Unbekanntes Chios

Reiseartikel von Giorgos Monogioudis

Chios – eine eigene kleine Welt vor der Küste der Türkei im Fadenkreuz der Flüchtlingsströme. Giorgos Monogioudis wird für diablog.eu zum Reiseführer über seine Heimatinsel, die zehntgrößte des Mittelmeers, mit ihren Mastix-Bauern, der reichen Geschichte, dem literarischen Erbe und ihrer abwechslungsreichen Natur.

Die „Einzigartigkeit“ von Chios

Was bringt Inselbewohner dazu, von der Einzigartigkeit ihres Herkunftsortes so fest überzeugt zu sein? Ein Bewohner des Festlandes erklärte es mir so: Das Meer sei schuld daran. Im Gegensatz zu den Bergen, welche die sichtbare von der unsichtbaren Welt abgrenzen, zwingt uns das Meer bedingungslos die eingeschränkten Grenzen eines Mikrokosmos auf, den wir Insel nennen. Diese natürliche Grenze bestärkt das Gefühl der Isolation, wie der lateinische Begriff „insula“ andeutet, worauf der Begriff in den meisten indoeuropäischen Sprachen basiert.

Der Archäologe Christos Doumas hingegen erklärt den entsprechenden griechischen Begriff damit, dass die Inseln in einem geschlossenen Meer wie der Ägäis als schwimmende Einheiten betrachtet werden. Dieses bewegliche Element in einem ansonsten geschlossenen Meer stellt den Bedarf an Kommunikation zwischen den einzelnen Mikrowelten dar, damit sie ihre natürlich festgelegten Grenzen überschreiten.

Obwohl es für alle Inseln unvermeidbar ist, sich auf ein Außen jenseits des Meeres zu orientieren, gelang es über die Jahrhunderte nur selten so wie auf Chios, den lokalen Mikrokosmos mit einer globalen Perspektive zu verbinden. Als Seeleute, die schon seit der Antike von einer angeborenen kaufmännischen Begabung geprägt waren, haben die Chioten die Welt erobert, ohne die Verbindung mit ihrem Herkunftsort zu verlieren. Dieser Gegensatz, der gleichzeitig eine Kombination zwischen Weltoffenheit und einem tief ausgeprägten volkstümlichen Element ist, verkörpert meiner Meinung nach die „chiotische Identität“.

Trotz des Gemeinplatzes von Orient und Okzident vereinigen sich beide auf Chios tatsächlich in harmonischer Weise. Obwohl die Insel immer nach Osten blickte, worauf die ungleiche Besiedlung der Insel hindeutet, hat sich die chiotische Gesellschaft sowohl in Griechenland als auch im Ausland mit den Errungenschaften des Westens wie Liberalismus und Fortschrittsglauben identifiziert. Das ist vor allem der Bildung zu verdanken, die für die Chioten jeder sozialen Herkunft oder Finanzkraft von besonderer Bedeutung ist. Trotzdem blickt Chios immer noch von morgens bis abends nach Osten, und dabei ist der Insel bewusst, dass es dem Orient einen Großteil seiner glorreichen Vergangenheit verdankt.

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Der Guistiniani-Palast auf Chios

Reicht das aus, damit ein Ort „einzigartig“ wird? Für die Chioten schon. Ungeachtet historischer Ereignisse und Fakten erklären sie ihre Beziehung zur Insel nicht rational, sondern emotional. Ein Spaziergang zum Grab von Giannis Psycharis, ein Stück nördlich der Inselhauptstadt Chora, bestätigt diesen Gedankengang. Der griechische Philologe und Schriftsteller aus Odessa wuchs in Istanbul und Marseille auf und studierte in Paris, aber er äußerte den Wunsch, nach seinem Tod auf Chios, dem Herkunftsort seines Vaters, begraben zu werden. Auf dem Grabstein dieses Befürworters der Dimotiki, also der bis zu diesem Zeitpunkt verachteten Volkssprache, steht folgender Text:

„Klageweiber von Chios, Landsmänninen, Mütter, Schwestern und Töchter! Falls ihr eines Tages zur Meeresküste kommt, falls ihr an meinem weißen Grabmal vorbeikommt, haltet einen Moment inne, singt ein Klagelied wie damals, da ich als junger Mann in den Mastix-Dörfern war, um eure Sprache zu lernen. Wer weiß, vielleicht erwecken sie mich vom Tode, denn ich habe sie so sehr geliebt -ganz tief drin in meinem griechischen Herzen. Ein Klagelied braucht nicht viele Worte, ein paar wenige reichen. Erzählt darin, dass ich durch die ganze Welt gereist bin, dass ich Frankreich verlassen habe und hierher gekommen bin, um mich am Sonnenlicht und an der gütigen Heimat zu wärmen.“

Desgleichen hat der aus Chios und Kythira stammende, aber auf Syros geborene Georgios Souris, einer der bekanntesten Satiriker des modernen Griechenland Folgendes über sich selbst geschrieben:

„Manche sagen, dass ich ein Kind von Chios
und gar aristokratischer Herkunft bin,
andere betrachten Syros als meine Heimat
und viele mehr noch die Insel Kythira.
Aber ich wünsche mir immer, aus Chios zu sein,
nur ab und zu wünsch ich mir Syros als Heimat
und noch seltener Kythira“.

