Kareliagold, Kareliaglück

Romanauszug von Carmen-Francesca Banciu

Karelia… Selbst Nichtraucher kennen sie, die Kultmarke aus Griechenland. Die aus Rumänien stammende und auf Deutsch schreibende Schriftstellerin Carmen-Francesca Banciu hat ihr ein Kapitel ihres neuesten Buches „Leichter Wind im Paradies„ gewidmet. Weder Raucher noch Nichtraucher können sich der Faszination dieser stimmungsvollen Beschreibung entziehen. Und unsere Mitarbeiterin Elena Pallantza hat für diablog.eu die Übersetzung ins Griechische übernommen. Am 28. 8. liest die Autorin aus ihrem Buch, Ort: Rumänisches Kulturinstitut Berlin, Reinhardstr. 14, 10117 Berlin, Uhrzeit: 19 Uhr.

Leichter Wind im Paradies_Cover

Hearing many words is not listening. It´s like a noise among the leaves. The quality of listening is attention. Sagt Yddu Krishnamurti.

Watching many things is not seeing. The quality of seeing is awareness. Füge ich hinzu.

Kareliagold

Nein, ich fange nicht wieder an. Ich habe nie aufgehört. Mit dem Rauchen. Ich rauche nur noch ein paarmal im Jahr. Vielleicht zehnmal. Aber heute habe ich Lust darauf. Auf eine George Karelia. Ich habe sie hier in Griechenland das erste Mal probiert. Damals vor 15 Jahren. Und es gibt sie heute noch.

Vieles hat sich in den 15 Jahren hier verändert. Vieles ist in den 15 Jahren verschwunden. Die Karelias sind immer noch da. A blend of the finest. Un mélange … Immer noch in der flachen, gelben Packung. Die Packung mit goldenen Lettern. Die man wie eine Pralinenschachtel öffnet. George Karelias and Sons. Smoother taste. Virginia. Alles wie vor Jahren. Nur dass heutzutage ein weißes Etikett mit tiefschwarzer Schrift die elegante Schachtel verunstaltet. Bedrohlich anmutend klebt es auf der Vorderseite. Und wiederholt sich auf der Rückseite. Ein Vor-Aufscheinen der künftigen Todesanzeige für den Raucher.

Der süßlich-würzig-weiche Geruch lässt auf sich warten. Bis ich die Schachtel weit aufgemacht habe. Aber ich lasse mir Zeit. Und studiere mit Geduld erst den Aufdruck im Inneren des Deckels. Ich kann mich nicht erinnern, diese Nachricht von George A. Karelias jemals gelesen zu haben. Habe ich damals seiner Botschaft keine Aufmerksamkeit geschenkt? Damals jedenfalls hat George A. Karelias zu mir nicht gesprochen. Oder handelt es sich jetzt vielleicht um eine neue Botschaft. For over a century successive generations of our family have worked to refine our products. From this rich heritage and tradition we bring to you a distinctive cigarette of superior quality. George hat selbst in Gold unterschrieben. Ein regelmäßiger, ausgeglichener, eleganter Schriftzug. Ein Mann im Gleichgewicht. Kein Liebhaber wilder Exzesse. Ist das wahr…

Karelia_1

Wenn man die Schachtel öffnet, bekommt man eine leise Ahnung von dem, was Mr. George meint. Aber erst muss man das elegante Papier bewundern. Bemustert mit den winzigen Karelia-Zeichen. Unzählige Goldwappen auf weißem Papier. Wenn man den Papierschutz aufschlägt, erstrahlt die innere Seite ganz in Gold. In diesem leuchtenden Bett liegen die Zigaretten untereinander in zwei Reihen. Mit langen orangenen, gelb gesprenkelten Filtern. Jede einzelne trägt in Gold den Namen Karelia.

