Tanz auf dem Globus – Georges Menelaos Nassos, Lebenskünstler und Maler

von Simon Steiner

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Simon Steiner sprach im März 2022 mit Georges Menelaos Nassos und seiner Frau Daniela Rainer-Harbach im Atelier des Künstlerpaares in Stuttgart. Nassos wurde 1946 in Pilsen/Tschechien geboren, migrierte mit elf Jahren nach Athen und 1960 mit vierzehn nach Stuttgart, das später zu seinem Lebensmittelpunkt werden sollte. Zwischendurch lebte er – immer auf der Suche nach neuen Horizonten – in Schweden, London, Fulda, Utrecht und in der Provence. Nassos bezeichnet sich selbst als multiethnisch. Seine Werke wurden bislang in Deutschland, Griechenland, Frankreich, den USA, Costa Rica und Mexiko ausgestellt; von seiner Kunst kann er gut leben.

Schwarmintelligenz
Νοημοσύνη σμήνους (Schwarmintelligenz), Öl auf Leinwand, 160 x 100 cm, 2020. 2019 beauftragt vom Nationaltheater Nordgriechenlands/Thessaloniki im Rahmen einer Sammelausstellung zur Komödie von Aristophanes „Die Vögel“, ©G.M. Nassos

Georges´ Mutter Marika wurde 1924 auf Kreta geboren und arbeitete ab 1938 als Krankenschwester in Athen. 1941 fiel die Wehrmacht in Griechenland ein. 1942 wurde Marika zur Zwangsarbeit nach Tetschen an der Elbe im Protektorat Böhmen und Mähren verschleppt. Nach der Befreiung durch die Alliierten lernte sie Georges´ Vater kennen. Georges Menelaos wurde 1946 in Pilsen/Tschechien geboren. Im Sommer 1957 zog die Familie nach Athen, Marika wurde in der Deutschen Evangelischen Gemeinde Athen als Hausmeisterin eingestellt, da sie Deutsch sprach. Georges war elf Jahre alt, erkundete mit dem Fahrrad die griechische Hauptstadt und lernte schnell die Sprache. Die Schule war ihm aber ein Graus und er versuchte mehrmals von zu Hause abzuhauen. Deshalb sollte er so schnell wie möglich eine Lehre anfangen. Die Evangelische Gemeinde Athen organisierte eine Lehrstelle für ihn in Stuttgart. Im Juni 1960 fuhr Georges mit dem „Mozart Express” dorthin, begleitet von seinem griechischen Freund Lefti. Sie meldeten sich bei der Bahnhofsmission und landeten im Kinderheim Flattichhaus.

Georges´ Leben als Lehrling begann morgens um 7 Uhr an der Stanzpresse, umgeben von Fräsen, Drehbänken und Schleifmaschinen. Dem Inferno der Geräusche und der monotonen Arbeit ausgesetzt, wehrte sich der Junge, indem er griechische Schlager sang, was ihm sein Meister jedoch schnell austrieb. Nachdem er eine gelungene Lehrlings-Zeichnung unnötigerweise koloriert hatte, wurde er als „Künstler“ abgekanzelt.

Georges lehnte sich gegen die Erziehungsmaßnahmen im Flattichhaus auf, flog raus und landete in einem Heim für schwererziehbare Jungen. Auch die  verwies ihn, weil er die dort herrschende Heuchelei nicht ertrug. Er mietete sich 1964 in Stuttgart-Stammheim zunächst im Hotel Engel ein, kam aber bald darauf bei Privatleuten unter. Love & Peace, Beat, Aufbruchstimmung und neue Lebensformen prägten den damaligen Zeitgeist. Bei einer Tanzveranstaltung lernte Georges Maria kennen. Sie verliebten sich. In einer Discothek richtete ihm ein Freund aus, dass Maria – von ihrer Familie verstoßen – ein Kind erwarte. Georges Menelaos Nassos wurde Vater mit neunzehn Jahren!

Nach sechs Jahren als Mechaniker kündigte Georges Menelaos Nassos: „Ich konnte nicht mehr. Mein Inneres streikte gegen die alltägliche Routine, die Monotonie der Arbeit und die Verkümmerung aller meiner Interessen“. Er trampte nach Kopenhagen, von dort ging´s mit der Fähre nach Schweden. Ohne Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis wurde er nach Athen abgeschoben, unverzüglich zum Militärdienst eingezogen und musste sich schließlich nach Verweigerungen und Auffälligkeiten bei einem Arzt vorstellen, der in Tübingen studiert hatte und Schwäbisch sprach. Der stellte ihn vom Militärdienst frei. Jetzt brauchte er Arbeit, die der Globetrotter bei „Quelle Reisen“ in Athen fand. Als 1967 das Militär putschte, organisierte er sich auf Umwegen einen Pass und kam wieder nach Stuttgart. Seit dem ersten November 1967 stand Nassos wieder an der Drehbank. „Diese Stadt war mein Schicksal“, schreibt er in seinem autobiographischen Buch Das Blau vom Himmel.