Was möchte ich damit sagen? Im Wesentlichen entschuldige ich mich bei künftigen Besucherinnen und Besuchern im Voraus, dass ich nicht in der Lage bin, einen objektiven Blick auf Chios anzubieten. Egal, wie spannende Orte ich auch bewohne oder besuche, immer werde ich zu dieser Insel zurückkehren, um den Kontakt zu Land und Leuten zu halten.

Hinweise für Reisende

Mir ist durchaus bewusst, dass der Titel dieses Beitrags täuscht, weil heutzutage nichts mehr unbekannt ist, nicht einmal Orte wie Chios, die bisher dem Massentourismus widerstanden haben. Da aber Kenntnis mit Verständnis einhergehen sollte, möchte ich meine eigene Perspektive auf Chios als Urlaubsziel anhand einzelner Ausflüge darstellen.

Alles fängt in der Hauptstadt Chora an, welche die Besucher jahrelang auf dem Weg zu den Hauptsehenswürdigkeiten der Insel links liegen ließen. In der Tat entspricht der erste Eindruck aus dem Meer nicht den Inselerwartungen des Durchschnittsbesuchers, aber in Hinblick auf die Verbesserungen, die in den letzten Jahren zu bemerken sind, sollte man es sich überlegen und die Stadt Hals doch nicht über Kopf verlassen.

Chora wird nie der ligurischen Atmosphäre von Kambos, dem mittelalterlichen Reiz von Mesta oder der Inselstimmung von Langada nahe kommen. Und zwar nicht, weil dem Hauptort diese Merkmale fehlen, sondern weil es sich eben um eine richtige Stadt mit allen Vor- und Nachteilen handelt! Sobald der Besucher diese Tatsache akzeptiert, wird er feststellen, dass die Hauptstadt von Chios mehr zu bieten hat, als erwartet…

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Altes Haus in Kastro, Chios

Auf dem Spaziergang, den ich vorschlage, kann man sich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt anschauen sowie einen Einblick in die soziale Entwicklung gewinnen. Den Ausgangspunkt bildet der Hafen und insbesondere der Schiffsanleger. Nur eine kleine Anzahl von Besuchern weiß, dass dieser Teil des Hafens im Gegensatz zu den prächtigen, bürgerlichen Gebäuden auf der gegenüberliegenden Seite den Namen „Arme Promenade“ trug. Mit Ausnahme des Kinos „Rex“, das 1936 im selben Art-Déco-Stil wie das gleichnamige Kino von Athen errichtet wurde, hat die „Arme Promenade“, der südliche Eingang zum Mikrokosmos namens Kastro (= Festung), nie ihren besonderen Charakter geleugnet.

Ein paar Schritte vom Schiffsanleger entfernt erinnert der mittlerweile verschönerte Platz von Kastro überhaupt nicht mehr an den maroden Charme, den dieses zentrale Stadtviertel noch bis vor kurzem ausstrahlte. Kastro lag immer an derselben Stelle, aber jahrelang hat man nicht richtig hingeschaut. Der Grund liegt darin, dass sich Kastro als ursprünglicher Wohnort der Osmanen und später der griechischen Flüchtlinge aus Kleinasien in einer sozialen Randlage befand. Das hat sich allerdings inzwischen geändert.

Der Stadtgraben wird nicht mehr als Parkplatz genutzt, dem osmanischen Hamam wurde neues Leben eingehaucht und die Hafenmauer wird immer weiter in Stand gesetzt. Vom Hauptplatz von Kastro ausgehend sollte sich man ein wenig Zeit nehmen, um die Turbane auf den Gräbern des osmanischen Friedhofs zu betrachten. Dann kann man durch die kleinen Gassen um die verfallene Hamidiye Moschee und die ehemalige Eski Moschee – heutzutage St. Georgs-Kirche – mit dem mit Marmor verzierten Brunnen, dem renovierten Hamam und den mit Gras überwucherten Schießscharten spazieren. Vom nördlichen Teil der Hafenmauer aus kann man das ehemalige Industrieviertel der Stadt, Tabakika, betrachten und die renovierten Windmühlen, die seit mehreren Jahren als inoffizielles Symbol der Insel gelten.

