Die Täuschung

Erzählung von Amanda Michalopoulou

Die griechische Erzählerin, die dem deutschsprachigen Publikum durch ihre Romane „Oktopusgarten„ und „So ist das Leben„ bekannt geworden ist, beschreibt anhand einer turbulenten Ehegeschichte das schwierige deutsch-griechische Verhältnis. Sie führt uns in ein Athen der Mittelschicht, das langsam aus den Fugen gerät. 

In memoriam G. Zongolopoulos (1903-2004)

„Es gibt keinen Grund für diese Reise“, meinte Nicole.

Sie waren gerade dabei, zur Halbzeit des Spiels die Teller abzuräumen. Sie säuberte sie mit einer Papierserviette, spülte sie kurz ab und reichte sie ihm hinüber. Und er schlichtete sie in die Geschirrspülmaschine.

„Doch, den Tod ihrer Mutter. Sie ist immer noch meine Frau, vergiss das nicht.“

„Ex-Frau.“

„Wir sind nicht geschieden.“

„Überleg es dir, Johann. Das ist keine gute Idee.“

Sie bereute es, dass sie laut gedacht hatte. Normalerweise drohte sie ihm nicht. Auch Enttäuschungen ersparte sie ihm.

„Nicole, ich habe keine Lust auf…“

Ein dumpfer Aufschrei der Enttäuschung übertönte seine Worte. Michael steckte den Kopf in die Küche und rief: „Lasst doch die Hausarbeit sein, das bringt Unglück! Jetzt haben die Griechen ausgeglichen!“

Unbeirrt fuhren sie mit dem Abwasch fort. Nicole hielt die Hände unter das fließende Wasser, obwohl sie etliche Konferenzbände über nachhaltiges Wachstum gelesen und in ihrer Masterarbeit zur Wasserknappheit zitiert hatte. Darüber hinaus wusste sie, dass Johann die Verschwendung natürlicher Ressourcen hasste. Doch sie konnte besser denken, wenn der Wasserhahn lief.

Zum ersten Mal interessierte sie sich für das Resultat eines Fußballspiels. Sie wünschte sich, die Deutschen würden über die Griechen – und Johanns Ex-Frau war Griechin – siegen.

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Nicole wagte nicht, sich auf ihre Haut zu verlassen, auf ihre Jugend, auf die Kombination aus Unschuld und Raffinesse, die Studentinnen im Masterjahrgang ausstrahlten. Dieser kluge und unstete Mensch – denn unstet war er, da er seine Frau verlassen hatte, und wer einmal untreu ist, der ist es immer wieder – könnte ihr Vater oder auch ihr Großvater sein. Dennoch brachte er es fertig, dass ihr der Fußboden, die Straße, ja selbst die Erde unter den Füßen schwand und wie Treibsand erschien, in dem sie jeden Augenblick versinken konnte.

Als Nicole und Johann mit Bier für alle ins Wohnzimmer zurückkehrten, flankte Boateng gerade von rechts zur Mitte und Khedira schoss das zweite Tor.

Deutschland gegen Griechenland: 2 zu 1.

Nicole stieß einen Jubelschrei aus.

„Ich möchte, dass du zurückkommst“, sagte er zu ihr.

Sie tunkte den Keks in die Mokkatasse und führte ihn zum Mund. „Vorgestern hat man sie abgeholt, seitdem habe ich nichts mehr gegessen.“

„Hörst du mir überhaupt zu, Eleni? Ich möchte, dass du nach Berlin zurückkommst, dann fangen wir noch einmal von vorne an.“

Erneut drängelte sich ein Trauergast an den Tisch, an dem die Angehörigen saßen, und beugte sich zu ihr hinunter. Es war ein Mann in ihrem Alter. Anfang, höchstens Mitte sechzig. „Deine Mutter, weißt du, wird uns unvergesslich bleiben“, sagte er zu ihr. „Mit dem Kochlöffel hat sie uns verfolgt, um uns Manieren beizubringen. Und dabei hat sie alle gleich behandelt und keinen bevorzugt.“ Johann blickte zur ihr hinüber.

Mit dem hochgesteckten Haar und schwachen Spuren von Tränen auf dem Gesicht sah Eleni schön und würdevoll aus. Ihr Seufzen erinnerte ihn daran, wie leise ihrer Atemzüge gingen, vor vierzig Jahren, als sie in der Universitätsbibliothek an ihren Seminararbeiten – „Die Entwicklung des Menschen und die Anfänge sozialer Organisation“, „Rituelle Handlungen“ und  „Anthropologische Betrachtungen zur Verwandtschaft im 20. Jahrhundert“ – geschrieben hatte.

