So machen’s alle

Weihnachtsgeschichte von Amanda Michalopoulou

diablog.eu ist vier Monate alt und übermorgen ist Weihnachten, Zeit für ein Geschenk für unsere Leserinnen und Leser: Das Künstlerpaar Amanda Michalopoulou und Dimitris Tsoumplekas hat ein Weihnachtspäckchen geschnürt, Michaela Prinzinger hat übersetzt und wünscht im Namen aller Mitarbeiter schöne und erholsame Feiertage. Ihr diablog.eu meldet sich im Januar mit neuen Kräften wieder zurück.

Sie waren kurz vor Weihnachten mit einer Billigfluggesellschaft nach Berlin gereist. Seine Knie bohrten sich in das Netz mit den Zeitschriften an der Rückseite des Vordersitzes. Seine Frau verschluckte sich und bat um ein Glas Wasser. Dafür berechnete man ihnen zwei Euro.

Sie wartete in der Ankunftshalle auf sie, mit ihrem grünen Mantel, dem Pferdeschwanz und dem ewigen Kaugummi.

„Wie war die Reise?“

Ihr Vater schaute zu einem jungen Mann mit Rastalocken und schwarzem Kajal unter den Augen hinüber.

„Sag mal, laufen hier alle so rum?“

Doxa unterdrückte ein Lachen. Die rosa Kaugummiblase platzte auf ihren Lippen. Geübt holte sie die Reste mit Zunge und Zähnen wieder in den Mund.

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©Dimitris Tsoumplekas

„Immer noch dieselbe Geschichte mit den Kaugummiblasen?“

Sie umarmte ihn – ihr Hals roch nach Duschgel mit Vanilleduft.

„Willkommen, Herr Professor!“

Sie wandte sich an ihre Mutter.

„Mama, gut siehst du aus!“

Sie nahmen ein Taxi. An der Autobahnausfahrt tauchten Kräne und Baugerüste auf.

„Bis jetzt ist Berlin ja nichts Besonderes“, meinte er.

„Es wird früh dunkel“, murmelte ihre Mutter.

Doxa beugte sich vor zum Fahrer. „Wir machen einen kleinen Umweg“, verkündete sie triumphierend. „Wir fahren über die Unter den Linden.“

„Ach, Unter den Linden“, sagte er und machte es sich auf seinem Sitz bequem. „Da bin ich ja mal gespannt.“

Kurz darauf tauchten die Linden in voller Weihnachtsbeleuchtung vor dem Fenster auf. Er musste sich sehr beherrschen, um nicht von der Etymologie des griechischen Wortes für „Linde“ anzufangen, von der Bedeutung der griechischen Präposition für „unter“, wenn sie sich auf Bäume bezieht, und von homerischen Zitaten wie υπό δρυΐ oder υπό όγχνην. Er hätte jetzt stundenlang über die Rolle des Baumes in den Kulthandlungen der Minoer, über das Goldblatt bei den Orphikern, über den Efeu bei den Großen Dionysien, über die Weidenruten bei den Thesmophorien, über die Baumnymphen erzählen können. Statt dessen sagte er: „Schrecklich. Wie billige, beleuchtete Plastikrohre.“

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©Dimitris Tsoumplekas

„Schau, das hier wird dir bestimmt gefallen. Das Gebäude links ist die Staatsoper. Ich habe Karten für euch reserviert.“

„Für welches Stück?“

„Mozart, Così fan tutte.“

„So machen’s alle“, meinte ihre Mutter. „Geht’s da nicht um zwei Schwestern, die ihre Männer tauschen?“

„An dem Tag geben ich und meine Mitbewohnerin eine Party. Das ist doch langweilig für euch.“

Warum langweilig? Da hätten sie doch ihre Kommilitonen kennenlernen können.

„Wenn ihr Lust habt, können wir heute Abend auf einen Weihnachtsmarkt gehen.“

„Ach ja! Ich muss sowieso noch ein paar Geschenke kaufen“, sagte ihre Mutter.

Ihr Hotel hieß „Honigmond“ und lag in Ostberlin. Eilig zogen sie sich um, während Doxa an der Rezeption auf sie wartete.

