Noch mehr Lügen

Neuerscheinung von Alexandros Adamopoulos im Elfenbein Verlag

Neuerscheinung im Elfenbein Verlag: „Noch mehr Lügen„ von Alexandros Adamopoulos. Der Text liest sich wie ein Kommentar zu aktuellen Fragen von Menschlichkeit/Unmenschlichkeit oder Reichtum/Armut im Mittelmeerraum. Dabei ist er 1976 entstanden, 1999 auf Griechisch und gerade eben auf Deutsch erschienen. Das beweist die Zeitlosigkeit und bleibende Gültigkeit literarischer Themen. Die Übersetzung stammt von unserem Redaktionsmitglied Nina Bungarten. Im Elfenbein Verlag ist 2001 der Band „Zwölf und eine Lüge„ desselben Autors erschienen.

Adamopoulos Cover klein

Sie verfolgten das große Schiffeversenken unter wollüstigem Gegacker und applaudierten dazu auf eine alberne und mechanische Weise, als wollten sie Leben in ihre toten Hände klatschen. 
So lief es jedes Mal ab. 
Die Zuschauer streiften mit Kristallgläsern in der Hand und einem an den Ohren aufgehängten Lächeln ziellos umher und ließen sich in die weichen Sessel des Salons vor der großen Glasfront sinken, während sich aus verborgenen Winkeln, leeren Buchrücken, hohlen Statuen eine sterile, endlose Musik hervorschlängelte. Als der Applaus nachließ, die Erregung vorüber war, die Gesichter wieder ihr natürliches Grau angenommen hatten und sich nahezu niemand mehr bewegte, stieg sie hinter Buchrücken, durch hohle Statuen, aus künstlichen Blumen erneut empor und überflutete die Zimmer, die Tische, die dicken Teppiche, ja, selbst das letzte Molekül der eingesperrten Luft, die Musik, die immer da war, wenn eine schwierige Situation eintrat, in der ein Gast plötzlich wegen unaufmerksamer oder falscher Behandlung – was selten vorkam – mit seinem eigenen Ich konfrontiert wurde.

Unser Schiff war schön, schnell und stark, vor allem stark; eigens darauf angelegt, unser Ziel schneller und effizienter zu erreichen. Wir von der Besatzung mussten alles nicht so genau wissen; jeder hatte sein Fachgebiet. Im Grunde könnten wir auch irgendwann mal Fahrgäste sein, wir müssten nur für zwei, drei Tage bezahlen können.

Die Reisedauer wurde von Organisatoren kalkuliert, war jedoch nie kürzer als ein Wochenende. Wenn wir auf Reisen waren, wussten wir nicht, ob es Tag oder Nacht, warm oder kalt, Sommer oder Winter war. Alles war gleich geworden. Wir trieben immer nur kurz auf dem offenen Meer umher, bis die Passagiere sich kennengelernt hatten, und passierten dann Meerengen, Buchten und Landspitzen, wo kleinere Schiffe, wie Fischer- und Segelboote, alte Kähne, also das ganze schwimmende Elend der hiesigen Dorfbewohner, verkehrten.

AA The soul, Sandra Christou

©Sandra Christou

Dann gab der Kapitän schnell und unerwartet ein Zeichen. Die ganze Besatzung sprang sofort auf, als ob jetzt gleich etwas geschähe, was außerordentlich schwierig und kaum einzuschätzen und wofür eine Spezialausbildung für Notsituationen, etwa in der Größenordnung eines Weltuntergangs, erforderlich war. Nach jedem erfolgreichen Coup bliesen sie sich vor lauter Stolz auf wie Pfauen, ihre gläsernen Augen strahlten und ihr Blendax-Lächeln blitz te. Ihr Stolz und ihre Begeisterung sollten in erster Linie professionell wirken und sich auf die Gäste übertragen. Sie öffneten ein paar goldene Knöpfe an ihrer Uniform, um nicht an den vielen Toasts zu ersticken, während sie die Schiffe, die unseren Weg kreuzten, systematisch versenkten.

Ich arbeitete hier. Mich trennte nicht viel von der Lebensleere und den Magenproblemen der Gäste. Mich trennte nicht viel von der trockenen Luft, die einem langsam im Hals hochstieg, fast erwürgte und wie am Spieß schreien ließ. Dieses ganze armselige vertrocknete Paradies! So viel Sex, so viel Sperma, so viel Lüsternheit und nicht ein bisschen Lebendigkeit! So viel Parfüm, so viel Mühe, Sorgfalt und Zeit – und es kam nur eine sich auf der Erde windende Urinschlange dabei heraus.

Wo man hinsah, gab es haufenweise Schmuck, Edelsteine und Stoffe in den verschiedensten Formen und Farben. Auch Düfte, Lotionen, schlankgehungerte Körper. Ängste, Lügen, Posen. Alles war vertreten. Kunstvoll gefertigte Mäntel, üppige Kleidung auf totem Fleisch und sündhaft teure Spangen auf parfümierten Schultern ließen ab und zu etwas hervorblitzen, je nach Lage, Alter, Machtposition, Härte der Erektion und vielem mehr – hier einen Schenkel, dort einen halben Bauchnabel, aber auf jeden Fall unverkennbares, unersättliches Wollen.

Nirgendwo gab es ein grünes Blatt. Keine einzige zufällig übersehene Ameise. Augen, Hände, Lippen, schlaffe Lungen, die nur noch ein Stöhnen oder gerade mal einen halben Schrei hervorbringen konnten, und auch das nur nach vorheriger Planung.

