Schwarzer Flamingo – über Migration, Integration und rechte Gewalt

Der Roman von Stavros Christodoulou, vorgestellt von Michaela Prinzinger

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Eine griechische Familie in Georgien sieht sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gezwungen, ins Land der Vorväter zurückzukehren.

Der Roman Schwarzer Flamingo hat zwei Schauplätze: die postsowjetische Industriestadt Rustawi, eine Stunde von Tiflis entfernt, und das heutige Athen in den 90ern und Anfang der 2000er-Jahre.

In den 1990er-Jahren wandelte sich Griechenland vom Exportland von Gastarbeitern zum Einwanderungsland – aus der ehemaligen Sowjetunion, Albanien, Ex-Jugoslawien und den osteuropäischen Ländern. In dieser Phase kam es auch zu einer Rückwanderungswelle der Pontosgriechen, d.h. Menschen mit griechischen Wurzeln, die in der Sowjetunion lebten. Der Autor nennt für 1989 die Zahl von einer halben Million Pontosgriechen in der Sowjetunion, davon 140.000 in Georgien.

Seit 2015 taucht am Salzsee der zyprischen Stadt Larnaka der Schwarze Flamingo auf, der in Christodoulous Roman zum Symbol für den einsamen und labilen jungen Einwanderer Levan wird. Er lässt sich mitreißen von einer Welle rechtsextremer Gewalt. Dadurch meint er, seine Identität zu finden. Der Autor versucht, diese Wende nachzuvollziehen, ohne über Gut und Böse zu urteilen. Dieser innere Konflikt macht Levan zur literarisch interessanten Figur. Konfrontiert mit den Vorurteilen über die „Russenpontier“, versucht Levan seine Zugehörigkeit in der neuen Heimat zu finden, nachdem er von dem einen ideologischen System im anderen gelandet ist.

Der Auszug

ROMA
Nur, wie woanders reinstiefeln?

UI
Durch die Fronttür.
Und durch die Hintertür. Und durch die Fenster.
Verwiesen und geholt, gerufen und verschrien.
Mit Drohn und Betteln, Werben und Beschimpfen.
Mit sanfter Gewalt und stählerner Umarmung.
Kurz, so wie hier.
 
Bert Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui

 

Rustawi – Athen
32 Quadratmeter

Die Erzählung beginnt in der 32 Quadratmeter kleinen Wohnung in einer Chruschtschowka, einer rudimentären Plattenbausiedlung in der georgischen Stadt Rustawi, in der Symela und Xenofon Pechlivanidi mit ihren beiden Kindern und Xenofons türkischsprachigen Eltern leben. Die Lage ist trist nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion, der kommunistische Traum ist geplatzt, aber Xenofon sieht seine Zukunft nicht im kapitalistischen Westen.

Dezember 1992

Der Junge schmiegte sich auf der Suche nach ein bisschen Wärme eng an sie. Sie spürte, wie sich sein Körper frierend zusammenkrümmte. In dieser Haltung ähnelte er einem frisch gewickelten Neugeborenen.
Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass ihr Körper zu einer riesigen, von warmem Fruchtwasser durchströmten Blase anschwoll, die ihr ganzes Leben umschloss: die beiden Kinder, den Mann, der mit dem Rücken zur Wand schlief, die schweren Bettdecken, die Schwiegereltern, die an der Wand gegenüber lagen, den quadratischen, schwarzen Resopaltisch mit den vier Metallstühlen, das Kochgeschirr unter der Marmorspüle, den Ofen mit den rostigen Herdplatten, die Bücherwand und die bunten Matrioschkas, die nebeneinander auf dem Fensterbrett standen. Sechs Leute passten in die Wohnung, die ohne zu murren zusammenrückten. Diese 32 Quadratmeter in der Wladimir-Majakowski-Straße sieben war alles, was ihnen zustand.
Symela lag schon über eine Stunde wach und versuchte, sich unter dem schweren Überwurf nicht zu rühren. Ihr schliefen die Gliedmaßen ein, aber sie hatte keine andere Wahl. Sie wollte die Kinder in dieser unerträglichen Kälte ausschlafen lassen. Bei Tagesanbruch konnte sie ihren gefrorenen Atem im Halbdunkel erkennen. Der Regen schlug ans Fenster, aber in ihren Ohren klang es wie das Prasseln unzähliger Tropfen, die friedlich durch die Luft wirbelten.
Eine alte Melodie, die sie seit ihrer frühen Jugend nicht mehr gehört hatte, tauchte in ihrer Erinnerung empor. Die Melodika, dachte sie. In Gedanken legte sie die Finger aufs Notenpapier. Und das Klavier. Sie fasste Mut und fügte ein weiteres Mosaiksteinchen zu ihrer Kindheitserinnerung. Behände flogen Walodjas Finger über die Tasten, während eine Gruppe von Jungpionieren, darunter auch sie, ein fröhliches Lied sagen: „Lass die Sonne immer scheinen! Lass den blauen Himmel über uns erstrahlen!“ Es war Sommer 1976 und die siebenjährige Symela Kalemkeridi war fern von ihrer Heimatstadt Rustawi, fremd unter Fremden. Als der Zug vom Vagzali-Platz abfuhr, hatte sie gedacht, schon die Hauptstadt sei für sie alle ein fremder Ort, selbst wenn sie nur eine knappe Stunde von ihrer kleinen Kreisstadt entfernt lag. Aber war der graue Fluss in Tiflis mit dem Meerblick auf der Krim zu vergleichen?
„Du hast Glück, dass du das miterleben darfst, Symela. Im Zeltlager wohnen tausende Kinder aus allen Teilrepubliken der Sowjetunion!“
„Ja, ich habe Glück, Genossin Irina Ivanovna!“
Die russische Lehrerin hatte in der Tat recht. Das Ferienheim verkörperte alles, wovon ein Mädchen nur träumen konnte. Hier saß der schöne Klavierspieler, hier ertönten die aufmunternden Worte „Lass die Sonne immer scheinen!“, hier standen die Kinder mit den kurzärmligen weißen Hemden und den roten Halstüchern.
„Du sollst eine gute Sowjetbürgerin werden, Symela.“
„Sie sind so schön, Genossin Irina Ivanovna!“
„Das Leben ist schön, mein Mädchen.“

