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Die Biografie von Marilena Papaioannou ist ungewöhnlich: die Biowissenschaftlerin wandelte sich zur Schriftstellerin. Einen ähnlichen Verlauf nahm auch ihr literarisches Werk; nach zwei Romanen und einer Novelle veröffentlichte sie jetzt diese Erzählungen. Normalerweise beginnen Autorinnen und Autoren mit Kurzgeschichten, um sich dann über die Novelle zum Roman vorzuarbeiten. Doch Papaioannou ist eine Autorin der jüngeren Generation, die keine ausgetretenen Pfade beschreitet.
Die Autorin
Marilena Papaioannou wurde 1982 in Athen geboren. Sie studierte Molekularbiologie und Genetik in Alexandroupolis, promovierte in Genf und arbeitete anschließend als Postdoktorandin in New York City. Heute lebt sie wieder in Athen und beschäftigt sich beruflich mit dem Lektorat-Korrektorat und der Übersetzung von biowissenschaftlichen Publikationen.
Beim Verlag Hestia Publishers erschienen ihre Bücher Νικήτας Δέλτα („Nikitas Delta“, 2013) und Κατεβαίνει ο Καμουζάς στους φούρνους („Kamouzas steigt in die Öfen hinab“, 2016) und im Verlag Kastaniotis Editions der Roman Ένα πιάτο λιγότερο („Ein Teller weniger“, 2020). Im selben Verlag erschien im Juni 2025 ihr Erzählband „Zehn Zentimeter“.
Auszeichnungen
2014 war ihr Roman „Nikitas Delta“ für die Staatlichen Literaturpreise und Preise der Literaturzeitschriften o anagnostis und Klepsydra nominiert. Klepsydra verlieh Papaioannou den Preis Junge Literaten, gemeinsam mit Yannis Asteris für sein Werk „Nouthesia imionou“.
2017 war Papaioannous Nouvelle „Kamouzas steigt in die Öfen hinab“ für Preise der Literaturzeitschriften o anagnostis und Klepsydra nominiert.
2021 stand ihr Roman „Ein Teller weniger“ auf der Shortlist für den Belletristikpreis der Zeitschrift Klepsydra.
Die Buchvorstellung
Die Erzählsammlung „Zehn Zentimeter“ erschien Mitte Juli dieses Jahres und zeichnet sich durch eine beeindruckende thematische Vielfalt aus. Die erste und die letzte Erzählung („Junge, Mädchen“ und „Bonbons“) sind Prosa mit poetischen Elementen von Liebe und Tod, die anderen nachdrücklich realistisch mit bittersüßem Nachgeschmack. Papaioannou schüttelt ihre Leserschaft regelrecht durch und erschafft dabei ohne Floskeln und Trivialitäten eine Welt, die durchaus real sein könnte. So sehr, dass sich der Lesende glatt mit den Protagonisten identifizieren kann, egal ob diese männlich, weiblich oder sogar noch ein Kind sind.
Typisch für Papaioannou sind schicksalhafte Ereignisse, die sie ohne billig aufgebaute Spannung direkt schildert. Das Entsetzen, das diese Unmittelbarkeit auslösen kann, mäßigt die anschließende Erzählweise gekonnt. Papaioannou schildert diese Schicksalsschläge so, wie sie sich alltäglich ereignen, nämlich meist ohne Vorwarnung. Ihr Thema ist, wie die Protagonisten damit umgehen.
Hart und zärtlich zugleich – jedoch ohne aufdringlich zu sein – sind die Erzählungen „Kintsugi“ und „Zuckermelone und Vick“, beide auf zweiter Ebene Inklusionsgeschichten. Das gilt ebenso für „Alkiviadis“, die jedoch eine ganze Lebensgeschichte erzählt.
Papaioannous Erzählungen beschönigen nichts, neigen aber zu einem versöhnlichen Schluss, der das Maß der Verbitterung, das sich beim Lesen ansgeammelt hat, lindert. Der gleichnamige, knappe Text „Zehn Zentimeter“ über moderne Sklaverei ist klaustrophobisch und mit offenem Ausgang.
Begeistert und berührt hat mich „Tante Domna“, in der Papaioannou anhand von Fotografien sehr anschaulich Lebensphasen und Befindlichkeiten einer behinderten Griechin in den USA nachstellt. Es ist nicht der einzige Text zum Thema Einwanderung. In „Olga und der Spatz“ geht es um Binnenmigration, in „Die Schuhe“ um den Stolz einer Person, die nach Griechenland immigriert.
