Zurück auf Start

Vorabdruck aus dem neuen Roman von Petros Markaris

Vorabdruck für diablog.eu aus dem neuen Roman „Zurück auf Start„ von Petros Markaris, der am 25. März im Diogenes Verlag erscheint! Warum geht es in Griechenland nicht endlich aufwärts? Die unbekannte Gruppierung »Griechen der fünfziger Jahre« glaubt die Schuldigen zu kennen. Aber geht die jüngste Mordserie wirklich auf ihr Konto? Kommissar Charitos ermittelt im Chaos der Stadt Athen, wo der labile soziale Frieden von radikalen Splittergruppen gefährdet wird, nicht zuletzt auch von der »Goldenen Morgenröte«. Lesen Sie das erste Kapitel, in dem bereits die Bühne für die folgenden spannenden Entwicklungen bereitet wird. Die Übersetzung stammt, wie bei allen Büchern von Petros Markaris, von Michaela Prinzinger.

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©diablog.eu, Dan Perjovschi, Onassis Cultural Centre

Sie liegt auf dem Rücken in der Evelpidon-Straße, vor dem Eingang zum Gerichtsgebäude. Ihre Augen sind geschlossen. Eine Frau hat ihr die Handtasche unter den Kopf geschoben, kniet neben ihr und fächelt ihr mit einem Dossier Luft zu. Es ist ein Uhr, und die Mittagshitze nimmt einem den  Atem. Auf ihrer Stirn glänzen Schweißperlen. Ich beuge mich zu ihr hinunter und flüstere: »Katerina, kannst du mich hören?« »Ihr Puls ist normal«, sagt die Frau.

Kann sein, aber Katerina gibt mir weder eine Antwort, noch schlägt sie die Augen auf. Selbst durch meine Schuhsohlen hindurch spüre ich den glühend heißen Bürgersteig. Ich habe Angst, dass sie sich Verbrennungen holt, doch ich traue mich nicht, sie hochzuheben. Jemand bringt eine Flasche Wasser. Ich befeuchte ein Taschentuch und kühle ihr  damit Stirn und Wangen. »Schlechte Nachrichten kommen immer aus heiterem Himmel«, pflegte mein seliger Vater zu sagen. Ich war gerade mit Gikas und Gonatas von der Antiterrorabteilung in einer Besprechung, als uns Gikas’ Sekretärin Stella unterbrach.

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»Herr Kommissar, Koula sagt, Sie sollen sofort runter kommen. Es ist dringend!« »Was gibt’s?« »Mehr weiß ich auch nicht.« Koula erwartete mich schon auf dem Korridor. »Was ist passiert? So reden Sie schon.« »Das Wachpersonal des Gerichts hat angerufen. Katerina ist vor dem Gebäude überfallen worden.« »Wo ist sie jetzt?« »Immer noch dort. Sie konnten mir nicht sagen, wie ernst ihr Zustand ist.« »Vlassopoulos soll mir sofort einen Streifenwagen beschaffen.«

In der Zwischenzeit rief ich Fanis an, der daraufhin einen Krankenwagen organisierte. Zunächst wollte ich auch Adriani Bescheid geben, ließ jedoch schnell wieder davon ab. Ich machte mir besser erst selbst ein Bild von der Lage, bevor ich – womöglich grundlos – die Pferde scheu machte. Aus der Ferne ist die Sirene des Krankenwagens zu hören, und ich beiße die Zähne zusammen, bis Fanis eintrifft.

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©diablog.eu, Dan Perjovschi, Onassis Cultural Centre

»Katerina, hörst du mich?«, versuche ich es noch einmal. »Ja«, wispert sie diesmal, doch ihre Augen bleiben zu. Der Krankenwagen hält vor dem Haupteingang des Gerichtsgebäudes, und sofort bilden die Schaulustigen ein Spalier. Als Erster steigt Fanis aus dem Wagen, wirft mir einen flüchtigen Blick zu und eilt zu Katerina. Er kniet sich neben sie und zieht mit dem Finger ein Augenlid hoch. Dann fühlt  er den Puls und will dasselbe wissen wie ich: »Katerina, ich bin’s, Fanis. Kannst du sprechen?« »Sie haben mich zusammengeschlagen, Fanis«, erwidert sie.