Maler mit Bildern
Vor seinem Atelier in der Provence, ©Jeannine Bonnefoy

Anfang der 70er Jahre malte Nassos Bilder mit Fratzen der griechischen Militärjunta, prügelnden Polizisten und anderen Schergen. Mit 23 Jahren fasste er den Entschluss, Maler zu werden, erzählt er. So studierte er 1970-1975 an der Stuttgarter Kunstakademie bei Kurt Rudolf Sonderborg. Während seines Studiums kellnerte Nassos in der legendären Anarcho-Kneipe Brett im Bohnenviertel, damals noch bewirtet vom griechischen Ehepaar Evdoxia und Panagiotis. Mit der Zeit wandelte sich Nassos vom Gastarbeiter an der Werkbank zum Meraklis, zum Kenner und Genießer, zu einem umtriebigen Lebenskünstler voller Lebenslust und Neugier, den es nirgends hielt. Die Neuen Wilden der 80er Jahre prägten seine Malerei. In seinem Atelier in einer alten Schlosserei entstanden seine großformatigen expressiven Gemälde. 1982 verkaufte der Tausendsassa in Los Angeles drei Monate lang Porsche und Mercedes aus Stuttgarter Produktion. Aufgrund eines Kunststipendiums verbrachte er 1998 drei Monate in New York. „Inzwischen war meine Malerei eine farbenprächtige Ode an das Leben geworden“, findet er selbst.

Bild von Nassos
Magic carpet. Öl auf Leinwand, 100 x 80 cm, 2017, ©G.M. Nassos

Es hat ihn immer wieder nach Stuttgart gezogen. Mit der Künstlerin Daniela Rainer-Harbach, seiner Ehefrau, teilt er sich heute eine Werkstatt im Westen der Landeshauptstadt und ein Atelierhaus in Südfrankreich. Zwischendurch genoss er auf der griechischen Insel Ikaria die meditative Ruhe: „Bis zum Horizont trug schimmerndes Wasser seine Farbsättigung in Ultramarin und Türkis, um sich ganz in der Ferne im Dunst mit dem Himmelblau zu verbinden“, erinnert sich Nassos in seinem Buch. Daniela Rainer-Harbach findet: „Das Blau in Georges´ Kunst kommt aus seiner Biographie, unbewusst aus Griechenland, eigentlich vom ganzen Mittelmeer“.

Nassos´ Odyssee schimmert in seinen bunt leuchtenden und variantenreichen Bildern durch. „Seine Einflüsse kommen von überall“, sagte Daniela bei meinem Besuch im Stuttgarter Atelier. Beeinflusst wurde Nassos u.a. von der minoischen Kultur auf Kreta, die er in seinen Phantasiebildern mit der Kunst der Mayas – die ihn auf einer Rucksackreise durch Mexiko beeindruckt hatten – verband. Nassos: „Ich gebe den Tempeln ihre Seele wieder“. Viele unterschiedliche Eindrücke, wie beispielsweise Vasenmalereien der Sumerer, flossen in seine lebhaften Gemälde ein. Sie drücken die Vielfalt der Länder und Kulturen aus, in denen er lebte, reiste und arbeitete. Fabelwesen, Pflanzen, Menschen, Figuren, alles darin leuchtet. Im Sommer 2021 stellten Nassos und Rainer-Harbach Gemälde, Collagen und Objekte in zwei Ausstellungen in der Chapelle de Saint Ferréol/Viens, Provence aus. Die restaurierte romanische Kapelle aus dem 11. Jahrhundert ist im Besitz von Christine Picasso.

Plakate Nassos
Plakate zu den Ausstellungen in der Chapelle de Saint Ferréol, 2021

„Es war ein Riesenerfolg“, schwärmt Nassos. Die nächsten Ausstellungen des Künstlerpaars finden am 14. Juli 2022 in Vaihingen an der Enz und im Herbst 2022 in der Galerie Interart im Stuttgarter Bohnenviertel statt.

Buch Nassos
Das Blau vom Himmel, ‎ Orlanda Verlag, Berlin 2016

Simon Steiner ist freier Autor und Rembetiko-Musiker. Mit seiner Frau lebt er die Hälfte des Jahres in Vasilika auf Nordeuböa. Das Gespräch mit Georges Menelaos Nassos und seiner Frau Daniela Rainer-Harbach führte er am 06.03.2022 im Stuttgarter Atelier des Künstlerpaares.

Text: Simon Steiner. Fotos: G.M. Nassos, Jeannine Bonnefoy, Simon Steiner. Redaktion: A. Tsingas. Kontakt zu G.M. Nassos: georgnassos@web.de

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