Wie hat die Molekularbiologin die Autorin beeinflusst, wurde Papaioannou vor Jahren gefragt. Sie antwortete, die Biologin habe die Schriftstellerin gelehrt, Unnötiges und Unklares aus ihren Geschichten zu verbannen; dafür habe die Schriftstellerin der Biologin nahegebracht, dass auch wissenschaftliche Texte in korrekter und einnehmender Sprache geschrieben sein sollten.
diablog.eu präsentiert die Erzählung „Tiefgefroren“, die in universitären Forschungskreisen spielt. Sie behandelt das universelle Thema des Verlustes auf mehreren und unterschiedlichen Ebenen.
Die Erzählung
Tiefgefroren
In den letzten zwölf Jahren bestand mein Frühstück aus zwei Scheiben Zwieback ohne alles und einer Tasse Kaffee, meine Hauptmahlzeit war ein leichtes Abendessen am frühen Abend. Ich habe siebzehn Stunden am Tag gearbeitet. Geschlafen habe ich pro Tag höchstens drei bis vier Stunden. Auf Nachfrage konnte ich weder Wochentag noch Tageszeit angeben. Den Monat konnte ich im Allgemeinen anhand des Wetters bestimmen. Das Vergehen der Zeit konnte ich nur noch durch den Wechsel der Jahreszeiten wahrnehmen. Meine Kleidung war wie eine Uniform – blaue Jeans, schwarzes Hemd und Turnschuhe. Seit Jahren hatte ich keine neue Kleidung mehr gekauft. Seit Jahren hatte ich außerhalb der Arbeit keine sozialen Kontakte mehr, besuchte weder Theater- noch Kinoaufführungen, machte keine Spaziergänge. Meine Interessen beschränkten sich auf das, was mit meiner Forschung zu tun hatte. Meine ganze Energie und all meine Gedanken galten diesem Zweck. Zum Glück hatte Titus einmal gedroht, mir nicht mehr zu helfen, wenn ich nicht zumindest einmal im Monat mit ihm ein Bier trinken ginge – und so tat ich wenigstens das. Man hätte sagen können, ich war wie ein Schiff, dessen Kompass nur in eine Richtung zeigte – meine Nadel klemmte fest.
Deshalb brach ich, als in einer Nacht alles zerstört wurde, was ich mir in vielen Jahren aufgebaut hatte, in nur einem Moment zusammen. Ich knickte ein, wie ein vom Orkan getroffener hohler Baumstamm.
Aber ich bin nicht untergegangen.
Die Hinweise hatte ich am Mittwoch eigenhändig angebracht. Zweiunddreißig an der Zahl. Eigentlich hatte ich vor, noch mehr anzuheften, aber die anderen meinten, das wäre wohl zu viel des Guten. Zwei Hinweisschilder hatte ich an der zentralen Labortür angebracht (innen und außen), eins an der Ecke jedes Tisches (insgesamt zwölf), eins an jeden Kühlschrank (also weitere vier), eins an jeden Gefrierschrank (also noch mal vier), eins an der Tür des Mikroskopierraums, eins vor der Tür des Büros meines Professors und je eins über jedem Waschbecken (also insgesamt weitere fünf). Die restlichen drei hatte ich im Speisesaal angebracht, den wir uns mit dem Labor nebenan teilten (eins auf der Tischplatte, eins am Schrank über dem Waschbecken und eins am Schwarzen Brett).
CAUTION!
ALARM ΟΝ FREEZER #2 HAS GONE OFF
DUE ΤΟ Α TECHNICAL PROBLEM.
PLEASE DO NOT UNPLUG.
CAUTION! *
Ich hatte den Hinweis in roten Großbuchstaben auf A4-Blättern ausgedruckt. Jedes Blatt hatte ich in eine Prospekthülle gesteckt und diese mit wasserfestem Klebeband überall angebracht. Da viele Reinigungskräfte der Universität spanischsprachig sind, hatte mir Titus geholfen, das Ganze auch auf Spanisch zu schreiben, der Hinweis war also zweisprachig.
Die ersten 24 Stunden vergingen ohne Probleme, denn wir waren alle sehr umsichtig. Immer wenn wir den Raum mit den Gefrier- und Kühlschränken betreten oder verlassen mussten, achteten wir darauf, die Tür schnell wieder zu schließen, damit die anderen auf der Etage nicht vom Alarmsignal belästigt wurden.
