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Ravensbrück – keine der dorthin deportierten Griechinnen wird zuvor diesen Ortsnamen gehört, geschweige denn Kenntnis über die geografische Lage dieses kleinen brandenburgischen Ortes gehabt haben.
Auch heute noch spielt Ravensbrück auf der Landkarte des kollektiven griechischen Gedächtnisses kaum eine Rolle. Auschwitz, Mauthausen, Dachau, Bergen-Belsen sind die Orte nationalsozialistischer Terrorherrschaft, die die Mehrheit der Griechinnen und Griechen kennt, nicht zuletzt dank der berühmten Theodorakis-Komposition „Asma Asmaton“. [aus der Mauthausen-Kantate, hier; YouTube hier]
Die Überlebenden haben in der Regel geschwiegen, denn niemand interessierte sich wirklich, ihre Erfahrungsberichte zu hören. Sogar störend wurde mancherorts ihre Rückkehr empfunden, wie jüdische Überlebende wiederholt berichteten. Politisch links Stehende waren im repressiven griechischen Staat der Nachkriegszeit erneut mannigfaltigen Verfolgungen ausgesetzt und durchlebten oft ein zweites Mal den entmenschlichten Alltag einer Konzentrationslagerhaft. So überrascht es nicht, dass die wenigsten griechischen Überlebenden jemals an die Stätte ihres Leidens nach Ravensbrück zurückkehrten.

Zeitzeuginnen
Eine wichtige Quelle für die Griechinnen im Konzentrationslager Ravensbrück sind die Erinnerungen von Maria Tsiskaki-Galiatsatou. Bereits 1946 begann sie ihre Erfahrungen in den deutschen Konzentrationslagern aufzuschreiben. Aber es sollten fast 30 Jahre vergehen, bis sie diese kurz vor ihrem Tod 1975 im Selbstverlag veröffentlichte.
Maria Tsiskaki-Galiatsatou hat den Anspruch, das Erlebte so „neutral“ wie möglich wiederzugeben. Nicht jede griechische Zeitzeugin hat die Kraft dazu. Zu schwer lasten die traumatischen Erfahrungen auch heute noch auf den Überlebenden. So fällt es einer anderen Griechin sichtlich schwer, das von den Mitarbeitern des Projektes „Memories of the Occupation in Greece (MOG)“ geführte Interview durchzuhalten. [hier] Immer wieder will sie das Interview vorzeitig beenden und unterbricht mehrmals ihre Schilderungen mit hasserfüllten Beschimpfungen auf die Deutschen. Noch 80 Jahre danach sitzen die Wunden tief; die brutalen Erlebnisse der Haft sind allzu gegenwärtig, die Wut über verlorenen Besitz ist groß. Eine Bereitschaft zur Versöhnung ist nicht erkennbar. Sie war 16 Jahre alt, als sie in eine Razzia der Deutschen in ihrer Heimatstadt Volos (Zentralgriechenland) geriet. Politisch habe sie sich nicht betätigt, als junge Vollwaisin ging es um das tägliche Überleben. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich seit ihrem 14. Lebensjahr als Arbeiterin in einer örtlichen Tabakfabrik, wo sie auch nach ihrer Rückkehr aus dem Konzentrationslager bis zu ihrer Berentung tätig war.
Konzentrationslager und Orte der Zwangsarbeit
Nachgewiesen ist bislang die Internierung von 265 Griechinnen, die im Zeitraum zwischen Februar 1944 und Frühjahr 1945 in das Konzentrationslager Ravensbrück gelangten. In 12 Deportationstransporten erreichten sie einzeln oder in kleinen Gruppen gemeinsam mit weiteren Landsfrauen, aber immer im Zusammenhang von größeren Transporten aus allen Himmelsrichtungen Europas, das Lager Ravensbrück.

Compiègne, Riga, Chaidari, Warschau, Lodz, Auschwitz sind nur einige Beispiel für Orte, an denen ihre Reise begann – die oftmals auch nicht in Ravensbrück endete: Zu groß und vielfältig war der ausbeuterische Bedarf der deutschen Kriegswirtschaft. Köpenick, Leipzig, Malchow, Magdeburg, Rechlin sind Beispiele für Einsatzorte der mitunter tödlich verlaufenden Zwangsarbeit.