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Aplotaria, Chios

Vom Hauptplatz von Kastro ausgehend lässt man nach dem Stadttor „Porta Maggiore“ den Graben hinter sich und erreicht den Hauptplatz von Chora, der den Namen „Vounaki“ trägt. Hier entstand infolge moderner Stadtplanung ein Park mit Verwaltungsgebäuden beiderseites in Form eines „Zeppelins“, dessen Verbindung mit den kleinen Gassen der Altstadt dennoch geglückt ist. Auch wenn man von den jahrhundertealten Araukarien, den Büsten prominenter Einwohner von Chios und der Statue des historischen Seehelden des Griechischen Aufstands von 1821 Kanaris beeindruckt ist, verläuft man sich bald in den kleinen Gassen des Marktes, in dessen Zentrum die berühmte Straße namens „Aplotaria“ liegt. Der Name kommt höchstwahrscheinlich von den dort ausgebreiteten Waren, was ihren Charakter als Zentrum des Handels unterstreicht.

Interessant ist nicht nur die Hauptstraße mit den neoklassischen Gebäuden, den Kleiderläden und den alternativen Cafés und Bars, sondern auch die Nebenstraßen, die Lebensmittel wie z. B. Nüsse oder Haushaltsprodukte im Angebot haben. Kurz, bevor sich die „Aplotaria“ verzweigt, sollte man sich für Verwandte und Freunde mit „Massurakia“ eindecken, einer Leckerei aus Blätterteig und geriebenen Mandeln aus der Konditorei „Avgoustakis“, ebenso wie mit Mastix- und Mandarinen-Eis aus dem „Kronos“ gleich an der Ecke der Filippou-Argenti-Straße.

Unmittelbar danach gelangt man in das „Bildungszentrum“ der Stadt, das mehrere berühmte Einrichtungen umfasst: die ehemalige Stadtschule – heute 11. Grundschule – mit den ionischen Säulen und dem wunderschön gepflasterten Hof, die berühmte Hochschule von Chios, eine der ältesten Bildungsinstitutionen der griechischsprachigen Welt aus dem Jahr 1792, die Historische „Korais“-Bibliothek, die mit ihren 250.000 Bänden inklusive der privaten Sammlungen der Schriftsteller Adamantios Korais (3.000 Bände) und Georgios Theotokas (4.000 Bände) zu den größten Griechenlands zählt.

Darüber hinaus befindet sich dort das Institut für Handelsschifffahrt und Maritimer Wirtschaft der Ägäischen Universität. Gleich hinter der Bibliothek wurde vor kurzem die erste Schule für Flüchtlinge eingerichtet, in der 36 Kinder in zwei Klassen in Arabisch, Englisch und Mathematik unterrichtet werden. Auf keinen Fall sollte man, bevor man dieses Stadtviertel verlässt, die nahe gelegene neoklassische Kathedrale mit dem schönen gepflasterten Hof übersehen.

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Ich würde empfehlen, eines der interessanten Museen von Chora zu besuchen. Das Archäologische Museum verfügt über eine Sammlung aus der Mykene-Zeit bis zur späten Römerzeit ebenso wie der Giustiniani-Palast in Kastro mit byzantinischen und genuesischen Ausstellungsobjekten, oder das Schifffahrtsmuseum mit seiner reichen Gemäldegalerie, die Schiffe aus verschiedenen Epochen zeigt. Darüber hinaus ist das Byzantinische Museum in der Medjitie-Moschee sehenswert. Wenn die Zeit jedoch knapp ist, ist ein Stadtrundgang vorzuziehen.

Ein Spaziergang an der Hafenpromenade entlang ist ein Muss, doch um diese Strecke kommt aber früher oder später ohnehin nicht herum. Am Hafen von Chora sollte man sich bei einem der beiden Leuchttürme postieren. Wenn ein Schiff in den Hafen einläuft, bietet sich ein interessanter Anblick: Der Größe von Schiffen wird man sich erst bewusst, wenn man sie während der Fahrt betrachtet!

Als letzte Sehenswürdigkeit in Chora würde ich das so genannte „Lovokomio“ empfehlen. Dabei handelt es sich um die ehemalige Leprakolonie, auch „Spinalonga von Chios“ genannt: Es ist eine Heilanstalt aus dem Jahr 1378, die ganz versteckt am Rande der Überlandstraße liegt, die von Chora nach Vrondados führt. Das Gebäude war für die damalige Zeit hervorragend ausgestattet und wurde durch Mittel von in London und Paris lebender chiotischer Kaufleute am Anfang des 20. Jahrhunderts modernisiert. Es war bis 1959 im Betrieb, seitdem verfällt es infolge des Desinteresses der zuständigen Stellen. Hier lohnt es sich, einen Spaziergang am späten Nachmittag zu machen, um die gespenstische Stille des Areals zu verspüren.