Dieser Umstand bot uns außerdem die Gelegenheit, ein besseres Verhältnis zu den Doktoranden und Postdoktoranden des benachbarten Labors aufzubauen, zu denen wir, obwohl nur durch einen Korridor getrennt, nie ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt hatten, aus dem einfachen Grund, dass unsere Chefs eine Abneigung gegeneinander hegten, die wir jahrelang blindlings übernommen hatten. An dem Nachmittag, als ich sie aufsuchte, um das aufgetretene Problem zu besprechen und sie um Verständnis zu bitten, stieß ich nicht nur auf keinerlei Unbehagen ihrerseits; im Gegenteil, sie zeigten Einfühlungsvermögen, Sympathie und boten mir praktische Unterstützung an. Ian, einer der Doktoranden, bot mir sogar zwei Fächer in seinem Gefrierschrank an, die aufgrund wiederholter Misserfolge seiner Experimente leer standen. Ich erklärte ihm, dass ich sie nicht benötige – mein Gefrierschrank hatte kein Temperaturproblem, nur war der Daueralarm ausgelöst und wir mussten bis Freitagmorgen warten, bis der Techniker kam, um den Defekt zu beheben.
Am Donnerstagabend verließen wir alle früh das Labor, schon gegen neunzehn Uhr, auch unser Professor. Wir hatten ein Abschiedsessen für Nina arrangiert, die am Monatsende nach Deutschland zurückkehren würde.
Jo betrat das Labor um einundzwanzig Uhr dreißig. Dies wurde im Nachhinein zum einen durch die Stechkarte bestätigt, die sie um einundzwanzig Uhr zwanzig am Gebäudeeingang gestempelt hatte, zum anderen durch die Kameras, die vor dem Fahrstuhl auf unserem Stockwerk angebracht waren.
Sie begann mit ihrer Arbeit in den Büros. Leerte die Müll- und Wertstoffbehälter, säuberte die Waschbecken am Ende jedes Labortisches, trug die benutzten Behälter zum Spülen zusammen, staubte den Schreibtisch des Professors ab, warf den Staubsauger an und zog gegen zweiundzwanzig Uhr, kurz bevor sie mit dem Wischen begann, den Stecker des Gefrierschranks heraus.
Gegen null Uhr dreißig kehrte Ian, der damals alle vier Stunden seine Kulturen fotografierte, um herauszufinden, warum seine Experimente scheiterten, in sein Labor zurück. Irgendwann musste er etwas aus dem Gefrierraum holen, und als er eintrat, sah er, dass an unserem Gefrierschrank mit dem Daueralarm die Temperatur von -80 Grad Celsius auf -10 Grad angestiegen war.
Er rief mich sofort an.
Bis auf den Professor waren wir alle zu diesem Zeitpunkt noch im Restaurant und stießen auf Ninas Gesundheit an. Sobald ich minus ten hörte, sprang ich auf und verließ wie ein Gehetzter das Lokal.
Nahm ein Taxi und war in zehn Minuten im Labor.
Ian wartete vor dem Aufzug auf mich. Er kam mit mir ins Labor und blieb die ganze Zeit, in der ich versuchte, jemanden vom Sicherheitsdienst der Universität zu alarmieren, bei mir, bis ich vor meinem Gefrierschrank zusammenbrach. Zwölf Jahre meiner Arbeit und weitere zehn Jahre der Arbeit ehemaliger Kollegen waren innerhalb weniger Stunden vernichtet worden.
Zwanzig Minuten später trafen auch die anderen im Labor ein. Ian hatte sie angerufen. Der Professor wurde von Titus alarmiert, als uns das Ausmaß der Katastrophe und die Unwiederbringlichkeit der Proben bewusst wurden.
Kaum war ich zu mir gekommen, fing ich krampfartig an zu weinen. Den andern ging es genauso. Selbst Ian war in Tränen aufgelöst.
Auch der Professor muss geweint haben, nur nicht vor uns. Er ging in sein Büro und zog die Tür hinter sich zu; als er wieder herauskam, sagte er uns mit stark geröteten Augen, er werde alles tun, um den Schuldigen zu finden.
Wir alle wussten natürlich, dass dies nunmehr völlig unbedeutend war. Das Problem ließe sich dadurch nicht lösen. In der Tat ließ es sich in keinster Weise aus dem Weg räumen. Die Kulturen wiederherzustellen, die jahrelang in den Gefrierschränken aufbewahrt worden waren – wenn manche überhaupt wiederhergestellt werden konnten – würde mindestens fünf Jahre und sicher ein paar Millionen Dollar kosten; und endlose Geduld. Die Patientenproben, die ich persönlich in den letzten acht Jahren gesammelt hatte, waren natürlich gar nicht zu ersetzen.
