Exotica, Erotica, Etc.

Filmkritik von Theo Votsos

„Exotica, Erotica, Etc.“ heißt der wunderbare Film der jungen und vielversprechenden Künstlerin Evangelia Kranioti, der bei der diesjährigen Berlinale großen Eindruck hinterließ. Kranioti bereiste über Jahre hinweg die Weltmeere auf Containerschiffen. Als einzige Frau in einer Männerwelt ist ihr ein großartiger Essay über Männer, käufliche Liebe und die Poesie der Meere gelungen. Theo Votsos traf die Filmemacherin für diablog.eu und erfuhr Einzelheiten zu Entstehung und Hintergrund des Projekts.

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© EKRANIOTI

Nach griechischen Beiträgen musste man lange suchen im offiziellen Programm der diesjährigen, 65. Internationalen Filmfestspiele Berlin, die am 15.02.2015 mit einem neuen Zuschauerrekord und würdigen Preisträgern zu Ende gingen. Dafür hatte es der einzige Film mit griechischer Handschrift, der poetische Filmessay „Exotica, Erotica, Etc.„ der seit 14 Jahren in Frankreich lebenden Multi-Künstlerin Evangelia Kranioti aber ganz schön in sich. Mit Ihrem Filmdebüt wurde Kranioti in das Programm des Forums des Internationalen Jungen Films (kurz: Forum) eingeladen, diejenige Berlinale-Sektion, die seit jeher den Fokus auf avantgardistische und experimentelle Filmformate im Grenzbereich von Kunst und Kino legt.

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Diesem Anspruch wird „Exotica, Erotica, Etc.„ mehr als gerecht. Mit ihren betörend schönen Bildern, für die sie als Kamerafrau selbst verantwortlich zeichnete, macht Kranioti auf konsequent assoziative Weise den realen und zugleich jeder Realität enthobenen Nostalgieraum Meer erfahrbar. Die imposanten Aufnahmen von atemberaubenden Meereslandschaften und großen Frachtschiffen, die mit ihren internationalen Besatzungen die Ozeane der Erde durchkreuzen, und die eindrücklichen Einblicke in das schlüpfrige Treiben in finsteren Spelunken vorwiegend südamerikanischer Hafenstädte verdichten sich mit dem inneren Monolog eines aus dem Off zu hörenden griechischen Kapitäns, den überschäumend romantischen Lebens- und Liebeserinnerungen der einstigen Hafendirne Sandy und einer perfekten Hintergrundmusik zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk über Fernweh und Freiheit, Liebe und Verlangen.

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Assoziationen an die sinnlichen Verse des großen griechischen Seefahrer-Dichters Nikos Kavvadias (1910-1975) drängen sich einem unweigerlich auf; Kavvadias wie auch andere literarische Vorlagen, die bis zu Homers Odyssee zurückreichen, waren es denn auch, die Kranioti zu ihrem neunjährigen Projekt inspirierten. Dabei stand lange nicht fest, welcher Form die inzwischen 35jährige Juristin, Pianistin, Visuelle und Installationskünstlerin und vor allem Fotografin ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit diesem anspruchsvollen Thema verleihen würde.

Anfangs reiste sie noch mit ihrer Fotokamera an verschiedene Mittelmeerhäfen, um mit Ehefrauen von Seemännern über deren von Einsamkeit geprägten Situation zu sprechen. Bei diesen Erzählungen kamen auch die „anderen Frauen“ der Männer zur Sprache, Prostituierte in der Regel, die in fernen, exotischen Häfen auf Seemänner warten, um mit ihnen die Illusion eines Liebesglücks zu leben. So reiste Kranioti dank eines Stipendiums 2011 nach Brasilien, um diese „anderen Frauen“ kennenzulernen, um zu erforschen, was diese eigentümlichen „Liebesgeschichten“ zwischen mediterranen bzw. griechischen Seemännern und lateinamerikanischen Prostituierten eigentlich ausmacht. „Sie empfingen mich mit offenen Armen“, bekennt Kranioti in einem Interview am Rande der Berlinale, „denn sie wollten endlich sehen, wie eine griechische Frau ist. Griechische Männer kannten sie schon zu Genüge.“

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Doch damit nicht genug: Von Brasilien zurückgekehrt, entscheidet sie sich sogar, selbst anzuheuern. Zwölf Mal ging sie an Bord großer Frachtschiffe und Tanker zumeist griechischer Reedereien, bereiste als einzige Frau in einer reinen Männerwelt die Weltmeere, von der Arktis bis zur Magellanstraße, und besuchte in einem Zeitraum von 16 Monaten insgesamt 20 Länder. Irgendwann wurde die Fotokamera durch die Filmkamera ersetzt, die seitdem unablässig im Einsatz war. Bis sich am Ende das gedrehte Filmmaterial auf unglaubliche 450 Stunden anhäufte. Wovon dank der mehrmonatigen mühsamen Schnittarbeit des ebenfalls in Frankreich lebenden griechischen Cutters Yorgos Labrinos schließlich nur 73 viel zu kurze Minuten für den Film übrig blieben.

