Fünf Personen suchen ihr Land

Interview mit Stratos Tzitzis, Filmregisseur

Hellas Film Box 2017: diablog.eu traf sich mit dem in Berlin lebenden Regisseur Stratos Tzitzis, um über seinen Film „Asche“ zu reden. Das im letzten Jahr gegründete Filmfestival geht ins zweite Jahr und wartet auch diesmal zwischen dem 18. und 22. Januar 2017 mit vielen spannenden Arbeiten aus dem griechischsprachigen Raum auf. „Asche“ ist am 19.1. um 20 Uhr im Babylon Saal 1 zu sehen.

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Stratos Tzitzis am Set des Films „Asche“

Dein letzter Film „Asche“ wird beim griechischen Filmfestival „Hellas Film Box“ in einem Special Screening gezeigt. Es ist eine Art metaphorisches Kammerspiel über die griechische Realität und Krise. Außerdem ist es ein Film, der aus einem Theaterstück entstanden ist. Wie war es für dich, mit fünf Figuren hauptsächlich in einem einzigen Raum zu arbeiten?

Mich hat die Idee interessiert, die Handlung in einem Raum zu komprimieren und allein aus den Beziehungen der Personen untereinander eine so packende Handlung zu entwickeln, dass man die äußerlichen Fakten einer abenteuerlichen Geschichte gar nicht mehr braucht. Wenn Menschen um einen Tisch sitzen, passieren immer wieder so spannende Dinge, dass sie allein schon unsere Aufmerksamkeit fesseln können, insbesonders die Dinge, die nicht sofort auf den Tisch kommen.

In „Asche“ geht es um einen Toten und fünf Personen, die zu ihm in Beziehung stehen. Thema des Films: Man diskutiert darüber, wie er zu bestatten sei. Diese fünf Figuren symbolisieren in gewisser Weise das heutige Griechenland. Kannst du sie uns beschreiben?

Es handelt sich um drei Freunde des Toten, die sich seit Studienzeiten kennen:

Charis, der die gewalttätige Ausformung der autonomen Bewegung repräsentiert, ist einer von denen, die bei der erstbesten Gelegenheit das Athener Zentrum „in Schutt und Asche“ legen.

Vassilis, linker Intellektueller mit akademischer Laufbahn, gehört dazu genau wie seine Frau Marianna, studierte Psychologin aus reichem Hause, die ihren Beruf jedoch an den Nagel gehängt hat und, im dritten Monat schwanger, auf einem Ego-Trip ist.

Die etwa 50-jährige Schwester des Toten verkörpert den ängstlichen Durchschnittsgriechen. Sie hat ein Geschäft für Kindermode, das kurz vor dem Aus steht, und einen Faschisten zum Sohn, der sie schlägt.

Die junge Ukrainerin, die Freundin des Toten, ist den Vorurteilen gegen das „russische Flittchen“ ausgesetzt, das in griechischen Filmen, TV-Serien und volkstümlichen Theaterstücken weite Verbreitung findet.

Und – last, but not least – der Tote, den man zwar nie zu Gesicht bekommt, von dem man aber aus den Andeutungen der anderen mitbekommt, dass er ein „Original“ gewesen sein muss, ein charismatischer junger Musiker, der drogenabhängig war und dadurch auch zugrunde gegangen ist.

Eigentlich ist es unmöglich, ein ganzes Land in fünf Figuren darzustellen. Die griechische Gesellschaft besteht – wie alle anderen – großteils aus Menschen, die einfach ihren Job machen und, so gut es geht, ihre Schäfchen ins Trockene bringen wollen. Sie bilden das soziale Gerüst oder, anders gesagt, die Masse. Die Masse selbst ist dramaturgisch nicht so interessant, wohl aber die Strömungen, die in ihr entstehen und zu ihrer Ausformung beitragen. Daher habe ich fünf Figuren ausgewählt, die entscheidend zur Gestaltung der zeitgenössischen neugriechischen „Szenerie“ seit dem Fall der Junta 1974 beigetragen haben.

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Was war für dich der Auslöser, 2004 nach Berlin zu kommen?