„Bist du wach?“
Xenofons heisere Stimme brachte sie schlagartig in die Gegenwart zurück. Der Sonnenschein war verschwunden, und vom Küstenort Artek auf der Krim war sie zurück in den grauen Wänden der alten Chruschtschowka.
Symela rührte sich nicht, sie nickte bloß mit dem Kopf.
„Du hast mit geschlossenen Augen gelächelt, als würdest du träumen…“ flüsterte Xenofon.
„Der Traum ist aus“, wollte sie sagen, aber sie blieb stumm. Sie deutete mit den Augen auf den Jungen, als wollte sie sagen: „Zeit zum Aufstehen“. Draußen war es schon taghell.
Er schlüpfte in sein Wollhemd, dann in den dicken Pullover und die pelzgefütterte Regenjacke. Der Bus zum Stahlwerk fuhr erst in einer Stunde, und er hatte genug Zeit, um den Ofen anzuheizen und Wasser aus dem Erdgeschoss zu holen, damit sie sich waschen konnten. Im Zimmer roch es nach Kerosin. Xenofon bedeutete seiner Frau, liegen zu bleiben. Er packte den Plastikkanister und öffnete die Tür ganz leise, um die anderen nicht zu wecken.
Langsam stieg er im spärlichen Licht die Treppe hinunter. In der Chruschtschowka war kein Strom. Nicht nur ihr Plattenbau, sondern die ganze Stadt lag in den letzten zwölf Monaten wiederholt im Dunkeln. Die häufigen Stromausfälle waren der Preis, den sie für die georgische Unabhängigkeit zahlten. Es war, als müssten die Menschen eine unbekannte Welt vermessen und versuchen, darin wieder Tritt zu fassen. Zögernd tasteten sie sich voran nach der unerwarteten Wendung, die ihr Leben genommen hatte. Sie waren Probleme gewöhnt, trotzdem wurde jedes Mal, wenn die Stadt im Dunkeln lag, ihre Geduld auf die Probe gestellt. Aber sie waren zäh wie alte, kampferprobte Fregatten, sie schluckten ihren Zorn hinunter und stellten sich jedem Hindernis.
„Siehst du, wie sie sich verhalten? Den Revolutionären hat es anscheinend die Sprache verschlagen…“, hatte sein Cousin gestern im Stahlwerk bemerkt, wo sie beide in den letzten achtzehn Jahren Seite an Seite gearbeitet hatten.
„Ruhig, Stelios, sonst kriegen wir Probleme!“, rief ihn Xenofon, wie immer in solchen Fällen, zur Ordnung. Aber vergeblich, der Cousin war immer schon stur, eigensinnig und bockig.
„Im Sozialismus hatten wir Brot zum Essen und Öl zum Heizen. Aber jetzt heißt es: Das habt ihr von der Unabhängigkeit, ihr Idioten, legt euch ins Zeug, bis die Ärsche krachen“, stieß der andere zwischen den Zähnen hervor.
Sie sprachen leise, denn die Georgier hatten einen auf dem Kieker, wenn sie dich für russenfreundlich hielten. Ende 1992 war man zu jedem Verzicht bereit, um nur ja nicht wieder in die Arme von Mütterchen Russland zurückzukehren.
Xenofon füllte den Kanister am Wasserhahn im Hof und wünschte der alten Armenierin aus dem Erdgeschoss einen guten Morgen. Ihre beiden Söhne arbeiteten auch im Stahlwerk.
Arbeiteten nicht alle dort? Auch die Aserbeidschaner im ersten Stock, das Pärchen aus Abchasien, der Dicke aus Kasachstan mit seiner Russin im zweiten Stock, und sein Vater… Wir laufen alle im selben Hamsterrad, dachte Xenofon, schwang sich den Kanister auf den Rücken und stieg die zwei Stockwerke bis zu ihrer Haustür hinauf.
Das Weinen des Kleinen war schon im Treppenhaus zu hören. Als er die Tür aufstieß, stand er Symela gegenüber, die mit dem Mädchen auf dem Arm dastand und mit der anderen Hand dem Jungen über den Kopf streichelte.
„Still, Levan. Sei ruhig, kleiner Löwe“, flüsterte sie. Nur mit Mühe konnte sie sich beherrschen. Am liebsten hätte sie die Kinder zurückgelassen, wäre hinaus in den Regen gelaufen und hätte aus voller Kehle gesungen: „Lass die Sonne immer scheinen! Lass den blauen Himmel über uns erstrahlen!“
Anatoli hob den Deckel von der großen Matrioschka, holte ein Bonbon heraus und steckte es ihrem Enkel zu. Der Kleine begann zu lutschen, und das Weinen verstummte.
„Auf so ein Versteck wäre ich nie gekommen, Mutter.“ Xenofon zwinkerte seinem Vater erleichtert zu, der den siedenden Wasserkessel beaufsichtigte.
Sie erwiderte etwas auf Türkisch, sie und ihr Mann lachten. Es war fünfunddreißig Jahre her, dass sie ihr Dorf bei Zalka verlassen hatten, aber die alte Sprache vergaßen sie nicht. Als sie im Frühjahr 1957 nach Rustawi kamen, war Leon dreiundzwanzig und Anatoli zwei Jahre jünger, mit einem Säugling im Arm. Er konnte sofort im Stahlwerk anfangen. Anderthalb Jahre wohnten sie in einem Zimmer auf dem Werkgelände, unter lauter alleinstehenden Arbeitern. Bis im Dezember 1958 der lang ersehnte Brief mit dem roten Stempel der Sozialistischen Sowjetrepublik Georgien kam. Ihr Antrag war bewilligt, und Familie Pechlivanidis konnte endlich in eine neugebaute Chruschtschowka umziehen.