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Darunter ist auch jene unvergessliche Szene mit der inzwischen 70-jährigen Sandy, der ehemaligen Prostituierten aus der chilenischen Pazifikstadt Valparaiso, wie sie unter den Tönen des weltbekannten griechischen Schlagers „Ta paidia tou Pirea„ (dt. Titel: Ein Schiff wird kommen) aus dem Filmklassiker „Sonntags nie“ von Jules Dassin als reale Inkarnation der Hafenhure Ilya oder gar als andere Madame Hortense aus Cacoyannis‘ „Alexis Sorbas“ ihren offen zur Schau gestellten Körper schwelgerisch nach den Spuren ihrer einstigen warmblütigen und mit dichtem Brusthaarwuchs aufwartenden griechischen Liebhaber abtastet.
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Das sehenswerte Filmdebüt von Evangelia Kranioti war Anlass genug, die Regisseurin am Rande der Berlinale in einem längeren Gespräch näher kennenzulernen. Es folgt eine Zusammenfassung ihrer wichtigsten Aussagen:

[…] Ich sehe mich vor allem als Bild-Künstlerin, die sich auf verschiedenste Art und Weise mit allem beschäftigt, was mit dem Bild zu tun hat, wobei die Photographie nur eine von mehreren Dimensionen darstellt… Das heißt, ich arbeite mit einer Vielzahl von Medien, auch wenn es natürlich stimmt, dass ich eine besondere Neigung für die Fotografie hege, dass ich viele Fotoprojekte mache und für meine Fotoarbeiten mehrmals ausgezeichnet worden bin. Die Wahrheit ist aber, dass mich die Fotografie oft ermüdet. Das, was sie eigentlich auszeichnet, dass sie nämlich Momente festhält, ist etwas, das mich aus einem fließenden Prozess herausreißt, den ich im Film bzw. im bewegten Bild gefunden habe […].

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[…] Gerade in der ersten Zeit im Ausland war es vor allem das Meer, die Bilder vom Meer, die Lektüre von Meeresliteratur, wodurch es mir gelang, eine starke Bindung zu Griechenland aufrechtzuerhalten. Es war etwas, mit dem ich mich identifizieren konnte, ich hielt dieses Element für etwas ganz Eigenes. […] aber dann kam auf einer sehr persönlichen Ebene der Umstand hinzu, dass ich sehr stark von der Literatur beeinflusst worden bin, von Kavvadias etwa oder von Baudelaire… Und ich beschloss, der Frage nachzugehen, ob das, was ich gelesen habe, mit der Realität Schritt halten kann, ob es sich irgendwo in der Welt tatsächlich ereignet. Hinzu kam, das sich in mir die Überzeugung herausgebildet hatte, dass sich das Leben nur dann lohnt, wenn man auf diese Weise lebt: Ständig in Bewegung zu sein, zu reisen, aufzubrechen und zurückzukehren, um aufs Neue wieder aufzubrechen… Für mich war diese ständige Bewegung etwas, ja vielleicht sogar das einzige, das das Leben lebenswert machte. Und letztlich wollte ich es selbst erleben, aber nicht einfach so, sondern aufgrund eines konkreten Anlasses. Dieses Projekt bot mir den geeigneten Anlass, es zu tun […]

[…] Anfangs wollte ich eigentlich ein Buch über das Mittelmeer machen. Ich wollte Menschen des Meeres, des Mittelmeeres kennenlernen. Und ich begann, mich mit ihnen zu treffen, sie zu fotografieren und auf der Grundlage der Geschichten, die sie mir erzählten, Zeichnungen anzufertigen. Doch im Laufe der Zeit habe ich realisiert, dass mich nicht unbedingt das Mittelmeer als Lebensraum, sondern die Geschichten der Menschen interessieren, die, mit dem Mittelmeer als Ausgangspunkt, die Distanz leben. Die Distanz war der eigentliche Reiz; die Frage, wie sich die Beziehung dieser Menschen zu ihrer Heimat, die am Mittelmeer liegt, in der Entfernung verändert; wie sich ihre Beziehung zur Sprache, zu den Menschen, zu den Orten verändert. Das wollte ich erforschen. Und ich begriff das erst, als ich begann, mit den Frauen der Seemänner zu sprechen […]

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[…] Ich war in Griechenland, in Südfrankreich und in Süditalien. Dort stieg in mir der Wunsch auf, auch die „anderen Frauen“ der Seemänner kennenzulernen, zu hören, was sie zu sagen hatten… Und so fuhr ich nach Brasilien, um die Liebesgeschichten zwischen mediterranen Seemännern und lateinamerikanischen Frauen zu erforschen. Und dort entwickelte sich das Projekt auf einer völlig anderen Ebene weiter; erst dort begann ich, bewusst zu filmen. […]

[…] Das heißt, die Seemänner waren eine besondere Gruppe von Kunden; aufgrund der Umstände gab es eine gewisse Zärtlichkeit, ein Verlangen, ein Bedürfnis, über das zu sprechen sich niemand schämte […]

[…] Es lag nicht in meiner Absicht, ein weiteres Projekt über das menschliche Elend zu machen. […] Was mich wirklich interessierte, war nachzuspüren, ob es in diesem ganzen Zustand, in diesem gesellschaftlichen Randbereich auch so etwas wie Glück gab. Und es dann zu dokumentieren. Und so filmte ich unablässig und war unablässig auf der Suche nach Menschen, die sich durch eine eher philosophische Einstellung gegenüber dem Ganzen auszeichneten… Ich wollte unter keinen Umständen eine objektive Reportage machen. Ich wollte vielmehr eine Form finden, um von den Phantasien und Illusionen derjenigen Menschen des Meeres erzählen, denen ich begegnet bin. […]

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In Kürze wird Exotica, Erotica, Etc. als Beitrag des 17. Dok-Filmfestivals Thessaloniki (13.-22.3.2015) auch in Griechenland zu sehen sein.

Exotica, Erotica, Etc., Frankreich 2015, 73 min.
Produktion: Aurora Films, Paris
Regie, Buch, Kamera: Evangelia Kranioti
Schnitt: Yorgos Labrinos

Weitere Informationen zur Berlinale: www.berlinale.de

Fotos/Filmstills: Evangelia Kranioti

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