Aus dem Rahmen gefallen

Erzählung von Nikos Panajotopoulos

Besser könnte man die Position Griechenlands momentan gar nicht beschreiben als „aus dem Rahmen gefallen„. In seiner Erzählung lässt Nikos Panajotopoulos Besucher aus aller Herren Länder mit dem Doppeldeckerbus durch Athen gondeln, posieren und fotografieren. Das Land ist beliebte Touristendestination und dem übrigen Europa dennoch ein schwer zu lösendes Rätsel. Und wo bleiben die Griechen inmitten all der Touristen? Sie stehlen sich diskret aus dem Bild… Nikos Panajotopoulos hat sich in seiner Erzählung das ehrgeizige Ziel gesetzt, sämtliche EU-Länder namentlich unterzubringen. Und es ist ihm bravourös gelungen! Michaela Prinzinger hat übersetzt, im „Who is who„ finden Sie mehr zum Autor.

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John D. aus Birmingham, Supermarktangestellter und Sohn eines Busfahrers, fühlt sich fast wie zu Hause, als er Athen auf dem Deck des zweistöckigen roten Touristenbusses durchquert. Er genießt die zarten Sonnenstrahlen auf seinen geschlossenen Augenlidern, hinter denen er – wie auf einer Leinwand – seinen Vater sieht, wie er lächelnd den Türknopf drückte.

Seine irische Freundin Molly B., die in einem kleinen Frisiersalon arbeitet, richtet ihre winzige Digitalkamera auf ihn.

Als John das Klicken des Verschlusses hört, öffnet er die Augen und fordert sie gut gelaunt auf, noch eine Aufnahme mit ihrem Handy zu machen, um sie gleich über Facebook den Verwandten und Freunden in der Heimat zu zeigen.

Molly erhebt sich bereitwillig und geht auf zwei deutsche Pärchen zu, die weiter vorne sitzen, und bittet um ihre Mithilfe. Wenn Verwandte und Freunde ins Spiel kommen, will auch sie mit auf dem Foto sein.

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Der hünenhafte Franz G., Facharbeiter in einem Holzlager im Großraum München, nimmt vorsichtig das teure Handy – neuestes Modell einer bekannten finnischen Marke – entgegen und fokussiert.

Molly kehrt an ihren Platz zurück, umarmt John und zupft sich die Haare zurecht, während sie an ihre Kolleginnen im Frisiersalon denkt, die sich bestimmt um den Computerbildschirm scharen und voller Neid den Schnappschuss bewundern werden.

Franz scheint jedoch ein Problem zu haben. Er weiß nicht, wo er drücken soll.

Die österreichische Ehefrau seines besten Kumpels, Michaela P., Privatsekretärin des holländischen Marketingdirektors bei einem belgischen Schokoladenhersteller, kommt ihm zu Hilfe, denn auch sie besitzt dasselbe Modell.
John, der schon fast die Lust verloren hat – so schwer kann es ja schließlich nicht sein, ein Foto zu machen, oder? – ruft Molly zu Hilfe.

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Im selben Augenblick wird der junge Motorradkurier Georgi F. – Frucht der kurzlebigen Beziehung zwischen einer Wirtschaftsmigrantin aus Plovdiv, die sich als Putzfrau verdingte, und einem polnischen Vorarbeiter, der jahrelang auf dem Bau gearbeitet hatte, bevor er aufgrund der Wirtschaftsflaute nach Breslau zurückkehrte – von einer französischen Mietlimousine geschnitten, deren Fahrer, ein auf Offshore-Firmen spezialisierter zypriotischer Rechtsanwalt, kurz durch einen Blick auf sein Handy abgelenkt war. Denn dort war gerade die SMS eines Kollegen eingegangen, der sich als Verbindungsmann zu Kundschaft aus den drei baltischen Staaten und mehr angeboten hatte.

Georgi F. flucht in fehlerfreiem Griechisch, verreißt den Lenker seines italienischen Skooters nach rechts und zwingt dadurch den Fahrer des Doppeldeckerbusses zu einer Notbremsung, die Molly B. gegen den hünenhaften Franz G. schleudert, der seinerseits gegen die Ehefrau seines besten Kumpels prallt.

Georgi F. hat von alledem nichts mitbekommen und setzt seine Fahrt zur portugiesischen Botschaft fort, wo er einen umfangreichen Briefumschlag abzugeben hat. Er gibt Gas, um noch bei Grün über die Ampel zu kommen, doch es ist bereits rot, als er die Kreuzung passiert.

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Gleichzeitig entschließt sich Evagoras N. zu einem privaten Treffen mit Josef S., der ihm nebst allem anderen ein unvergessliches Wochenende in Prag in Aussicht gestellt hat.

Keiner der beiden Straßenverkehrsteilnehmer hat gemerkt, dass der Bus ihretwegen anhalten musste und der Fahrer aufs Oberdeck klettert, da er einen lauten Krach und Schreie vernommen hat.

Doch es ist nichts Schlimmes passiert. John macht sich Sorgen um Molly, Molly macht sich Sorgen um ihr Handy, Franz um Michaela und die wiederum um ihre weiße Hose.

Der Fahrer entschuldigt sich mit konfusen Erklärungen und stellt die Fahrgäste nachsichtig zur Rede. Sie hätten nicht auf dem Busdeck stehen dürfen, wie auch das Schild mit den Sicherheitshinweisen in fünf Sprachen – und zwar auf Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch und Spanisch – erläutert.