Weißer Lederhandschuh-Milch-Vanille-Honig-Duft. Und der Duft nach Tabak. Aus der Schachtel steigt er sanft empor. Un mélange des meilleurs tabacs choisis pour qualité …

Ich atme den feinen Duft ein. Leicht und reich. Seine betörende Süße entspannt mich. Der griechische Som­merabend ist vollkommener mit ihm. Ich bin aus Berlin fort. Bin geflüchtet. Meinem Leben bin ich entkommen für diesen Sommer. Um in ein anderes zu schlüpfen. In das Leben auf einer Terrasse mit Blick über das Meer.

Ich bin aus Berlin fort, um alles Schwere, alles Ungelöste hinter mir zu lassen. Mindestens das alte Leben zu unterbrechen. Oder es gar zu ändern. Mich von der Schwere zu befreien. Mich neu zu gebären. Durch einen anderen Blick. Durch eine andere Haltung. Durch Achtsamkeit. Durch Aufmerksamkeit. Ich bin gekommen, um das Leben selbst zu berühren. Um mich neu zu gebären. Und das Gebären in Worte zu fassen.

Karelia_2

©Thomas Bergmann, Sammlung Karelia-Bildchen, hier der griechische Kultfilm „Die Deutschen kehren zurück„ (1948)

Kareliaglück

Ich wohne in einem einsamen Haus. Am Rande eines Dorfes in der Mani. Es ist nicht mein Haus. Es ist das Haus Lübecker Freunde. Und ich darf diesen Sommer hier verbringen. Erst vor kurzem angekommen, tauche ich in die samtene Luft ein. Um mich der laue Sommerabend. Der neue Mond. Zierlich. Eine Arabeske. Kareliagold. Der neue Mond hängt über dem Meer.

Ich sitze auf der Terrasse. Eine Terrasse am Hang. Und so wie ich sitze, sieht es aus, als wäre die Terrasse eine Brücke. Vom Garten zum Meer. Ich wähle eine Zigarette. Die dritte in der Reihe. Als hätte das eine Bedeutung. Es hat eine Bedeutung. Es ist die dritte Zigarette aus der oberen Reihe. Und weil sie die dritte ist, schmeckt sie anders als die zweite. Oder die zehnte. Oder die siebzehnte aus der zweiten Reihe. Weil sie mehr Feuchtigkeit. Weil sie mehr Luft. Weil sie mehr Licht abbekommt. Weil ich sie ausgewählt habe. Weil nichts sich selbst gleich ist. Und alles immer neu und unbekannt.

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©Thomas Bergmann, Sammlung Karelia-Bildchen

Ich kann mich vom Duft nicht trennen und klemme die Karelia zwischen Oberlippe und Nase. Ich schaue aufs Meer. Und zum Mond hinauf. Und zu dem Gewimmel fliegender Falter um die Hängelampe auf der Terrasse.

Die Karelia zwischen Oberlippe und Nase. Ich stelle mir vor, wie das aussieht. Und muss lachen. Und die Zigarette fällt auf den Boden. Ich hebe sie auf. Es ist die dritte Zigarette aus der oberen Reihe. Und doch, sie ist etwas oder jemand anderes geworden. Von jetzt an ist sie die dritte Zigarette aus der oberen Reihe, die auf den Boden gefallen ist.

Die-dritte-Zigarette-aus-der-oberen-Reihe-die-auf-den-Boden-gefallen-ist hat jetzt eine Geschichte. Die hatte sie schon davor. Ich kannte sie nur nicht. Ich hatte nicht einmal daran gedacht. Nun gab es sie, weil ich sie wahrgenommen habe.

An der Schachtel schnuppert eine Heuschrecke. Sie ist ockerfarbig. Mit bräunlichen Mustern und grünen Verzierungen. Auch sie passt zum Gold der Schachtel.

Ich halte meine Zigarette unter die Nase und atme den Duft ein. Der Duft macht mich glücklich. Kann mich das Rauchen noch glücklicher machen?