Griechische Begräbnisse gingen ihm auf die Nerven, was er – als Anthropologe – allerdings öffentlich niemals zugeben würde. In seinen Forschungen befasste er sich mit den tief verwurzelten Vorurteilen westlicher Gesellschaften – zum einen, was das soziale Geschlecht betraf, zum anderen, was die ethnische Integration anging. Auch die griechische Gesellschaft gehörte zum Westen. Oder etwa nicht? Johann hegte da so seine Zweifel.

Seit er vor zwei Tagen in Athen angekommen war, hatte er auf dem Weg zum Hotel und danach im Restaurant, das er mit seinen Töchtern besuchte, die Veränderungen bemerkt. Ganz normale Leute wühlten draußen im Müll, die Ampeln funktionierten nicht, Bettler zupften ihn am Ärmel. In den Gehsteigen klafften tiefe Löcher, da irgendjemand die Schachtdeckel geklaut hatte. Zwei Mal hätte er sich beim Stolpern fast den Knöchel verstaucht.

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Beruflich, in seiner Eigenschaft als Professor der Sozialanthropologie, hatte sich Johann als engster Mitarbeiter von Fredrik Barth einen Namen gemacht. Gemeinsam waren sie in den Norden Pakistans gefahren und hatten Material für „Ethnic Groups and Boundaries“, die Bibel der Anthropologen in den Sechzigerjahren, gesammelt. Als Privatmann hingegen hatte er unter den Spannungen und dem Pathos gelitten, die in griechischen Familien herrschten, und beinah wäre er daran zerbrochen.

Wieso benahmen sie sich so seltsam, wenn eine zweiundneunzigjährige Greisin starb? Sie fielen einander um den Hals, drückten und herzten sich, und anstatt einer wohltätigen Organisation eine Geldspende zu geben, bestellten sie Grabkränze. Nicht mal bei Leichenbegängnissen gelang es den Griechen, zu sparen.

Als man den Sarg hinunterließ, fragt Johann Eleni, wieso sie keinen aus Furnierholz genommen hatte. Das Beste sei gerade gut genug, lautete ihre schroffe Antwort. Ein Leben lang ging es um solche Dinge. Hier die Griechen, da die Deutschen, ihr seid so, und wir sind so. Es klang wie der Anfang eines Witzes: Zwei Anthropologen streiten über Mentalitätsunterschiede zwischen den Völkern. Johann beharrte nicht weiter, obwohl er bei sich dachte, dass den Würmern die Qualität des Sargholzes ohnehin egal war.

Nachdem die Letzten gegangen waren, blieben sie allein im Friedhofskafenion zurück. Chryssa und Zoi rauchten im Vorhof. Stamatis ging draußen auf und ab, ohne Johann anzusprechen. Nicht, weil der seine Schwester verlassen hatte, sondern weil er Deutscher war. „Ich will mit den Deutschen nichts zu tun haben. Die haben uns auf dem Gewissen“, hatte er so laut zu seinem Gesprächspartner gesagt, dass Johann es hören musste.

Denn – sprachbegabt, wie er war – konnte er auch Griechisch. Um sich im pakistanischen Distrikt Swat zu verständigen, hatte er Paschtu erlernt, auch Panjabi konnte er ganz passabel, ganz abgesehen von natürlich Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch. Griechisch hatte er als Student gelernt, als er auf abgelegenen Inseln am Strand schlief, ein Lehrbuch mit deutsch-griechischen Beispielsätzen in der Hand. „Wo ist die Bank?“, „Wo finde ich einen Arzt?“, „Einen griechischen Salat, bitte.“

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Schon bevor er Eleni in der Bibliothek der FU Berlin kennenlernte, rezitierte er Verse von Seferis und tanzte Balos und Syrtos. Er war einer jener Deutschen, die sich für ein Land begeistern können und – vielleicht auch unbewusst – alles daran setzen, für immer in seiner Aura zu verbleiben. Bei Eleni fand er das Profil wieder, das er an den Statuen im Museum bewundert hatte. Sie war die Beste in seinem Kurs. Darüber hinaus war sie Marxistin, las Gramsci und schrieb Arbeiten wie „Paradigmenwechsel des Vertrauens: die Abwendung der britischen Arbeiterklasse von der Labour Party hin zu den Konservativen – der Fall Thatcher“.