Solche Plattenbauten schossen in Rustawi damals überall aus dem Boden, um die Arbeiter aufzunehmen, die aus den Teilrepubliken der großen sowjetischen Heimat in die Stadt strömten. Es gab nicht nur die beiden großen Betriebe, das Chemiewerk und das Stahlwerk, sondern noch zahlreiche andere Fabriken. Stalin hatte in den Vierziger-Jahren Rustawi als Industriestandort gegründet.
„Unter Nikita Chruschtschow blühte die Gegend auf“, pflegte Leon zufrieden zu sagen, nachdem die Familie in den 32 Quadratmetern der Majakowski-Straße untergekommen war. So war es damals üblich: Die Leute kamen mit wenig aus und priesen das Schicksal, das ihnen zugefallen war. Auch Anatoli war zufrieden. Sie hatte in einer Volksschule als Putzfrau begonnen, in derselben Straße wie ihre Wohnung, nur zwei Blocks weiter. Drei Mal täglich stand eine warme Mahlzeit auf dem Tisch. Was verlangten sie mehr?
Eine Jeans „wie die von Stelios“ hatte sich Xenofon einmal in einer pubertären Aufwallung gewünscht, daran erinnerte sich Leon noch gut. Zum ersten Weihnachtsfest nach dem Fall der Militärjunta waren damals Verwandte aus Griechenland zu Besuch gekommen.
„Kann sein, dass sie amerikanische Klamotten haben, aber wir haben ein sicheres Dach über dem Kopf. Und Bildung, für Hornochsen wie dich!“, fuhr ihm der Vater über den Mund. „Willst du so eine Hose? Dann mach doch rüber in den kapitalistischen Westen. Aber dort findest du keinen Platz an der Sonne, wenn du arm bist“, hakte Leon mit lauter Stimme nach, denn er wusste, dass in ihrem dreistöckigen Plattenbau niemand verstand, was sie redeten. Türkisch sprachen nur sie, vermischt mit pontischem Dialekt.
„Sprich doch russisch, Mutter!“, bat Xenofon, und widerwillig tat Anatoli ihrem einzigen Sohn den Gefallen. Von Georgisch konnte keine Rede sein… „Wenn uns die ein Mal nicht leiden können, dann können wir sie hundert Mal nicht leiden“, empörten sich Mutter und Vater Pechlivanidis, die man ihr ganzes Leben als „Grecos“ beschimpft hatte.
Vater und Sohn hatten gerade noch Zeit, eine Tasse Tee zu trinken und einen Zwieback mit Sulguni-Käse zu essen. Der Bus zum Werk kam in fünf Minuten, sie setzten ihre Mützen auf und gingen hinunter. Kurz darauf folgte Anatoli, rechtzeitig für die Frühschicht an der Schule. Als Letzte schloss Symela die Tür hinter sich. Zuerst brachte sie die Kinder zur Betreuung nebenan, dann ging sie zu Fuß zur Stadtbibliothek in der Rustaweli-Straße, wo sie seit fünf Jahren arbeitete.
„Man hört von Entlassungen“, raunte Leon seinem Sohn zu und füllte zwei Gläschen mit selbstgebranntem Wodka.
„Das Zeug ist ja ungenießbar…“, murmelte Xenofon und verzog das Gesicht.
„In den oberen Etagen sollen Köpfe rollen. Mir scheint, es ist Zeit, dass du Frau und Kinder packst und in die Heimat zurückgehst.“
„Wir gehen nirgendwohin, Vater. Wer sagt denn, dass es uns in Griechenland besser geht?“
Leon wusste, wie dickköpfig sein Sohn sein konnte. Wenn er auf stur schaltete, war er schwer zu überzeugen. Sein düsterer Blick schien noch etwas anderes zu signalisieren: Mit der Zeit wurde die Lage immer schwieriger, und alles, was einst sicher war, in Frage gestellt.
Nur wenn er Symela sah, hellte sich Xenofons Gesicht auf, als würde ein Lichtstrahl in sein ödes Leben dringen und sein Herz erwärmen. Wenn sie, mit roten Wangen und in ihr weißes Wolltuch gehüllt, hereintrat, sah er das Mädchen wieder, in das er sich verliebt hatte. Es war, als würde ein zarter Schleier sie umgeben und alle Hässlichkeit aufheben, die ihr Leben zerfraß. Er sah ihr zu, wie sie offenbar müde und bedrückt vom ungleichen Kampf, den sie täglich ausfochten, ihre kurze Jacke und die nassen Gummistiefel auszog.
Sie ist immer noch eine strahlende Schönheit, dachte Xenofon, und ein unmerkliches Lächeln stahl sich auf seine Lippen.
Symela holte sich einen Stuhl und setzte sich zu den Männern. Levan spielte mit einem alten Spielzeugauto, und die Kleine hing am Rockzipfel ihrer Oma.
„Was kochst du, Mutter? Es riecht gut.“
„Ich konnte Pflaumen-Tkemali finden und mache Chartscho. Wir haben zwar nicht alle Zutaten, aber die dicke Suppe wird uns wärmen“, antwortete Anatoli, die aus Nichts Köstlichkeiten zaubern konnte.
Beim Essen redeten sie kaum. Die düsteren Zeiten, die sie durchlebten, brachten keine erfreulichen Neuigkeiten hervor. Im Werk herrschten Angst und Unsicherheit. In der Schule verkümmerten die Kinder in den kalten Klassenzimmern. Und in der Stadtbibliothek war die ganze Woche lang nur ihr alter Lehrer aufgetaucht, um sich ein Buch von Lorca auszuleihen.