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Lovokomio, Chios

Nach dem Besuch von Chora gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder fährt man nach Norden ins Zentrum der Insel oder nach Süden. Beide Gegenden sind nicht nur geographisch sondern auch sozioökonomisch sehr verschieden, da die südlichen Gemeinden vom Mastix-Anbau geprägt wurden. Mastix ist zwar sehr wichtig für Chios, dennoch sollte man in jedem Fall auch einen Blick auf die bergige und wilde Seite der Insel werfen.

Es gibt drei bekannte Gründe, um den Mittelteil von Chios zu besuchen: das tausendjährige Kloster Nea Moni, welches aufgrund seiner goldenen Mosaiken in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen wurde, das verfallene Dorf Anavatos und das mittelalterliche Avgonima. Alle sind von Chora aus gut erreichbar, und obwohl sie zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten von Chios zählen, ist es ihnen gelungen, die mittelalterliche Atmosphäre zu bewahren.

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Das Kloster von Nea Moni, Chios

Je mehr Kilometer wir zurücklegen, je wilder die Landschaft wird, je mehr Berge wir passieren und je weniger Fahrzeuge unterwegs sind, desto näher kommt man den unberührten Orten der Insel. Obwohl meine Kenntnisse über den Norden von Chios nur mangelhaft sind, möchte ich versuchen, all die Punkte zusammenzufassen, die meiner Meinung nach zu seiner Einzigartigkeit beitragen.

In erster Linie ist es die Landschaft. Im Gegensatz zum Süden, der von sanften Hügeln und landwirtschaftlich erschlossenen Tälern geprägt ist, sind es im Norden die rauen Berge und die wilde Natur, die der Region den Stempel der Viehzucht aufdrücken und das Bedürfnis erklären, sich zum Meer hin zu öffnen, wie es Kardamyla z. B. gelungen ist. Man kann den nordwestlichen Teil von Chios über das Plateau von Aipos erreichen, das einer Mondlandschaft gleicht. Die wild zerklüftete Landschaft bildet nicht nur eine Grenze zwischen dem Norden und Süden, sondern auch zwischen dem Westen und Osten der Insel.

Im Gegensatz zum Nordosten, wo die Küstensiedlungen entstanden sind (Langada, Marmaro), verstecken sich die Dörfer im Nordwesten von Chios in den Auffaltungen des Amani-Gebirges. Wen die 40 Kilometer lange Distanz von Chora aus nicht abschreckt, kann von Volissos aus, das sich langsam zu einem Zentrum des alternativen Tourismus entwickelt, die Geheimnisse der Amani-Berge über eine kurvenreiche, herrliche Strecke erkunden. Hier werden die Küsten vom Nordwind gepeitscht, hier sollte man einige Zeit der einzigartigen Natur widmen, bevor man Richtung Westen zum Schwimmen fährt.

Der mittlerweile bekannte Wanderweg durch die Schlucht von Kambia ist ein erstes Indiz für den Ökotourismus im Nordwesten von Chios. Doch auch die Neukultivierung der antiken Weinberge und die Produktion des vielgelobten „Ariousios“-Wein machen diese Reise spannend. Wenn man bereit ist, sich mit der schwierigen Seite des Lebens in Amani auseinanderzusetzen, kann man mit Hilfe einer detaillierten Landkarte die verlassenen Dörfer der Region, wie zum Beispiel Palia Potamia, Lardato und Agios Giannis besuchen. Der allmähliche Rückgang der menschlichen Besiedlung in einer Gegend, die von der Natur mit rasanter Geschwindigkeit zurückerobert wird, ist ein berührender Anblick und bliebt noch lange im Gedächtnis haften.

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Palia Potamia, Chios

Ähnlich spürbar ist das Fehlen menschlicher Besiedlung entlang der ganzen westlichen Küste von Chios. Dort befinden sich einige der besten Strände der Insel, die aufgrund des schwierigen Zugangs und der mangelnden Infrastruktur sogar mitten im August friedlich daliegen. Agia Markella, Lefkathia und Managros zählen zu den bekanntesten Stränden in der Nähe von Volissos, aber mir gefallen die südlicheren Optionen von Tigani, Elinda und Trachili besonders gut. Wenn der Wind den Dunst der Ägäis auflöst, kann man von diesen Stränden aus die nahe gelegene Insel Psara sehen. Die einzigen menschlichen Spuren in der Gegend sind die gut erhaltenen Wachtürme, die so genannten „vigles“. Sie dienten früher dazu, die Dörfer über die Ankunft von Piraten zu informieren – tagsüber durch Rauchsignale und nachts durch Feuerzeichen.

