Ein Junge mit Defekten

Roman von Sam Albatros

Sam Albatros gehört zu einer neuen Generation von Schriftsteller*innen und Künstler*innen, die soziale Medien als eine Art Zwischenablage nutzen. Dort versuchen sie sich in neuen Ausdrucksformen und tauschen persönliche Gedanken aus – die Medien fungieren als elektronisches Tagebuch.

Sam Albatros´ erster Roman Elattomatiko agori (Ein Junge mit Defekten) erschien 2021 (bei Hestia Editions, dem ältesten Verlag Athens, gegründet 1885), stand bereits wenige Tage nach Erscheinen auf der Bestsellerliste von public.gr. Die erste Auflage war innerhalb von zwei Wochen ausverkauft.

Cover Buch Albatros

diablog.eu präsentiert daraus einen Ausschnitt:

Ein Junge mit Defekten

Wir haben den Fernseher, den wir gekauft hatten, zurückgebracht, weil er defekt war. Papa stand empört im Geschäft und sagte: »Ihr seid allesamt defekte Fernseher!« Die Herren Fernseher wussten nicht, was tun, vor lauter Scham wechselten sie von einem Kanal zum anderen. Sie sagten, sie würden uns dasselbe Modell ersetzen, diesmal aber mängelfrei. Aber wir wissen nicht, wann. Gleich, meinten sie. Wenn es dasselbe »gleich« ist, das ich Mama sage, wenn sie mich fragt, wann ich mein Zimmer aufräume, dann können wir uns das Gerät abschminken.
Jetzt ist es Abend und wir kehren mit dem Auto nach Hause zurück. Ich sehe, wie Herr Stadtwerke die Straßenlaternen anknipst.
»Papa, wenn ich die Augen zusammenkneife, kriegen die Lichter Antennen wie ein Radio und wie die Manga-Figuren bei >Sailor Moon<. Habe ich auch ein Problem? Bin ich auch defekt?«
»Nein, das ist ganz normal«, sagt Papa.
»Papa, wenn ich die Augen zusammenkneife, gehen die Lichter in die Breite und bekommen Blütenblätter. Aus den kleinen Lichtern werden Blumen. Aber Blumen sind doch was für Mädchen. Fehlt mir bestimmt nichts?«
»Hör auf, solche Dinge zu denken«, sagt Papa und macht die Musik an. Ich mag die Kassette sehr, weil die Lieder fröhlich sind. Danach kommen auch wehmütige, die mir gar nicht gefallen. Eines dieser traurigen Lieder handelt von einer rosa Teekanne, die sehr glücklich war, solange sie im Haus bei den Menschen wohnte. Aber sie wurde defekt und ging eines Tages kaputt, wurde weggegeben und durch eine andere ersetzt. Das wische ich mit dem Schwamm in meinem Kopf einfach weg. Ich lehne mich in den Sitz zurück und erhole meine Augen.

Wir sind im Wohnzimmer. Mama hält mich auf dem Schoß und schaut fern. Der Fernseher ist zwar an, zeigt aber kein Programm, nur Schneegeriesel. Der Schnee dringt aus dem Fernseher in unsere Wohnung, so dass auch wir schwarzweiß sind. Im Zimmer schneit es. Papa kommt und trägt den Fernseher weg, weil er defekt ist. Mama schaut weiterhin fern, obwohl gar kein TV-Gerät mehr dasteht. Unter dem Wohnzimmertisch taucht eine kaputte rosa Teekanne auf und blickt mich an. Sie hebt ihren Deckel hoch und es beginnt ein Wasserwirbel wie in der Badewanne, wenn man den Stöpsel herauszieht, das Wasser abfließt und man Angst kriegt, mit nach unten gezogen zu werden – ein rosa Wasserwirbel mitten im Zimmer, der nur mich verschlingt. Ich schreie »Mama, Mama! Hilfe!« Ich sehe, wie meine Worte gegen die Wände prallen, gegen alle Dinge im Zimmer, Mama aber nicht erreichen, zu Boden fallen, zerbersten und zu Schrott zerfallen. Mama hört nicht oder tut so, als höre sie nicht. Ihre Augen sind blank und voller Schnee wie eine gläserne Schneekugel.
Wegen der Teekanne bin ich pudelnass. Ich sitze in ihr gefangen: Ich bin auf einen kleinen Berg mit weiteren, kaputt wirkenden Sachen gestürzt. Die Teekanne richtet ihre Augen nach innen und blickt mich an. Ihre Augen beleuchten mich wie Scheinwerfer.
»Ich sammle Kinder, die ihre Eltern nicht mehr haben wollen, weil sie Defekte haben«, sagt sie.
»Aha«, sage ich. »Versprich mir aber, dass du meinen Eltern schnell dasselbe Modell schickst, weil sie sonst sehr unglücklich sind. Sie haben ja keinen mehr, mit dem sie schimpfen und an dem sie sich abreagieren können.«
»In Ordnung«, sagt sie.
»Und, was wird aus mir?«, denke ich, schaffe es aber nicht mehr, sie zu fragen. Die Teekanne hat ihre Augen wieder nach außen gerichtet und es wird dunkel.

Papa rüttelt mich wach, er hat gemerkt, dass ich geträumt habe. Als ich schlief, glaubte ich das alles. Es hat mich sehr traurig gemacht, aber das will ich Papa nicht erzählen.
Wir steigen aus dem Auto und gehen in die Wohnung hoch.
»Papa, was wird aus dem defekten Fernseher, den wir zurückgebracht haben? Wo kommen all die Dinge hin, die Mängel haben?«, frage ich.

in der natur
©Sam Albatros

Sam Albatros

Als Künstler*in hat Sam Albatros Multimedia-Performances und experimentelle Kurzfilme in Griechenland, Zypern, UK und Deutschland präsentiert. Sie/er bekam Residenzstipendien in Berlin (am LCB) und Leipzig (Programm des Goethe-Instituts Thessaloniki in Kooperation mit der Stadt Leipzig, dem Kunstzentrum HALLE 14 und dem Literaturmagazin Edit). 2021 wurde sie/er als bildende/r Künstler*in mit dem Stavros Niarchos Foundation Artist Fellowship Program from Artworks ausgezeichnet. Sie/er ist in den sozialen Medien aktiv und veröffentlicht eigene und übersetzte Gedichte im Videoformat auf dem Channel Sam Albatros bei YouTube und auf ihrem/seinem Webportal queerpoets.com. 2022/23 soll ihre/seine Übersetzung von Richard Sikens ikonischem Gedichtband Crush von 2004 veröffentlicht werden.
Als Wissenschaftler*in arbeitet sie/er als Psychologiedozent*in in London. Sie/er studierte kognitive Neurowissenschaften an den Universitäten Paris-Sud XI, University College London und University of Cambridge als Stipendiat*in der Staatlichen Stipendienstiftung (IKY) und der A.G. Leventis Foundation (beide Griechenland). Vor kurzem hat sie/er im Rahmen eines Stipendiums der Wellcome-Trust-Treuhand (London) am University College London (UK) und dem National Institute of Mental Health (USA) promoviert.

Buchdaten

Elattomatiko agori (Ein Junge mit Defekten, erhältlich nur auf Griechisch)
Hestia Publishers, Athen 2021, 200 Seiten
ISBN-13: 9789600518153

Auszug: Sam Albatros in der Übersetzung von Michaela Prinzinger. Redaktion: A. Tsingas. Fotos: Hestia Publishers und Sam Albatros.

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