Das in der Regel bürokratisch penibel geführte Aufnahmeprozedere der Nationalsozialisten liefert uns heute Hinweise für die Recherche. Deportationslisten, Eingangslisten, Effektenlisten, Krankenakten und schließlich die Häftlingskarteien selbst bilden die Grundlage für die Spurensuche. Nicht alle Inhaftierten lassen sich auf diese Weise finden, jedoch zahlreiche von ihnen.

Der Griechische Freundeskreis Ravensbrück, Berlin
Eine dieser Listen fiel vor über 25 Jahren einer kleinen Gruppe um Sofia Anastassiadou und Eleni Winckel in die Hände. Damit war der Grundstein für die engagierte Erinnerungsarbeit des „Griechischen Freundeskreises Ravensbrück, Berlin“ gelegt. Mit großem persönlichen Einsatz, minutiöser Recherche, dem Beisteuern privater Finanzmittel und unter Begleitung unglaublicher glücklicher Zufälle wurden Begegnungen mit inzwischen verstorbenen Zeitzeuginnen möglich. Ziel des Projektes ist, ein angemessenes Gedenken an diese griechischen Frauen zu ermöglichen und weitere aus der Anonymität ihrer Häftlingsnummern zu befreien. [1]
Wer waren sie, diese 265 griechischen Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück, mit ihren 265 unterschiedlichen Lebensgeschichten, ihren auf individuelle Weise 265-mal unterschiedlich erfahrenen Erlebnissen und mit schließlich 265 verschiedenen persönlichen Erinnerungen daran?
Griechische Frauen in der französischen Résistance
Die erste Griechin, die in den Eingangslisten von Ravensbrück zu finden ist, erreicht das Lager nicht aus Griechenland, sondern kommt im Februar 1944 in einem Deportationstransport gemeinsam mit 957 aus politischen Gründen inhaftierten Frauen aus dem französischen Compiègne. Warum die 51-jährige Anastassia sich in Frankreich aufhielt und welche die genauen Gründe ihrer Verhaftung waren, wissen wir nicht. Aus Berichten französischer Ravensbrückerinnen haben wir jedoch Kenntnis darüber, dass Ausländerinnen in den Reihen des französischen Widerstands durchaus üblich waren. Auch über eine weitere in Ravensbrück internierte Griechin ist bekannt, dass sie sich während des Krieges in Paris aufhielt und schließlich wegen ihrer Aktivitäten in der französischen Résistance verhaftet und nach Ravensbrück deportiert wurde. Ihre belgische Lagerfreundin, die Unternehmerin und Widerständlerin Simonne L., berichtet uns darüber:
Wir teilten uns ein einziges Bett, kaum 60 Zentimeter breit: sie am Kopfende, ich am Fußende. Nichts kann Ihnen wirklich vermitteln, was wir damals durchlebt haben; kein Bericht, keine Erzählung kann dieses Grauen wiedergeben, das selbst Dante sich nicht auszumalen gewagt hätte.
Um mir unter diesen Umständen Mut zu machen, trug mir Polymnia Gedichte vor. Sie hatte tatsächlich hunderte davon im Gefängnis geschrieben – alle sorgfältig geordnet und in ihrem Gedächtnis bewahrt. Nach unserer Befreiung wollte sie sie in zwölf Heften begleitet von Skizzen veröffentlichen. Sie versprach, mir das erste Heft zu widmen.
Um unserer Realität zu entfliehen, rezitierten wir gemeinsam mit geschlossenen Augen Gedichte. Viele davon waren Lieder, die wir dann alle zusammen sangen, während wir versuchten, Polymnia nachzuahmen. Sie war eine Frau von seltener Geisteskultur. Jedes Mal, wenn ich an sie zurückdenke, muss ich weinen.

Beide Griechinnen überleben ihre Inhaftierung nicht. Polymnia wird nach Angaben von Simonne L. im Jugendlager Uckermark ermordet, während Anastassia an den brutalen Haft- und Arbeitsbedingungen im Außenlager Rechlin zugrunde gehen wird. Auf der hoch in den Himmel ragenden Gedenkstele am Ort der Erinnerung inmitten der mecklenburgischen Seenlandschaft können wir heute ihren Namen lesen.