Fanis schließt die Augen und stößt einen erleichterten Seufzer aus. »Sie haben mich zusammengeschlagen«, wiederholt sie, während ihr Tränen über die Wangen laufen. »Ja, das sehe ich«, lautet Fanis’ ruhige Antwort. »Jetzt kommst du erst mal mit ins Krankenhaus zur Untersuchung. Du hast Schmerzen, ich weiß, aber bald geht’s dir wieder besser.« Fanis ruft die Sanitäter herbei, die Katerina auf die Tragbahre heben und zum Krankenwagen bringen. »Ist es was Ernstes?«, wende ich mich an Fanis, obwohl  mir klar ist, dass er meine Frage noch nicht beantworten kann. »Auf den ersten Blick sieht es nicht danach aus. Aber erst ein CT wird Gewissheit bringen.«

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©diablog.eu, Dan Perjovschi, Onassis Cultural Centre

Bevor ich Adriani anrufe, muss ich mich erst etwas beruhigen. Ich blicke mich um. Das Spektakel ist vorbei, und die Zuschauer verlassen den Schauplatz. Nur die Frau, die sich anfangs um Katerina gekümmert hat, die beiden Wachen, die vor dem Eingang zum Gericht stehen, und zwei afrikanische Migranten bleiben zurück. Ein Stück weiter unterhält eine pummelige Frau die ganze Umgebung mit Musik, die aus ihren Ohrstöpseln scheppert.

»Und wer sind Sie?«, fragt Vlassopoulos die Afrikaner. »Mandant von Frau Charitou«, antwortet der eine. »Sind mitgekommen zu Gericht«, ergänzt der andere. »Wo kommen Sie her?«, frage ich. »Aus Senegal«, meint der Erste. »Sie müssen eine polizeiliche Aussage machen«, erklärt ihnen Vlassopoulos. Der eine Wachpolizist zieht ein Paar Handschellen aus seiner Gesäßtasche und will sie dem ersten Afrikaner anlegen.

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»Was soll das?«, fragt Vlassopoulos schroff. »Wer sagt denn, dass es nicht die beiden waren?«, erwidert der andere Wachmann von oben herab. »In dem Fall kann ich Sie ja auch gleich festnehmen.« Der Kerl stutzt und sucht nach einer Antwort. Da ihm kein Gegenargument einfällt, steckt er die Handschellen wieder weg. Doch sein Kollege kann sich Vlassopoulos gegenüber eine dumme Bemerkung nicht verkneifen: »Die spielen jetzt hier die Unschuldslämmer.«  »Es waren aber nicht sie, die die junge Frau attackiert haben, sondern deine Kumpels von der Goldenen Morgenröte!«, bricht es aus der Frau heraus. »Das habe ich mit eigenen Augen gesehen.« »Wie bitte? Sagen Sie das noch mal«, sagt der Wachmann und geht drohend auf sie zu. »Schluss mit dem Hickhack!«, rufe ich, und der Wachpolizist hält inne. »Was genau haben Sie beobachtet?«, frage ich die Frau.

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»Ich habe hier am Haupteingang auf meinen Anwalt gewartet. Dann ist die junge Frau mit ihren Mandanten herausgekommen. Plötzlich sind zwei junge Männer in schwarzen Shirts auf einem Mofa herangebraust. Sie sind über den Bordstein gefahren, der eine ist vom Mofa gesprungen und mit einem Schlagring auf die junge Frau losgegangen. Die bei den Afrikaner wollten dazwischengehen, doch der andere auf dem Mofa hat ihnen zugerufen: ›Wehe, ihr rührt euch! Dann seid ihr tot, ihr schwarzen Hunde!‹ Erst als die junge Frau zu Boden ging, hat der Angreifer von ihr abgelassen . Danach ist er auf das Mofa gesprungen, das dann im Straßenverkehr verschwunden ist. «

»Und Sie haben gar nichts mitbekommen?«, fragt Vlassopoulos die beiden Wachen. »Wir waren ganz auf unsere Arbeit konzentriert. Eine Ansammlung von Menschen ist ja nichts Besonderes. Am Haupteingang des Gerichts ist immer viel los.« »Wir haben auch nichts Ungewöhnliches gehört«, fügt der Zweite hinzu. »Das stimmt«, bestätigt die Frau. »Ich habe nicht geschrien, weil ich Angst hatte, dass sie auch mich angreifen.« »Haben Sie das Nummernschild des Motorrads gesehen?«, frage ich. »Das war von hier nicht zu sehen. Und dann ist der Fahrer davongerast.«

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©diablog.eu, Dan Perjovschi, Onassis Cultural Centre

