Aus Papadakis wird Nourian

Interview mit Volker Ludwig, Theaterautor

Am 20. September wurde die griechische Fassung von Volker Ludwigs Erfolgsstück „Ein Fest bei Papadakis“ aus dem Jahr 1973 zum letzten Mal gezeigt, und zwar im Berliner GRIPS Theater am Hansaplatz. Vassilis Koukalani wurde mit seinem Poreia-Theater eingeladen, um das 40jährige Bestehen des Berliner Kinder- und Jugendtheaters mitzufeiern. „Ein Fest bei Nourian“ entstand, so Vassilis Koukalani im Programmheft, als Idee im ersten harten Winter der sogenannten Finanzkrise. Kollektive Angst und Depression, Aggressivität und Misstrauen hätten um sich gegriffen. Eine unmittelbare Folge aus alledem sei der Fremdenhass gewesen. Das aufgeweckteste Publikum seien die Kinder, meint Koukalani. Ihnen gelinge es, die Erwachsenen zu beflügeln.

Ein Fest für Papadakis, V. Ludwig

„Ein Fest bei Papadakis“, die Komödie vom Zusammenprall der Familie Müller mit griechischen „Gastarbeitern“ und einer kleinen Türkin auf einem Berliner Zeltplatz, ist von vielen Theatern weltweit adaptiert und nachgespielt worden. Wie empfinden Sie die griechische Version, die drei Jahre lang vor nahezu ausverkauftem Haus lief?

Ganz wunderbar, alle im GRIPS waren begeistert! Der Darsteller des damaligen „Herrn Papadakis“ meinte, das sei vielleicht die beste Adaption eines GRIPS-Stückes überhaupt im Ausland gewesen. Sie haben genau den Geist von GRIPS übernommen – das Tempo, den Witz, die Direktheit, das Temperament. Das Stück läuft ja sehr über Emotionen. Ich habe das Stück auch zwei Mal in Griechenland gesehen, es war ein ganz großer Erfolg. Das Poreia-Theater macht es genauso, wie ich es mir immer erträumt habe.

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Das Stück soll demnächst auf Kreta neu inszeniert werden. Werden Sie zur Premiere anreisen?

Die Premiere hat sich verschoben, da kann ich leider nicht dabei sein. Aber der Grund ist ein positiver: Die Theatergruppe hat in Heraklion einen besseren Aufführungsort gefunden. Im Januar wird das Stück dann in Nikosia herausgebracht, in Zusammenarbeit mit Vassilis Koukalani und dem Goethe-Institut. Da werde ich auf jeden Fall hinfahren. Es haben aber auch noch andere Theater Interesse angemeldet.

Sie gelten als der Begründer des emanzipatorischen Kinder- und Jugendtheaters. Welche Rolle kann das Theater in Krisenzeiten spielen?

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Vassilis hat diese alte emanzipatorische, antiautoritäre Kraft des GRIPS Theaters wiederentdeckt. Er spielt ja jetzt ein Stück, das noch älter ist: „Balle, Malle, Hupe und Artur“ aus dem Jahr 1971. Das ist aus einer Zeit, als die Kinder noch wesentlich unterdrückter waren als heute. Vassilis wird es als die Geschichte einer Kinderbande inszenieren, die in einem heruntergekommenen Athener Viertel mit Witz, Fantasie und – ja, auch Ungehorsam – ihr Recht auf Spielraum beansprucht. „Ein Fest bei Papadakis“ hingegen stammt aus einer Zeit, als sich die Deutschen erst an die sogenannten Gastarbeiter gewöhnen mussten. Jetzt sind die Griechen mit Einwanderern überschwemmt worden. Da herrscht eine verwandte Atmosphäre. Es ist traurig, dass sich die Zeiten so wenig geändert haben. Diese alten Stücke werden, wie es scheint, immer wieder aktuell. Beide Stücke wirken so, als wären sie genau für die jetzige Situation in Griechenland geschrieben worden.

Das Stück endet mit dem Lied „Wir sind Kinder einer Erde“. Warum, glauben Sie, muss man dieses Lied immer wieder hören? Wie kommt es, dass die Menschheit nichts dazulernt?

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Die deutsche Fassung ist in ganz viele Schulbücher aufgenommen worden, das ist schon mal ein Erfolg. Die griechische Fassung wirkt auf mich etwas pathetischer, aber auch sehr schön. Die Probleme sterben eben nicht aus… Durch Vassilis bin ich auf die Idee gekommen, dieses Stück selbst noch einmal neu zu machen. Wir werden es im April nächsten Jahres wieder aufnehmen, nachdem wir es 1979 zum letzten Mal gespielt haben. Diesmal wird es ein türkischer Regisseur inszenieren, und was damals die Griechen waren, werden jetzt die Türken sein. Die minderjährige Putzfrau, die in der ursprünglichen Fassung ein türkisches Mädchen war, wird in der griechischen Fassung zu einer Pakistanerin und in unserer Neuinszenierung schließlich zu einer jungen Roma.

Fotos: M. Prinzinger und GRIPS Theater

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2 Gedanken zu “Aus Papadakis wird Nourian

  1. Liebe Frau Michaela Prinzinger,

    mit Freude haben wir Ihren Beitrag auf diablog zum GRIPS-Theater, Ihr Interview mit Volker Ludwig und zum Theaterstück „Ein Fest bei Nourian“ gefunden und gelesen:

    https://diablog.eu/portraet/papadakis-wird-nourian-interview-volker-ludwig2443/

    Wir haben auch berichtet, allerdings mehr mit dem Schwerpunkt Weltkindertag am 20. September 2014:

    https://www.kigrips.de/wordpress/2014/09/20/zwischen-party-und-protest-40-jahre-grips-theater-am-hansaplatz/

    Mit Besten Grüßen
    Ihr Michael Fender

  2. Meine Kinder haben „Ein Fest bei Papadakis“ gesehen und meine Enkel „Ein Fest bei Nourian“, ich selbst habe den Weg dieses Stücks mit Bewunderung verfolgt. Denn es ist wunderbar, dass das GRIPS Theater durch Vassilis Koukalani in Griechenland eine Heimstatt gefunden hat.

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