Der „Sondertransport aus Athen“
Nur wenige Monate vor dem Abzug der deutschen Besatzungstruppen aus Griechenland erreicht im Juni 1944 der sogenannte „Sondertransport aus Athen“ das Konzentrationslager Ravensbrück. Es handelt sich um den einzigen (bisher dokumetierten) direkt aus Griechenland erfolgten Deportationstransport in dieses Konzentrationslager. Mit ihm treffen 61 Griechinnen im Lager ein. Sie waren sämtlich aus politischen Gründen im berüchtigten Konzentrationslager Chaidari bei Athen [hier] inhaftiert gewesen:
Darunter eine 16-jährige, bei der EPON [hier] organisierte Schülerin; eine sechsfache Mutter, die als Verwaltungsführerin der Nationalen Befreiungsfront, der EAM [hier], auf Evia identifiziert worden war; mehrere Mitglieder einer Familie aus Theben, die als Angehörige von EAM-ELAS eingestuft wurden; sowie eine Mutter mit ihrer Tochter aus Ioannina, die als politische Geiseln festgehalten wurden. Weitere in den Häftlingskarteien verzeichnete Haftgründe lauteten „disziplinloses Verhalten“, „Bandenunterstützung“, „Judenbegünstigung“ oder schlicht „Kommunistin“.
Die Hälfte dieser Frauen war jünger als 25 Jahre, ein Viertel davon nicht einmal 20; die jüngste war gerade einmal 15 Jahre alt.

Einige der Frauen aus dieser Gruppe hatten im Konzentrationslager Chaidari bereits auf ihre Hinrichtung gewartet, bevor sich die Pläne der Besatzungsbehörden für sie änderten. Die Zugfahrt der 61 Frauen und 850 Männer in geschlossenen Güterwaggons habe 13 Tage gedauert. [2] In Thessaloniki waren weitere 250 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Pavlos Melas hinzugekommen. In Weimar schließlich wurden die beiden Waggons mit den Frauen vom restlichen Zug abgekoppelt. Die Stimmung unter den Frauen lasse sich nicht leicht beschreiben, erklärt Maria Tsiskaki-Galiatsatou :
Niedergeschlagenheit. Angst. Unsicherheit. Diejenigen von uns, die klar denken konnten, erkannten die Gefahr. Wir mussten unverzüglich reagieren. Wir mussten mit allen Mitteln das loswerden, was uns belastete. Die meisten unter uns waren junge Mädchen. An sie fiel nun die Aufgabe, eine Atmosphäre der Unbeschwertheit und Zuversicht zu schaffen. Mit intelligenten Witzen, Liedern unseres Heimatlandes, ein paar improvisierten kleinen Sketchen, in denen sie unsere Situation karikierten, gelang es ihnen, unsere depressive Stimmung etwas aufzuhellen.
Die Ankunft in Ravensbrück und die damit verbundene Aufnahmeprozedur wird als eine zutiefst entmenschlichende Zäsur erlebt, sie bedeutete die völlige Entindividualisierung, die schlichte Reduzierung auf eine Häftlingsnummer. Aus den Anfangstagen berichtet Tsiskaki-Galiatsatou , die Gruppe habe rasch begriffen, dass zwei Dinge überlebenswichtig sein würden: ihr Zusammenhalt und der Kontakt zu anderen Mithäftlingen. Und tatsächlich gelang es ihnen – trotz ihrer unterschiedlichen sozialen Hintergründe, es waren Studentinnen, Schneiderinnen, Hausfrauen, Verwaltungsangestellte, Akademikerinnen – über Monate hinweg eine enge Gemeinschaft aufrechtzuerhalten.