Da Johann Waise war, konnte er sich mit dem exotischen Gedanken, in eine griechische Familie einzuheiraten, durchaus anfreunden. Elenis Vater war einer der berühmtesten Bildhauer seiner Generation, und er hatte ebenfalls eine seiner Schülerinnen geheiratet. Die Geschichte wiederholte sich. Als die Kinder – Eleni und ihr Bruder – auf die Welt kamen, brach die Frau, deren Sarg man jetzt in die Erde hinabließ, ihr Studium ab, um Gemüse zu schnippeln und Windeln zu wechseln.

Eleni schrieb, gefördert durch ein deutsches, staatliches Stipendium, zunächst bei Johann ihre Abschlussarbeit. „Mein Vater sagt, wir schulden euch keinen Dank für das Stipendium“, neckte sie ihn. „Ihr habt uns während des Krieges ausgeplündert und zahlt eure Schuld jetzt in Raten ab.“ Johann lachte auf. Damals konnte man über solche Dinge noch scherzen. Die Deutschen fühlten sich prinzipiell schuldig und die Griechen prinzipiell unschuldig.

Sie heirateten standesamtlich in Berlin, die kirchliche Trauung folgte auf Ägina, und im dritten Ehejahr kam Zoi zur Welt. Bevor sie schwanger wurde, hatte Eleni im Zuge ihrer Doktorarbeit zur Kultur der Fischer sechs Monate auf einer entlegenen Insel verbracht. Braun gebrannt und melancholisch war sie daraufhin nach Berlin zurückgekehrt. Im Sommer, als die Schwangerschaft dann offiziell war, fuhren sie und Johann erneut nach Donoussa, damit sie ihre Feldforschung abrunden konnte. Damals griff Eleni zu dramatischen Worten. Sie erzählte ihm, sie leide unter einem „emotionalen Schwindelgefühl“. Er entgegnete, ihr sei bloß von der Schwangerschaft übel.

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Johann vertrat die These, dass Zoi ein Kind der Kykladen war. In einem brütend heißen Sommer war sie in Elenis Bauch unter dem Einfluss des „emotionalen Schwindelgefühls“ ihrer Mutter herangewachsen. Anders als seine jüngere Tochter, die eine universitäre Laufbahn einschlug, hatte Zoi von ihrer Mutter das griechische Gen der Selbstzerstörung geerbt. Eleni war mit Zois Kinderwagen weinend durch die Straßen Zehlendorfs geirrt. Sie hatte eine Leere verspürt, die Johann nicht füllen konnte.

Schließlich ließ sie die Doktorarbeit sein. Auch Zoi schloss ihr Studium der Öffentlichen Verwaltung nicht ab. Statt dessen schrieb sie in den letzten Jahren Erzählungen, in denen es ständig stürmte. In ihren Geschichten hatten die Fischer kein Echolot, sondern orientierten sich an Bergen und Sternen. Johann regte sich über die Neigung seiner Tochter auf, Dinge zu idealisieren. Er hatte vergessen, was es hieß, einzig und allein deswegen zu leiden, weil man jung war.

Zoi hatte ihre Erzählungen selbst ins Deutsche übersetzt. Da sie ihr Buch in Deutschland herausbringen wollte, hatte sie ihn um Hilfe gebeten. Daraufhin harrte Johann in den Empfangsräumen riesiger Verlagshäuser oder in den Büros von Literaturagenten aus, wo es dann hieß: „Unmöglich, einen griechischen Autor unterzubringen. Ausgerechnet jetzt!“ Er reagierte verwundert. „Weil Griechenland, Sie verstehen…“ Er verstand nicht. Er hatte – ausgerechnet jetzt – den Wunsch, seiner Tochter etwas zu bieten, das ihre Augen aufleuchten ließ, und zwar nicht aus Zorn, sondern aus Dankbarkeit.

Ein Literaturagent, den er über drei Ecken kannte, hatte ihm geraten, Zoi solle doch Krimis schreiben. „Sie kann ja weiterhin bei ihren Fischern bleiben, nur sollte es ein Schlitzohr sein, ein Gesetzesbrecher, wissen Sie, ein klassischer Grieche eben…“ Der Agent schloss halb die Augen und lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Ein gewissenloser Fischer, der aus Habgier vor nichts zurückschreckt. Ja, so etwas könnte sich verkaufen.“ Johann genierte sich im Nachhinein für dieses Gespräch, dessen Inhalt er für sich behielt. Auch jetzt, auf dem Friedhof, seufzte er tief auf und verscheuchte rasch die Erinnerung daran.