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Strand von Elinda, Chios

Aufgrund dieser heute nicht mehr relevanten Gefahr befindet sich die große Mehrheit der Dörfer von Chios weit weg von der Küste. Mit Ausnahme von Chora, das schon seit der Antike an derselben Stelle lag, stammen die meisten Küstensiedlungen der Insel aus dem 19. Jahrhundert, als das Phänomen der Seeräuberei langsam verschwand. Falls jemand Interesse für Festungsarchitektur in einem besiedelten Umfeld hat, sollte er die sogenannten Mastix-Dörfer besuchen. Weitab vom Meer und versteckt in kleinen aber fruchtbaren Tälern, blühten diese Dörfer unter der Genuesen-Herrschaft auf, als systematisch Mastixanbau und -handel betrieben wurden. Trotz des Fehlens einer schützenden Mauer waren die Häuser so dicht aneinander gebaut, dass es nur einen einzigen Eingang bzw. Ausgang gab und die engen Gassen ein richtiggehendes Labyrinth bildeten. Die verspätete Ankunft der Moderne trug unter anderem zum Erhalt dieser Siedlungen bei, beispielsweise des bekanntesten Mastix-Dorfes Mesta, das erst 1936 durch eine Autostraße mit Chora verbunden wurde. Trotz der allmählichen Entwicklung des Tourismus strahlen Mesta genauso wie die noch kaum bekannten Orte Olympoi und Vessa ein mittelalterliche Atmosphäre aus.

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Will man etwas wirklich Einzigartiges sehen, muss man nur Richtung Osten fahren. Als Jacques Lacarrière 1966 Pyrgi besuchte, beschrieb er in seinem Buch „Der griechische Sommer“ die unzähligen geometrischen Zeichen („Xysta“ im lokalen Dialekt), die auf den schlichten Häusern des Dorfes wie fein säuberlich angebrachte Graffitti wirken. Der besondere Charakter von Pyrgi besteht allerdings nicht nur aus seiner einzigartigen Kratzputzornamentik. Auch andere Eindrücke wie die Kirschtomaten, die an der Wand zum Trocknen hängen, die Frauen, die in den Gassen Mastix bearbeiten, die Männern, die ihren Mokka am Dorfplatz trinken, der muffige Geruch verlassener Häuser, der sich mit den Düften aus den bewohnten Küchen vermischt, der Ruf des Esels aus der Ferne sowie die unverständliche Mundart der Menschen vervollständigen das Bild eines ganz besonderen Dorfes.

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Pyrgi befindet sich im Herzen des Mastix-Anbaus, kein Zufall ist daher die vor kurzem erfolgte Eröffnung des Mastix-Museums (betrieben von der Kulturstiftung der Piräus-Bankgruppe) in der Nähe des Dorfes. Die dortigen mediterranen Klimaverhältnisse tragen zur Produktion eines qualitativ hochwertigen, aromatischen Mastixharzes bei. Im Gegensatz zum Bewuchs der übrigen Insel wird die südliche Küste von niedriger Vegetation beherrscht, und die Sandstrände sowie die türkisgrünen Gewässer erinnern an die Kykladen. Bis vor kurzem, als die Straßen zu den Stränden von Avlonia, Salagonas und Agia Dinami noch Feldwege waren, bot das erfrischende Meer eine Erlösung von den dichten Staubwolken und der glühenden Sonne. Die besondere Landschaft im Südteil von Chios wird von den dramatischen, weißen Felsen von Vroulidia und den schwarzen Kieselsteinen am Strand von Mavra Volia unterstrichen. Diese Farbkombination spiegelt sich in einem wahrhaft „irren“ Meeresboden wider.

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Wenn man Richtung Nordosten fährt und das von der Sonne gebleichte Trockenmauerwerk hinter sich lässt, wird der Terrassenanbau der Mastix-Bäume langsam durch Olivenhaine abgelöst, die von einzelnen Zypressen begrenzt sind. Der aus der Region stammende Regisseur Dimos Avdeliodis pries in seinem Film „Der Baum, den wir verletzten“ (1987) die Sorglosigkeit der Kindheit und den ewigen, griechischen Sommer in den Mastix-Dörfern, zugleich bildete er auch den reichen Pflanzenwuchs der Gegend in seinem späteren Film „Das Frühlingstreffen der Feldhüter“ (1999) ab, wenn die Olivhaine von Agios Giorgis Sikousis, Tholopotami und Didimes im Frühling von den Wildttulpen namens „lalades“ rot gefärbt werden. So findet der allmähliche Übergang vom trockenen Reich der Mastixbäume zur feuchten Erde von Kambos statt.