Während eine Reihe dieser Frauen nicht in der Lage war, ihre Häftlingskartei zu unterschreiben und anstatt einer Unterschrift drei Kreuze setzten, besaßen andere dagegen gute Fremdsprachenkenntnisse: in einer Lagergemeinschaft aus über dreißig Nationen ein durchaus entscheidendes Wissen. So erfahren wir von Maria Tsiskaki-Galiatsatou:
Vaso sprach gut Französisch. Elenitsa kam mit Russisch zurecht, Betty konnte Deutsch, ebenso wie Matina. Und die Papadopoulou beherrschte alle diese Sprachen sehr gut. Sie versuchten also gleich, erste Kontakte zu knüpfen, und auf diese Weise wurden die kleine Sonja aus der fernen Steppe und die kleine Eleni vom warmen, blauen Meer Freundinnen. Zwischen Vasso und Odette entstand eine enge Bindung. Betty und Madina kamen mit deutschen Widerständlerinnen in Kontakt. Und die Papadopoulou versuchte, sich mit den Polinnen zu verständigen. Nach und nach brach das Eis, und so entstand zwischen uns ein Zusammenhalt, der nur Sklavinnen verbindet.
Wie sich später zeigen sollte, konnte Betty im Arbeitslager ihre Deutschkenntnisse lebensrettend einsetzen und verhinderte auf diese Weise den Abtransport einer erkrankten griechischen Kameradin.

Diese 61 Frauen werden schließlich ins Konzentrationslager Buchenwald überstellt und zum Arbeitseinsatz nach Leipzig in die Hasag-Werke gebracht. Zwei Frauen dieser Gruppe werden nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren. Die 22-jährige Maria stirbt kurz nach der Befreiung in einem Leipziger Krankenhaus an den Folgen der schweren Haft- und Arbeitsbedingungen. Und über das tragische Schicksal von Vangelio berichtet uns Maria Tsiskaki-Galiatsatou:
In unserer Gruppe befanden sich auch fünf junge Frauen aus Evia, darunter Vangelio, eine Bäuerin. Gewohnt an ein Leben im Freien, in der Natur, war es der Unglücklichen unmöglich, sich an das Leben in der Fabrik anzupassen, insbesondere unter diesen Umständen. Am Ende verlor sie den Verstand. Eines Morgens wurde sie gemeinsam mit anderen verurteilten Frauen auf einen Lastwagen gepackt und in den Tod geschickt.
Evakuierungstransporte aus Auschwitz
Von September 1944 bis Mitte Januar ´45 werden weitere Griechinnen nach Ravensbrück gebracht, diesmal hauptsächlich aus Auschwitz. Diese Transporte mit teilweise tausenden von Frauen sind nicht mehr so ausführlich dokumentiert. Auf den Eingangslisten sind meistens nichts Weiteres als Name, Geburtsdatum und Nationalität vermerkt. Oftmals sind es jüngere jüdische Frauen, die bereits mit den ersten Deportationstransporten im Frühjahr 1943 aus Thessaloniki nach Ausschwitz gebracht worden waren.
Hannah Herzog und Adi Efrat [3] haben gezeigt, dass diese in der Spätphase aus Auschwitz eintreffenden jüdisch-griechischen Frauen bereits ein unter den Lagerbedingungen in Auschwitz gut entwickeltes Solidarnetz mitbrachten. Auch in Ravensbrück sorgte diese aus etwa 50 Frauen bestehende Gruppe weiterhin füreinander und unterstützte sich gegenseitig. Diese unter den extremen Bedingungen des Lageralltags geknüpften Bande hielten auch über das Kriegsende hinaus.
Eine andere Gruppe von 38 Griechinnen wird ins Konzentrationslager Sachsenhausen überstellt und kommt in das gerade im September 1944 neuerrichtete Außenlager Oberspree. Dort werden sie im Kabelwerk der AEG-Werke zur Zwangsarbeit eingesetzt. Täglich werden sie mit einem Kahn vom Lager zu ihrem Arbeitseinsatz unter der Aufsicht einer brutalen Aufseherin gebracht, die keinerlei Mitleid mit ihnen hatte, so die Berichte.

