Maria

Erzählung von Giannis Palavos

Weihnachten auf diablog.eu: Eine Schweinefarm brennt ab, ein Ferkel wird auf den Namen Maria getauft und ein Schlachter entwickelt plötzlich Gefühle für Tiere. Unsere Weihnachtsgeschichte 2015 stammt aus Giannis Palavos’ Erzählband „Scherz“, der 2013 mit dem Griechischen Staatspreis für Literatur (im Genre Erzählungen) ausgezeichnet wurde. Die Illustrationen stammen von Tassos Zafeiriadis. Wir wünschen unseren Lesern viel Spaß beim Lesen und schöne Feiertage!

Die Abteilung nennen wir unter uns „Wohnzimmer“. Ein Schwein kann nicht einfach so sterben, mit einem Axthieb. Schon beim Abwiegen merkt es, was läuft. Dann kriegt es Stress. Quiekt vor Angst und leidet. Es ist, als ob man einen Menschen umbringt. Aber das war nicht der Grund, warum die Veterinäre die Schlachtung mit Messern verboten haben. Vor lauter Todesangst, heißt es, schüttet sein Körper irgendwelche Stoffe aus. Toxine. Dann wird das Fleisch ungenießbar. Schmeckt wie Gift.

Die Laster kommen zwei Mal die Woche. Wir führen die Tiere ins Grüne, bringen ihnen Mais und Soja. Dann haben sie den ganzen Tag Zeit, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Am nächsten Tag führen wir sie der Reihe nach auf dem Bauernhof spazieren. Dann entspannen sie sich. Wälzen sich im Gras. Wenn sie sich am nächsten Morgen über den Futtertrog beugen, kriegen sie einen Stromschlag und sind auf der Stelle tot. Danach sammeln wir die Kadaver ein und bringen sie ins Nebengebäude. Dort übernehmen dann die Kollegen das Weitere. Sie ziehen ihnen die Haut ab und zerstückeln sie. Na ja. Ich arbeite im „Wohnzimmer“. Meine Aufgabe ist es, die Schweine solange abzulenken, bis sie der Stromschlag trifft.

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©Tassos Zafeiriadis

An einem Montag kam der Lastwagenfahrer mit einer fast leeren Ladefläche. „Hört bloß auf“, sagte er, „die Schweinefarm ist abgebrannt.“ Er zündete sich eine Zigarette an: „Kilometerweit hat es nach Räucherschinken gerochen.“ Die Jungs lachten. „Die da konnte ich jetzt auf die Schnelle aufladen. Die nächste Schweinefarm ist drei Stunden Fahrt entfernt. Von dort holen wir sie jetzt.“ Wir machten uns daran, die Tiere auszuladen. Es waren fast zwei Dutzend. „Aber zuerst müssen die Chefs das untereinander klären. In zehn Tagen bringe ich die nächste Fuhre.“

Der Wagen fuhr los, und wir rollten die Ärmel hoch. Wir trieben die Schweine in eine Ecke. Dort blieben sie grunzend stehen. Ich führte sie auf die Wiese und ließ sie bis zum Zaun frei laufen. Dann rief uns der Vorarbeiter zu sich. Er sagte, wir sollten die Tiere bis zur nächsten Lieferung betreuen. Da sich die Fuhre aber verspäten würde, nahmen die Jungs aus dem Nebengebäude Urlaub. Ich blickte auf die Schweine. Sie hatten Glück: Zehn Tage.

Am Mittag desselben Tages rief uns der Personalchef zusammen. Alle Mitarbeiter im „Wohnzimmer“ könnten auch frei nehmen, sagte er. Die meisten machten sich aus dem Staub. Doch ich hatte nichts weiter vor. Schließlich blieben wir zu zweit zurück. Die nächsten zehn Tage sollten wir am Stück arbeiten und im Anschluss frei bekommen. Die Schweine dösten vor sich hin. Vom zweiten Tag an fühlten sie sich wie zu Hause. Wir hatten nicht viel zu tun. Füllten die Tröge mit Mais und gaben ihnen frisches Wasser. Der Kollege glotzte den halben Tag lang Fußball. Er hatte eine Kühltasche dabei. Während er am Bier nippte, zappte er zwischen den Sendern hin und her. Ich hatte mir einen Schemel nach draußen gestellt. Die Tage waren schön, die Sonne schien, es ging ein Lüftchen, und der Berg gegenüber war so grün wie ein riesiger Bund Minze.

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Ich blätterte in einem Buch. Es gehörte meinem Neffen, ich hatte es in meiner Jackentasche gefunden. Der Kleine lieh sich meine khakifarbene Uniformjacke ab und zu aus. Jedes Mal, wenn er sie mir wieder zurückgab, fand ich ein in die Jackentasche gezwängtes Buch. Auf dem Umschlag stand „Omar Khayyam, Rubaiyat“. Sonnenschein. Weiter drüben spielten und balgten sich die Ferkel. Als ich mit dem vollen Futtertrog ankam, stürzten sie sich darauf, wie es die Tauben auf den Plätzen tun. Am vierten Tag konnte ich sie unterscheiden. Der Kollege hielt sich im Hintergrund. Ich kümmerte mich ganz allein um die Tiere. Wir gingen spazieren, ich vorneweg und sie hinterdrein, ein quiekender Haufen. Wie ein Schulausflug.