„Wir gehen zum Potsdamer Platz. Das ist nicht weit. Damit ihr euch nicht gleich am ersten Tag überanstrengt.“

Ihre Mutter trug einen Pelzmantel, ihr Vater unter seiner Jacke noch zwei Pullover.

„Wisst ihr, woran man griechische Touristen in Berlin erkennt? Daran, dass sie sich anziehen wie in Sibirien.“

„Aber, Kind, was sollen wir sonst machen? Frieren?“, entgegneten sie wie aus einem Mund.

Sie gingen die Stufen zur U-Bahn hinunter. An der Tafel über ihren Köpfen blinkte die elektronische Anzeige des einfahrenden Zuges.

„Die öffentlichen Verkehrsmittel scheinen ja gut zu funktionieren. Pünktlich.“

„Wie schön, Papa, dass dir hier auch etwas gefällt.“

„Mir gefällt alles, was sinnvoll ist.“

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©Dimitris Tsoumplekas

Sie stiegen an einem Platz mit futuristischen Gebäuden aus. Ihre Mutter rief: „Ach du meine Güte!“

Auf dem Weihnachtsmarkt roch es nach Wurst und gebrannten Mandeln. An den Ständen hingen riesige Lebkuchenherzen, auf denen in mehreren Sprachen „Ich liebe dich“ stand.

„Das sind die berühmten Leb-ku-chen, Mama.“

Sie sprach die einzelnen Silben des deutschen Wortes deutlich aus. So, wie ihre Eltern es früher getan hatten, als sie ihr das Lesen beibrachten. Sie kauften drei Lebkuchen als Mitbringsel.

„Hoffentlich zerbrechen die im Koffer nicht“, murmelte ihre Mutter.

Drei Mädchen mit Weihnachtsmannmützen marschierten an ihnen vorbei.

„Wo haben die denn die Mützen her? Ich will auch so eine“, sagte ihr Vater.

„Im Ernst? Du willst eine Weihnachtsmannmütze tragen?“

„Ich will mir nicht die Ohren abfrieren.“

Seine Augen tränten vor Kälte und seine Nase war knallrot, als sie den Stand mit den Weihnachtsmannmützen endlich fanden.

„Papa, du Ärmster! Du siehst jetzt wirklich wie ein Weihnachtsmann aus! Wollt ihr was trinken? Ein bisschen Glüh-wein? Das ist heißer Wein mit Gewürzen.“

Ihre Eltern labten sich daran. Dann wollten sie noch einen.

„Vorsicht, der steigt euch zu Kopf!“

„Pff! Da kennst du uns aber schlecht.“

Beim dritten Glas zog ihr Vater einen seiner Pullover aus und warf ihn sich lässig um die Schultern, wie damals als junger Mann. Ihre Mutter öffnete das oberste Häkchen des Pelzmantels. „Dort will ich rauf!“, rief sie mit Kleinmädchenstimme.
Sie deutete auf die Rodelbahn. Die Touristen nahmen auf Snowtubes Platz und rutschen damit flott nach unten.

„Mama, bist du betrunken?“

„Ich will da rauf!“

„Nur über meine Leiche!“, sagte er.

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©Dimitris Tsoumplekas

Alle drei standen mit den Snowtubes unterm Arm am Start der Rodelbahn. Seine Frau gab das Signal. Hand in Hand stürzten sie sich kreischend in die Tiefe. Er blickte zu seiner Tochter hinüber: Doxa war ein zahnloses Baby, sie beide noch ganz jung. Das Leben lag strahlend vor ihnen, voller Lampions und Lebkuchen. Als sein Rodelreifen gegen die Befestigung prallte, schrie er auf. Er schleuderte die Bettdecke von sich und setzte sich auf. Seine Schulter schmerzte, er hatte sich einen Nerv eingeklemmt.

Im Frühstücksraum saßen seine Frau und seine Tochter und griffen voller Appetit zu.

„Hast du gut geschlafen, Papa?“

„Wie ein Stein. Er hat sogar geschnarcht.“

„Unsinn! Ich schnarche nicht.“

„Wieso weichst du dann meinem Blick aus?“

„Ich weiche deinem Blick nicht aus. Ich habe einen steifen Nacken.“

„Wie ist das denn passiert?“

„Als ich die blöde Bettdecke loswerden wollte.“

Sein beleidigter Tonfall brachte seine Frau zum Lachen.