In Griechenland geht es nicht nach dem Leistungsprinzip. Das war der Hauptgrund, das Land zu verlassen. Alle, die sich damit nicht abfinden können, werden automatisch vertrieben. Dieses „Nicht-Leistungsprinzip“ gab es schon lange vor der Krise und war eine der Hauptursachen, warum es überhaupt soweit kam. Das habe ich schon lange vor dem Staatsbankrott begriffen. Es war überall greifbar und mir persönlich unerträglich, selbst in Zeiten neugriechischer Glorie, etwa 2004 bei der Olympiade und der gewonnenen Fußballeuropameisterschaft. Als alle anderen jubelten, habe ich meine Sachen gepackt und bin gegangen.

Du bist seit 2004 in Berlin, eine relativ lange Inkubationszeit für deinen ersten hier entstehenden Film, der 2017 herauskommen soll. Warum hat es so lange gedauert?

Die ganzen Jahre über in Berlin habe ich keinen Versuch gemacht, hier einen Film zu drehen. Als ich ankam, beschäftigen mich erst mal philosophische Fragen, über die ich ein paar Arbeiten verfasst habe; man kann sie auf meinem Blog nachlesen (https://ypothesis.blogspot.de/ oder https://synopseis-phil.blogspot.de/). Was mich dabei vor allem umtrieb, war die Frage, ob es ein transzendentales „Etwas“ gibt, das unser Sein bestimmt und aufgrund dessen wir unsere Handlungen hierarchisch ordnen und bewerten können. Ich kam zu dem Schluss, dass es vielleicht existiert, aber von uns nicht definiert werden kann, weil „Es“ uns lenkt. Was wir tun können ist, das „Es“ zu befragen und mit den natürlichen Instinkten und Trieben zu handeln, die uns angeboren sind, um das Spiel von Sein und Werden zu spielen.

Nach der Philosophie bin ich wieder zum Drehbuchschreiben zurückgekehrt und habe an Filmen gearbeitet, die schließlich in Griechenland gedreht wurden, wie „45m2“ und „Asche“. Erst in letzter Zeit habe ich mich auch in Berlin umgesehen und bin derzeit dabei, hier einen Film zu drehen.

Du hast die Facebook-Gruppe „Greek Berliners“ ins Leben gerufen. Dadurch bekommst du hautnah mit, was die Neuzuzügler und die Alteingesessenen beschäftigt. Wie empfindest du das Verhältnis der griechischen Community in Berlin zu ihren Ursprüngen einerseits, zu ihren Möglichkeiten und auch Schwierigkeiten hier andererseits?

Die Berliner Griechen kann man schwer kategorisieren, da sie alle sehr unterschiedlich sind. Da gibt es zum einen die Alteingesessenen, die als Gastarbeiter kamen, dann die anderen, die kamen, weil sie Berlin toll fanden, und zuletzt wieder andere, die infolge der Krise herzogen. Für viele davon war Berlin keine freiwillige Wahl, sondern sie sahen in Griechenland keine Perspektive mehr. Alle, die noch immer die neugriechische Mentalität in sich tragen und erwarten, sich durchzuwursteln, werden enttäuscht sein. Alle, die bereit sind, sich zu engagieren, können es schaffen.

Was ist für dich der größte Mentalitätsunterschied zwischen Griechen und Deutschen?

Die Griechen, so wie alle Südländer, sind im allgemeinen lockerer drauf, während die Nordländer, wie die Deutschen, strenger und besser organisiert sind. Das liegt offenbar am Klima, denn im Norden muss man rechtzeitig vorsorgen, um den langen Winter zu überstehen. Jede Mentalität hat Vor- und Nachteile. Das Schlimme bei den Griechen ist, dass Lässigkeit schnell zur Verantwortungslosigkeit wird und einen Staat zur Folge hat, in dem alles drunter und drüber geht. Das Schlimme bei den Deutschen: die Strenge kann bei ihnen zu Inflexibilität, Bürokratismus und „Hartleibigkeit“ führen. Durch diese Verallgemeinerungen sind allerdings die realen Personen nicht unbedingt beschreibbar, da jede ihr eigenes Entwicklungspotenzial hat. Ein Vorschlag wäre, sie – unabhängig von der Nationalität – in gute, hilfsbereite und offene Wesen einerseits und bösartige, armselige und verschlossene Wesen andererseits einzuteilen.

Was wünscht du dir für 2017?

Ich wünsche mir, dass 2017 weniger Schlimmes passiert, als man von den Ereignissen aus 2016 erwarten kann.

Interview: Michaela Prinzinger/Stratos Tzitzis. Fotos: Filmstills aus „Asche“, 2016, ©Stratos Tzitzis, Mariza Papadimitriou, Anna Charalambidi.

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