Am nächsten Morgen meldete der Professor den Vorfall der Personalabteilung und holte sich die Einschätzung der Rechtsberater der Universität ein. Wir erfuhren sofort, dass Jo die gestrige Schicht auf unserer Etage übernommen hatte. Und die Aufnahmen der Überwachungskameras zeigten klar, dass sie den Stecker gezogen hatte.
Die Gewerkschaft der Reinigungskräfte, die immer schon sehr mächtig war, nahm Jo sofort in Schutz und meinte, es handele sich bestimmt um menschliches Versagen aufgrund von Übermüdung. Sie behaupteten sogar, Jo habe die Warnschilder wahrscheinlich einfach nicht gesehen. Die Videoaufzeichnungen zeigten jedoch eindeutig, dass Jo die Schilder sowohl vor dem Aufzug als auch im Labor sehr wohl gesehen hatte. Aufnahmen aus dem Raum mit den Gefrierschränken gab es nicht, jedoch ausreichend klare Bilder auf den Videos, die bezeugten, dass sie vor dem Betreten des Raums vor mindestens zwei Warnschildern gestanden hatte. Außerdem wurde bestätigt, dass sie sowohl Englisch als auch Spanisch lesen und verstehen konnte.
Der Professor schlug mir vor, ein paar Tage frei zu nehmen, um mich zu beruhigen und wieder zu Kräften zu kommen. Unwillig stimmte ich zu. Ich war tatsächlich nicht in der Lage, mich um den Papierkram zu kümmern.
Aber ich hielt es auch nicht länger als einen Tag zu Hause aus. Meine Gedanken wollten sich nicht beruhigen, im Gegenteil, sie steigerten sich sogar zu wüsten Szenarien. Zum einen versuchte ich, Lösungen für ein Problem zu finden, das offensichtlich nicht unmittelbar gelöst werden konnte (nur durch Zauberei hätten dreitausend Blutproben von Patienten und vierhundertachtzig Zellkulturen wiedergewonnen werden können), zum anderen war ich zornig, wütend und voller blankem Hass auf diese Frau, die (unwissentlich, wie sie behauptete) nicht nur die Arbeit eines ganzen Labors, sondern auch mein Leben zerstört hatte.
Denn das Laboratorium war mein Leben.
So wurde mir klar, dass Sinn und Zweck meiner zerschlagenen Existenz nur noch darin bestehen konnte, Jos Leben zu zerstören.
Ich begann, endlose Stunden damit zu verbringen, Möglichkeiten auszuloten, mich an ihr zu rächen. Ich machte mich daran, herauszufinden, wo sie wohnt, mit wem sie zusammenlebt, wo sie sonst noch arbeitet, mit wem sie spricht, wo sie einkauft, was ihre Hobbys sind, wer zu ihrer Familie gehört und wo diese arbeiten; einfach alles, bis hin zu ihrer Sozialversicherungsnummer.
Tags im Labor versuchte ich, ziemlich planlos, meine Forschungsarbeit wiederherzustellen, und abends zu Hause schmiedete ich Pläne, wie ich Jo eliminieren könnte. Ich dachte mir viele Szenarien aus – Szenarien für ihre physische Vernichtung, ihre finanzielle Vernichtung, ihre psychische Vernichtung. Nachts verbrachte ich endlose schlaflose Stunden und verschwendete meine Energie auf schreckliche Gedanken zu noch schrecklicheren Handlungen. Ich dachte daran, ihren Hund zu vergiften, sie auf die U-Bahn-Gleise zu schubsen, ein brennendes Streichholz in ihr Haus zu werfen, ein Schmuckstück in ihre Handtasche zu schmuggeln und sie bei der Polizei wegen Diebstahls anzuzeigen, jemanden aus ihrer Familie zu bedrohen. Viele Vorsätze. Abscheulich. Mir war der Verlust so schmerzhaft, dass mein Verstand vernebelt war. Irgendwann setzte sich ein Gedanke in meinem Kopf fest, auf dessen subversive Brillanz ich damals furchtbar stolz war, für den ich mich jetzt aber zutiefst schäme. Ich wollte sie bei der Einwanderungsbehörde denunzieren. Obwohl sie nicht wie eine Latina aussah, war ich aus irgendeinem Grund davon überzeugt, dass sie Mexikanerin war und bestimmt schwarz arbeitete. Ich war mir sicher, dass man sie dann abschieben würde – es war Trumps erstes Amtsjahr, mein Plan würde bestimmt aufgehen.