Und was du mir nicht gibst noch ich begehre,
verfall’ dem Tod, der alles Fleisch beschlich
und nicht mal Schatten hinterlässt, nur Leere [1]

zitierte Aleksandre Gvenetadze hochtrabend. „Wenn ich vor etwas Angst habe, dann davor, dass niemand in diesem Land die geringste Notwendigkeit sieht, nach der dichterischen Wahrheit zu suchen, liebe Symela“, fügte er hinzu.
„Unsere Zeit erträgt so viel Lyrik nicht, Herr Lehrer.“
„Und die Lyrik erträgt diese schreckliche Zeit nicht, die in dreckigen Armeestiefeln ins Unbekannte marschiert, meine Liebe.“

„Neues von der Arbeit?“ Xenofon riss sie aus ihren Gedanken.
Symela antwortete nicht sofort. Sie ließ erst ein paar Sekunden verstreichen, bevor sie ihm in die Augen blickte: „Mein Bruder Giorgos geht mit seiner Familie nach Griechenland.“
„Eure Mutter auch?“
„Sie auch, hier ist das Ende der Fahnenstange erreicht“, flüsterte sie.
„Wir gehen hier nicht weg. Wer sagt uns, dass es dort besser ist?“, polterte Xenofon und schob den Teller so abrupt von sich, dass er über die schwarze Resopalplatte schrammte.
Eisiges Schweigen breitete sich im Zimmer aus, und als hätte er die angespannte Stimmung gespürt, brach der Kleine in Tränen aus.
„Ruhig, Levan. Sei ruhig, mein kleiner Löwe“, flüsterte ihm Symela ins Ohr.
Sie beugte sich zu ihm und nahm in gedankenverloren in den Arm. Wie kam es, dass ihr Leben innerhalb eines Jahres Kopf stand? Wie kam es, dass ihre Welt plötzlich in Trümmern lag? Würde es ihr gelingen, sie zu kitten? [2]

 

Leon
Knock out

Der Sohn der Familie Levan – oder auf Griechisch Leon – gerät unter den Einfluss von Ermis Sarantakis, dem Inhaber einer Boxschule, wo Symela, Levans Mutter, saubermacht. In der „Szene“ unterstützt man einander, aber Symela hält sich fern und will auch ihren Sohn davor bewahren. Der aber zieht sich von seiner Familie zurück und findet in der Boxschule, unter den rechtsextremen, ausländerfeindlichen Schwarzhemden neuen Halt.

Juni 2003

Auf der großen Vitrine prangten in dicken schwarzen Lettern die Aufschrift „Boxstudio Hermes“ und eine bizarre Abbildung des geflügelten Gottes, eine Mischung aus Hephaistos und Ares, der durch die enorme Körpergröße auch noch an Herakles erinnerte. Nur der geflügelte Helm verriet eindeutig den Götterboten. Alles andere – der übertrieben muskulöse Körper, der wilde Blick und die angriffslustige Haltung – verwiesen auf noch rauere mythologische Figuren.
Am Eingang steckte eine Stange in einer eisernen Halterung, an der eine altertümliche griechische Fahne mit dem weißblauen Kreuz und einer goldenen Aufschrift hing. Was genau daraufstand, war schwer zu erkennen. Aber ein guter Beobachter konnte in der oberen Hälfte die halbbogenförmige Parole „Griechenland über alles“ entziffern.
Die schwere Eisentür führte zu einem länglichen, dunklen und vielleicht bewusst pechschwarz gestrichenen Korridor, der zum Trainingssaal im Erdgeschoss führte. Beim Eintreten weiteten sich Levans Nüstern, als würde der Geruch nach Schweiß, abgestandener Luft und ungewaschenen Leibern seine noch unausgereiften männlichen Reflexe anspornen.
Es waren an die zehn Personen im Saal. Draußen war es schon dunkel, die Sportschule schloss normalerweise in einer Viertelstunde. Levan hielt inne und beobachtete zwei muskulöse, kahlköpfige Typen im Ring, die unter dem strengen Blick von Ermis Sarantakos, dem Leiter des Boxstudios, aufeinander losgingen. Drei weitere, jünger und deutlich weniger erfahren, bearbeiteten die Boxsäcke. Ihr keuchender Atem wurde von kurzen Rufen unterbrochen, die wie Kriegsschreie klangen.
„Steh nicht rum wie ein Maulesel. Deine Mutter ist gerade gegangen.“
„Ja, Herr Ermis.“
„Wenn du schon da bist… Wenn du ihr helfen willst, dann komm früher. Wir schließen gleich.“
„Ja, Herr Ermis“, wiederholte Levan und lief die Metalltreppe hoch, die zur Galerie führte.
Als er die Umkleiden betrat, hörte er Sarantakos rufen: „Schluss jetzt, Jungs!“ Dann drangen Klänge an sein Ohr, die ihn in ihren Bann zogen, auch deswegen, weil sie sich rhythmisch steigerten. Es war, als würden sie auf die Boxsäcke eindreschen und unverständliche Worte brüllen. Ihre dumpf dröhnenden Stimmen wurden immer lauter. Levan konnte nach und nach Worte heraushören: „Volk“. Schläge. „Armee“. Keuchen. Wieder Schläge. „National“. Jetzt war die Parole deutlich zu verstehen: „Volk – Armee – National“. So deutlich, dass das Gebäude bebte, vollgepumpt mit Schweiß und Adrenalin. Danach Stille. Bis schwere Tritte ertönten, als sie die Treppe hochgingen.
Rasch sammelte Levan die Müllsäcke auf, die seine Mutter zurückgelassen hatte, und verließ die Umkleiden. Kaum hatte er den Ausgang der Boxschule erreicht, hörte er eine heisere Stimme aus dem Inneren.
„Wenn du mal richtig zuschlagen willst, Kleiner, komm zum Meister. Für den Sohn von Symela ist das Training gratis“, sagte Ermis Sarantakos mit einem rätselhaften Lächeln.