Eines Abends sperrte ich sie zum Schlafen in ihren Stall. Aber ein kleines Ferkel war dabei, das nicht gehorchen wollte. Es blickte mich an. Seine Nüstern waren feucht. Ich packte es und schubste es hinein. Am nächsten Morgen wollte es nicht herauskommen. Ich fütterte die anderen und ließ sie herumlaufen. Dann ging ich rein und blieb vor ihm stehen. Es war ein Weibchen. Das eine Auge war schwarz, das andere blau.

„Was ist los?“, fragte ich. „Willst du nicht raus?“ Ich streckte meine Hand aus. „Komm.“

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©Tassos Zafeiriadis

Es kam auf mich zu, schob seine Schnauze in meine hohle Hand und leckte sie. Es war klein, erst ein paar Monate alt. Ich streichelte es. Da kam mir die Idee, ihm einen Namen zu geben. Das ging wie von selbst. „Ich werde dich Maria nennen“, sagte ich. Es blickte mich an und machte „Oink“. Wir gingen hinaus an die Sonne. Ich setzte mich auf den Schemel und schlug das Buch auf. Es war wie ein Sonntagsausflug in den Athener Nationalgarten. Wir hatten den Schweinen einen Ball überlassen. Innen drin war er hohl und mit Getreide gefüllt. Hatte Löcher, aus denen Körner fielen, wenn man ihn herumrollte. Die Schweine schubsten ihn hin und her, dann stürzten sie sich heißhungrig auf das Fressen. Sie hatten noch zwei Tage zu leben. Neben mir hockte Maria, wie eine große rosa Katze.

Am nächsten Abend wälzte ich mich in meinem Bett hin und her. Ich dachte an die Tiere, die durch meine Hände gegangen waren. Ich habe tausende Kadaver zum Schlachthof geschleift. Niemals ist mir durch den Kopf gegangen, dass ich ein paar davon retten könnte. Schlussendlich, sagte ich mir, sterben sie friedlich: Zwei Tage Spielen und Fressen, und dann ist mit einem Schlag alles vorbei.

Doch um drei Uhr morgens wachte ich mit klopfendem Herzen auf. Käsebleiches Licht ringsum. Ich zog den Vorhang auf. Es war kein Vollmond, aber der Mond war so groß, dass er aussah wie ein Flaschenkürbis, der vorm Fenster hängt. Drüben schnarchte der Kollege, sturzbetrunken. Ich schleuderte das Laken von mir, nahm die Schlüssel zum Tor und füllte eine Plastiktüte mit Bierdosen. Dann ging ich zum Häuschen der Ferkel hinunter. Sie schliefen noch. Alle außer einem. Ich schob den Riegel zurück, und Maria trat heraus. Dann schob ich ihn wieder vor und wir machten uns auf den Weg.

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Giannis Palavos, ©privat

Der Bauernhof hatte zwei Ausgänge. Der eine führte zur Autobahn, von wo die Lieferungen kamen. Der andere führte zum Berg. Eine Stunde lang liefen wir bergauf, bis wir zu einer Lichtung kamen. Ganz weit hinten leuchtete die Stadt. Ruhe. Mein Blick folgte der Milchstraße. Maria hatte sich an meine Füße gekuschelt. Jahrhunderte, ja Jahrtausende lang hatten ihre Vorfahren, Wildschweine mit bärenartigem Fell, Eremiten und Wanderer auf Bergen wie diesem angefallen und getötet. Ich strich ihr über den Kopf. Dann öffnete ich ein Bier und zog das Buch aus der Jackentasche. Ich stand auf und kletterte hoch auf einen Stein. Der Kürbis-Mond strahlte mich an wie ein Scheinwerfer. Ich las laut vor:

„Das Leben ist eine seltsame, zur Reise aufbrechende Karawane,
deren frohes Treiben die Sichel des Schicksals niedermäht.“

Maria sagte „Oink“.

„Sag mir, warum denkt ihr voller Sorgen an das Morgen?
Schenk ein, Mundschenk, schenk ein, bevor die Nacht uns einholt.“

Ich stieg vom Stein herunter und öffnete noch eine Bierdose. Marias Augen blieben die ganze Nacht lang weit offen, den Blick zum Horizont gerichtet. Als die Biere ausgetrunken waren, dämmerte es hinter dem gegenüber liegenden Berg. Ich stand auf und machte mich, gefolgt von Maria, auf den Weg nach unten.

Text: Giannis Palavos. Auszug aus Giannis Palavos‚ Erzählband „Scherz„. Athen, Nefeli-Verlag 2012. Übersetzung: Michaela Prinzinger. Foto: privat. Illustrationen: Tassos Zafeiriadis.

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