Ich fand einen Privatdetektiv, dem ich eine nicht unerhebliche Summe zahlte, damit er sich in der Angelegenheit schlau machte, bevor ich irgendetwas unternahm, was mich letztlich selbst in Schwierigkeiten hätte bringen können.
Zwei Monate nach dem Vorfall erhielt ich nachmittags einen Anruf des Ermittlers; er sagte, er wolle mich persönlich sprechen.
Wir trafen uns in seinem Büro in Harlem, und dort erfuhr ich die Geschichte von Jo – oder besser von Yasmina, wie sie tatsächlich hieß.
Yasmina war zweiunddreißig Jahre alt. Ihrem Aussehen nach hatte ich sie für zweiundfünfzig gehalten. Sie war erst vor einem Jahr nach New York gekommen, zwar mit gefälschten Papieren, aber nicht aus einem lateinamerikanischen Land. Sie stammte aus Syrien, wo sie jahrelang mit ihrer spanischen Mutter und ihrem syrischen Vater im Keller eines Hauses gelebt hatte. Sie war Lehrerin. Ihr Mann war im Krieg durch eine Rakete getötet worden. Durch den ständigen Lärm der Sirenen, die jahrelang täglich in ihrer Stadt zu hören waren, hatten ihre Ohren eine übersteigerte Empfindsamkeit entwickelt, eine allgemeine Unverträglichkeit gegenüber allem, was laut und schrill war. Deshalb blieb sie in New York nicht nur die U-Bahn fern, sondern vermied es sogar, auf der Straße über die vergitterten Luftschächte zu laufen – der Lärm der Züge war für ihre Ohren unerträglich.
All dem hörte ich entsetzt zu, konnte kein einziges Wort herausbringen. Ich verabschiedete mich eilig und verließ das Büro mit großem Schamgefühl.
Am nächsten Morgen wachte ich schweißgebadet auf. Einen Moment lang schoss mir die Idee durch den Kopf, den Professor zu bitten, die Anzeige zurückzuziehen, aber ich blieb an diesem Gedanken nicht lang hängen. Es machte nicht viel Sinn. Eigentlich ging es mir jetzt nur darum, mit Yasmina zu reden. Was genau ich ihr sagen wollte, wusste ich nicht. Ich schätze, ich wollte sie einfach nur treffen und all das über ihre Vergangenheit mit eigenen Ohren hören. Was ich erfahren hatte, war so unglaublich, dass ich ihre persönliche Bestätigung brauchte. Vielleicht wollte ich das Ganze aber auch einfach nicht wahrhaben.
Es kostete mich viel Mühe, sie zu einem Treffen zu überreden. Die Gewerkschaft hatte sie angewiesen, jeglichen Kontakt zum Laborpersonal zu meiden, solange wir Klagegegner waren. Aber schließlich konnte ich sie von meinen aufrichtigen Absichten überzeugen, und sie willigte zu einem Treffen ein.
An diesem Nachmittag erfuhr ich mehr über ihr Leben.
Sie erzählte mir, dass nicht nur ihr Mann, sondern auch ihre beste Freundin bei einem Luftangriff auf die Schule, in der sie unterrichteten, getötet worden waren. Daraufhin beschlossen ihre Eltern, in die Türkei zu fliehen. Nach vier Versuchen gelang es ihnen schließlich, Ankara zu erreichen und im Haus entfernter Verwandter unterzukommen. Yasmina war ihnen nicht gefolgt; sie hatte beschlossen, in die USA zu emigrieren. War davon überzeugt, dort ihr gelobtes Land zu finden, so, wie es im Fernsehen angepriesen wurde, als sie noch ein kleines Mädchen war. Ihr Ziel war, Geld zu sparen und einen Master-Abschluss in Sonderpädagogik zu machen. An unserer Universität fand sie mit Hilfe eines Professors einen Job. Sie verdiente gerade so viel, dass sie in einem Keller in Harlem über die Runden kam und ihren Eltern etwas Geld schicken konnte. Aber nicht genug, um die Studiengebühren zu bezahlen. Gegenwärtig besuchte sie Kurse an einem Community College und arbeitete als Gegenleistung achtzehn Stunden pro Woche in der Mensa und weitere zehn Stunden in der Bibliothek. An unserer Universität wurde sie zweimal die Woche in der Abendschicht eingesetzt.