Vor drei Jahren hatte Familie Pechlivanidis mit Ermis Sarantakos Bekanntschaft geschlossen. Symela konnte ihn von Anfang an nicht ausstehen. Solche Typen kannte sie aus Georgien. Dort hatten sie sich in den Ruinen des zusammengebrochenen Regimes eingenistet und nährten sich von Unrat wie die Schmeißfliegen. Sie gaben sich keinen Sentimentalitäten hin, analysierten nicht lang das Wie und Warum, sie ließen sich von der Woge tiefgreifender Veränderungen nicht mitreißen, sie kamen nicht ins Straucheln, ließen sich von ihrer Machtgier treiben und rissen sich ungeniert alles unter den Nagel, was sie kriegen konnten.
Symela kannte Menschen dieses Zuschnitts nur zu gut. Denn auch hier, in ihrem neuen Zufluchtsland, traf sie ständig Leute wie ihn, die sich als Kings aufspielten, maßlos und raffgierig, die das Land als ihre Pfründe betrachteten und einzig und allein ihre Eigeninteressen verfolgten. Sie erkannte sie an ihrem verächtlichen Blick und an ihrem primitiven Hass auf alles, das nicht ihren Maßstäben entsprach. Doch all ihre vulgären Gefühle blieben sorgfältig verborgen hinter der Maske christlicher Frömmigkeit und Nächstenliebe und hinter ihrem dumpfen, patriotischen Geschrei.
„Ermis ist einer von uns, er setzt sich ein für Werte wie Kirche und Familie. Er unterstützt unsere Ziele und hilft den unverschuldet in Not geratenen Landsleuten“, hatte ihr Ierotheos Panagiotou am Telefon von seinem neuen Wohnort Zypern aus erklärt.
Seine Frau hatte sie einst „arme Würstchen“ genannt. „Unverschuldet in Not geraten“ klang schon besser, dachte Symela. Aber sie verhielt sich still. Damals, im Mai 2000, war sie durch ihre finanzielle Not so abgestumpft, dass alle Beleidigungen an ihr abprallten. Xenofon nahm jeden Tagelohn an, den er kriegen konnte, aber ohne ihren Zwillingsbruder Giorgos, den Tausendsassa, hätten sie ihre Kosten nicht decken können. Nachdem sie die feste Stelle bei Familie Panagiotou in Haus und Laden verloren hatte, hangelte sie sich von dem einen Job zum nächsten, fand aber nichts Fixes. Mit zwei Kindern, zehn und zwölf, kamen Xenofon und sie ihren Verpflichtungen nicht hinterher.
„Ermis kann dir täglich Arbeit bieten. Ich stehe persönlich für deinen Charakter und die Anständigkeit eurer ganzen Familie ein“, fügte ihr Gesprächspartner hinzu, bevor er ihr die Adresse des Boxstudios gab.
„Ich danke Ihnen, Herr Ierotheos“, murmelte sie.
„Nicht mir, Gott!“, entgegnete er und war zufrieden, dass er die Beschützerrolle für die Zwillinge Kalemkeridis selbst aus der Ferne noch erfüllte.
Die Sportschule in der Trion-Ierarchon-Straße lag nicht weit von ihrer Wohnung in der Akamantos entfernt. Als Symela mit Levan, der ihr widerwillig folgte, dort eintraf, war die Halle gut besucht.
Sie fragte nach dem Inhaber, und der angesprochene Hüne deutete auf ein Büro im Hintergrund. Obwohl die Tür offenstand, klopfte sie an.
„Herein, und schließ die Tür“, sagte der Mann und blickte sie forschend an.
Trotz der Abneigung, die sie spürte, zwang sich Symela zu einem schwachen Lächeln. Sie blickte sich um. Gegenüber, an der einzigen Wand, hing eine Fahne mit dem Keltenkreuz, sonst war der Raum von Fenstern begrenzt, auf dem Büro stand ein auffälliger Adler aus Metall. Eilig erklärte sie, Herr Ierotheos Panagiotou schicke sie.
„Ja, Ierotheos, ein selten guter Mann. Untadelig und Gold wert! Mit solchen Griechen werden wir das Land säubern“, sagte Ermis Sarantakos, als wollte er sie auf die Probe stellen.
Symela nickte zustimmend und wartete schweigend ab.
„Eine Pechlivanidis, was? Und wo stammt ihr her?“
„Wir sind Pontier, aus Georgien.“
„Also Griechen!“
„Ja, natürlich, Griechen.“
„Und der junge Mann? Wie heißt du, Kleiner?“
„Levan“, antwortete Symela rasch und griff nach der Hand ihres Sohnes.
„Levan? Was für ein griechischer Name soll das sein?“, bemängelte Sarantakos.
Ein unangenehmes Schweigen machte sich breit, bis der Junge die Hand der Mutter losließ und einen Schritt nach vorne trat.
„Mein Opa heißt Leon“, sagte er und blickte dem Mann in die Augen.
„Dann heißt du ab jetzt Leon“, antwortete Ermis lächelnd.
Das selbstgefällige Grinsen fiel Symela gleich auf. Am liebsten hätte sie ihn zum Teufel geschickt, aber stattdessen dankte sie ihrem neuen Arbeitgeber und versicherte, sie könne morgen schon anfangen.