Eine weitere, zahlenmäßig kleinere Gruppe von 11 Griechinnen wird ins Konzentrationslager Buchenwald überstellt und kommt zur Zwangsarbeit in das Magdeburger Polte-Werk. Diese Frauen wurden im Juni 1944 mit einem der letzten Transporte aus Griechenland nach Auschwitz deportiert. Sie waren hauptsächlich aus politischen Gründen festgenommen und hatten teilweise bereits längere Inhaftierungen in griechischen Gefängnissen und Konzentrationslagern durchlebt. So zum Beispiel die junge Vangelio, die bei ihrer Verhaftung auf Kreta im August 1942 gerade einmal 17 Jahre alt war. In dieser Gruppe befand sich auch Vasso Stamatiou, eine später sehr engagierte Zeitzeugin. Eleni Winckel hatte noch die Gelegenheit mit V. Stamatiou kurz vor ihrem Tod 2023 zu sprechen. [4]
Im Polte-Werk arbeiteten die Frauen in 12-Stunden Schichten, wobei sie beim Beizen, Lackieren, Bohren und Pressen oftmals ungeschützt giftigen Chemikalien ausgesetzt waren. Fast täglich kam es zu Betriebsunfällen. Unter katastrophalen Zuständen waren sie zu jeweils 100 in unbeheizten, mit Fensteröffnungen ohne Glas versehenen Holzbaracken untergebracht.
Einer der letzten bisher dokumentierten Transporte mit Griechinnen aus Auschwitz erreichte Ravensbrück im Januar 1945. Übereinstimmend berichten diese Frauen von den chaotischen Zuständen beim Verlassen des Lagers, einem mörderischen dreitägigen Fußmarsch bei eisigen Wintertemperaturen und der anschließenden Zugfahrt in offenen, ungeschützten Güterwaggons nach Ravensbrück. Obwohl diese Frauen bereits fast zwei Jahre in Auschwitz verbracht hatten – einige von ihnen brutalsten medizinischen Versuchen ausgesetzt –, empfanden sie Ravensbrück als Verschlechterung und berichteten mit blankem Entsetzen von ihren ersten Eindrücken.
Im Januar 1945 befanden sich aufgrund der andauernd eintreffenden Evakuierungstransporte aus anderen Lagern über 60.000 Häftlinge in Ravensbrück. In Baracken, die vorher mit 200 Frauen belegt waren, wurden bis zu 2000 Frauen hineingepfercht. Unter diesen Bedingungen brachen die hygienischen Zustände und die Versorgung völlig zusammen. Es herrschte akuter Nahrungsmangel, Krankheiten breiteten sich unkontrolliert aus. Tägliches Sterben gehörte zum Lageralltag. Dennoch wurde das System des Zwangsarbeitseinsatzes weiterhin aufrechterhalten. Die jetzt eintreffenden griechischen Frauen wurden mehrheitlich in die Außenlager nach Malchow und Neustadt-Glewe aufgeteilt und arbeiteten bis zum Kriegsende bei den dortigen Rüstungsbetrieben.
Befreiung und Rückkehr nach Griechenland
Das Kriegsende und der Moment der Befreiung nehmen in den Schilderungen der Ravensbrücker Griechinnen keine so herausragende Rolle ein, wie wir es aus den Schilderungen anderer Konzentrationslagerhäftlinge kennen. Oftmals wurden sie am Ort ihres Arbeitseinsatzes noch zu Evakuierungsmärschen gezwungen, den bekannten „Todesmärschen“. Ihre Schilderungen darüber sind geprägt von Todesangst, Hunger und äußerster physischer Erschöpfung. Manche der Griechinnen irrten nach dem plötzlichen Verschwinden des Wachpersonals wochenlang orientierungslos und hungernd durch das zerstörte Deutschland. Auch liegen diametral unterschiedliche Erfahrungen über die Begegnung mit den sowjetischen Befreiern vor. Während einige nach all den Strapazen endlich Sicherheit verspürten, sich aufgehoben fühlten und fürsorglich behandelt wurden, erfahren wir dagegen von anderen Griechinnen, dass sie leidvollen, angstbesetzten sexualisierten Gewalterfahrungen ausgesetzt waren.