„Was ist los? Fehlt dir was?“

„Ich denke gerade daran, was wir alles gemeinsam erlebt haben“, meinte er, während er Elenis Hand ergriff. „Meinst du, du kannst mir verzeihen?“
“Was von allem?“ Sie zog ihre Hand ruhig, aber entschieden zurück.

Als sich die Trauergäste der nachfolgenden Begräbnisfeier langsam im Friedhofskafenion einfanden, brachen sie auf.

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„Habt ihr eurem Vater erzählt, dass bei uns eingebrochen wurde?“, fragte Eleni, kaum, dass sie im Wagen Platz genommen hatten. Johann saß am Steuer, während sie sich auf dem Beifahrersitz ganz ans Fenster kauerte, um so weit wie möglich von ihm abzurücken. Die Töchter hatten es sich auf der Rückbank bequem gemacht und die Röcke hochgeschoben. Mit dem Rocksaum fächelten sie sich Luft zu. Es herrschte eine brütende Hitze. Sie hatten die Fenster heruntergekurbelt, um sich Kühlung zu verschaffen. Doch die Luft war stickig und brachte kaum Linderung.

Johann bog in eine kleine Seitenstraße in der Nähe des Friedhofs ein und zog abrupt die Handbremse. „Wer hat bei euch eingebrochen?“

Gerne hätte sie schadenfroh gerufen: „Deine Pakistaner!“ Oder auch: „Die Typen, für die du lauter Rechtfertigungen findest, nur weil sie von weit her kommen. Und gleichzeitig ist in Europa die Hölle los.“ Er hätte ihre Äußerung als oberflächlich bezeichnet oder sie eine Rassistin genannt. Sie hätte theatralisch geschnaubt und ausgerufen: „Punktum! Das Leben besteht nicht nur aus purer Theorie!“ Sie spielte den ganzen Streit im Geiste durch, dann sagte sie: „Pakistaner, die mit Einkaufswagen durch die Gegend ziehen.“

„Lasst uns endlich losfahren!“, rief Zoi auf Griechisch. „Ganz egal wohin. Hier trifft uns noch der Hitzschlag, bis du ihm alles erklärt hast.“

Normalerweise sprachen sie Deutsch miteinander. Das war die Sprache, die seine Töchter von klein auf an der Schule in Wilmersdorf gesprochen hatten, das war die Sprache, in der sie ihr Studium absolviert hatten. Als junge Frauen waren sie nach Griechenland zurückgekehrt, um ihrer Mutter in den ersten Monaten nach der Trennung beizustehen.

Zoi entschloss sich, zu bleiben. Chryssa war nach Berlin zurückgefahren und hatte sich mit ihrem Freund, einem blassen und einsilbigen Dänen, in Friedrichshain niedergelassen. Am anderen Ende der Stadt zu wohnen, war die einzige Möglichkeit für sie, Abstand von ihrem Vater zu gewinnen.

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Johann parkte aus und fuhr ein paar Häuserblocks weiter. Als er einen schattigen Platz unter einem Bitterorangenbaum erspähte, stellte er den Wagen dort ab und zog die Handbremse erneut so abrupt an, dass der Wagen ruckelte.

„Zufrieden?“, blaffte er.

Eleni warf ihm einen jener Mitleid heischenden Blicke zu, die sie sich nach ihrer Trennung angewöhnt hatte. Johann griff sich mit beiden Händen an den Kopf, als wolle er sich vergewissern, dass er tatsächlich noch auf seinen Schultern saß.

„Entschuldige“, murmelte er.

Eleni lächelte. Sein zerknirschter Anblick tat ihr gut. Darauf hatte sie jahrelang geduldig gewartet.

Als Chryssa ihrer Schwester Zoi von den Ergebnissen der Kernspintomografie erzählte, hatte sie – in leichter Übertreibung – von einer aggressiven Form von Krebs gesprochen. Natürlich hatte Zoi ihrer Mutter alles „vertraulich“ berichtet. Daraufhin konferierte Eleni mit allen ihr bekannten Ärzten, verbrachte Dutzende Stunden im Internet und kam zu dem Schluss, dass Johanns Krebserkrankung heilbar war, falls er auf die Chemotherapie ansprach.