Vlassopoulos versucht, aus der Frau mit den Ohrstöpseln etwas herauszukriegen. »Ich bin erst später gekommen und habe nichts mitgekriegt«, entgegnet sie und schickt noch die Bemerkung hinterher: »Musste die Frau denn Schwarze vor Gericht vertreten? Sind ihr unsere Landsleute nicht gut genug?« Früher steckten wir uns Stöpsel ins Ohr, um ruhig zu schlafen. Heute tun wir es, damit wir um uns herum nichts mehr wahrnehmen. Auch die beiden Afrikaner haben sich das Nummernschild nicht gemerkt. »Wir nur schauen auf Katerina«, erklärt mir der eine. »Von Ihnen beiden will ich eine schriftliche Aussage«, sage ich zu den Wachen. Dann wende ich mich den drei anderen zu. »Und Sie fahren zur Vernehmung mit dem Kriminalobermeister ins Präsidium.« »Kann ich nicht morgen kommen?«, fragt die Frau. »Wenn mein Termin aufgeschoben wird, dann kriege ich erst in sechs Monaten einen neuen. Und das nur, wenn ich Glück habe.«

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©diablog.eu, Dan Perjovschi, Onassis Cultural Centre

Vlassopoulos notiert ihre Personalien und bestellt sie für den nächsten Tag aufs Präsidium. Die beiden Afrikaner begleiten ihn zum Streifenwagen. »Kommen Sie mit, Herr Kommissar?«, fragt er. »Nein, ich fahre ins Krankenhaus.« Bevor ich aufbreche, ziehe ich mich in eine ruhige Ecke zurück und rufe Adriani an. Ich versuche alles so harmlos wie möglich darzustellen. »Es sieht nicht schlimm aus.« »Und wo ist sie jetzt?« »Fanis hat sie ins Allgemeine Staatliche Krankenhaus gefahren. Dort wird man sie zur Sicherheit untersuchen.«

Den Krankenwagen lasse ich unter den Tisch fallen. »Gibt es bei Gericht denn keinen Polizeischutz?«, wundert sie sich. »Doch, aber sie wurde ja draußen auf dem Bürgersteig angegriffen.« »Ich fahre gleich ins Krankenhaus.« »In Ordnung, dann treffen wir uns dort«, sage ich und halte ein Taxi an. Auf der Fahrt gehen mir zwei Fragen nicht aus dem Kopf. Die erste lautet: Woher wussten diese Schlägertypen, dass Katerina heute einen Gerichtstermin hatte? Hat man sie beschattet und den beiden durch- gegeben, wann sie bei Gericht war? Oder kommen die Informanten gar aus den Reihen der Justiz? Ich ziehe die erste Annahme vor, da sie naheliegender – und weniger argwöhnisch – ist.

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©diablog.eu, Dan Perjovschi, Onassis Cultural Centre

Die zweite Frage lautet: Wo waren ihre »Leibwächter« abgeblieben? Katerina wird schon seit Monaten von der Goldenen Morgenröte bedroht, da sie fast nur Migranten vertritt. Sissis hat zu ihrem Schutz ein paar Rentner aus dem Obdachlosenheim abbestellt, in dem er ehrenamtlich arbeitet. Dahinter stand der Gedanke, dass die Neonazis es nicht wagen würden, alte Leute zu attackieren und so die öffentliche Meinung gegen sich aufzubringen. Heute war Katerina ohne ihre Leibwache unterwegs gewesen. Aus welchem Grund? Das kann uns wohl nur Katerina selbst sagen, sobald sie dazu imstande ist.

»Wie sehen Sie die Lage?«, fragt mich der Taxifahrer. »Genau so wie Sie«, sage ich kurz angebunden, da ich keine Lust auf Kaffeeklatsch habe, der sich neuerdings – allerdings ohne Kaffee – ins Taxi verlagert. »Uns steht das Wasser nicht bloß bis zum Hals«, beharrt er, »sondern bereits so hoch, dass wir bald mit Unterwassertaxis rumfahren und Fische statt Fahrgäste transportieren.«

Auszug aus dem neuen Roman von Petros Markaris „Zurück auf Start„, Erscheinungstermin 25.3.2015, mit freundlicher Genehmigung des Diogenes Verlags. Übersetzung: Michaela Prinzinger, Fotos: Michaela Prinzinger, ©diablog.eu (Kunstprojekt von Dan Perjovschi im November 2014, Onassis Cultural Centre Athen)

Cover Zurück auf Start, Diogenes

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