Die früheste Rückkehrerin erreicht Griechenland im Juli 1945, für andere Frauen wird es jedoch noch Monate dauern, bis sie ihre Heimat wiedersehen werden. Von einer organisierten Rückkehr, wie es bei anderen Nationalitäten der Fall war, wird nur vereinzelt berichtet. Der griechische Staat interessierte sich zu diesem Zeitpunkt nur wenig für seine Überlebenden. Aus der Gruppe der 61 Frauen bricht Maria Tsiskaki-Galiatsatou mit 21 von ihnen von München nach Italien auf und erreicht Griechenland auf einem britischen Marineschiff. Manche jüdische Griechinnen berichten, dass sie mit Bussen nach Belgien gebracht und von dort in ihre Heimat ausgeflogen wurden. Andere wiederum brauchten monatelang, um über die Balkanländer schließlich Griechenland zu erreichen.
In der griechischen Nachkriegsgesellschaft war für die traumatischen Erfahrungen der KZ-Überlebenden wenig Raum, posttraumatische Belastungssyndrome in der damaligen Zeit noch ein Fremdwort. Mit der Verarbeitung ihrer Hafterlebnisse waren die Frauen weitgehendst auf sich gestellt, dementsprechend fielen sie auch sehr unterschiedlich aus. Eine überlebende Ravensbrückerin aus Thessaloniki beschreibt, wie ihre Freundinnen und Freunde das wiedergewonnene Leben in Tavernen feierten – und es für sie unmöglich war, sich ihnen anzuschließen. Jeder menschliche Kontakt fiel ihr schwer, jeder einzelne Mensch erschien ihr einer zu viel. In Thessaloniki nahm sich ein Gynäkologe der zwangssterilisierten Frauen an. Manche von ihnen konnten später noch Familien gründen, andere blieben zeitlebens kinderlos. Den Umgang der griechischen Bevölkerung mit jüdischem Besitz thematisiert Giannis Karatzoglou in seinem 2023 erschienen Buch. [hier, auf EL] Ein heikles Thema, auch 80 Jahre danach. So resümiert die in Thessaloniki lebende ehemalige Ravensbrückerin Oro Alfantari:
Wir fanden zwar unsere Immobilien wieder vor, aber leer, besetzt von Flüchtlingen. Erst nach zahlreichen Gerichtsverfahren erhielten wir sie wieder zurück. Ich heiratete erneut, aber da war keine Familie mehr. Heutzutage haben wir niemanden mehr, nicht einmal eine Großmutter … Das Härteste, was einem Menschen passieren kann, ist, wenn er einsam bleibt. Dieses Unrecht werden wir niemals verzeihen.
Für die aus politischen Gründen von den Nationalsozialisten verfolgten Griechinnen wiederum hörte das Leid mit Kriegsende mitnichten auf. Unsere Chronistin Maria Tsiskaki-Galiatsatou wurde erneut inhaftiert, deportiert, Lagerhaft bestimmte wieder ihren Alltag. Tinos, Trikeri, Makronissos, Jaros sind Stationen ihrer leidvollen Erfahrung, diesmal von Seiten des griechischen Staates. Ein Beispiel von vielen für das Schicksal der von den Nationalsozialisten politisch verfolgten Griechinnen in der Nachkriegszeit.

Auf wenigen Seiten einen Eindruck über 265 Frauenschicksale zu geben, ist eine ziemliche Herausforderung. Ich habe mich bemüht, diejenigen Aspekte zumindest anzureißen, die ich für entscheidend halte, um sie in einer zukünftigen kollektivbiographischen Bearbeitung zusammenzuführen. Die Arbeit an diesem Projekt gestaltet sich als ein fortwährendes work-in-progress. Immer wieder lassen sich neue Anknüpfungspunkte finden, tauchen neue Namen mit ganz eigenen biographischen Geschichten auf. [5]
Wenn auch deutsch-griechische Erinnerungsarbeit, insbesondere auf der politischen Ebene, keine einfache Angelegenheit ist, hat das Interesse an der deutsch-griechischen Erinnerungskultur Bestand. Nehmen wir das alle als Chance, um gemeinsam diesen griechischen Opfern der nationalsozialistischen Terrorherrschaft ein dauerhaft verankertes Gedenken zu sichern – vor allem in einer Zeit, in der das Grundgerüst unseres demokratischen Konsenses zunehmend in Frage gestellt wird.
