Schiffbruchkreaturen

Aus einer Erzählung von Dimitris Nollas

„Schiffbruchkreaturen” lautet eine Erzählung von Dimitris Nollas, die schon 2007 – wie prophetisch – eine Flucht im Boot übers Mittelmeer schildert. Eine Frau klammert sich die ganz Nacht an eine im Meer treibende Tür, um mit dem Kind zu überleben. Anessa Androbik, Stipendiatin des Programms für Literaturübersetzer der Athener Petros-Charis-Stiftung hat daraus einen Ausschnitt übersetzt. Begleitet wird Dimitris Nollas‚ Text von Aufnahmen seines Sohnes Kamilo, der 2012 in seinem Projekt „Ipeirou Street„ Eindrücke einer verlassenen Wohnung mit Hinterlassenschaften von Flüchtlingen festhielt.

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Ipeirou Street 2012, ©Kamilo Nollas

In der Erzählung „Schiffbruchkreaturen“ von Dimitris Nollas geht es um das Schicksal einer Frau, deren Reise, um Hunger und Elend zu entkommen, am anderen Ende der Welt beginnt. Sie übersteht die Strapazen unterwegs und überlebt auch den Schiffbruch des abwrackreifen Seelenverkäufers, auf dem sie fast bis auf den „gelobten Kontinent“ gebracht wird. Im nassen, salzigen Element zunächst nur von rettenden Gegenständen in Empfang genommen, erwartet sie an Land schließlich der Tod, als wäre schon lange ein Treffen mit ihm vereinbart.

2007 war Dimitris Nollas von seinem Athener Verlag um eine Erzählung für den geplanten Band „Wir und die anderen„ gebeten worden: „Damals gab es bereits erste Anzeichen der bevorstehenden Krise. Insbesondere für diejenigen, die, wie Kavafis sagt, den >Geräuschen des Nahenden< nachlauschen wollten.„

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Ipeirou Street 2012, ©Kamilo Nollas

Ein weiterer Anstoß – aus der Literatur – war die Erzählung „Ναυαγίων ναυάγια„ (dt. Schiffbruchreste) von Alexandros Papadiamantis, wo eine Tragödie auf dem Hintergrund von Naturkräften geschildert wird, infolge derer menschliches Schicksal unabwendbar scheint. In einem Interview mit der Zeitung „To Vima“ (22.03.2015) erklärt Nollas: „Gottseidank wurde mir von meinen Eltern schon als Kind vermittelt, dass das Leben nicht auf einer Geraden verläuft, nichts ist selbstverständlich, die Linie geht rauf und runter und damit auch man selbst, und es kann durchaus sein, dass morgen ich mich in einer solchen Lage befinde. Allein dieser Gedanke macht Menschen solidarisch. Ohne den anderen gibt es einen nicht. Der Einzelne in abgesicherter Autarkie ist ein Selbstbetrug, er ist tot, ohne dass er davon weiß.“

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Ipeirou Street 2012, ©Kamilo Nollas

Die Tür der Erlösung

Festgeklammert an eine Tür, wer weiß, von wo angetrieben, deren bronzener Knauf seinen stumpfen Glanz mit dem nun ruhigen, silberfunkelnden Meer vermischte, hielt sich die Frau mit dem Kind die ganze Nacht lang über Wasser.

Eine Nacht, in der sich Schmerz und Tod zu erkennen gaben, bei Tagesanbruch, als beide im Meer trieben, umgeben von ertrunkenen Körpern wie von Fischen, die, durch Verschmutzung oder Dynamit getötet, in Schwärmen an die Oberfläche kommen und einen durch ihre zum Licht gedrehten Bäuche blenden.

Wie ein zerbrochener Spiegel reflektierte das Meer die starren Gesichter der Toten neben der Frau, die glaubte, den Verstand zu verlieren oder vor Schmerz zu ersticken und so das gleiche Schicksal wie alle anderen zu erleiden, als die bis dahin um sie herumtreibenden Toten sich durch die Strömung langsam von ihr entfernten.

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Ipeirou Street 2012, ©Kamilo Nollas

Sie sah eine ganze Prozession Ertrunkener, wie sie dahintrieben, einer hinter dem anderen, bis vor ein paar Tagen noch unbekannte Menschen, die ihr während dieser Reise ans Herz gewachsen waren, und nun sah sie auch, wie ihre Schwester sich entfernte, und es war zu diesem Zeitpunkt, als sie meinte verrückt zu werden, bei der Vorstellung, es sei der Heimatort, ihr Zuhause, der all diese Unglückseligen aufforderte, wieder zurückzukehren, und so fragte sie sich: „Mich auch?„

Als die Frau sich an diese Tür krallte, die wie durch ein Wunder auf sie zugekommen war, kurz bevor ihr das Kind der Schwester aus den Händen geglitten wäre und sie jegliche Hoffnung hätte fahren lassen, hielt sie es für ein Zeichen und tat alles, um zu überleben.

Die Frau hatte es geschafft, ein Kopftuch um den Knauf der als Floß dienenden Tür zu binden und den anderen Zipfel um den Körper des weinenden Kindes zu wickeln, kurz bevor es im Wasser verschwinden würde, denn seine Kräfte schienen es zu verlassen.

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Ipeirou Street 2012, ©Kamilo Nollas

Auf dieser Tür der Erlösung wurde sie vom Rettungsboot der Hafenpolizei entdeckt.

„Haben wir die beiden eigentlich auf oder hinter der Tür gefunden?“ ging Rigas die gar nicht mal so absurde Frage blitzartig durch den Kopf, weil die Frau, so wie sie dalag, aussah, als würde sie hinter der Tür lauschen, und in gewisser Weise war diese Vorstellung sogar passend, da unter ihr nichts als der Abgrund des Meers war, während sie und das halbtote Kind nach den Anweisungen des fluchenden Badman ans Deck des Schnellboots gezogen wurden.

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Ipeirou Street 2012, ©Kamilo Nollas

Dimitris Nollas, geboren 1940 in Nordgriechenland. Vor der bulgarischen Besatzung flüchtete seine Familie 1943 nach Athen. Er studierte Rechts- und Sozialwissenschaften in Athen und Frankfurt, konnte jedoch das Studium wegen des wirtschaftlichen Ruins der Familie nicht zu Ende führen. Später absolvierte er ein Studium an der INSAS (Institut National Supérieur des Arts du Spectacle) in Brüssel. Zurück in Griechenland, schrieb und arrangierte er Kindersendungen fürs Radio und war Regisseur von Nachrichtensendungen im Staatsfernsehen. Im Fachbereich Kommunikation der Panteion-Universität unterrichtete er Drehbuchschreiben. In den 1980er Jahren kooperierte Nollas in Film- und Fernsehproduktionen mit den Regisseuren Chatzis, Panagiotopoulos, Angelopoulos, Smaragdis, Lambrinos und Voulgaris. Von 2004-2007 leitete er das Nationale Buchzentrum Griechenlands (EKEBI). Er ist mehrfach ausgezeichnet worden, zuletzt 2014 mit dem griechischen Staatspreis für den besten Roman (Reise nach Griechenland). Heute lebt und arbeitet er als freier Schriftsteller in Athen.

Text: Dimitris Nollas. Auszug aus: Schiffsbruchkreaturen (Ναυαγίων πλάσματα), Athen, Kedros-Verlag 2009. Übersetzung: Anessa Androbik, Stipendiatin der Petros Charis-Stiftung Athen (Trainingsprogramm für Literaturübersetzer) 2015/6. Fotos: Kamilo Nollas.

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