Ihr gefiel die Vorstellung, ihn, ganz auf ihre Fürsorge angewiesen, in ihrem gemeinsamen Ehebett in Berlin liegen zu sehen. In Gedanken sah sie, wie sie in der Tulpenstraße mit Wasser und Medikamenten ins Schlafzimmer trat. Während sie ihn aufopfernd pflegte und das Bettlaken zu seinen Füßen glattstrich, würde vor dem Fenster ein endloser, deutscher Regen rauschen.

Als Geste der Versöhnung schaltete Johann die Klimaanlage an. Sonst pflegte er nämlich zu predigen, wie schädlich Klimaanlagen für die Umwelt seien.

„Besser so?“, fragte er.

„Etwas“, entgegnete Zoi auf Deutsch.

Chryssa beugte sich vor und umarmte ihn fürsorglich. „Mach dir keine Sorgen, Papa.“

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Eleni erzählte ihm, was passiert war. Illegale Einwanderer aus Pakistan, die die ganze Stadt nach Eisenbahnschwellen, Kanalgittern, Wasser- und Heizungsrohren abklapperten, waren eine Woche vor dem Tod der alten Frau – mitten am helllichten Tag – in ihr Elternhaus eingedrungen. Sie hatten den Haupthahn abgedreht, die Heizungsrohre abgesägt und in den Einkaufswagen geladen, den sie mit sich führten. Obwohl sie mit einer ganz normalen Säge hantierten, hatte die schwerhörige Greisin nichts bemerkt, die im Schlafzimmer in voller Lautstärke eine türkische TV-Serie verfolgte.

Als sie mit dem Sägen fertig waren, musste ihnen im Garten die Skulptur von Elenis Vaters aufgefallen sein. „Die Täuschung“ war eines der ältesten Werke aus seiner geometrischen Periode und das einzige, das Eleni aus Sentimentalität behalten hatte. Die Skulptur war mit der für ihn typischen, von ihm selbst entwickelten Technik zusammengelötet.

Als Eleni einmal in einer finanziellen Notlage war, hatte sie bei Sotheby´s angefragt, wo sie erfuhr, ein Verkauf würde mit Sicherheit hunderttausend Euro einbringen. Im Baustoffgroßhandel war die Skulptur hingegen bestimmt gerade mal fünf Euro wert. Sie stellte sich vor, wie die Pakistaner im Schweiße ihres Angesichts daran herumgesägt und später beim Schrotthändler bloß ein paar Münzen dafür bekommen hatten.

Im Pariser Atelier hatte sich Eleni immer mit den Skulpturen ihres Vaters unterhalten. „Willst du einen neuen Haarschnitt?“, sagte sie, oder: „Was möchtest du gern essen?“ Immer wieder strich sie mit der Hand über die zusammengeschraubten Eisenteile der Plastiken. Sie töpferte an ihrem eigenen Arbeitsplatz, den ihr der Vater aus einer alten Tür und zwei Eisenstangen gebaut hatte, während er im Nebenraum zugange war, pfeifend oder seufzend – je nachdem, wie er mit der Arbeit vorankam.

Im Parterre stand die Mutter in der Küche. Die Wohnung roch nach Knoblauch und Eisen. Die französische Wohnung. Als Eleni zur Grundschule ging, waren sie Europäer. Nach dem Ende der Diktatur kehrten sie nach Griechenland zurück und wurden Griechen. Später trat Griechenland der Europäischen Union bei, und sie wurden wieder Europäer. Und jetzt wurden sie wieder etwas anderes. Etwas, das noch keinen Namen hatte.

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Ihr Vater hatte als Freiwilliger an der Albanienfront gedient und war in der Widerstandsbewegung gewesen. Nach der Befreiung im Jahr ´45 ging er mit einem französischen, staatlichen Stipendium nach Paris. Dort wurde Eleni geboren. Als sie etwas größer war, erklärte er ihr einmal, Stipendien seien ein Täuschungsmanöver und der vergebliche Versuch, ein Unrecht wieder gut zu machen. Deshalb verteilten die Mächtigen Stipendien an die Ohnmächtigen. Auch andere schöne und merkwürdige Dinge hatte er ihr erzählt.