Auch wenn man schon viel davon gehört hat, reicht ein mündliches Zeugnis oder ein schriftlicher Text nie aus, um das einmalige Gefühl des ersten Spaziergangs in diesem geschlossenen Mikrokosmos namens Kambos zu beschreiben. Es handelt sich um ein kleines Tal südlich von Chora, das schon in genuesischer Zeit wohlhabenden Sterblichen ein Paradies auf Erden bot. Die kosmopolitische Geschichte von Familien wie zum Beispiel der Argenti, Grimaldi, Zigomala, Kalvokoressi, Kalouta, Kontostavli, Mavrokordati, Petrokokkini, Ralli, Rodokanaki, Salvagi und Skaramanga hatte ihren Ausgangspunkt an diesem kleinen Ort der Ägäis. Hier haben sie in ihren prächtigen Villen aus dem lokalen, roten Stein den ligurischen Stil mit orientalischen Elementen bereichert.

Allerdings wurde Kambos als fruchtbarster Teil von Chios nie wirklich urbanisiert, sondern blieb über die Jahrhunderte Mittelpunkt der Zitrusproduktion, zumal die Häuser der Aristokratie von endlosen Orangen-, Zitronen- und Mandarinenhainen umgeben waren, die ein dichtes Netzwerk hoher Mauern vor dem Nordwind schützte. Man hat durch das kleine, aber besonders informative „Citrus“-Museum die Gelegenheit, mehr über die Geschichte der Zitrusfrüchte auf Chios zu erfahren sowie den Innenhof einer alten Villa mit Ziehbrunnen und Zisterne zu besichtigen. Trotz der verwirrenden Straßenführung lohnt es sich, in der Abenddämmerung einen Spaziergang durch die engen Gassen von Kambos zu machen, den feuchten Dunst auf der Haut zu spüren und den schweren Duft der Zitruspflanzen einzuatmen…

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Statt eines Epilogs

Auch wenn der von mir vorgeschlagene Weg jetzt zu Ende ist, wird diese Reise in den Erzählungen der Reisenden ihre Fortsetzung finden. So wie jeder andere Ort, mit dem man emotional verbunden ist, wird Chios, je nach der Nuancierung jedes einzelnen Erzählers, neu erschaffen. Viele haben die Insel im Rahmen eines Urlaubs kennengelernt, so manche Griechen haben Erfahrungen während ihres Wehrdienstes gesammelt. In jedem Fall handelt es sich um einen teils bekannten, teils unbekannten Ort, der nach wie vor auf Mundpropaganda angewiesen bleibt.

Text: Giorgos Monogioudis. Fotos: Giorgos Monogioudis.

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6 Gedanken zu “Unbekanntes Chios

  1. Jassas, der Artikel von Monogioudis Giorgos ist eine Liebeserklärung über seine Heimatinsel Chios. Sehr interessant und informativ, aber auch zu schön auf heile Welt. Der Artikel könnte auch vom lokalen Tourismusbüro auf Chios stammen. Kein Wort über die menschenunwürdigen Bedingungen der Flüchtlinge im „Hot Spot“, zu den Angriffen im April von Rassisten auf Flüchtlinge, Volontäre und das Soli Cafe, oder über die schlechte Gesundheitsversorgung auf der Insel. Ok. davon wollen viele Leser eh nichts wissen.

    Ein Interview mit einem Flüchtlingshelfer auf Chios

    https://www.vice.com/de/read/interview-mit-einem-fluechtlingshelfer-auf-chios-789

    Soli Cafe in Chios: https://www.facebook.com/solicafechios/

    Auch kein Wort zu den Bränden 2012 und in diesem Jahr. Im Juli hat es wieder auf Chios gebrannt. 3.500 Hektar Mastixland sind verbrannt, 90% der Mastixbäume von Lithi, Elata und Vessa, und große Flächen bei Mesta, Armolia und Pyrgi.

    https://www.griechenland.net/nachrichten/chronik/20438-schwere-br%C3%A4nde-auf-der-insel-chios-land-in-asche

    https://www.ekathimerini.com/210760/gallery/ekathimerini/in-images/day-after-on-chios-island

    Erst vor vier Jahren hatte ein Brand auf Chios mehr als 12.700 Hektar Wald und Felder zerstört, darunter fast 40 Prozent der für die Inselbewohner wirtschaftlich wichtigen Mastixbäume.