Der ZaubererB

©Sandra Christou

Ich war hier Kellner und kannte die Zusammensetzung der kompliziertesten exotischen Gerichte – normalerweise richteten wir unsere Speisekarte nach der Gegend, in der wir gerade Schiffe versenkten. Ich kannte alle Gewürze, schwierig zuzubereitende Saucen mit seltsamen Namen und die verschiedensten Getränke auswendig, war eine wandelnde Speisekarte. Durch mein Auftreten wurde alles noch schmackhafter und eindrucksvoller. Ich arbeitete professionell, befeuchtete meine Lippen, lächelte lüstern, sah dem Gast tief in die Augen, umschmeichelte ihm Mund und Magen, beugte mich über ihn, raunte ihm mit anregendem, geheimnisvollem Unterton unser Angebot ins Ohr und machte ihn zum Komplizen eines wunderbaren Geheimnisses, eines Jugendelixiers oder eines Zaubertranks, der auf einen Schlag alle seine Probleme lösen würde. Wir wussten vorher, was die Gäste wollten, und das gaben wir ihnen. Jeder bestellte im Glauben, der einzig Glückliche mit speziell nur für ihn ganz persönlich zubereitetem Gericht zu sein. Dabei stammte es aus riesigen Kesseln, in denen verdächtiges Fleisch langsam vor sich hin schmorte.

(Und wenn ihr Kriege führt, dann seid ihr dabei. Und wenn ihr Schiffe versenkt, seid ihr auch wieder dabei; ewig verhasste und bewunderte Kaste unserer geheimsten Träume.)

Was kann man noch sagen? Wir versenkten viele Schiffe und hatten jedes Mal viele Schiffbrüchige. Die genaue Menge variierte nach Geschmack, Ausmaß der Langeweile und spezieller Vorliebe der Kunden. Auf jeden Fall war sie immer groß. Unsere Rammsporne stießen in das gerade vor uns liegende Schiff und zerfetzten es. Durch den Aufprall wirbelten die Leute durcheinander, und es entstand allgemeine Verwirrung. Jeder Treffer löste auf Deck und in dem langen, glasverkleideten Salon eine wilde Erregung aus. Es erscholl ein einziger großer Aufschrei. Die so lange unterdrückte Lebendigkeit der Menschen lechzte danach, frei hervorzuschießen – sei es auch nur für einen kurzen Moment. Alle ließen sich von diesem so mühelos erreichten Siegestaumel, diesem so leicht mit Freude zu verwechselnden Gefühl, mitreißen. Das alles dauerte so lange, bis das getroffene Schiff versank und die Menschen in den riesigen Strudeln verschwunden waren. Dicke rote Schaumblasen stiegen auf und zerplatzten, rundherum waren Wasser und Luft voller Kleiderfetzen, Blut und Fleischbrocken. Danach kehrte wieder Ruhe ein. Alles war vergessen, als wäre es nie geschehen.

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©Sandra Christou

Gestern Nachmittag legte sich vor unseren Augen die Sonne auf das Meer. Wir hatten seit dem Morgen kein Schiff mehr versenkt. Da erspähten wir außerhalb des Hafens ein Boot. Es saßen zwei weißhaarige, unrasierte alte Fischer mit runzligen Gesichtern darin. In diesen Runzeln konnte man ihre Lebensgeschichte lesen. Sie waren eine ganze Welt für sich. Die beiden Alten hielten ihre Strohhüte vor die Brust gedrückt und blickten mit müden Augen fragend zu uns auf, kurz bevor sie zusammen mit ihrem alten Boot auf den Meeresboden sanken und dort mit ihm begraben wurden.

Plötzlich gab der Kapitän erneut das Kommando, und die Musik erscholl lauter. Ein wunderschönes Schiff schwebte luftig vor der roten Sonnenscheibe, wie der scherenförmige Schatten einer Schwalbe. Ich fühlte mein Herz bis zum Hals klopfen. Zwei Eisenfinger drehten an meinen Schläfen und zwangen mich, meinen Blick darauf zu richten.

Alle erhoben sich, um etwas mitzubekommen.

Wir erreichten das Schiff, stürmten es und zerstörten es vollständig. Wir kosteten Partikel seiner zerfetzten Einge- weide zusammen mit Meeresschaum, mit dem der Seewind uns besprengte, nahmen es zu uns wie eine Totenspeise.

Sie verfolgten das bittere Schiffeversenken unter wollüstigem Gegacker und applaudierten dazu auf eine alberne und mechanische Weise, als wollten sie Leben in ihre toten Hände klatschen.

Und nachdem der Kapitän die Last der Vorsicht von seinen Schultern geworfen hatte, strahlte er wie ein blutjunger Raubjäger in seiner Siegeswolke, hieb Lächeln hier- und dorthin und fing beifallheischend weibliche Blicke ein, die er als Ruhmeskranz um seinen schon halbaufgerichteten Phallus drapierte.

Jetzt war wieder Ruhe eingekehrt. Wenigstens für heute. Ich blieb allein zurück. Bequemer als die Sitze schien mir das von Salzwasser durchtränkte Tau des Schiffes zu sein, auf dem ich mich niederließ, rauer, zusammengerollter, schweigender Zeitzeuge vieler Geheimnisse, Verächter der schlaffen, zarten und gepuderten Hintern, die nach all der Zeit und all dem vielen Blut nichts dazugelernt hatten.

Ich atmete tief ein. Morgen aufs Neue …

AA Week end manuscript

Manuskript Alexandros Adamopoulos

Text: Alexandros Adamopoulos. Auszug aus „Noch mehr Lügen„, Berlin, Elfenbein Verlag 2016. Übersetzung: Nina Bungarten. Abbildungen: Sandra Christou.

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