Bittersüß

Erzählung von Maria Tziaouri-Hilmer

Buchvorstellung in Berlin am 25.03.2022. Worum geht es? Zypern: Auf der geteilten Insel mischt sich das Echo der Invasion bittersüß mit dem Duft von Karamellzucker und Liebe. „Linie zwischen uns“ ist der Titel des Debütbandes der griechisch-zyprischen Schriftstellerin Maria Tziaouri-Hilmer.

Buchvorstellung am Freitag, 25.03.2022, 19 Uhr
Literaturhaus Lettrétage e. V., Veteranenstraße 21, 10119 Berlin, U8 Rosenthaler Platz
Eine Veranstaltung des Vereins Griechische Akademiker in Berlin und Brandenburg e.V.

In den einundzwanzig kurzen und langen Prosatexten des Buches werden die Protagonisten – Zyprioten, Griechen, Flüchtlinge, Einwanderer – mit Zeit und Erinnerung, Wunden und Verlusten, persönlichen und sozialen Krisen konfrontiert. Das Buch stand 2020 auf der Shortlist für den zyprischen Staatspreis für Literatur. „Bittersüß“ wurde von Elena Pallantza und der Gruppe LEXIS ins Deutsche übertragen:

Yılmaz war ganz mit der Creme beschäftigt, die er auf dem Herd der großen Küche in der Berufsschule zubereitete. In diesem Augenblick ging die Tür auf und fünf Schüler aus dem ersten Semester kamen herein. Unter ihnen war auch Mariam. Yılmaz sah sie zum aller ersten Mal, er ließ die Creme anbrennen.

Als sie klein war und den Bus nahm, um von der Schule nach Hause zu fahren, setzte sie sich immer auf den hintersten Platz am Fenster. Ganz allein. Sie wollte sich nicht unterhalten, mit niemandem. Und wenn sich doch jemand neben sie setzte, wandte sie ihm den Rücken zu. Alle wussten, dass sie ein seltsames Mädchen war. Dünn und blass, mit langem, schwarzem, lockigem Haar. Immer offen, nie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Wenn der Bus sie in ihrem Dorf mit seinen hundert Einwohnern abgesetzt hatte, ging sie erst an all den anderen Häusern vorbei, bei Regen oder Sonnenschein. Es war ein Umweg, aber ihr machte das nichts aus. Sie suchte nach offenen Türen, Menschen, die miteinander redeten, Höfen voller Blumen. Nichts davon. Alles verschlossen. „Wie leben wohl die Menschen anderswo?“, fragte sie sich insgeheim.

Erdbeerstücken in kunstvoller Tonschale

Mariam war das sechste und jüngste Mädchen der Familie Antoniou, die in einem Dorf im Troodos-Gebirge lebte. Sie hatten es schwer. Acht Menschen wohnten zusammen in einem Steinhaus mit nur zwei Räumen, geerbt mütterlicherseits. Mariam teilte das Bett mit ihrer nächstälteren Schwester Katerina. Sie versteckte sich hinter ihrem langen Haar, zog sich die Decke bis zu Augen und Ohren hoch und versuchte zu schlafen. Mit all ihren Alpträumen.

Zwischen Schlafen und Wachen hörte sie das Eisenbett quietschen, hörte das Keuchen des Vaters und die erstickten Atemzüge der Mutter. Sie drehte sich zu Katerina, suchte nach ihrer Hand. „Lass mich in Ruhe. Schlaf jetzt, hör nicht hin“, sagte diese und drehte sich zur anderen Seite, ließ Mariam allein mit ihrem Kampf gegen Ängste und Schlaflosigkeit. „Dreh dich nicht um! Ich habe Angst“, rief die Kleine. Katerina aber fiel in tiefen Schlaf. Da wollte Mariam am liebsten fliehen: Den Mantel über das Nachthemd werfen, mit den Schuhen in der Hand auf Zehenspitzen hinausschleichen und so weit wie möglich weglaufen. Wie aber und wohin? „Wie leben wohl die Menschen anderswo?“ fragte sie sich wieder.

