The New Beat

Gedicht von Jazra Khaleed

Jazra Khaleed ist ein Kind des Exarchia-Viertels. Sein wirklicher Name lautet anders, geboren wurde er als Sohn einer Griechin und eines Tschetschenen 1979 in Grosny. Er sieht sich als Ankläger von Fremdenfeindlichkeit und Ungerechtigkeit im heutigen Griechenland. Jazra hat als Blogger begonnen und unter anderem Gedichte von Elfriede Jelinek und Ann Cotten übertragen und gibt die Literaturzeitschrift „Teflon“ heraus. Vor kurzem hat er mit Freunden den Verlag „Topovoros“ in Exarchia gegründet. Unter dem Einfluss von Hip-Hop nimmt er auch immer wieder mal Songs mit Musikgruppen auf. 2014 nahm er am Berliner Soundout!-Festival teil und wurde für seine Performance mit dem ersten Preis ausgezeichnet.

scheiß auf die apokalypse. am kotti ducken sich reime in deckung. bullen stürmen das besetzte haus. jeden abend derselbe film. kämpfst du unten, dann schau nach oben. schalt an die glotze, der moderator röhrt bullenkotze. ins jackenfutter näh ein messer. am helllichten tag prügeln schläger noch besser.

junta. militär auf den straßen bei jeder keilerei. kinder spielen räuber und bullerei. im parlament widmen sich die herren der gesetzgeberei. die arbeiter im pferch, maloche und tv. glamour und gv, die jugendlichen – bienen ohne stachel, die rebellen in den zellen wie raubkatzen im käfig. und die dichter? ach, die dichter ganz im stillen so wie straßen frei vom schrillen.

schreiberlinge, bleibt zuhaus, ihr zarten alpenveilchen – nichts als versagen und gute figur. gescheiterte linke, kleinbürger der dichtkunst. in der schlacht verlasst ihr wie ratten das sinkende schiff. still-leben. ich bilde die wörter aus zum fedajin. ich schreib keine gedichte, sondern bekennerbriefe. mal sehn wo ihr seid steht das blut in den straßen knöcheltief.

Übersetzt von Michaela Prinzinger, Lektorat: Ina Kutulas. Veröffentlicht in: Die Horen 249, 2013. Foto: Michaela Prinzinger. Gedichte von Jazra Khaleed nachzuhören bei lyrikline.org.

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3 Gedanken zu “The New Beat

  1. Im Original von „The New Beat“ steht anstelle von „Kotti“ (alias Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg, der Kernpunkt der 1. Mai-Randalen) die „Mesolongiou-Straße“ – diejenige Straße im Athener Anarchistenviertel Exarchia, wo im Dezember 2008 der Schüler Alexandros Grigoropoulos von der Kugel eines Polizeibeamten tödlich getroffen wurde. Im Zuge dessen kam es zu monatelangen Ausschreitungen und gewaltsamen Protesten gegen die Staatsmacht. Athen brannte.
    In Absprache mit dem Dichter wurden auch weitere spezifische Begriffe wie „Mega Channel“, ein Privatsender, dessen Nachrichtensendung die größte Reichweite hat, der Kommentator „Giannis Pretenteris“, laut Khaleed das Sprachrohr der Regierung bei Mega Channel, und die Anspielung auf den Untergang der Fähre „Samina“ in der deutschen Fassung „internationalisiert“ bzw. verallgemeinert. Jazra und mir waren im vorliegenden Fall Beat und Rhythmus des Textes wichtiger als die Realien, die austauschbar sind. Die Botschaft bleibt.

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