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©Yiannis Kyriakopoulos (KYR), Thomas Bergmann, Sammlung Karelia-Bildchen, hier: Hellas quer durch die Jahrhunderte: „Komm und hol sie dir!„ (Antwort des Spartanerkönigs Leonidas an den Thermopylen auf die Aufforderung, die Waffen niederzulegen), „In diesem Zeichen sollst du siegen„ (Konstantin d. Große siegt 312 gegen Maxentius mit dem Symbol des Kreuzes), „Freiheit oder Tod„ (Parole des griech. Freiheitskampfes 1821), „Nein„ (Zurückweisung von Mussolinis Ultimatum 1940), „Was Sie gerne geben„

Eine Heuschrecke mit nur einem Fühler will zum Geruch. In die Schachtel. Ich schließe die Schachtel. Erschrecke die Schrecke. Ohne Absicht. Sie bleibt auf dem Tisch. Erstarrt. Dann taut sie wieder auf. Tastet sich mit ihrem Fühler immer näher an die Schachtel heran. Sie muss eine Raucherin sein. An addicted smoker. Mich macht der Duft glücklich. Der Duft von twenty luxury cigarettes.

Zwanzigmal kann ich mich darüber freuen. Wenn ich den Duft des Tabaks, nachts auf der Terrasse sitzend – umgeben von singenden Zikaden, von zirpenden Grillen und Grashüpfern, von neugierigen Heuschrecken, von orange- und rosafarbenen Faltern, von kleinen zitronengelben, winzigen Insekten – mit tiefem Zug einatme.

Zwanzigmal kann ich mich darüber freuen. Und noch öfter. Wenn ich sie nicht anzünde. Am Fuß des Berges flimmern die Lichter der Stadt. Die Lichter von Stoupa. Und hinter den Lichtern breitet sich aus ein Meer von Dunkelheit. Hinter den Lichtern liegt dunkel das Meer. Ich, hoch oben auf einem griechischen Berg, könnte jetzt die feinste Zigarette rauchen. More than a century hat man sich darum bemüht. Damit ich sie heute und jetzt genießen kann.

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©Yiannis Kyriakopoulos (KYR), Thomas Bergmann, Sammlung Karelia-Bildchen, hier: „Der Kreis schließt sich„

Seit Jahren habe ich mir keine eigenen Zigaretten gekauft. Nur manchmal bei anderen Rauchern geschnorrt. Ich habe gar kein Feuerzeug. In meiner überraschungsreichen Tasche. Eigentlich ein Stadtrucksack. Finde ich eine schmale Streichholzschachtel.

Auf der Schachtel steht Hotel Remarque. Diese Schachtel ist mit mir viel gereist. Durch die halbe Welt. Ohne einen Grund. Weil sie einfach da war. Und kein Grund da war, sie rauszuholen. Hotel Remarque in Osnabrück. Das ist lange her. Aus Osnabrück kommt eine Freundin. Auch sie habe ich in Griechenland kennengelernt.

Nein. Ich habe sie nicht geraucht. Die Karelia. Ich habe sie zurückgelegt. Und bin mit dem Duft eingeschlafen.

Carmen-Francesca Banciu, im rumänischen Lipova geboren, studierte Kirchenmalerei und Außenhandel in Bukarest. Die Verleihung des Internationalen Kurzgeschichtenpreises der Stadt Arnsberg für die Erzählung Das strahlende Ghetto (1985) hatte für sie ein Publikationsverbot in Rumänien zur Folge.
Sie kam 1991 ihren drei Kindern nach Deutschland auf Einladung des Künstlerprogramms des DAAD. Seit 1992 lebt sie als freie Autorin in Berlin, schreibt Beiträge für Rundfunk und Zeitungen, leitet Seminare für Kreativität und kreatives Schreiben.
Ihre Bücher sind erschienen bei den Verlagen: Rotbuch Berlin, Rotbuch Hamburg, Volk und Welt, Ullstein Berlin und PalmArtPress. Seit 2013 ist sie Mitherausgeberin und stellvertretende Direktorin des transnationalen, interdisziplinären und mehrsprachigen e-Magazins Levure Littéraire. Banciu erhielt zahlreiche Preise und Stipendien. Ihre Texte wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Foto: Thomas Bergmann aus seiner Karelia-„Beipackzettel„-Sammlung mit Cartoons von KYR, alten Filmen, Worterklärungen

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