Obwohl Mariam so schweigsam war, fehlte es ihr nicht an Mut. Nach der Schule hatte sie sich in den Kopf gesetzt, nach Nikosia zu gehen und bei ihrer Tante unterzukommen, die allein lebte. An einem Frühlingsabend betrat sie die Backstube des Vaters – er war der Dorfbäcker –, sie war entschlossen, mit ihm darüber zu sprechen. „Vater, lass mich zu Tante Andrula nach Nikosia gehen. Dort gibt es Berufsschulen. Ich lerne das Konditorhandwerk – und wenn ich zurückkomme, vergrößern wir unsere Bäckerei“, sagte sie, fest davon überzeugt, er würde es ihr verweigern. Er drehte sich nicht mal zu ihr um. „Ich habe kein Geld für Schulen. Aber wenn deine Mutter einverstanden ist, kannst du gehen“, sagte er kurz angebunden und tauchte die Hände wieder in den Teig.

Süßigkeiten und Mandeln in Glasschale

In Nikosia war sie viel unterwegs, immer zu Fuß. Sie wollte nicht mit dem Bus fahren. Sie wollte das Leben in der Stadt kennenlernen, die Menschen, die Gerüche, die Läden, die Häuser. Alles war anders. Größer, schneller. In der Berufsschule musste sie die Haare hochstecken und eine Haube tragen. So waren die Vorschriften für Köche und Konditoren. Das fand sie nicht schlimm. Sie wollte sich nicht mehr hinter ihren Haaren verstecken. Alle hier hatten Messer und Löffel in der Hand und waren ganz dem Zucker und ihrem Handwerk hingegeben. Sie lächelte, nun konnte sie sehen, wie die Menschen anderswo lebten.

Dort, in der großen Küche der Schule, lernte sie auch Yılmaz kennen. Er war ein türkischer Zypriot, im zweiten Lehrjahr, wohnte im Norden von Nikosia, jenseits der grünen Linie, besuchte aber dieselbe Schule wie sie. Auch er war ein Flüchtlingskind, aus Paphos, nach der Invasion fand sich seine Familie in der anderen Hälfte Zyperns wieder. Als er ihr vorschlug, mit ihm einen Kaffee trinken zu gehen, zog sich Mariam die Schürze aus, ließ ihre Haare frei auf die Schultern fallen und, ohne ihn anzusehen, stammelte sie, dass man sie zu Hause erwarte. Insgeheim mochte sie Yılmaz sehr, aber wie durfte sie es wagen, einen türkischen Zyprioten näher kennenzulernen? Was sollte sie ihren Eltern aus zweiter Flüchtlingsgeneration sagen? Immer wenn er ihr näher kam, drehte sie ihm den Rücken zu, tat so, als wäre sie fieberhaft an der Arbeit.

Ein Jahr war vergangen, er zeigte Geduld, schaute sie nur mit seinen warmen schwarzen Augen an, doch eines Tages sagte er offen zu ihr, sie möchte ihm Gelegenheit geben, einander besser kennenzulernen. Als er sie am Kinn berührte, wollte sie nur eines: ihren Kopf an seine Brust kuscheln und ihn ganz fest umarmen.

Februar 2014, vierzig Jahre nach der türkischen Invasion auf Zypern. Mariam lebt jenseits der grünen Linie. Sie bereitet Galaktoboureka und Baklawa zu. In ihrem Laden laufen nachmittags zwei kleine, dunkelhaarige Mädchen herum. Seit Jahren hat Mariam ihre Verwandten nicht mehr gesehen. Seit sie Yılmaz geheiratet hat. Draußen regnet es heftig und in der Konditorei duftet es nach Karamellzucker.

Autorin Maria Tziaouri-Hilmer und Buch-Cover
©Giorgos Charalampous

Die Autorin

Maria Tziaouri-Hilmer ist auf Zypern geboren. Sie hat in Athen Literatur und Musik studiert und in Deutschland ein Aufbaustudium in Kulturmanagement absolviert. Seit 2009 lebt und arbeitet sie auf Zypern als Philologin im öffentlichen Schulwesen. Ihre Gedichte und Kurzgeschichten wurden in griechischen Online- und Printmagazinen veröffentlicht.

Grammi anamesa mas (Linie zwischen uns), Verlag Tο Rodakio, Athen 2020

Text: Maria Tziaouri-Hilmer. Übersetzung: Elena Pallantza und LEXIS. Fotos: Maria Tziaouri-Hilmer, Elena Pallantza, Giorgos Charalampous.

Buch-Cover: Linie zwischen uns, Maria Tziaouri-Hilmer

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