[1] Der Griechische Freundeskreis Ravensbrück, Berlin hat sich zur Aufgabe gemacht, eine umfassende Dokumentation der in Ravensbrück inhaftierten Griechinnen und Griechen zu erstellen. Er geht auf eine Initiative des ehemaligen Berliner Vereins Frauen aktiv und kreativ e.V. zurück, der sich seit 2000 auf die Spurensuche nach überlebenden Griechinnen und Griechen des Konzentrationslagers Ravensbrück gemacht hatte. Bisher wurde das Schicksal von 265 Griechinnen und über 130 Griechen dokumentiert. Der Verein konnte noch mit fünf ehemals inhaftierten Griechinnen und/oder ihren Angehörigen persönliche Gespräche führen.
Eleni Winckel wurde für ihr jahrelanges unermüdliches Engagement 2023 als Vertreterin Griechenlands in das Internationale Ravensbrück Komitee (IRK-CIR) [hier] aufgenommen. Zur Zeit unterstützt sie die Arbeiten zu der Filmdokumentation „Parousses“ von Agnes Sklavou und Stelios Tatakis über das Konzentrationslager Ravensbrück.
Im Frühjahr 2016 wurde eine Gedenktafel zu Ehren der griechischen Inhaftierten angebracht. Jedes Jahr wird im Anschluss an die offiziellen Gedenkfeierlichkeiten zur Befreiung des Konzentrationslagers an dieser Stelle mit einer kleinen Zeremonie an sie erinnert. Für die Gedenkfeier 2026 hier.
Kontakt: gfkravensbrueck@gmail.com.
[2] Vgl. dazu auch den Zeitzeugenbericht von Evgenia Lambrinou. In Eleni Tsakmaki: Letzte Station. Griechische Gefangene in deutschen Konzentrationslagern. Papyrossa Verlag, Köln 2024, S. 85-88.
[3] Herzog, Hanna / Efrat, Adi: Wir Griechinnen wurden klepsi, klepsi genannt. Jüdisch-griechische Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück. In: Gisela Bock (Hg.): Genozid und Geschlecht: Jüdische Frauen im nationalsozialistischen Lagersystem. Frankfurt a. M. 2005, S. 85–102.
[4] Vaso Stamatiou: Warum? Eine Griechin in Auschwitz (nur auf EL als: βαρούμ? γιατί; Μια Ελληνίδα στο Άουσβιτς), Athen 1997, hier.
Eleni Winckel: Die Zeit drängt… Ein Besuch bei Vasso Stamatiou. In: Exantas, Heft 38, 2023, S. 70-73.
[5] Zuletzt konnten der Liste, dank der Zusammenarbeit mit dem Widerstandsmuseum der Stadt Lamia, elf neue Namen hinzugefügt werden, also elf weitere griechische Schicksalswege.

Die Autorin
Fanny Marina Papoulia studierte Neuere Geschichte und Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Seitdem beschäftigt sie sich mit Themen der neugriechischen Geschichte des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts, wobei ihr besonderes Interesse gesellschaftspolitischen Veränderungsprozessen sowie Fragen der Historiographie und der Biographiearbeit gilt. Seit 2024 unterstützt sie den Griechischen Freundeskreis Ravensbrück, Berlin bei der Aufarbeitung des gesammelten Quellenmaterials.
Überarbeitete Form des Vortrags, den F.M.Papoulia am 28.11.2025 in den Räumen der Botschaft der Hellenischen Republik in Berlin gehalten hat. Über die Veranstaltung hier. Text: Fanny Marina Papoulia mit Zitaten von Maria Tsiskaki-Galiatsatou, Simonne Lehouk-Gerbehaye und Oro Alfantari (in der Übersetzung von F.M.Papoulia). Fotos und Abbildungen: siehe Angaben; Dank an Pauline Schneider und Charlotte Behr für die Unterstützung bei der Erstellung der Graphiken. Redaktion: A. Tsingas.
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Vielen Dank für die Arbeit, die Recherchen, den Zeitzeugen sei 1000 Dank! Und ja das ist alles wirklich erschütternd! Man kann es nicht nachvollziehen, überhaupt nicht verstehen, wie manche Menschen handeln, das ist erschreckend! Das stimmt sehr traurig, aber gut, dass es Menschen gibt, die diese Geschichten aufarbeiten und unvergessen machen.
Simon Steiner