Früh morgens, gegen sechs, spätestens Viertel nach sechs, schloss Symela die Sportschule auf. Aufgrund der Empfehlung durch Ierotheos überließ ihr Sarantakos schon ab der ersten Woche die Schlüssel. Nur den fürs Büro behielt er ein. Dort hatte Symela erst am späten Nachmittag Zutritt, wenn sie nach der Mittagspause zurückkehrte, die Umkleiden saubermachte und die Galerie lüftete.
Levan begleitete seine Mutter meistens zur Nachmittagsschicht, sonst hätte er allein zu Hause bleiben müssen. Seine ältere Schwester war Tag und Nacht bei Inga, die nur ein paar Gehminuten von ihrer Wohnung entfernt eine Bleibe gemietet hatte. Die beiden Mädchen, Tania und Sofiko, waren unzertrennlich. Xenofon hatte diesen Sommer einen zweiten Job angenommen in einem Souvlaki-Grill in der Sokratous-Straße gleich am Omonia-Platz, wo er bis nach Mitternacht schuftete.
Daher war die Wohnung in der Akamantos-Straße leer, und Symela schleppte den zwölfjährigen Levan mit zur Arbeit, dann musste sie sich um ihn keine Sorgen machen. Der Junge beschwerte sich nicht, ein seltenes Phänomen bei seinem ungebärdigen Charakter, sondern setzte sich an einen Tresen am Boxring und sah zu, wie die starken Männer ihr Sportdress durchschwitzten.
Manchmal kam Sarantakos aus seinem Büro und zog ihn vor den anderen mit dem immer gleichen Spruch aus einer Äsop-Fabel auf: „Vorsicht! Einer, aber ein Löwe!“ Dann lachte er und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter.
Levan genierte sich und wurde rot, obwohl ihm die Sympathie, der ihm der King zeigte, schmeichelte. Herr Ermis war ein mächtiger, selbstbewusster Mann. Ein Mann, der Wasser aus Steinen pressen konnte. Ein unerschrockener Typ! Genau das Gegenteil von seinem Vater, dessen Blick abgestumpft war und dessen Schultern, auf denen er ihn früher herumgetragen hatte, nach unten hingen.
Kann sein, dass Levan nicht viel Lebenserfahrung hatte, aber dass irgendetwas ihr Familienleben letzte Ostern bis in die Grundfesten erschüttert hatte, war auch ihm klar geworden. Es spürte es am Verhalten seiner Mutter. Sie erinnerte ihn an einen Vogel mit gebrochenem Flügel, der nicht wegfliegen konnte. Er spürte es am gebrochenen Blick seines Vaters, der sich in sein Schicksal gefügt hatte.
„Männer wie Ermis haben keine Angst zu kämpfen und für das zu bluten, was sie erreichen wollen. Nicht wie du, Vater. Du hast Mutter weggejagt. Weil du zu feige warst, Vater“, wollte er ihm zurufen. Symela trug keine Schuld. Für Levan war die Mutter das Reinste und Unschuldigste in seinem Leben. Sie war der purste Anteil seiner selbst. Ohne sie hätte nur Dunkelheit in seinem Inneren geherrscht. Der Vater musste sie also „weggejagt“ haben, und als sie zurückkehrte, schleppte er sich weiter mit hängenden Schultern von schlechtbezahltem Job zu schlechtbezahltem Job. Ohnmächtig. Unterlegen. Der Vater verkörperte für ihn alles, was er nicht werden wollte, jetzt, da er an der Schwelle zur Pubertät stand und nach dem Leben schnupperte. Deshalb bewunderte er Sarantakos. Weil er voller Kraft und Energie war. Weil er die Ausstrahlung eines Siegers hatte. Genau das hatte Levan gespürt, als Ermis ausnahmsweise einmal selbst mit nacktem Oberkörper und glänzenden Tätowierungen in den Ring stieg, auf seiner Brust prangte der höchste griechische Orden und auf seinem Rücken das prächtige antike Zitat: „Jeder, der nicht Grieche ist, ist Barbar.“
„Weißt du, was das heißt, Kleiner? Der heilige Grund, auf dem wir gehen, gehört nur uns und nicht den Volksschädlingen. Weißt du, wer Volksschädlinge sind? Juden, Kommunisten, Anarchisten und Schwule. Zuerst müssen wir das Land davon säubern, und dann von den Schwarzen und den Ungläubigen, die unser Land besudeln.“
Levan hing an seinen Lippen. Wenn Symela sie nicht unterbrochen hätte, hätte er sich nicht losreißen können.
„Los, wir gehen!“, sagte sie abrupt und zog ihn am Ärmel. Als sie auf der Trion-Ierarchon-Straße waren, fügte sie streng hinzu: „Ab morgen wartest du zu Hause auf mich. Bei denen hier hast du nichts zu suchen.“
„Aber Herr Ermis ist doch toll!“, sagte der Sohn trotzig.
„Halte dich fern, auch wenn du ihn toll findest! Ach, armer Junge, wenn dein Vater hören könnte, was der alles von sich gibt!“
„Ja, und? Was würde Papa dann mit ihm machen?“, fragte er provokant. Und dann murmelte er zwischen den Zähnen: „So fertig, wie er ist…“
„Wage ja nicht, so über deinen Vater zu reden, hörst du? Ich warne dich!“
Sie warteten an der Verkehrsinsel der Pireos-Straße, um Tania aus Ingas Wohnung abzuholen. Ihre Stimmen gingen im Straßenlärm und zwischen dem Gehupe der vorbeifahrenden Autos unter. Wortlos blickte Levan seine Mutter an. Und sie erkannte etwas in seinem Blick. Etwas, das sie beunruhigte. Dieser Ausdruck war ihr vertraut. Den hatte sie auf den Gesichtern der Menschen in Georgien gesehen, als ihr Leben bis in die Grundfesten erschüttert war. Sie waren wie wilde Tiere, fest entschlossen, im Dschungel, der sich vor ihnen ausbreitete, zu überleben. Sie hasste diesen Ausdruck. Aber mehr noch fürchtete sie ihn.
„Halte dich fern von Ermis Sarantakos, Levan! Es ist zu deinem Besten. Und kein Wort zu deinem Vater, ja?“, sagte sie und wich dem Blick des Sohnes aus.