    So oder so, ist Chios in den letzten Monaten medial sehr präsent. Zusätzlich ist noch ein deutschsprachiger Reise -und ein Wanderführer über Chios erschienen.

    Den Anfang macht im Dezember die neaFoni mit einer neunseitigen Reportage:

    Wo die „Tränen der Götter“ fliessen
    Chios- Die „Unnahbare“ der östlichen Ägäis

    https://neafoni.de/

    Dann folgten wohl auf Einladung des lokalen Tourismusbüros von Chios im Mai 2015 zwei Berichte in österreichischen Zeitungen.

    Chios, duftende Insel der Tränen
    Fernab vom Tourismus betört die griechische Insel Chios mit einsamen Buchten, gepflegten Zitrusgärten und dem süßen Harz der Mastix-Bäume.

    https://www.kleinezeitung.at/lebensart/reise/4051154/GriechenlandTipp_Chios-duftende-Insel-der-Traenen

    und

    Die griechische Insel Chios
    Sonne, Sommer und Strand – das alles bietet das griechische Eiland Chios. Herzlichkeit findet man aber, ohne sie zu suchen

    https://derstandard.at/1363711629909/Die-griechische-Insel-Chios

    Im August schaffte es Chios wieder in die deutschsprachigen Medien, mit einer eher ungewöhnlichen Meldung :

    Rentner unter Verdacht: Griechische Polizei nimmt Deutschen wegen Spionage fest Er soll Militäranlagen, Häfen und Brücken auf einer Ägäis-Insel fotografiert haben: Die griechische Polizei hat einen 72-jährigen deutschen Rentner unter Spionageverdacht festgenommen.

    https://www.spiegel.de/politik/ausland/spionage-griechische-behoerden-nehmen-deutschen-rentner-fest-a-914687.html

    Im September 2015 auf der HP von Klaus Bötig:

    Die Insel Chios

    https://www.klaus-boetig.de/die-insel-chios/#more-2647

    Nach dem Artikel von Monogioudis Giorgos habe ich auf jeden Fall beschlossen Chios mal zu besuchen.

    vg, kv

    • Lieber Kokkinos Vrachos, deine Kommentare sind, wie immer, inhaltsreich und informativ. Was deine Anmerkung betrifft zu Waldbränden und Flüchtlingen: Ich habe Giorgos Monogioudis gebeten, einen Artikel über die Insel seiner Vorfahren zu schreiben, keinen aktuellen Zeitungsbericht. Als er mir den Bericht dann so schickte, habe ich nicht darauf bestanden, auch die derzeitige Problematik zu beleuchten. Das wäre dann ein anderer Text geworden. Ich glaube, man sollte klassische Reiseartikel und aktuelle Berichterstattung nicht vermengen. Der Post über Filippiada z. B. gehört zur letzten Kategorie, Chios zu ersten.

      • Kalimera Michaela, „Ich habe Giorgos Monogioudis gebeten, einen Artikel über die Insel seiner Vorfahren zu schreiben, keinen aktuellen Zeitungsbericht“, und dass es ein klassischer Reiseartikel ist davon bin ich ausgegangen.

        Mein Kommentar sollte ja auch keine Kritik an den sehr informativen und interessanten Artikel von Giorgos Monogioudis sein, sondern eine Ergänzung über die aktuelle Lage. Es gibt ja immer zwei Seiten einer Medaille bzw. einer Insel und die andere wollte ich kurz in meinem Kommentar erwähnen. Eine Kommentarspalte ist ja auch für Anmerkungen, Ergänzungen, Lob und Kritik gedacht.
        Nach einigen Artikeln die ich über Chios gelesen habe, stand Chios nicht auf meinem Reisezettel. Erst der mit sehr viel Liebe geschriebene Artikel von Giorgos Monogioudis hat mich bewogen die Insel Chios zu besuchen.

        Freue mich weiterhin über klassische Reiseartikel und aktuelle Berichterstattung, ob griechisches Festland oder über eine griechische Insel bei diablog.

        Schönes Wochenende, kv

  2. Wie ein Hund, der überall sein Bein hebt, markiert „kokkinos vrachos“ die Kommentarfunktionen von Blogs und Websites mit seinen zusammenkopierten Erkenntnissen und seinem Weltbild.
    Ob danach überhaupt gefragt wurde (eher selten), oder dass sie aus zweiter oder dritter Hand stammen, interessiert ihn nicht.
    Ärgerlich.

