westeuropäer reisen ja auch nach Griechenland auf der Suche nach Einheimischen, die wie Alexis Sorbas sind. Und dann stellen sie fest, dass es sie kaum gibt. Auch ich habe solche Lebenskünstler kaum getroffen. Selbst die Griechen wünschen sich, so wie Alexis Sorbas zu sein. Gerade auf den griechischen Inseln leben die Menschen eher konformistisch.

Das Buch
Lutz C. Kleveman: Smyrna in Flammen. Der Untergang der osmanischen Metropole 1922 und seine Folgen für Europa
Aufbau-Verlag, 2022, 381 Seiten, 24 €
Hardcover mit Schutzumschlag und Abbildungen
ISBN: 978-3-351-03459-7

Lutz C. Kleveman ist Autor und Fotograf. Er studierte Romanistik an der Universität Aix-en-Provence und Neue Geschichte an der London School of Economics. Von 1999 berichtete er als freier Journalist und Fotograf aus Krisengebieten unter anderem für die Medien Daily Telegraph, Die Zeit, Newsweek und Playboy Magazine. Kleveman hat mehrere Sachbücher verfasst.
::: Lutz C. Kleveman hier

Raphael Irmer hat Neogräzistik und Byzantinistik an der Universität Hamburg studiert. 2022-2023 absolvierte er ein Volontariat bei der Magdeburger Tageszeitung Volksstimme.
::: Raphael Irmer bei diablog.eu hier
Interview: Raphael Irmer. Redaktion: A.Tsingas. Fotos: Aufbau-Verlag, L.Kleveman, R.Irmer. Beitragsbild: Wikimedia Commons.
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