 

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Und obwohl nichts Schlimmes passiert ist, beschließen sie auszusteigen. Als der Fahrer wieder mit den Entschuldigungen anhebt, beruhigt ihn John: Das könne jedem passieren. Er kenne das von seinem Vater, dem sei das mehr als ein Mal passiert…

Franz und sein bester Freund verlassen hinter Michaela und Kirsten Ch., Franz’ dänischer Ehefrau, den Doppeldeckerbus. Sie arbeitet bei einer skandinavischen Importfirma mit Sitz in Luxemburg und kommentiert mit spitzer Zunge die balkanischen Sitten im Straßenverkehr. Alle erinnern sich an einen Unfall in den gemeinsamen Ferien vor ein paar Jahren, an der Grenze zwischen Kroatien und Slowenien, und sie stimmen darin überein, dass solche Ereignisse, besonders wenn sie glimpflich enden, schließlich zu unauslöschlichen, amüsanten Erinnerungen werden…

Da fällt Franz seinem besten Kumpel etwas unhöflich ins Wort. Er deutet auf das Hadrianstor und erklärt, er besitze eine alte Schwarzweißfotografie seines Vaters, die genau am selben Ort geschossen wurde. Interessanterweise unterschlägt er die Tatsache, dass sein Vater damals Uniform trug.

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Kurz darauf postiert sich Franz an genau derselben Stelle wie sein Vater vor dem Hadrianstor. Anstelle des Soldatenhelms trägt er einen breitkrempigen hellen Sonnenhut, auf dem Rücken sitzt sein Tornister – das heißt, sein Wanderrucksack, den er vor drei Jahren spottbillig auf Malta gekauft hat – und bewaffnet ist er gegen die Bullenhitze mit einer Flasche Wasser.

Michaela nimmt Franz mit ihrem Handy auf, sein bester Freund fotografiert Franz zwischen Michaela und Kirsten. Molly und John, die auch noch dabei sind, bieten an, alle vier abzulichten, die sich postwendend mit einer Aufnahme von Molly und John vor dem Tempel des Olympischen Zeus revanchieren.

Dort verabschieden sie sich voneinander und jeder geht seiner Wege. Franz begibt sich mit seinen Freunden zurück ins Hotel am Syntagma-Platz, um eine Kleinigkeit zu essen und vor der nachmittäglichen Shoppingtour Kraft zu tanken. Molly und John machen sich auf die Suche nach einem kühlen Bier, um ihren Abend strategisch zu planen.

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Auf dem Weg zum Hotel schaut sich Franz noch einmal das Foto an, das Michaela von ihm gemacht hat. Er ist seinem Vater ganz aus dem Gesicht geschnitten und mit seinem Erscheinungsbild durchaus zufrieden. Nur die zwei jungen Frauen stören ihn ein wenig, die ins Bild laufen.

Was Franz nicht weiß, ist, dass es sich um Piroschka Z. aus Ungarn und Milena T. aus der Slowakei handelt, die unter den Künstlernamen Monika und Sonja in einem Wellness-Studio an der Syngrou-Straße Massagen anbieten.

Michaela entschuldigt sich mit der Begründung, sie habe sich ganz auf ihn konzentriert, während ihm sein bester Kumpel versichert, digitale Fotos könne man problemlos zuschneiden.

Etwa zur gleichen Zeit bringt der Kellner John und Molly gerade ihr kühles Bier, während sie ihr Foto zu den Klängen von „Minor Swing“, das von rumänischen Straßenmusikern dargeboten wird, auf Facebook posten.

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Molly bemängelt, ihre Gesichter seien auf der Aufnahme nicht gut zu erkennen, da sie mit einem großen Weitwinkel aufgenommen wurde, um die hoch aufragenden Säulen ins Bild zu bekommen.

Und John fügt mit einem weißen Schaumbärtchen auf den Lippen hinzu, besser wäre es, wenn die Supermarkttüten auf der Bank links nicht auf dem Foto wären, die offenbar dem Mann mit dem zerrissenen Turnschuh gehören, der wie ein Gejagter aus dem Bild stürzt.

Was John und Molly nicht wissen und vermutlich auch nie erfahren werden, ist: Dabei handelt es sich um Andreas G., in Perama geboren und in Köln aufgewachsen, wo seine Eltern als Gastarbeiter untergekommen waren. Schließlich war er irgendwann nach Griechenland zurückgekehrt und hatte – gleich zu gleich gesellt sich gern – Georgia D., eine Landsmännin, geheiratet. Mit ihr hat er zwei Kinder, die er allerdings seit der Trennung nicht mehr sieht. Das war zwei Jahre, nachdem er seine Arbeit im Stahlwerk verloren und Georgia beschlossen hatte, sich auf ihre Tante zu verlassen, die ihr einen Job in Melbourne versprochen hatte.

Andreas, der auf die Sechzig zugeht, hat den Eindruck, dass er sich so lange wie möglich ohne fremde Hilfe durchgeschlagen hat und nun auf der Verliererseite steht. Er hat sich mit der Idee angefreundet, ein Schiffbrüchiger zu sein. Und jedes Mal, wenn ihn die Normalsterblichen mit ihren lächerlichen Geräten ins Fadenkreuz nehmen, durch die sie sich gegenseitig ihre Existenz beweisen wollen, weigert er sich, als Hintergrundfigur zu fungieren. Lieber geht er aus dem Bild.

Auszug mit freundlicher Genehmigung der Ellinogermaniki Agogi aus: Das Europa der Jugend, Ellinogermaniki Agogi, Athen 2013. Übersetzung: Michaela Prinzinger, Fotos: Michaela Prinzinger, ©diablog.eu

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