  3. So wie der Autor Chios beschreibt, sehen wir sie auch. Vor 10 Jahren kamen wir beim ‚Inselhopping‘ nur für ein paar Tage nach Chios. Schnell war uns klar: Auf diese Insel müssen wir wieder kommen. Sie begeisterte uns so, dass wir über sie einen deutschsprachigen Reiseführer verfasst haben, der Anfang 2016 in 2. Auflage erschienen ist. Chios ist voller Kultur und Natur – ganz Griechenland auf 800 km² – vom Hochgebirge bis zu Ebenen im Inselsüden. Da es auf Chios nur 6000 Betten gibt – Kos hat 50 000 und ist ein Drittel so groß – spielt der Massentourismus auf der Insel – bis auf die Region um Karfas – keine Rolle. Bisher scheiterten – glücklicherweise – die Versuche, den kleinen Flughafen für große Touristenflieger auszubauen. Nach den erneuten Feuern im Süden und Nortwesten – höchstwarscheinlich Brandstiftung – steht die Tourismusbranche der Insel unter massivem Druck (Besucherrückgang – 60%) Das dürfte den Druck der großen Hotelbesitzer für den Ausbau des Flughafens mit Mitteln aus Athen zunehmen lassen. Dabei ist der Weg zum Massentourismuis falsch, wie die Entwicklung in Rhodos, Santorin und Teilen Kretas zeigt. Der ‚All Inclusive-Boom‘ zerstört die lokale Tourismusbranche und degradiert die Bewohner zur Hilfsarbeitern großer Konzerne. Mittlerweile begreifen viele Chioten, dass Individualreisende, Natur- und Kulturliebhaber zwar nicht Masse bringen, aber pro Kopf mehr Geld bleibt. Lokale Initativen bieten Natur-Tourismus an, Vermieter restaurieren alter Bauernhäuser für einen besonderen Griechenland-Urlaub.
    Schattenseiten gibt es – wie überall – natürlich auch auf Chios. Seien es die chaotische Raumplanung um Karfas oder die leider immer noch zu findenden Müllkippen und Autowracks. Wie ein Damoklesschwert ’schwebt‘ über der Insel das Problem, wie mit der wachsenden Zahl von dauerhaft dort in Lagern lebenden Flüchtlingen umgegangen werden soll. Viele Freiwillige haben sich engagiert, aber die Regierung versagt und in den Lagern wächst die Frustration. Aggressiv treten griechische Neonazis (Chrisy Avgi) in Erscheinung und versuchen, die Bevölkerung auzuhetzen. Der Urlauber bekommt davon – jedenfalls außerhalb der Hauptstadt – allerdings kaum etwas mit.
    https://medienfresser.blogspot.de/2016/05/fluchtlinge-in-chios-ankert-die-eu.html

    Im Vergleich zum reichen Deutschland, verhalten sich die meisten Chioten hilfsbereit. Kein Wunder, viele Inselbewohner stammen von Flüchtlingen vom Festland ab, die 1922/23 von dort vertrieben wurden. „Wir verstehen die Flüchtlinge, meine Familie mussten einst ihre Heimat verlassen und kamen mit nichts auf der Insel an.“

    Chios ist Kultur pur. Kreter, Griechen, Römer, Byzantiner, Genueser und Venzianer und 300 Jahre lang die Osmanen hinterließen hier ihre Spuren. Die Insel war bereits in der Steinzeit besiedelt, was man beim Besuch der Höhlen von Aghio Galas im Nordwesten erfahren kann. Das vom Autor erwähnte einstige Lepra-Dorf ist ein versteckter ‚Schatz‘ und die Inselverwaltung sollte endlich etwas unternehmen, dass es nicht weiter durch unerwünschte Besucher (Graffitis) zerstört wird. https://medienfresser.blogspot.de/2015/05/chios-einstige-lepra-kolonie-muss-als.html
    Auch über die jüngere Geschichte der Insel sollten die Besucher besser informiert werden. Zwischen 1941-1944 lebte die Bevölkerung unter deutscher Besatzung und das bedeutete vor allem Hunger. Ein seltsamer Grabstein im Stadtzentrum weckte mein Interesse. Neben einer Statue für den Widerstandskämpfer Jason Kalambokas findet sich eine Gedenkplatte mit seinen Daten. Auf der Rückseite aber enpuppt er sich als Grabstein für einen Unteroffizier der Wehrmacht, der 1944 auf Chios bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen war. Wieso er dann für den griechischen Offizier Kalambokas nach Kriegsende ‚umgewidmet‘ wurde – am Ort findet sich darüber nichts. https://medienfresser.blogspot.de/2014/12/chios-vor-70-jahren-endete-die-deutsche.html

    Es gibt so viel zu Entdecken auf Chios! Deshalb freut uns, dass Georgios Monogioudis seine Heimatinsel so zeigt, wie sie ist – und hoffentlich auch bleibt….

    • Vielen Dank für den interessanten Kommentar! Ich werde ich an den Autor weiterleiten.

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