Als ich sie nach der Empfindsamkeit ihrer Ohren fragte, wirkte sie betreten.
Sie bat mich um ein Glas Wasser, ihr Mund war trocken.
Zuerst erzählte sie mir von dem Heulen der Sirenen in ihrer Heimatstadt. Dann hielt sie inne, trank einen Schluck Wasser, und erzählte mir von einem anderen Geräusch. Sie sagte, in Syrien habe sie nicht im Keller ihres Hauses gewohnt, sondern im Keller des Geschäfts ihres Onkels. Im Erdgeschoss befand sich seine Kaffeestube und im Untergeschoss das Vorratslager und die Kühlschränke. Die beiden Familien – ihre und seine – schliefen nachts zwischen den Kühlschränken. Irgendwann kaufte ihr Onkel eine große, gebrauchte Gefriertruhe. Zwei Wochen nachdem sie neben der Kellertreppe aufgestellt worden war, explodierte sie; die Abdeckung fiel auf ihre neugeborene Tochter und zermalmte ihr Köpfchen.
Ich hörte ihr zu und meine Augen schwammen in Tränen. Auf der Stelle vergaß ich das Labor, die Kulturen, die Proben, die Vernichtung meiner Studie, die vergeudeten Arbeitsstunden, einfach alles. Ich vergaß meinen Namen, meine Stellung, meine Geschichte. Irgendwie fühlte ich mich im eigenen Körper fremd.
Habe aber nichts davon gesagt.
Für einen Moment neigte ich den Kopf; als ich wieder aufblickte, umrahmte Sonnenlicht ihre Haare. Meine Augen konnten in diesem Moment wieder eine längst vergessene Sanftheit wahrnehmen. Unwillkürlich griff ich in meinen Rucksack und holte mein Handy heraus. Ich zeigte ihr Bilder meiner Frau und meiner Schwester und erzählte ihr, dass ich sie beide durch Brustkrebs verloren hatte – die eine vor dreizehn, die andere vor zwölf Jahren.
Sie sah mich an und versuchte sich an einem Lächeln, das ihr aber nicht gelang.
Sie sagte nur: Tut mir leid, ich muss jetzt gehen, habe einen Kurs.
Zwei Jahre später erfuhr ich, dass sie ihren Abschluss mit Auszeichnung gemacht habe. Am nächsten Morgen ging ich zum Professor und schlug vor, eine der neu gezüchteten Zelllinien „YaRe“ zu nennen – von Yasmina Renta. Er hob den Blick über seine Lesebrille, lehnte sich zurück und sagte mir diplomatisch, dass ich wohl etwas Erholung bräuchte. Dann empfahl er mir, noch diplomatischer, einen befreundeten Psychologen aufzusuchen.
Keinen seiner Ratschläge habe ich befolgt. Stattdessen reduzierte ich weiter die Anzahl meiner Schlafstunden und der Konversation. Und so gelang es mir, in den drei folgenden Jahren dreitausendzweihundertfünfundzwanzig Proben von Frauen mit Brustkrebs zu sammeln.
* ACHTUNG!
DER ALARM DES GEFRIERSCHRANKS #2
IST AUSGELÖST AUFGRUND EINES
TECHNISCHEN PROBLEMS.
BITTE NICHT AUSSTÖPSELN.
ACHTUNG!
Marilena Papaioannou sagte im Interview zu dieser Erzählung:
„Tiefgefroren basiert auf einer wahren Begebenheit, die sich vor einigen Jahren an einer amerikanischen Universität zugetragen hat – aber sie enthält auch einige Elemente aus meinem früheren Leben als Forscherin.“
(s. Link 2)
Das Buch
Marilena Papaioannou: Zehn Zentimeter (nur auf EL)
Kastaniotis Publications, Athen 2025
Gebunden, 224 Seiten, 16,00 €
ISBN 978-960-03-7390-5
Links
1_Marilena Papaioannou auf biblionet hier (auf EL)
Die Titel sind unterteilt in die Rubriken „als Autorin“ (5 Werke) und „als Übersetzerin“ (14 Werke).
2_Interview auf EL geführt von Konstantina Drakoulacou auf der Internetplattform Diasticho 02.10.2025 hier
3_Marilena Papaioannou auf Literature Across Frontiers hier (auf EN)
Text und Fotos: Marilena Papaioannou. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Kastaniotis Publications. Präsentation und Übersetzung: A. Tsingas. Dank an Catherine Fragou, die diese Buchvorstellung ermöglicht hat.
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