Levan erwies sich als vorbildlicher Sohn. Er hielt von Ermis Sarantakos genau den Abstand, der zwischen ihrer Wohnung und dem Boxstudio lag. Aber kümmerte ihn das überhaupt? Im Sommer 2000 weckte so gut wie nichts sein Interesse, weder im Guten noch im Schlechten. Ein Glück, dass die Grundschule vorbei war. Die Vorstellung, auf eine weiterführende, schwierigere Schule zu gehen reizte seine Wut, gleichzeitig wartete er heimlich auf diese Veränderung.
Zu Hause redeten sie nicht viel, nur das Notwendigste. Was essen wir? Dieses. Was schauen wir im Fernsehen? Jenes. Seit der Vater im Souvlaki-Grill arbeitete, war er noch wortkarger. Immer wenn Levan ihn sah, und das war selten genug, saß er vor dem Fernseher. Wenn der Vater spät abends heimkam und dachte, dass Levan schlief, beobachtete der Junge ihn durch den Spalt der Schlafzimmertür, wie er hereinschlurfte, sich wusch, dann ein Bier öffnete und sich aufs Sofa fallen ließ, den Fernseher auf leise gestellt. „Was denkt er wohl?“, fragte sich Levan, aber er wagte nicht zu fragen oder auf ihn zuzugehen. Es war, als wäre ihr Zuhause in einen Nebel getaucht, der sich erst durch die Worte der Mutter lichtete, die wie Blitz und Donnerkeil herniedersausten: „Halt dich fern von Ermis Sarantakos!“ Und das tat er auch. Aber er spürte, dass er, so wie sie alle, wie ein im Kreis trabender Maulesel, der ein Schöpfrad antrieb, in einen erstickenden Alltag eingespannt war, der ihr Leben mit endloser Monotonie erfüllte.
So vergingen drei Jahre. Levan schoss in die Höhe. Je älter er wurde, umso mehr ähnelte er seiner Mutter. Von ihr hatte er die sanften Augen, das breite Lächeln und die wohlgeformte Nase. Aber der Körper geriet nach seinem Vater, aber nicht so vertrocknet und gebückt wie jetzt, sondern nach dem Xenofon, der als Komsomolze in der Jugendmannschaft des FC Metalurgi Rustawi geglänzt hatte. Levans noch untrainierter, aber sehniger Körper war von natürlicher Spannkraft. Das fiel auch Ermis Sarantakos auf, als der Junge nach einer Weile wieder in die Sportschule kam. „Wenn du mal richtig zuschlagen willst, Kleiner, komm zum Meister“, hatte er damals gesagt.
Levan wollte in der Tat ein paar Hiebe austeilen, speziell in die Fresse von ein paar Scheißkerlen an der Schule, die „Russe“ hinter ihm herriefen. Aber er beherrschte sich. Erstens, weil er Problemen aus dem Weg gehen wollte. Und zweitens, um dem Genörgel seiner Mutter zu entgehen. Der Vater war ihm herzlich egal, und mit den Jahren wurde er ihm noch egaler. Er war doch nur ein armes Würstchen, das nach Grilldunst roch, sein einziges Vergnügen war es, sich bis zum Morgengrauen durchgeknallte Streitereien im Fernsehen reinzuziehen. Wie jämmerlich, dachte Levan.
Einmal wollte er Symela darauf ansprechen, aber sie warf ihm nur einen wütenden Blick zu. „Schäm dich!“, sagte sie. So lernte Levan, seine Meinung für sich zu behalten. Zu seinem eigenen Besten. Am liebsten sollten sie ihn in Ruhe lassen. Allesamt.
Mitten im Sommer jedoch spitzte sich die Lage zu. Symela fühlte sich schwach auf den Beinen, ging aber trotzdem weiterhin in die Sportschule. „Ach, nur eine Erkältung“, sagte sie, aber sie bat den Sohn doch jeden Tag, ihr beim Wegbringen des Mülls zu helfen. Drei Tage später hatte sie hohes Fieber.
„Lungenentzündung“, diagnostizierte der Arzt.
„Im Sommer?“
„Das sind leider die schlimmsten Fälle, Frau Pechlivanidi.“
Im Juni 2003 war kein Unterricht und Levan hatte Zeit. Also schloss er morgens das Boxstudio auf, machte zunächst die Halle unten sauber und kam am Nachmittag wieder für die Umkleiden.
Sarantakos beobachtete ihn durch die Fensterfront des Büros, ohne ihn anzusprechen. Bis er eines Tages heruntereilen musste, um allen in Erinnerung zu rufen, wer hier der King war.