„Ich habe eine Salbe dabei. Soll ich dir ein Butterbrot schmieren?“

Das kann ich auch allein, dachte er, widersprach jedoch nicht. Als sie am Vorabend aus der U-Bahn gestiegen waren, hat sich Doxa bei ihm eingehängt und ihm ins Ohr geflüstert, dass er ihre Mutter unfreundlich behandle. Wäre es so schlimm gewesen, zusammen eine Fahrt auf der Rodelbahn zu machen? Daher auch der Traum.
Er warf einen flüchtigen Blick auf seine Tochter. Ihr Gesicht war blass. Hatte sie vielleicht Anämie? Sollte sie nicht besser in einem Land mit mehr Sonnenschein studieren? War sie etwa verliebt?

„Probier mal den Stol-len“, betonte Doxa und deutete auf die beiden mit Puderzucker bedeckten Schnitten im Brotkorb.

„Stollen?“

„Süßes Weihnachtsbrot aus Hafermehl. Das hier ist das Original aus Dresden.“

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©Dimitris Tsoumplekas

Doxa stopfte sie nicht nur an jenem Tag, sondern auch an allen folgenden mit Süßigkeiten voll, gab ihnen ausführliche Wegbeschreibungen und brachte sie zu den Museen. Nachmittags kehrten sie dann mit dem Taxi zum „Honigmond“ zurück. Seine Frau rieb ihm den Nacken mit einer Mentholsalbe ein, dann legten sie sich wortlos hin und blickten durch den Gardinenspalt nach draußen ins Schneegestöber. Am Abend trafen sie sich mit Doxa zum Essen. Sie besuchten ein deutsches, ein österreichisches und ein chinesisches Restaurant.

Am letzten Abend gingen sie in die Oper. Im Foyer tranken sie ein Glas Sekt. Sie bestätigten sich gegenseitig, dass sie angemessen gekleidet waren. Den deutschen Opernbesucherinnen mit den Kampfstiefeln und den dicken Wollstrümpfen warfen sie verstohlene Blicke zu. Es schien Stunden zu dauern, bis der Vorhang endlich aufging: Guglielmo und Ferrando trafen Don Alfonso an einem Flughafenschalter. Seine Frau rutschte nervös auf dem Stuhl hin und her.

„Das erinnert mich an unsere morgige Abreise“, flüsterte sie.

„Mich erinnert das eher daran, dass den heutigen Regisseuren nichts heilig ist. Schau dir das an! Was hat ein Flughafen im Neapel des 18. Jahrhunderts verloren?“

Ein paar Zuschauer drehten sich zu ihnen um. So sanken sie in ihre Stühle zurück und sagten nichts mehr. Als am Ende des zweiten Aktes Don Alfonso das Rezitativ „So machen’s alle“ sang, dachte er weder an seine Frau noch an sein paar kurzen Affären. Er dachte an Doxa. So machen’s alle jungen Frauen, wiederholte er leise. Sie lassen ihre Väter einfach links liegen und gehen auf Weihnachtspartys.
Am Schluss standen sie auf, drängelten sich die Treppe hinunter und holten ihre Mäntel aus der Garderobe. Er half seiner Frau in den Pelz und begann Don Alfonsos Rezitativ zu pfeifen.

„Du bist ja richtig in Stimmung!“

Da schlug er vor, auf dem Gendarmenmarkt noch einen letzten Glühwein zu trinken.

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©Dimitris Tsoumplekas

Entnommen aus dem Erzählband: Amanda Michalopoulou: Der leuchtende Tag. Athen, Kastaniotis-Verlag 2012. Der Band wurde 2012 mit dem Preis der Athener Akademie in der Kategorie Erzählungen ausgezeichnet.

Übersetzung: Michaela Prinzinger. Fotos: Dimitris Tsoumplekas. Zu A. Michalopoulou siehe: gr.linkedin.com/pub/amanda-michalopoulou/1a/b69/678, www.facebook.com/Amanda.Michalopoulou, zu D. Tsoumplekas: www.tsoumplekas.com.

Weitere Texte von Amanda Michalopoulou auf diablog.eu: „Die Täuschung„ und das Interview „Die Sprache ist die Heimat des Schriftstellers„.

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