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In mythischer Zeit segelten Jason und seine Argonauten im Pontos, dem Schwarzen Meer. Seitdem haben sich seine Nachfahren in der ganzen Welt niedergelassen.
Jason lässt in grauer Vorzeit die Argo bauen. Er begibt sich auf die Suche nach dem goldenen Vlies. Und er geht voll ins Risiko. Begleitet wird er vom „Who is Who“ der griechischen Sagenwelt. Laertes segelt mit, König von Ithaka und Vater von Odysseus. Mit an Bord sind auch Herakles, Kastor, Pollux, Orpheus und Theseus – um nur einige wenige zu nennen. Die Reise führt Jasons Argonauten bis nach Kolchis im Kaukasus, dem heutigen Georgien. Die maritime Drehtür in diese bis dato unerforschte Welt bilden die Dardanellen und der Bosporus. Sie verbinden das Mittelmeer und die Ägäis mit dem Schwarzen Meer, das die Griechen Pontos nennen.

Hat Jason wirklich diese Passage genommen? „Natürlich ist die Argonautensage ein Mythos“, antwortet Ioannis Intzes. Für den Vorsitzenden des pontischen Kulturvereins in Waiblingen steckt in der antiken Legende aber auch ein Körnchen Wahrheit: „Denn es gab damals den Fluss Phasis in der Region Kolchis und dort wurde tatsächlich Gold geschürft. Es war eine gängige Methode, in den Fluss ein Stück Schaffell, also ein Ledervlies, zu hängen, um damit die Goldteilchen herauszufischen“, berichtet der 41-Jährige.
2700 Jahre Geschichte
Der Name des 1991 gegründeten Kulturvereins „Die Argonauten“ ist dieser altgriechischen Sage entlehnt. So nährt sie bis heute die Realität: „Etwa 700-800 Jahre vor Christi Geburt begannen die Griechen, sich außerhalb des Mutterlandes anzusiedeln. Sie kamen zunächst bis an die westliche Küste der heutigen Türkei“, berichtet Intzes. „Anschließend segelten sie durch den Bosporus und ließen sich auch am Schwarzen Meer nieder.“ Es folgten verschiedenste Epochen, nach der hellenistischen die römische, byzantinische, osmanische und türkische Zeit.
Die Instrumente und Musik der Pontosgriechen
Die Lyra ist bis heute das zentrale Instrument der Pontosgriechen. Ursprünglich wurden die Saiten ähnlich wie bei einer Harfe mit den Fingerkuppen gezupft. Aber heute wird sie öfters mit einem Bogen gespielt. „Manche nennen die Lyra auch Kemençe. Das Wort kommt aus dem Türkischen“, erklärt der in Schorndorf lebende Theocharis Kritharidis. Die heutige Lyra habe oft vier statt nur drei Saiten. Es gebe aber auch Instrumente mit acht Saiten, „vorne vier und hinten vier“, sagt Kritharidis.

Lyraspieler und Tänzer in pontischer Tracht © gemeinfrei
„Mein Großvater kam ursprünglich aus dem russisch besiedelten Teil der Schwarzmeerküste. Er lernte dort das Schreinerhandwerk. Später hat er in dem Dorf, in dem er sich in Griechenland niederließ, in einem kleinen Schuppen neben dem Haus die pontische Lyra hergestellt“, berichtet der 49-Jährige. Kritharidis kann sich noch an Besuche beim Großvater erinnern: „Er konnte die Lyra bauen, hat sie mit selbst geschnitzten Holzblumen verziert und anschließend bemalt. In den Sommerferien hat er mich als Kind eingeladen: ‚Dann bring ich dir das Lyraspiel bei‘, sagte er damals. Doch als Kind habe er daran keinen Gefallen gefunden“. Neben der Lyra werden bei den größeren Feiern auch Sackpfeifen gespielt. Und die Zournas. Das ist ein Blasinstrument und vergleichbar mit einer Klarinette oder Oboe, es wird aber komplett aus Holz hergestellt.
Bräuche, Tänze und Trachten
Bei den „Argonauten“ wird der Neujahrsbrauch „Momo’eri“ gepflegt. Seit 2016 ziehen Trachtenträger kurz nach Neujahr und vor dem Dreikönigstag am 6. Januar (Θεοφάνεια) durch die Waiblinger Altstadt. Der volkstümliche Ritus stammt aus dem Hinterland der Region Trapezunt und huldige ursprünglich dem Gott Momos, erzählt Intzes. Momos gilt als Meister der scharfzüngigen Kritik, Schmähkunst und Satire. „(G)eri“ sind die Alten, Altvorderen, Priester des Momos. Ende 2016 wurde der Brauch in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Die „Argonauten“ bieten aber auch Tanzkurse, historische Ausstellungen, Lesungen und Seminare an. Ab und zu gibt es auch Kochkurse für pontische Gerichte. Insbesondere dem Erhalt der Tänze und Trachten hat sich Theocharis Kritharidis verschrieben: „Der Vater meines Großvaters war Stoffhändler in der Nähe von Trabzon“, berichtet er. Daher komme sein Interesse an Trachten: „Das ist ein großes Hobby von mir.“ Die heutige Tracht der Pontier hätten ursprünglich nur die Wohlhabenden getragen: „Es gibt aber auch alte Bilder von armenischen Familien in Trabzon, die tragen genau die gleichen Trachten wie wir“, berichtet der Schorndorfer.