„Spieß“ nannte Ermis seinen Kollegen anerkennend. Aus ihren Gesprächen schloss Levan, dass sie zusammen bei den Gebirgsjägern gedient hatten, beide Musterungsjahrgang 1983, das hieß, sie gingen auf die Vierzig zu. Der Spieß war schwerer als Ermis, er war zwar nicht dick, zeigte aber nicht mehr die alte Leistungsfähigkeit oder die früheren Reflexe.
Die Jüngeren erkannten es an der Art, wie er sich im Ring bewegte, aber sie wagten nicht, ihm zu widersprechen. Sie sprachen ihn respektvoll an und folgten seinen Kommandos aufs Wort.
Levan konnte sich nicht erinnern, dass er ihn einmal lachen sah, nicht mal ein Lächeln überzog sein je Gesicht, er sah immer so drein, als sei ihm eine Laus über die Leber gelaufen. Er war kahlgeschoren und sein dicker Hals war von zwei Flaggen umrahmt: die eine war die griechische, die andere zeigte einen lorbeerbekränzten Adler. Auch auf den Rücken hatte er sich einen lorbeerbekränzten Adler tätowieren lassen. Mäandermuster liefen seine Arme entlang, während auf seiner Brust zwei gekreuzte Handgranaten prangten. Er sei bereit, Köpfe einzuschlagen, sagte er Fäuste schwingend. Auf jeden Finger war ein Buchstabe tätowiert: E-L-L-A-S stand auf der rechten Hand, E-T-H-N-O-S auf der linken. Das war deutlich zu lesen, trotz der Metallringe. Denn nach dem Training trug der Spieß immer einen Schlagring an der rechten Hand.
„Es gibt nichts Geileres, als ihnen die Scheißfressen zu polieren und zu hören, wie ihre Knochen brechen“, prahlte er. „Das Vaterland in einer Faust! Kopf ab bei der Türkenbrut!“
„Waren das gestern nicht Afghanen, Spieß?“, zog Ermis ihn auf.
„Alle Hunde fallen unter dieselbe Kategorie, Bruder.“
Sein aggressives Verhalten stieß Levan ab. In der letzten Woche von Symelas Krankenstand ging er immer sofort, nachdem er seine Arbeit erledigt hatte, genauso still und leise, wie er gekommen war. Auf die Neckereien von Ermis reagierte er mit einem Lächeln, aber nichts weiter. Mit den anderen hatte er nichts gemein, mit ihnen wollte er auch nichts zu tun haben. Und noch weniger mit dem Spieß, der halbnackt herumlief, schweißüberströmt, immer unter Strom und allzeit bereit, sich mit jedem anzulegen, der es wagte, gegen ihn aufzubegehren. Sein furchterregender Gesichtsausdruck erinnerte Levan ständig daran, warum er ihn meiden sollte.
Aber der Teufel schlief nicht: Levan hatte die Trinkflasche vom Spieß achtlos auf den Müll geworfen. Anfangs begriff er nicht, was los war. Er spürte nur, wie ihm jemand rücklings einen Stoß versetzte, dann sah er, wie der ganze Müll auf dem Boden landete. Der Hieb in den Unterleib ließ ihn einknicken. Der Atem stockte ihm, und ihm wurde schwarz vor Augen.
„Sammle das auf, du Sack, und lern Respekt! Hat man euch das zu Hause nicht beigebracht? Und ihr wagt es, euch Griechen zu nennen, verfickte Scheißkommunisten, ihr Dreckschweine…“, brüllte der Spieß Levan ins Gesicht.
Der wollte eine Entgegnung stammeln, schaffte es aber nicht. Ein zweiter Hieb, diesmal in die Rippen, warf ihn erneut zu Boden. Er krümmte sich vor Schmerz, gab aber keinen Ton von sich. Sein Instinkt sagte ihm, dass der Irre sich austoben musste, damit nicht noch Schlimmeres geschah. Dessen Gedanken wurden immer paranoider, und er fluchte immer unflätiger, bis er, von seinem wirren Hirn verleitet, völlig durchdrehte.
„Aus nichtigem Anlass…“, kommentierte Ermis Sarantakos später spöttisch, als sie alle den unglücklichen, längst vergangenen Vorfall vergessen wollten.
„Deine Mutter, he, die Russin, lässt sich ficken…“, rief der Spieß.
Schlagartig spürte er, zwischen den beiden letzten Silben, ein Ohrensausen. Levans Faust traf ihn zunächst mit Wucht am Kinn. Vor Überraschung wurden ihn die Knie weich, und die folgenden Schläge ähnelten abrupten elektrischen Stößen. Gezielte Hiebe, stahlhart und gut geführt. So lange, bis der Hornochse nicht länger standhielt und zu Boden ging. Ein Fleischberg, der unter dem bleichen Licht plötzlich tot und leblos wirkte. Ein Berg ungeordneter, verblasster Symbole – Flaggen, Handgranaten, Mäander und Adlerschwingen. Was von dem schreckenerregenden Spieß übrig war, lag völlig erledigt auf dem Boden der Sporthalle.
Auf der Halle lastete ein schweres Schweigen. Keiner sagte etwas. Nur Levans keuchender Atem war zu hören und das unwillkürliche Stöhnen des Mannes, der vor ihm lag.
„…vier, fünf, sechs…“, ertönte eine Stimme vom Ende der Halle. Ermis Sarantakos zählte ausdruckslos weiter: „…acht, neun, zehn.“
„Knock out“, flüsterte einer der jungen Boxer, bereute es aber sogleich wieder. Kein anderer sprach. Keiner hatte das Recht zu sprechen. Keiner, außer dem Anführer.
„Ich habe schon lang keinen so starken Jab gesehen, Kleiner“, sagte Ermis und schlug Levan väterlich auf die Schulter.


[1] Federico Garcia Lorca: Letzter Vers von „Der Dichter sagt die Wahrheit“. Aus: Diwan des Tamarit. Sonette der dunklen Liebe, übers. Von Rudolf Wittkopf und Lothar Klünner. Frankfurt am Main, Suhrkamp 1986.
[2] Laut der Volkszählung von 1979 lebten 344.000 Personen griechischer Abstammung in der UdSSR. Die tatsächliche Zahl war jedoch höher, da viele nur die regionale Nationalität angaben. Laut einer anderen Studie aus dem Jahr 1989, zwei Jahre vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion, kann man von einer halben Million Pontosgriechen aus dem Schwarzmeergebiet ausgehen, 140.000 davon lebten in Georgien.


Das Buch
Stavros Christodoulou: Schwarzer Flamingo (Μαύρο φλαμίνγκο), bislang nur auf EL
Verlag Kastaniotis, Athen 2023, 400 Seiten, ca. 15 €
ISBN: 978-960-03-7161-1

Der Autor
Stavros Christodoulou wurde 1963 in Nikosia/Zypern geboren. Er studierte Rechtswissenschaften in Athen und wurde anschließend Journalist. 2026 erschien sein erster Roman, Hotel National, zahlreiche weitere folgten. Das Buch Der Tag, an dem der Fluss gefror (Τη μέρα που πάγωσε ο ποταμός) wurde 2020 mit dem Literaturpreis der Europäischen Union (EUPL) und dem Staatlichen Literaturpreis Zyperns (Roman) für das Jahr 2018 ausgezeichnet. Werke von ihm wurden ins Rumänische, Albanische, Serbische und Bulgarische übersetzt. Seine Erzählungen sind in griechisch- und fremdsprachigen Anthologien zu finden.

Auszug: Stavros Christodoulou in der Übersetzung von Michaela Prinzinger. Vorstellung: M. Prinzinger. Fotos: Verlag Kastaniotis. Redaktion: A. Tsingas. Diese Probeübersetzung wurde von GreekLit unterstützt, der Übersetzungsförderung der Hellenischen Buch- und Kulturstiftung ELIVIP/HFBC, hier (auf EN).

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