Eines Tages sang sie eins der französischen Lieder, die ihr die kanadische Lehrerin beigebracht hatte: „Alouette, gentille alouette, alouette, je te plumerai…“ Und dann fragte sie: „Wieso will man der Lerche die Federn ausrupfen, Papa?“ Ihr Vater schob die Schweißerbrille in die Stirn und blickte sie ernst an. „Weil die Lerche vor allen anderen Vögeln erwacht und die Liebenden trennt“. – „Aber warum?“, hakte sie nach. – „Weil die Menschen, die sich lieben, also Liebespaare, eng umschlungen schlafen.“ – „So wie wir, Papa“, meinte sie. „Nein, Eleni. So wie deine Mama und ich.“

Als er merkte, wie sehr ihr die Enttäuschung darüber, dass Vater und Tochter kein Paar werden konnten, zu schaffen machte, wechselte er das Thema und erzählte ihr von einem Werk, das er soeben fertiggestellt hatte: „Die Täuschung“. „Schau her“, sagte er, „es zeigt Antaios, den Sohn Poseidons und Gaias und den sagenumwobenen Helden Herakles. Antaios schöpfte seine Kraft aus der Erde, und als Herakles hinter sein Geheimnis kam, hob er ihn hoch in die Luft, um ihm alle Kraft zu rauben. Schau genau hin und sag mir, ob du die beiden Kämpfer erkennen kannst.“ – „Nein“, erwiderte Eleni, „ich sehe bloß Eisenteile.“

Da nahm er sie an der Hand und gemeinsam gingen sie um die zwei geometrisch geformten Eisenstücke herum, die nur an einem einzigen Punkt verbunden waren. „Ah, da hebt er ihn hoch“, rief Eleni. „Und die Vierecke, die du nach oben getan hast, stellen Antaios dar, richtig?“ Ihr Vater lächelte.

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Jahre später wurde sie auf dem offenen Meer vor Donoussa von Vogelrufen geweckt. Ob es Lerchen waren? Wohl kaum, bestimmt waren es Möwen. Neben ihr schlief Michalis in der Koje des Fischerboots, dessen Netze ausgebreitet im Wasser lagen. „Die Täuschung“ hatte sie, ausgehend von der gerupften Lerche, im Alter von sechs oder sieben entschlüsselt. An jenem Morgen war sie, ohne es zu ahnen, bereits schwanger gewesen. Als sie es erfuhr, nahm auch sie bei einer Täuschung Zuflucht und brachte das Kind des Fischers unter Johanns Namen zur Welt.

Als Johann sie wegen seiner Studentin verließ, fragte sie sich, ob der Zeitpunkt gekommen war, ihr Geheimnis zu lüften und von der Kraft zu erzählen, die sie, wie Antaios, aus der Erde und den Stränden der Kykladen geschöpft hatte. Und dass es Herakles in der Gestalt von Johann war, der sie damals hochgehoben und zurück nach Dahlem gebracht hatte und damit ihre Liebesgeschichte mit einem Fischer zu einer anthropologischen Studie, ja zu einem idiotischen Postkartenidyll degradierte. Nein und abermals nein, sie würde es ihm bestimmt nie sagen.

Da ging Eleni ein Gedanke durch den Kopf, den sie sich merken wollte, um ihn Johann gleich nach der gemeinsamen Rückkehr in ihr Berliner Heim zu erzählen. Denn Johann würde ihr gewiss darin zustimmen, dass Postkarten die menschliche Erinnerung irreführten, da sie Orte und Menschen bis ins Groteske steigerten und idealisierten. So könnte eins der Gespräche verlaufen, die sie beide liebten und die sie glauben ließen, dass sie füreinander geschaffen waren.

Übersetzt aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger. Veröffentlicht in: Die Horen 249 (2013). Fotos: Michaela Prinzinger (Aufnahmen aus dem Atelier und Wohnhaus von Giorgos Zongolopoulos, Athen, sowie U-Bahnhof Syntagma und Strandpromenade Thessaloniki)

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2 Gedanken zu “Die Täuschung

  1. … ein schöner Text, den ich – wegen momentaner Zeitprobleme – erst einmal nur überflogen habe, aber gern mit zu meiner Urlaubsreise nach Skiathos, Anfang Oktober,
    mitnehmen werde. Überhaupt, in Griechenland lese ich oft besonders gern das, was mit
    „Hellas“ zusammenhängt!
    Vielen Dank!

    Viktor Sarris

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