Vater Staat hat mich besiegt

Artikel von Dimitris Fyssas

Bürokratiedschungel in Griechenland: Der Schriftsteller Dimitris Fyssas beschreibt, wie „Vater Staat„ ihm jede Motivation geraubt hat, weiter selbständig tätig zu sein. Vorschriften über Vorschriften, Steuern über Steuern, ein bürokratisches Hindernis nach dem anderen vergällen einem das Leben. Wie soll man unter solchen Bedingungen noch kreativ sein? Dimitris Fyssas ist das beste Beispiel, wie das dennoch gelingt.

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Athen-Grafitti, ©diablog.eu

1974 habe ich die Schule abgeschlossen und – noch vor meiner Aufnahmeprüfung an der Universität – sofort zu arbeiten begonnen. In meinem Versicherungsbuch kleben noch Gebührenmarken von Arbeitgebern aus der Zeit nach dem Sturz der Diktatur (wie den Thermis-Fabrikwerken). Seitdem arbeite ich fast ununterbrochen. Da meine Familie recht wohlhabend war, arbeitete ich am Anfang nicht primär, um zu überleben, sondern um meinen Lebensstandard zu verbessern. Seit wir Zuwachs bekommen haben, sind die finanziellen Belastungen natürlich auch gestiegen, und ich arbeite nur noch, damit meine Familie überleben kann.

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Athen-Grafitti, ©diablog.eu

Ein Leben lang war ich im Privatsektor beschäftigt. In den ersten Jahren meiner Erwerbstätigkeit war ich bei der Kasse der Angestellten versichert, 1984 wechselte ich 28-jährig zur Kasse der Freiberufler. So arbeitete ich in Fabriken und in Buchhandlungen, lehrte Englisch für Anfänger in einem Dorf in Attika, verfasste Artikel für eine große Enzyklopädie, schleppte Kisten auf dem Gemüsemarkt, verkaufte Waren von Tür zu Tür, erteilte Privatunterricht, unterrichtete in Sprach- und Nachhilfeschulen, produzierte Texte für Unternehmen, schrieb als freier Autor für Zeitschriften und Zeitungen, verfasste Einträge für das Dimitrakou-Wörterbuch, veröffentlichte Bücher und stellte Bücher vor, beriet drei Monate lang einen (der wenigen fähigen) Minister, produzierte Radiosendungen und lektorierte Texte. Das war’s, wenn ich nichts vergessen habe.

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Athen-Grafitti, ©diablog.eu

Ich kann es nur wiederholen: Ich arbeite seit 41 Jahren, davon 31 Jahre als Freiberufler. Ich war aber auch Angestellter, Arbeitgeber und Selbstständiger. Wer das kennt, versteht auch, was ich meine. Es macht jedoch wenig Sinn, es anderen wie den im Elfenbeinturm des öffentlichen Dienstes tatenlos Herumsitzenden oder den Parteisoldaten nahebringen zu wollen.

Nun hat mich der griechische Staat besiegt. Nach 31 Jahren (angeblicher) arbeitstechnischer Selbstständigkeit bin ich gezwungen, meine Tätigkeit beim Finanzamt abzumelden. Mehrwertsteuer, außerordentliche Abgaben, Solidaritätsabgaben, Bürokratie, Steuervorauszahlungen, Sonderkontrollen des Finanzamts, die Forderung nach Kunden- und Zuliefererlisten, Versicherungsbeiträge (€ 450 monatlich), Sonderabgaben für Wohnungseigentum und vieles mehr haben mich in die Knie gezwungen.

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Athen-Grafitti, ©diablog.eu

Nun hat es der griechische Staat geschafft, dass ich sein Schuldner bin; ich, der seine Steuern immer fristgerecht gezahlt hat. Würde ich weiterhin meiner freiberuflichen Tätigkeit nachgehen, würden auch meine Schulden weiter steigen, obwohl ich seit ein paar Jahren aus Geldnot zu meinem Vater zurückgezogen bin – ich, der 1974 mit dem ersten Lohn aus der Fabrik ein eigenes Zimmer gemietet hatte.

Es macht kaum Sinn, zu erklären, was der Satz „meine Tätigkeit beim Finanzamt abmelden“ eigentlich bedeutet. Nur Menschen, die das erlebt haben, können dieses kaum erträgliche, bedrückende Gefühl nachvollziehen.

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Athen-Grafitti, ©diablog.eu

Für andere Leute mögen EU-Gelder, Zulagen, Gefälligkeiten, Zuschüsse, Darlehen, gewerkschaftliche Privilegien, Steuerbefreiungen, Frührenten, bezahlte Urlaube, Boni etc. in ihrem sicheren Arbeitsverhältnis z. B. im öffentlichen Dienst, bei minimaler Anstrengung und Konzentration auf die Arbeit erstrebenswert sein. Für mich war das nie eine sinnvolle Alternative. Die Arbeit erscheint mir so sinnentleert und unbefriedigend zu sein. Ich bin nicht neidisch auf diese Sichtweise.

Für uns Selbständige hingegen gibt es immer mehr Papierkram (obwohl alles digital abgewickelt werden soll), immer mehr Schwierigkeiten, immer höhere Steuern. Nach Jahrzehnten harter Arbeit komme ich zu dem Schluss, dass sich der griechische Staat an uns rächt, weil wir nicht zu seinen Untertanen geworden sind. Wir sind aber auch selbst schuld daran, weil wir niemals eine politische Institution gegründet haben, die ausschließlich die Versicherten des Privatsektors, also die in der Privatwirtschaft Beschäftigten und die Selbstständigen und Freiberufler, vertritt.

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Athen-Grafitti, ©diablog.eu

Meine früheren Kommilitonen sind schon im Ruhestand. Aber auf sie bin ich nicht neidisch, denn so habe ich mir meine Zukunft nicht vorgestellt – ganz abgesehen davon, dass die stolzen griechischen Staatsdiener drei Jahre brauchen, um eine Rente zu genehmigen. Noch bereue ich es, dass ich mich nicht als Gymnasiallehrer einstellen ließ. Ich will einfach nur arbeiten, produktiv sein und mich produktiv fühlen. Ich würde gerne bis zum Ende meiner Tage aktiv sein, als guter Vertreter meiner Zunft.

Aber nun bin ich gezwungen, meine freiberufliche Tätigkeit abzumelden – wenn ich es denn schaffe, denn wer weiß, auf welche Summe sich meine Endschulden bei Finanzamt, Krankenkasse und Rentenversicherung belaufen wird. Und dann kann ich nur noch eine lohnabhängige Tätigkeit aufnehmen. Aber kein Arbeitgeber würde einen fast 60-Jährigen einstellen, auch wenn er der beste Bürohengst mit der robustesten Gesundheit der Welt wäre. So würde ich aller Wahrscheinlichkeit nach arbeitslos werden und in die (noch größere) Armut abgleiten, so wie der Held in meinem Roman „Nilüfer in Zeiten der Krise“, wenn es die Zeitung „Athens Voice“ nicht gäbe.

Also bin ich seit der Jahreswende wieder Angestellter, ganz so wie als Berufseinsteiger. Wie das Leben so spielt…

Text: Dimitris Fyssas. Übersetzung: Kostas Tsanakas. Mit freundlicher Genehmigung des Autors entnommen aus: Athens Voice. Fotos: Michaela Prinzinger,©diablog.eu

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