© Archiv Georg Friedel
Es gibt verschiedene pontische Tänze. „Der geschlossene Kreis ist ein zentrales Charakteristikum. Der Zusammenhalt ist sehr wichtig“, sagt Kritharidis. Er trainiert seit 15 Jahren die Haupttanz- und die Elterntanzgruppe in Waiblingen. Gleichzeitig engagiert er sich im Pontos-Verein in Schorndorf. Inzwischen seien die Tanzgruppen gemischter, betont Ioannis Intzes, der die Kinder und Jugendlichen bei den „Argonauten“ trainiert. Auch italienische und deutsche Kinder und Erwachsene seien in dem 120 Mitglieder starken Verein vertreten.
Pogrome, Massaker und Vertreibung
Die Zeit friedlicher Koexistenz endete mit dem Aufkommen des türkischen Nationalismus: „1914 fing es richtig an zu kochen“, sagt Kritharidis. Es kam zu Plünderungen, Vergewaltigungen, Massenvertreibungen und Massakern an den Pontosgriechen. Zwischen 1919 und 1922 begann die intensivste Phase der Vertreibung und Verfolgung der Christen durch Jungtürken und Kemalisten. Viele flüchteten damals in die hellenistische Urheimat, andere überlebten diese Zeit nicht: „Bei uns spricht man von etwa 350.000 Opfern unter den Pontosgriechen, vielleicht waren es auch mehr.“ Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass die Geflüchteten in Griechenland nicht mit offenen Armen aufgenommen wurden. Das griechische Parlament konnte sich erst 1990 durchringen und darauf einigen, den Begriff ‚Völkermord‘ für die Massaker an den Pontiern als offizielle Sprachregelung zu akzeptieren: „Davor hat diesen Genozid keiner so benannt. Es war und es ist bis heute ein heikles politisches Thema“, sagt Intzes.

© Archiv Georg Friedel
Offizielle Anerkennung steht noch aus
Hierzulande setzen sich die pontischen Vereine dafür ein, dass diese Pogrome vom Bundestag wie im Fall der Armenier als Genozid eingestuft werden: „Darum kämpfen wir auch in den Medien. Es ist unser Wunsch, dass Deutschland den Völkermord an den Pontosgriechen offiziell anerkennt, so wie andere Parlamente in Europa auch“, fordern Intzes und Kritharidis. Jedes Jahr am 19. Mai lädt ein Zusammenschluss der Pontier-Vereine in Baden-Württemberg zu einem Tag des Gedenkens ein. In Stuttgart wird mit einem Schweigemarsch, der Kranzniederlegung am Stauffenberg-Platz und der Abschlusskundgebung am Alten Schloss an die damaligen Pogrome erinnert.

Georg Friedel ist Journalist und Fotograf. Er studierte in den 1980er Jahren Deutsch, Theologie, Philosophie und Journalistik. Nach dem Referendariat als Grundschullehrer arbeitete er als Redakteur bei diversen Stuttgarter Printmedien. Seit 2001 berichtet er als freiberuflicher Journalist vor allem über Themen aus Stuttgart und dem Rems-Murr-Kreis.
Die Aronautensage hier
Die Kastenhalslaute Kemençe hier
Pontische Tänze (auf EN) hier
Der Neujahrsbrauch „Momo’eri“ (auf EL) hier
Geschichte der Pontosgriechen hier
Pontos-Griechen in diablog.eu hier
Text: Georg Friedel. Redaktion: A. Tsingas. Fotos: wie angegeben.
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